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Jüdische Rundschau · 1937-12-31 · Heft 104 (31.12.1937) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 104 (31.12.1937)
Date
1937-12-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr.וו ,04ו. xii. 937 ו JODISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Die Sehnsucht nach Schönheit Von jjSerUtoldFelwelJ im Jahre 1922 trat der Herausgeber einer Sammelschrift an die noch lebenden Delegierten und Besucher des 1. Zionisten• Kongresses von 1897 heran mit der Bitte, sich zu der Frage zu äußern; ״Warum gingen wir zum I. Zionistenkongreß?“ Auf diese Frage hat auch Feiwcl in einer charakteristischen Weise geantwortet; sie wirft ein Licht auf den Mann und auf die Zeit. Wir geben nachstehend den Hauptteil dieser Antwort des soeben Verstorbenen in einer etwas gekürzten Fassung wieder. (Red.) ...Ich weiß, daß wir vor 25 Jahren alles lieber genannt sein wollten denn Träumer. Ich weiß, daß das, was uns erfüllte, ich meine die ganz Jungen, ein fast schmerzhafter Ernst war, und oft ein zorniger Emst, der sich am meisten aufbäumte, wenn man uns nicht ernst nehmen wollte. Dies ist gewiß ein wesentlicher Unterschied zwischen der Triebkraft von damals und der Erkenntnis von heute: Erfüllt von einem ungeheuren, zweifelfreien Glauben in die von uns erkannte und in einfachste Sätze gebannte Wahrheit, verlangten wir von jedem anderen Juden ganzen Anschluß, sofortigen Anschluß ohne Bedenkzeit.... Viel später erst kam die Einsicht in die Kompliziertheit des Geschichtlich-Gewordencn, das allmählich nur entwirrt werden konnte, um zu neuem Gewebe umgewandelt zu werden. Darum war eine starke Entrüstung in unserem Credo, und erste Enttäuschungen ließen uns sogar unseren Zorn lauter hinausrufen, als es unserem Geschmack entsprach. Es waren manche harte und scharfe Töne in dem neuen Bruderhymiius — und sie!dangen mit hinein in die Introduktion zum ersten Kongreß. Was aber war das Credo? Jeder kann sicherlich nur für sich sprechen. Für mich war es damals, wenn ich zurückdenke, eines, das ich eher ein ästhetisches nennen möchte. (Ich brauche wohl nicht sagen, daß es heute sich vielfach anders ausgebildct hat.) Ich sah in Gegenüberstellung bläßliches und Schönes: die fleckige Zerknittertheit des politisch und gesellschaftlich Geduckten mit dem jämmerlichen Ausdruck des Unsicheren in den Augen und der Schlotterhaftigkeit der ganzen Gestalt — und ihm gegenüber die noble Aufrechthcit, die freie Bewegung des Juden, der über den Alltagsschmutz hinweg in die Klarheit neuer Dinge und einer neuen Gesellschaft blickt. Ich sah die berückende Schönheit der Vision des ewigen Volkes, das sich zurücksammclt aus Verderbnis und Verderbtheit, aus Erniedrigung und Niedrigkeit, aus Not und Sünde, aus dem erborgten und im Tageslicht grotesklumpenhaften Lappenplunder vieler Kulturen in die eigen-edle und eigen-schlichte Reinheit des Landes, der Sprache und des Geistes der Propheten. Ich fühlte die Romantik und Mystik des im Rhythmus meiner eigenen uralten und doch ganz jungen Melodie wallenden und singenden Blutes und die Kostlichkcit des Widerhalls dieses Rhythmus. Ich ahnte neue künstlerische Schöpfung des Genius meines Volkes, gewirkt fern von der Eitelkeit des Marktes und erarbeitet um ihrer selbst willen. Und als künstlerische Schöpfung ohnegleichen erschien mir das werdende Volk selbst und das vorausgeahnt Gewordene als ein Gebild voller Harmonie, in dein schönen Wandel seiner Tage, in seinen reinen, freien und gerechten Verhältnissen zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Gemeinschaft, Gemeinschaft und Menschheit. Ich weiß, das alles, sogar mit etwas Nachsicht angesehen, erscheint als reine Schwärmerei des Jünglings. Aber als was es auch angesehen werden mag, dieses war es für mich: eine neue ästhetische Religion, aber keine verzückt-ätherische, sondem eine ganz erdenfeste, icbensstarke, erregte, werbende, zur Tat bereite und zur Tat treibende und, wie ich schon sagte, manchmal sogar eine streitbar-zornige. Und auch der Erste Kongreß, als erster Beweger der Energien war für mich, — obwohl der formale und manchmal geräuschvolle Mechanismus und die Alltagsinenschlichkeit einige dunkle Unterteilte hineintrugen — vor allem ein Ereignis von ausgesuchter Schönheit, ein erstes Kunstwerk aus der Schmiede des neuen Volkes. Ich sah vor allem und immer wieder das einzigartige Bild des Auferstchens, des Sich-Suchcns und Sich-Findens der Versprengten, wachsendes Lehen und Sprossen über Grüften, die sich schlossen. Und in der Glut der Augen von dolchbewaffneten Bergjudcn und der Theodor Hcrzls, die aus ihren Tiefen das gleiche unfaßbare Wunder des Uralt-Jungen ausstrahltcn, lag für mich das ganze Geheimnis des Gewesenen und Werdenden meines Volkes umschlossen. Der Tod h81» Ernte unter den Freunden meiner Jugend" Nadt Ahron Eliasberg, dem Schlichten und Zuverlässigen, ist nun auch Berthold Feiwel hinweg. Es gibt keine Erinnerung für midi an jene dilettantisch-heroische Frühzeit des Zlonismus, in die nicht das Gedächtnis seiner noblen, wehmütigen, bezaubernden Gestalt verwoben wäre. Es war etwas an diesem jungen Menschen, was uns leibhaft mit der nationalen Romantik der Völker verband; er reihte steh in unsrer Empfindung an die liebenswert melancholischen Erscheinungen, wie wir sie aus Memoiren und Gedichten kannten, die, in denen sich eine Überpersönliche Stimmung, die Stimmung einer Gemeinschaft in einer Geschichlszeit, persönlich darstellte. Unter uns war wohl keiner, dem im Umgang mit ״Told' nicht eine beinah lyrisch zärtliche Welle das Herz überströmte. Solchen im Erscheinungssinn repräsentativen Menschen sollte das Leben, wenn's nach unserem Wunsch ginge, nicht mehr auferlegen als eben, da zu sein. Aber das Leben erfüllt uns den Wunsch nicht. Trotzdem, den unbeschreiblichen Wesensschimmer jener Stimmung hat Berthold Feiwel bis zuletzt bewahrt. Als ich den Todkranken im Sommer dieses Jahres im Sanatöriumsgarten bei Jerusalem besuchte, sah er mich aus seinem Liegestuh! fast mit dem* selben Blick an, wie als wir einander 1900 kennenlernten — mit einem verhangenen, aber ungetrübten Jünglingsblick. Ein Leo Baeck-Hain in Erez Israel Uns wird geschrieben: Am 27. Dezember W'37 feierte Rabbiner Dr. Baeck sein 25j,!hriges Jubiläum als Rabbiner der Berliner Gemeinde. Der Ablauf dieses Vierteljahrliunderts ist mehr als der Anlaß zu einem Amtsjubiläum. In diesen 25 Jahren hat sich das Gesicht der Judenheit Deutschlands gewandelt. Sie ist in eine von Tragik erfüllte Epoche ihres Daseins getreten. Alte Werte sind zerbrochen, auf der Suche nach neuem Halt sind die Juden Deutschlands bemüht, sich an neuen Werten zu orientieren. Inmitten dieser Entwicklung ist Leo Bae e k zu einem der Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaft unserer Zeit geworden. Er wurde innerhalb der Judenheit in I )eutschlancl /t! einer Persönlichkeit, der sich Männer und Frauen aus allen Lagern verbunden und verpflichtet fühlten, und der sie daher freudig die Führung ihrer Geschicke anvertrauten. Zugewandt allem zukunftsträchtigeu Lehen stellt er vor allem sich mul seine Arbeit uneingeschränkt in den Dienst des neuen Erez Israel, Wir wollen das Amtsjubiläum dieses Mannes zum Anlaß nehmen, ihn so zu ehren, wie man Menschen ehrt, die sich um das jüdische Volk besonders verdient gemacht haben. Seine Freunde urrd alle, die ihm durch ihre Arbeit ver■ bunden sind, wollen gemeinsam mit den jüdischen Organisationen und Institutionen einen Leo Baeck >Hain in Erez. Israel pflanzen. An alle wenden wir uns mit der Bitte, zu der Errichtung dieses Haines beiztitragen. Er wird das Antlitz des Landes unserer Väter verschönern und der auf den Feldern von Erez Israel arbeitenden Jugend Schatten und Ruhe geben. Rabh. Dr. Altmann — Benno Colin — Conrad Kaiser — Rabb. Dr. Maybaum — Lola Hahn-Warburg — Dr. Michael Traub — Rabh. Dr. Warschauer — Siegmund Wassermann — Rabb. Dr. Wiener. DIE ERSTEN / v״..״« ״״,id Fe.,־, Euch trägt die Ahnung Ober Zeit und Raum In eurer Sehnsucht köstliches Gefilde. Was ihr erschaut, formt Ihr zumZukunfisbllde, AH euer Wollen ist ein grober Traum, Und doch hält euch das Schicksal festgebarmt An fremde Menschen und an fremdes Land. Aus jedem Strahl trinkt ihr der Heimat Glut, lind Heimatsaat glänzt euch aus jedem Halme, Und Jeder Vogelsang wird euch zum Psatme. Aus Jeder Quelle rauscht des Jordans Flut. Und doefi schenkt euch kein elgnerBodenRuh, Und doch deckt euch nicht euer Himmel zu. Der MenschheliReich erscheint zuerst euch dort, Im Ostltcht blinkt die Schärfe eurer Waffen. Geweihte Handlung wird euch jedes Schatten, Zum heiligen Symbol wird Jedes Wort. Und sieht doch keiner euer Priesterkleid, Und welb doch niemand, wes Ihr wollt und seid. Ihr Ersten, dir ihr euch dem Dienst ergebt: Fern eurer Scholle, weif vor euren Zetten Tragt ihr der Sehnsucht höchste Bitterkeiten, Ihr träumt das Glück, doch Leid ist, was thr lebt. AusHalmundQuell.aus Erde,Wind undStrahl, Aus jedem Sehnen wächst euch neue Qual. Ihr dürft die unverhüllte Schönheit sehn. Und könnet ihre Hände doch nicht lassen. Euch zeigt die Freiheit nie geahnte Slra&en, Doch einsam mü6l ihr eure Wege gehn Und müsset ringen in der Einsamkeit Und einsam leiden euer tiefstes Leid. Ihr Ersten, die ihr euch dem Dienst ergebt, Dies ist die Sendung, die euch ward auf Erden: Stets sehnsuchtsvoller mufs die Sehnsucht werden. Stets quälender die Qual, die euch durchbebt. Und euer Lted: tn Immer hetbrer Glut Mub es entströmen eurem Herzensblut. Denn rtesengrob Ist eures Volkes Not. Die gröbte Not sein schweigendes Ergeben: Es beugt den Nacken einem Sklavenleben, Kaum wehrt es zitternd einem Sklaventod. So riesengrob ■wie eures Volkes Leid Mub auch die Sehnsucht sein, die es befreit, Und jedes neue Leid wird euch zum Lied Und jedes neue Lted zu neuem Leiden, Und Immer gröbre Sehnsucht quillt aus beiden, Aus jedem Leiden und aus jedem Lied. Aus jedem Schmerze wächst euch neue Kraft, Die wieder neue Schmerzen aus sich schafft. Aus tausendjähri ger Schmerzen dunklem Schob Ein Sehnen, das htnauffltegt zu den Sternen. Mub euer Volk, das sehnsuchlsmüde, lernen: Ihr mübt Ihm Sehnsucht geben, grenzenlos, Und müsset lieben, lieben euer Leid, Aus dem die Sehnsucht wird, die euer Volk befreit. Aus dem Jüdischen Almanach 5663 (1903), Jüd. Verlag, Berlin Nachdruck verbaten ״Damit du lebest“ Aus dem Jirmijah-Roman ״Höret die Stimme“ Von FRANZ WERFEL 3. Fortsetzung Die vier blauen Brüder Nabus traten zurück und gaben Jirmijah den Weg frei. Er schleppte sich zu dem Gerichteten auf's Gerüst und bettete den Kopf mit den blutig verkohlten Höhlen in den Schoß. Während seine Tränen rannen und nicht ruhten, sprach er Worte, von denen er nicht wußte, daß er sie sprach: ״Mein König, mein Kind, meine Herrlichkeit ... Du wirst leben ... Und wer lebt, der kann sein Verdienst erkennen ... Sehr hoch ist dein Verdienst .. . Denn du hast die bittere liefe aus dem Becher aller Geschlechter getrunken ... Jetzt bist du sinnlos vor Schmerz ... doch in wenigen Tagen weicht er ... Und wenn die Zeit um ist, wird dir der Herr seine Freude nicht vorenthalten ... Freue dich, Mathanjah, denn deiner wird gedacht werden und zu den lebendigen Seelen tritt deine Seele...“ Tief gebeugt über den Bewußtlosen, der ihn vielleicht doch hörte, schluchzte Jirmijah diese Tröstungen und viele andre noch. Als er aber plötzlich aulblickte, stand Nebukadnezar vor ihm. Der Großherr hatte mit seinen Nergaliden und Ninurtiden das Stralgerüst betreten und ließ seinen aufmerksamen und doch menschenfornen Blick auf Jirmijah ruhen, der mit nassen Tüchern die Wunden des Geblendeten kühlte. Und Nlardukh öffnete den sparsamen Mund und sprach mit seiner hohen, etwas engen Stimme knappe Worte zu Jirmijah, was eine Ehrung pondergleichen war, die den scheelen Neid des umgebenden Stcrngefolges erweckte: ״Der Gefangene“, sagte er, ״wird morgen abgeführt nach Babel ... Keiner folgt ihm, nicht Mann noch Weib ... Du aber bist frei, zu bleiben, zu gehen ... Auch mit ihm .. Auf die einzigartige Auszeichnung dieser Ansprache durch den Herrn des Erdkreises hätte es sich geziemt, zu Boden zu sinken und die Stelle zu küssen, wo er stand. Jirmijah aber blieb starr sitzen. Dunkel stieg es in ihm auf und erfüllte mit Kraft sein zermalmtes Sein. Er, der als Künder unter die Völker der Welt gestellt war, fürchtete sich nicht und sprach also zu Maraukh, dem Herrn der Völker, im Namen des Einzigen: ״Ein Grundstein und ein Eckstein hättest du werden können ... Nun aber bist du nur ein toter Bleck, der im Wege liegt.. Drei Augenblicke des Entsetzens. Das Sterngefolge erbleichte und schien unter diesen ungerächten Worten verwelken zu wollen'. Ratlos fielen die waagerecht gefalteten Hände herab. Um Ncbukadncznrs Mund zuckte es. Von diesem Zucken hing Tod und Leben ab. Jirmijnhs Worte hatten die Wunde berührt und die Wahrheit entblößt. Der Schwcrtknecht Gottes wußte, daß trotz aller zerstörten Städte und verbrannten Tempel sein Werk vertan war. Seine rechte Hand umtastete das galdne Scimufelchen an seinem Gürtel. Jetzt aber zeigte er sich ganz als ein in der Höhe gegründeter Hoher und nicht als ein in die Höhe gestreckter Niedriger. Anders als die eitlen Gewalthaber der Erde, ohne tückische Angst, Gereiztheit und Rachsucht erduldete er die Wahrheit, ruhigen Auges. Das Zucken um seinen Mund schlängelte und glättete sich zu einem rätselhaften Lächeln. Mit einer leichten Kopfvvendung wandte er sich an die schreckensbleichen Nergaliden und Ninurtiden, mit seiner beleidigten Machtfülle Leben und Freiheit dem Beleidiger für alle Zeit gewährleistend: ״Er bleibe oder gehe wohin er will ... Er rede und künde, was er muß .. . Denn sein Gott in ihm ist sehr stark ...“ In selbiger Nacht wurde Jirmijah von einem Traumgesicht oder besser von einem Gesichtstraum heimgesucht, in welchem ihm der Herr erschien. Das erstemal in seinem Leben war Adonai nicht nur Stimme und Wort, sondern etwas mehr. Das bedeutet nicht, daß Jirmijah eine bestimmte Erscheinung mit Augen gesehen hätte. Und dennoch, eine männliche, straffe, durchaus nicht, greise, sondern fast jugendliehe Leuchtgeslalt war auf unerklärliche Art seinen Sinnen nahe. Nein, dies ist noch immer nicht ganz genau berichtet. Nicht eine männliche Leuchtgeslalt war im Ilauni, sondern das empfindende Bewußtsein, eine männliche Leuchtgestalt sei im Raum, war in Jirmijah. Es war aber ein freier Raum, in dem dies alles geschah, eine sandverwehte Karawanenstrafte in der Wüste. Das Gesicht begann damit, daß sich in der Karawanenstraße vor Jirmijah plötzlich eine tiefe Spalte öffnete. Er fühlte die Kraft in sich, sie zu überspringen. Da aber hielt ihn das Bewußtsein von der Lcuchtgestalt zurück, die mit der Stimme seiner Raunungen sprach: ״Dein Willensbegehren zieht dich nach Babel ... Doch dem steht mein Wille entgegen ... Kehr um!1‘ ״Herr“, entgegnetc Jirmijah, von der Echtheit des Gesichtes bestürzt, ״Herr, deine Barmherzigkeit ist sehr langl'ristig, die meine aber währt nur kurz ... Gew ähre es doch deinem Knechte, den Geblendeten, der allein ist, nach Babel zu geleiten .. ״Du sollst nicht nach Babel gehn״, erklang es nicht ohne Ungeduld, ״denn ich will dich zurück zürn Reste senden...“ Tiefe Dämmerung war eingefallen. Im Sterngemach dos Etemenanki begann das Sammcllicht aufzuscliirrimern. Der Träumer wehrte sich mit aller Kraft; ״Nach Babel wird nicht allein der Geblendete geführt zu ewiger Gefangenschaft, gleich Kon iah, sondern alles, was frisch und stark ist im Lande, M;inner and Weiber .. . Unters Joch gebeugt, aneinander geschmiedet treibt man sie mit Eisenstachel und Stock über alle Wege, zehntausend um zehntausend... Die Straßen sind verstopft von ihrem Elend... Der Rest aber, wer ist es? . . . Die Verräter, die Ueberläufer, die Vorsichtigen, die Klügler, die Alten und niedres Volk, das sät und erntet, wo immer, wie immer ... Sic bedürfen meiner nicht . . ״Streite nicht wider mich“, sagte die Stimme nicht ohne Ungeduld, ״sondern gehorche und kehr um!“ Nach diesen Worten öffnete sieh die Spalte zu einem weiten Abgrund. Das männlich Leuchtende hatte sich ein wenig entfernt. I)a beschloß Jirmijah, cs listiger anzufangen: ״War dein Knecht nicht immer gehorsam, 1 lerr?“ fragte er. Die Lcuchtgestalt im Raume schwieg nachdenklich, was schon eine Art gnädiger Bejahung war. Mehr wäre zu viel gewesen. ,Jirmijah aber ging Adonai verschlagen an: ״Dieses Mal ist mein Willensbegehren größer als mein Gehorsam, Herr ... Mein Herz hängt an dem Geblendeten, mein Herz hängt an den Gefangenen Zions ... Gehört deine Verheißung nicht ihnen?“ ״Meine Verheißung gehört ihnen.“ ״Und mich willst du fort jagen? ... Der ich im Tagewerk mich verbraucht habe, mir behältst du am Abend so vieler Sicbenjahrc den Lohn zurück?“ Hinter seinem Rücken fühlte der Träumer den düsteren Brand vieler Städte ttnd Dörfer. Vor sich sah er in der Ferne das Licht Etemenankis und in der Nähe den klaffenden Abgrund, über den er hinwegsetzen mußte. Die Stimme der unsicht-, aber fühlbaren Erscheinung schien des Lästigen satt zu sein: ״Iladre nicht“, sagte sie, ״sondern gehorche und kehr um!“ Jirmijah aber stellte sich breitbeinig hin und begehrte auf: ״Und wenn dein Knecht nicht umkehrt?“ ״Dann ist er ungehorsam.“ ״Und wenn er ungehorsam ist?“ ״Dann hol auch der Letzte die Treue gebrochen, wie alle andern .. ״Sci’s drum!“ rief der Gotteskämjpfer keck und machte einen Schritt auf den unüberschreitbaren Abgrund zu, ln der Leuchtgeslalt ober, von deren Gegenwärtigkeit Jirmijah ein empfindendes Bewußtsein butte, ging ein deutlicher Wandel vor sich. Zögernd erging ihre Antwort: ״Ich aber will nicht, daß der letzte Treue untreu wird.. Der Träumer frohlockte in seinem Herzen. Schon glaubte er. der Stärkere geblieben zu sein. Achselzuckend seufzte er: ״Was willst du dagegen unternehmen, Herr? ... Allzustark ist das Willensbegehren deines Knechtes...“

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