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Jüdische Rundschau · 1937-12-31 · Heft 104 (31.12.1937) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 104 (31.12.1937)
Date
1937-12-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 104, 31. XII. 1937 | Adolph Donath ] Dokumente der Emanzipation Zugleich mit der! rauemacliricht vom Ableben Berthold Feiwels kommt — es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen — die Trauernachricht vorn Hinscheiden Adolph Donaths. Adolph Donath war eifi Altersgenosse und Jugendgenosse von Feiwcl, beide stammten aus Mahren und studierten in Wien; in jenen Zeiten der ersten Blütenträume der jüdischen Renaissance im Westen haben sie zusanmiengearbeitet. Es war in ihren Gedichten eine verwandte lyrische Note, und Feiwel hat auch Donaths ״J u d e n 1 i e d e 1“ im ״Jüdischen Almanach“ und in der Sammlung ״Junge Harfen“ 1903 veröffentlicht. Donath, der Kunstschriftsteller, wurde später auf einen anderen Weg geführt, er widmete sich ganz der Kunstwissenschaft; aber im Grunde seines Herzens ist er, wenn rnan so sagen darf, der weiche Jude und Dichter der ״Judcnlicdcr“ geblieben. Es ist in diesem Moment, in dem uns die Kunde ereilt, nicht Gelegenheitj Donaths berufliches Wirken als Kunstscliriftsteller zu würdigen. Es ist bekannt, daß er jahrelang in. Berlin tätig war und in dev letzten Jahren in Prag die Zeitschrift ״Internationale Kunstrevue“ 11erausgab, über die wir wiederholt in der ״Jüdischen Rundschau*‘ berichtet haben. Schon vor einem Jahre war Donath schwer erkrankt — seine Zeitschrift war deswegen eine Zeitlang ausgcblieben — und nun ist er im Alter von 61 Jahren in Prag gestorben. Erst vor kurzem hat er uns mitgeteilt, daß sein letztes Werk ״Wie die Kunstfälscher arbeiten״ nun beendet ist und demnächst erscheinen wird. Eine große Zahl von Freunden und Verchrern wird das Hinscheide!! dieses feinen Menschen tiefbedauern. Wir glauben sein Andenken dadurch am besten zu ehren, daß wir aus dem von Berthold Feiwel 1903 herausgegebenen Sammelbuch ,.Junge Harfen“ ein Gedicht von Donath abdrticken: War ein lüde ,. War ein Jude und ein Krüppel, Und sie peitschten ihn hinaus ,. . Drau&cn wüteten die Donner. Und «5 sprach derGolt der Ra Ae: ״Sieh, du Schöpfung meiner Hände, Meine Donner sthenk SA dir. Dab sie deine Feinde sAlagen; Denn dein Herr äst eine Trine 1" — , Von iTÄdph7(1 ־,nmh) Und es zitterten die Wolken, Und der krumme Jude bebfe, Und er sArfe: »DuGolf der Liebe, Gib mir meine alle Erde!.. ,* . Da zerteilten slA die Wolken, Alte Sonnen kamen wieder, Und die weihen Enge! sangen Judas Zukunftsmelodie. Aus Portugal. Aus Porto (Portugal) wird uns gcschrieben: Am IS. Dezember feierte die Jüdische Gemeinde von Porto (Portugal) den Geburtstag des berühmten Kapitän Baros Bastos. Kapitän Baros Bastos ist der Gründer der Gemeinde׳ und Erbauer der Synagoge, die bald, am 16. Januar lTjS, eingewcilit wird. Zur l eier versammelten sich: Portugiesen, die zur Gemeinde gehören; einige altansässige Ostjuden und ־/«gewanderte Juden aus Deutschland. Die Feier begann mit dem Maariw-üebet unter Leitung des Kantors Herz. Dann richteten zwei portugiesische Professoren der Schule, die zur Synagoge gehört, eine Anspräche an Kapitän Baros Bastos. Es folgte eine gesellige Feier, die mit der ״Hatikwah“ abgeschlossen wurde. Grüße Paul Munis an die Leser der ״Jüdischen Rundschau“. Unser Wiener J. R.-Korrespondent erhielt, wie er uns mitteiit, von Paul Muni, der sich seit einigen Tagen in Wien aufhält, ein Schreiben, in welchem der herühmte Filmdarsteller u. a. ihn bittet, den Lesern der ״Jüdischen Rundschau“ seine Grüße zu übermitteln. Paul Muni schreibt wörtlich: ״Permit me to grect von wavmly and perhaps through yoti, the readers of the ,Rundschau‘.“ Ein Komponistenjubiläum. Die holländische jüdische Presse berichtet von dem 25jährigen Komponistenjubiläum von Simon G 0 k k e, der seit dem Jahre 1912 eine reiche Tätigkeit als Schöpfer synagogaler Vertonungen entfaltet hat. Seine Komposition des Psalms 13t) ist 1925 auf dem Intcrnationalen Musikkongreß in Haarlem preisgekrönt worden. Gokke ist auch musikliter,arisch hervorgetreten. Wie wir erfahren, wird in Kürze ein größeres Werk über synagogale Musik von ihm erscheinen. Eine Ausstellung in Budapest Von unserem Berichterstatter Budapest, 28. Dezember Eine fast hundertjährige Entwicklung, die mit den Judenedikten Josefs II. ihren Anfang genommen und über eine Reihe von Judenpetitionen an die Ständetafel zu einer aut dem Papier gebliebenen Judenemanzipation durch die 1849er Revolutionsregierung geführt hatte, hat mit dem in den letzten IN PANIS J. HEISER JUdiich• und Ailgumaln• Ularatur in «Man Sprachen 6, Ru« de Vaugirard, Paris Via Dezembertagen des Krönungsjahres 1867 vom Grafen I. A n ־ drässy, vom Minister B. Horväth, von Franz Dcak und Koloman Tisz a eingebrachten und durchgeführten Gesetz über die Glejchberechti gung der Juden ihr Ende gefunden. Kurz und klar sagte der aus zwei Paragraphen bestehende Gesetzartikel: ״Die israeü ischeu Bürger des Landes werden zur Ausübung aller bürgerlichen und politischen Rechte berechtigt erklärt. Sämtliche dem widersprechende Gesetze, Rechtsbräuche und Erlasse gellen als erloschen.“ Es war die Gleichstellung der Juden vor dein Gesetz, die hier ausgesprochen wurde, während die ״Rezeption der jüdischen Konfession“ erst 1895 folgen sollte. 1867 wurde diese Tat noch als Ehrenschuld an die auf dem Wirtschaftsgebiete wie auf den Schlachtfeldern des 1848er Freiheitskampfes hervorragende Judenheit empfunden. Deshalb wurde der Gesetzentwurf vom Abgeordnetenhaus einstimmig, ohne Debatte, angenommen, iin konservativen Magnatenhaus gab es neben einer Reihe von anerkennenden Würdigungen nur vier Neinsager. Die Begeisterung war allgemein, auch in der judenfreien Presse erscheint auffallend oft — quasi als Symbol — der jüdische Hausierer mit dem Nimbus der Anspruchslosigkeit, Ehrlichkeit und Frömmigkeit in Wort und Bild verherrlicht. Das einzige opponierende Blatt, der ״Pest! Hirnök“, mußte ebenfalls die öffentliche Meinung anerkennen, nur glaubte er, sic ״dem Terrorismus der Modeströmungen und dem Wettstreit um die Sicherung der Popularität“ zusclireiben zu müssen. Das Ungarische Jüdische Landesmuseum hielt es für seine Pflicht, aus den Landes-*׳und städtischen Archiven, aus den öffentlichen Sammlungen der Bibliotheken, Museen und Bildergalerien eine reiche Auswahl der ״Dokumente einer großen Zeit“ zusammenzutragen und in seinen Räumen zur Ausstellung zu bringen. Die Zuvorkommenheit, mit der dem Museum all diese Werte zur Verfügung gestellt wurden, ist besonders hervofzuheben. Veranstaltungen in Ungarn. Unser Budapestcr Berichterstatter schreibt: Der Präsident des Zionistischen Landesverbandes, Dr. Julius M i k 1 ö s, war jüngst Gast der jüdischen Gemeinde in Szeged und hielt einen Vortrag über die Lage im Zionismus nach dem Peel-Bericht. Nach dem Erfolg des Vortrages dürfte die zionistische Arbeit in Szeged weitere Fortschritte machen. — Praktischer ziönistischer Propaganda diente auch die feierliche Ehrung des cm. Hochschulprofessors br. Ignatz Pfeil fer durch die Pro -Palästina-Vereinigung, die ihren früheren verdienstvollen Vorsitzenden anläßlich seines 70. Geburtstages ins Goldene Buch des Keren Kajemeth eintragen ließ. Hebrä* ische Poesie und Musik beherrschten den von Groörabbiner Dr. Simon Hevesi eingeleiteten ,,Psalterabend“, den die Jugendgruppe der Pester Israelitischen Gemeinde in der Hanptsynagoge in der Tabakgassc veranstaltete, ebenso das zum Gedächtnis des verstorbenen jüdischen Dichters Zoltan So m ly 6 arrangierte Autorcnkonzert, bei dem seine jüdischen Werke den größten Beifall fanden. Dr. A. F. Juden in gewerblichen Organisationen Der R ei e h s w i r t s c 11 af t s m i n i s t e r hat in einem Erlaß an die Reichswirtscliaftskammer grundsätzliche Ausführungen zu der Frage der Stellung der Juden in der Organisation der gewerblichen Wirt- Schaft gemacht. Er tritt zunächst der Auffassung entgegen, daß jüdische Unternehmungen gegenüber deutschen dadurch besser gestellt seien, daß sic der Organisation der gewerblichen Wirtschaft nicht anzugehören brauchten. Der geltende Rechtszustand sei vielmehr der, daß kraft Gesetzes alle gewerblichen Unternehmungen der Organisation der gewerblichen Wirtschaft angehören müßten. Es wäre auch nicht zu verstehen, daß gerade die jüdischen Betriebe von dieser Pflicht entbunden wären und sich dadurch den Weisungen, welche die Regierung über die Organisation der gewerblichen Wirtschaft den Unternehmungen auf den verschiedensten Gebieten erteilt, entziehen könnten und daß sic außerdem durch die ersparten Mitgliedsbeiträge wettbewerbsmäßig besser gestellt wären. Aemtcr und Stel- I c n könnten Juden in der Organisation der gewerblichen Wirtschaft nicht bekleiden. Um Unzuträglicnkeiten vorzubeugen, weist der Reichswirtschaftsminister darauf hin, daß sich jüdische Unternehmungen in Mitgliederversammhingen durch n i c h t - j ii d is c h e Bevollmächtigte vertreten lassen sollen. Von der Bekleidungsindustrie Wie initgeteilt wird, hat wegen einer gewissen Ueber- Setzung der deutschen Bekleidungsindustrie in Berlin der Reichswirtschaftsminister eine Anordnung erlassen, nach der die Neuerrichtung von Betrieben oder Unternehmen einer Reihe von Zweigen aus dem Bereiche der Wirtschaftsgruppe Bekleidungsindustrie nur mit seiner Einwilligung zulässig ist. Jüdische Anträge werden grundsätzlich nicht genehmigt. Die Bäckerei und Konditorei S. Schipper, Berlin-Charlottenburg, Droysenstr. 10a, ist in arische Hände übergegangen. Kleine Nachrichten Die englisch-katholische Wochenschrift ״The Tabiet“ veröffentlicht eine Darstellung der Haltung der französischen Katholiken zur Judcnfragc. Unter den Acußcrungen befindet sich u. a. eine des Dichters Paul Claudel. Im allgemeinen sind die Antworten auf eine religiöse Note gestimmt, die man etwa folgendermaßen zusammeiifassen kann: Es gibt eine Judenfrage, und es ist unrichtig, sie zu leugnen; eine Lösung aber ist schwer anzugeben und lüingt von der Entwicklung der Menschheit ab. Die Zeitung ״II Tevcre“, Rom, die schon wieder mehrmals antisemitische Artikel publiziert hat, hat jetzt mit einer Artikelserie ״Juden im politischen Leben Italiens“ begonnen. Wie gemeldet wird, sind in der Leopoldstadt in Wien wieder die Fensterscheiben in einer großen Anzahl jüdischer Geschäfte eingeworfen worden. Es uurd eine Nachrieht verbreitet, wonach die Antisemiten angeblich geäußert hätten, sie würden erst aufhören, wenn die Zahl der bei Juden eiiigeworfcnen Fensterscheiben tausend erreicht hat. ™™8י™ Aus der ״.II IIIM'I!l:\ ׳U NDSC'II U." vom 2T. 12. 19121 Berlin; Hier wurde soeben ein Komitee zur Erhaltung der Einheit der deutschen Judenheit auf breitester Basis gegründet, welches es sich zur Aufgabe setzt, gegen die drohende Gefahr einer scbismatischcn Zerklüftung inner• halb der deutschen Judenheil Vorbcugungsmaßregeln zu treffen. B erlin; Das Mitglied der Körperschaften der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, Herr Geheimrat Professor Dr. Hermann Cohen, beabsichtigt. in der Aula der Lehranstedt .... über: ״Den Begriff der Religion“ Vorlesungen zu hallen. Die Leuchtgeslait schien sich zurückzuziehen. Schon aus andern Räumen erlautetc ihr bedächtiges Wort, nicht ohne heimliches Bedauern: ״Wenn du dein Willen!,begehren nicht änderst, so muß ich meinen Willen ändern.“ Jirmijah erschrak bis ins Mark über diese Worte. Zugleich hatte sich der klaffende Abgrund geschlossen und di« Straße, lag glatter \1ml gangbarer vor ihm als vorher: ,,Da du nicht umkehrst“, raunte es, ״so kehre ich um... Denn mein Wille wur’s. mit dem Geblendeten und den Gefamgenen Zions nach Babel zu wandern und dort unter ihnen zu wohnen ... Nun aber wunderst du mit ihnen und ich kehre um ...“ ״Nein, nein, Herr, tu dies nicht“, schrie der wieder Besiegt« verzweifelt auf, ״sondern ziehe mit ihnen, und ich gehorche und kehre um . . Und im Erwachen hatte er dm» überdeutliche Gefühl, sich an zwei kräftigen, warmen Manncsarmen i'estgcklamrnerl zu haben. In diesen ,Pagen aber machte sich Jirmijah auf, mit Maacha, der Erstarrten, mit Baruch und Ebcdmetcrh ’n״imzukehren zum Reste Jakobs in das unselige Land. Zweiunddreißigstes Kapitel / DER REST*) Alles hatte sich erfüllt. In Flammengeknalfcr waren die Mendelbluten des ersten Gesichtes verwandelt. Der Kessel des Nordens schwappte über von rot kochenden Glutpatzcn und verbrühte das ganze Lund. Die Hciinkehrendcn fanden kein Dorf, keinen Weiler, kein aufreolttcs Haus mehr am Wege, nur qualmende Trümmer. Seitab in den Feldern lagen die Erschlagenen und die Hingeworfenen. Man roeh es am leisen Pesthaucli, der immer dichter wurde, je weiter man gegen Jerusalem vordrang, man sah es an der jubelschrcienden Geselligkeit der Vögel, die den llinuuel verfinsterten, da ihnen Nergat einen üppigen 'Tisch gedeckt hatte. Wenn Jirmijah seine brennenden Augen zu den treuen Hügeln und Bergen erhob, die er kannte, da uar’s ihm, als ob die Berge schwankten, die Hügel sich in Bewegung setzten. Wollten die Höhen Jchudah» und die Gebirge Israels ihr Land verlassen und mit ihren Söhnen in die Fremde wandorn r Was sollten sie noch daheim? Das Totenlied anstimmen über die leere Weidentritl, über die verwüstete Frucht aue? Dahin war der Kornschnitt, vorbei das Obsten und Keltern, *) Das Kapitel wurde aus Raumgründen bei unserem Abdruck etwas gekürzt und der Text zusammeniiezoacn. — (Red.) zu Ende die Schur. Wie ein Schäfer seinen wolligen Mantel, so hatte der Herr sein Land zusammengerollt. Oder sah Jirmijah mit seinen gequälten Augen falsch? Freuten sich diese Gebirge und Hügel, von dem störrischen Volke befreit zu sein, das auf ihnen unzählige Geschlcchterzeiten lang gehaust hatte? Nun würden hier wieder Menschen wohnen wie vor Abraham, Isaak und Jakob, Menschen, dumpf, schweigsam und fromm, zu denen Gott wenig spricht und die wenig zu Gott sprechen, Menschen, leiehtlebena, leichtsterbend, wie sie die Erde gerne hat. In einem grausigen Gegensatz zu der Leere des Landes und seinen rauchenden Trümmern stand die Fülle der Straßen und gebahnten Wege. Obgleich seit dem neunten Tage des Ab-Monds und dem Zusammenbruch Jerusalems bereits inehrere Wochen vergangen waren, wollte das qualvolle Ziehen und Wandern noch immer kein Ende nehmen. Nergal Nebusnradan leitete die große Umsiedlung in Person. Nicht w ie bei der ersten Wegführung nach Jojakims und Konjahs Sturz durften die Vornehmen ihren Rang und die Reichen ihren Schatz in Bequemlichkeit mit sich nehmen. Was es an Geld und Gut im ganzen Lande gab, war Babel anheimgefallen. Zwischen Fürsten, Priestern der höchsten Ordnung und Leibeigenen wurde kein Unterschied gemacht. Leibeigen sollten alle sein, die von der Austreibung betroffen waren. Darum sollten diese Myriaden, ob hoch, ob niedrig, sogleich beim Auszug die Faust des schonungslosen Elends kennenlernen, damit sie nach der Wanderschaft das härteste Arbeitsleben an Ort und StelLe süß und erquickend dünke. Wessen Kräfte es nicht leisteten, der mochte am Wege verrecken. Was tat es, wenn einige tausend liegen blieben? Die Wanderung war ein treffliches Sieb für die Sklavenschaft. Nur starke Arme konnte Mardukh zu seinem Bauwerk brauchen. Nergal Nebusaradan hatte in der kleinen Stadt Raina in Benjamin ein Sammellagcr für die Gefangenen aufgeschlagen. Dorthin wurde alles zusammengetrieben, was Babel» Streifscharen nach den großen Menschenschatzungen der ersten Tage in entlegeneren Weilern, in Höhlen und Schluchten der Gebirge aufscheuchten. Nur die Alten, die Kranken, die Krüppel, die Blinden und das niedre Volk der kleinen Bauern durfte an seinem Orte bleilicn. Denn an letzteren strömt der Weltl auf vorüber, ohne sie zu berühren, und wie die Katzen nicht den Haushewohliern, sondern nur dem Hause selbst anhnngen, so gehört der kleine Landimann weniger der Nation an als seiner Erde. Darum bildet er, so zahlreich seine Menge auch ist, keine Gefahr für den Eroberer. Aus dem Sammellagcr von Rama aber sandte Ncbusaradan in klagen Abständen die Züge der Verschleppung ab. Und sie nahmen kein Ende. Mardukh hatte iu unerwarteter Milde der verlorenen Königin und ihren Begleitern gute Reittiere und genügend Dienstvolk zugebilligt. Dennach kamen die Heimkehrenden auf den überfüllten Straßen beinahe nur schrittweise vorwärt». Alle Stunden begegneten sie neuen Elendszügen. Diese bestanden zumeist aus einer Hundertschaft von Männern, denen Weiber und Kinder in hellen Haufen mehstolperten. Immer wieder ergriff Jirmijah hindeulend Maachas Hand, um sie zu mahnen, daß sie wahrlich nicht allein sei mit ihrem Jammer. Die Hand der jungen Frau war trotz der brennenden Tagesglut eiskalt, so wie ihr ganzes Wesen erfroren zu sein schien. Aufrecht erstarrt saß sie auf ihrer Eselin, eine ganz und gar Seellose. Baruch und Ebedmelccli vermuteten, Maacha habe durch den Schmerz die Sprache verloren. Während die andern unter, der Hitze zu vergehen meinten, wurde sie von heftigen Frösten befallen, so daß ihre Zähne klappernd aufeinander schlugen. Die beiden Mägde, die ihr Mardukhs ritterliehe Huld bewilligt hatte, losten einander in der Nacht ab, um ihr unablässig die kleinen weißen Füße zu reiben, die trotz dieser Mühe starr blieben wie die Füße einer Toten. Wenn Jirmijah aber ihres Zustandes wegen eine längere Reiserast anordnen wollte, wurde Maacha sehr zornig, senütteile stumm den Kopf und ihre Züge verzerrten sich. Das Ziel der Heimkehrenden war das Städtchen Mizpa, das unweit von Anathot an der Grenze Jehudas und Benjamins lag. Dort hatte sich der ״Rest Jakob!»“ gesammelt, all jene Vornehmen, Würdigen, Besitzenden und deren Anhang, welchen die Gunst des Großherrn aus mancherlei Gründen das Verbleiben im Lande gewährte. V on Nebukadnezar zum Statthalter eingesetzt, wohnte Gedaljnh, Ahikams Sohn, diesem Rest in Mizpa vor. Sein gesegneter Ruf durchdrang das zerstörte Land. Selbst aus Ephraim und Manasse, aus Isas’chnr und Sebulon kamen längst Entfremdete, sich um ihn zu scharen. Gedaljah gebot über mehrere tausend Vaterhäuser, und dies war nicht wenig. Er bereitete eine weise Neuaufteilung des Landes vor. Baruch verhehlte Jirmijah seine Hoffnung nicht, daß auch die vollkommene Zer- Störung nur eine schwere, doch nicht tödliche Wunde sei, die innerhalb einiger Geschlechter heilen werde. Jirmijah schwieg zu diesen Schwärmereien, die einiger guter Gründe freilich nicht entbehrten. Gedaljah w׳ar ein sehr kräftiger Mann, der Tag und Nacht, ohne ein Auge zu schließen, an dem heiligen Werk« wirkte, dessen Anstrengungen der kränkelnde Zwillingsbrüder Micha schon zum Opfer gefallen war. Der Statthalter obsiegte mit stählernem Willensmut über alle Widerstände und hatte es sogar zuwege gebracht, daß inmitten von Mord, Brand und Austreibung die Wein- und Oclernte nicht völlig verloren ging. Ahikams Söhne hatten, dem sterbenden Vater gehorsam, die Hürde trefflich bereitgestellt. Zu dieser Hürde aber strebten auch die Heimkehrenden, Es war die Pflicht des neuen Volkswalters, für Zidkijahs Weib auf königliche Art Sorge zu tragen. (Fortsetzung folgt)

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