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Jüdische Rundschau · 1937-12-28 · Heft 103 (28.12.1937) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 103 (28.12.1937)
Date
1937-12-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Paul Muni in Wien Von unserem Berichterstatter J. R. Wien, 2ö. Dezember In einem Stadthote! empfängt der Filmschauspieler Paul Muni die Vertreter der in- und ausländischen Presse. Und hier, während des offiziellen Empfanges, da Muni mit seiner Gattin neben dein amerikanischen Geschäftsträger und dessen Gattin im Kreuzfeuer der Fragen der Reporter steht, sowie später im kurzen Einzelgespräch mit Ihrem Berichterstatter präsentiert sich Muni als interessante Persönlichkeit mit vielseiligsten künstlerischen und kulturellen Interessen. Auf die Frage, die sein spezielles Rollenfach betrifft, ob er die historischen Gestalten den modernen Charakterrollen vorzieht, meint Muni, daß die Hauptsache das Thema sei, die literarische Grundidee des Films, wobei es ganz gleichgültig sei, ob der Vorwurf historischen oder zeitnahen Stoff behandele. Allein er selbst möchte auch in Zukunft doch nur in ernsten Rollen spielen. ״Denn“, meinte er, ״mit der Zeit ist der Grundton meines Wesens ein fast schwermittiger geworden.“ Und in Munis Augen findet man diese Worte bestätigt. Für die Schlichtheit des Wesens dieses Künstlers ist auch bczeichnend, daß er voller Bewunderung von den Künstlern spricht, mit denen er zusammen wirkt, so vor allem von Wilhelm Dieterie, dem Regisseur von ״Emile Zola“, von Josef Schildkraut, dem Sohn des großen Vaters, der als Dreyfus im Zola-Film großen Erfolg hatte, von Heinz Blanke, dem ehemaligen Assistenten Lubitschs. Als eine seiner liebsten Erinnerungen nach den großen künstlerischen Erfolgen der letzten Jahre schildert Muni wieder jene rührend-schlichte Episode an der Schwelle seiner Karriere als Schauspieler des amerikanlsch-jiddischcn Kunsttheaters. Auf Anregung Pani Munis findet in der ״Scala* eine Nachtvorstellung von Ibsens ״Gespenster“ mit Tilla Durieux als Frau Ahviiig und Ernst Deutsch als Oswald statt. Das Reinerträgnis dieser Aufführung, die unter dem Protektorat Paul Munis steht, ist den engagementlosen Wiener Schau- Spielern zugedacht. Paul Muni wird bei dieser Gelegenheit eine Ansprache halten. Jüdische Kulturarbeit. Aus Bukarest wird uns ge• schrieben: Vor ungefähr einem Jahr hat Nathan Bi• stritzky, der die Propaganda-Abteilung im Hauptbüro des KKL in Jerusalem leitet, Rumänien besucht. Seinem persönlichep Wirken gelang es nicht nur, in der jüdischen Oeffentlichkeit aufklärend zu wirken und in die Jugendbewegung einen neuen Zug hineinzutragen, sondern auch kulturelle Einrichtungen von dauerndem Werte zu schaffen. Die Tat- Sache, daß in den rumänisch und ungarisch sprechenden Landern, wo das Hebräisch noch sehr schwache Wurzeln gefaß. hat und das Jiddisch und Deutsch immer mehr in Vergessenheit gerät, der Zusammenhang mit den großen Massen des jüdischen Volkes gelockert wird, während in den Landessprachen bloß eine sehr arme jüdische Literatur besteht, hat Bistritzkv veranlaßt, im Rahmen der Zionistischen Organisation in Altrumänien und Siebenbürgen Kulturzentra• len zur Herausgabe von Büchern und Heften in rumänischer und ungarischer Sprache ins Leben zu rufen. Den wichtigsten Teil der Finanzierung nahmen hierbei die beiden nationalen Fonds auf sich. Die Bukarester Kulturzentraie hat bereits im Januar 1937 ihre Tätigkeit aufgenomtnen und eine Rsihe von Schriften in rumänischer Sprache herausgegeberi. Die Kulturzentraie für ungarische Pubikationen, die ihren Sitz in Timisoara (Siebenbürgen) hat und die auch von der Zionistischen Organisation und der Wizo unterstützt wird, beginnt jetzt mit der Veröffentlichung einer Schriftenreihe. Außerdem befassen sich die Kulturzentralen mit Ausgestaltung des Hebräischunterrichtes. L. B. Franz Rosenzweigs ״Ich werde erst posthum meinen Mund ganz auftun“, schrieb Franz Rosenzweig einmal in einem jener hellsichtigen Momente, die das Schicksal dem Genius des Frühvollendeten bescherte. — Und so fügte es sich, daß der 1 ote uns zu seinem 51. Geburtstage eine seltene Gabe schenkte: den stattlichen Band seiner ״Kleineren Schriften“, die von der sorgsamen Hand der Frau, die ihm Leben und Arbeiten während seiner Krankheit überhaupt noch ermöglichte, von Edith Rosenzweig unter tätiger Forderung des Schockcn-V erlages soeben herausgegeben wurden. Seit der Zeit, da Franz Rosenzweig sein großes Werk schrieb, ist die Weit anders geworden. Auch die Herausgeber dieses Buches verhehlten sich dies nicht; darum verzichteten sie auf den schönen, sinnvoll gewählten Namen, den Rosenzweig 1926 jener Auswahl seiner Arbeiten gab, mit denen er ״der Zeit von damals und ihren Aufgaben wirksarn antworten und begegnen wollte“. Ausdrücklich sagt das Buch, daß es durchaus nicht nur als beträchtlich erweiterte Neuauflage jener (heute vergriffenen) Sammlung ״Zweistromland“ vor die üeffentlichkeit trete. Vielmehr vereinigt es alle kleineren Arbeiten, die Rosenzweig in den Jahren 191-1 bis 1929 veröffentlicht oder mit der Absicht aut spätere Veröffentlichung niedergesehrieben hat, vermehrt um drei seiner Ansprachen, deren Niederschrift vorlag, und einen merkwürdigen Brief, der die erste Konzeption des Hauptwerkes enthielt. m Als der junge Rosenzweig sich auf jüdischem Gebiete noch nicht als ״Fachmann“ "fühlte, da sollte er in der ״Humanität“ in Kassel einen Vortrag halten und wählte mit Bedacht ein Thema, das auf der Berührungslinie zwischen den innerjüdischen und den allgemeinen Problemen lag. Sein Vortrag aus dem Jahre 1919 hieß ״Geist und Epochen der jüdischen Geschichte“. Aber wie erstaunt es uns heute, aus einer Zeit, da man zumal in Kassel vom Zionismus nur nach Vorsichtsmaßnahmen reden durfte, Worte über das Wesen des Judenstaates zu hören, die aus den Vorträgen des Berliner Jüdischen Lehrhauses im Winter 1937 stammen könnten: ״Alles was der Jude tut, springt ihm gleich ans den Bedingungen der Zeit heraus ins Ewige. Mag sich der Zionismus noch so sehr bemühen, uns zu einem normalen Volk, einem Volk wie die Völker werden zu lassen — aber lesen Sie Hcrzls ,Judenstaatt: überall schießt da über die bewußt nur auf Politik gestellten Gedankengänge ein politisch unverwendbarer Ueberschuß hinaus, eine fast naive Uebcrzeugung, daß dieser Judenstaat doch etwas ganz anderes 1H11111u1111111m11111111!1111u111111111!1!11111111m111111111111111n1111m1!111n111111111111111111111111111111111111t!1!1111111mM!11111111:1111!1111 Ein Gleichnis Von Hse Blumenthal-Welfe Wölbe den Himmel über das Letd der Stunde! Schmücke den Mund mit dem Licht wort des Herrn! Alles erloschen, alles vergangen . . . Aber du hast den Namen empfangen. Mitten aus Trümmer und Tränennot Ruft das Gebot Weisung und Wehr: Ich bin dein Herrl Wölbe den Himmel über das Leid der Stunde! Schmücke den Mund mit dem Lichtwort des Herrn! Den einst des Berges Flamme geblendet, Zeichen und Stimme unsäglich vollendet — Riesig aus Oede und Wüstenlauf Rife Ihn des Herzens Begierde auf. Inbrunst zerbrach, Jammer und Schmach, Zweitel und Spott. Er stand nur und stand In dem brennenden Sand Vor Gott. ״Kleinere Schriften“ werden müsse als sonst ein Staat ... der Staat der sozialen Gerechtigkeit, der Musterstaat, der Idealstaat, denn — nun, es ist eben doch nicht irgendein Staat, sondern der Judenstaat; und was hier schon bei Herzl fast wider Willen stark hervorbricht, jenes jüdische Uebcrspringen aus der Zeit ins Ewige, das ist heute bei seinen Nachfolgern beinahe schon zur Theorie erstarrt; der Zionismus nahm zumal im Weltkriege bei seinen besten Vertretern immer mehr messianischc Züge an: die Heimkehr der Juden i!1 ihr Land wird wie in den alten Weissagungen der Propheten zum Zeichen und Anfang der Heimkehr der Menschheit in das verlorene Paradies ...“ Daneben tauchen in diesem Buche die einzelnen Stationen dieses symbolhaften Lehens mit frischer Lebendigkeit wieder auf: vor allem die Lehrer, denen er tief innerlich und doch sehr eigenwillig verpflichtet war. Da ist N 0 b e I, das Vorbild eines Raw, des Denkers und Beters, der ״auf menschliche Fragen göttliche Antworten“ geben durfte. — Neben ihm steht — viel umkänipft, am meisten in der Seele des Schülers — Hermann Cohen, der Rosenzweig den bis jetzt einzigen Versuch einer Biographie dankt, die des Namens würdig ist (in Rosen/wcißs Vorwort zu Cohens ״Jüdischen Schriften“, hier S. 299-351). — Vielleicht ließe sieh darüber streiten, ob cs recht war, in dieser Auswahl einen Neudruck jener bitterbösen Rezension ״Ein Rabbinerbuch" zu bringen. Dagegen ist von größter Bedeutung die Wiederbelebung seiner Auseinander.-׳.ct/uneen mit Orthodoxie und Zionismus. Hier zeigt sich uns, *wie Rosenzweig sieh seinen Innerjüdischen Standpunkt erkämpfte. Aber die Fülle dieses Menschengeistes erhellt sich uns erst ganz, wenn wir daneben hier seilen, wie auch sein piii’o-.ophUduT S nrnlort sieh )1 erausschalt. Aut diesen Weg gehören neben den schon früher gedruckten Aufsätzen über das neue Denken vor allem die ״Atheistische Theologie" aus dein Jahre 1914 und der schon erwähnte merk windige Brief von 1917, den Rosenzweig selber die ״Urzelle“ seines ״Sterns‘‘ nannte. lieber die philosophieg-sckiclülieben 1 11tlicekimgen hinaus fuhren uns dann eine Reihe von kleineren und größeren Arbeiten. Manchmal sind es mir wenige Zeilt'11, aber jedes einzelne Wort legt Zeugnis ab von der Wirklichkeitsnahe und Unbefangenheit dieses (!eiste-.. Dann wieder umfangreiche Entwürfe wie jener große Aufsatz über ״Volksschule und Reichssclmle“. der den <icschiehtsphilosophen als den Organisator einer neuen Bildung zeigt. Auch überraschen uns etwas eine ganze Reihe von Besprechungen von Schallplatten, die hier unter dem Titel ״Der Konzertsaal aut der Schallplatte“ eine imisikgescliichtliehe und kunstwissenschädliche Arbeit darstellen. Ist es denn ein ״jüdisches“ Buch? — Darauf antwortet Rosenzweig: ״Jüdische Worte haben, ob auch alt, teil an der ewigen Jugend des Worts, und wenn ihnen die Welt aufgetan wird, so erneuern sie die Welt.“ Bertha Badt-Strauß Hugo Rosenthal, der Leiter des Landschulheims Herrüngen, feierte dieser Tage seinen 50. Geburtstag:. Hugo Rosenthal ist den Lesern der ״Jüdischen Rundschau" kein Unbekannter. Wir haben (besonders im Jahre 1933, als Rosenthal noch in Berlin tätig war) eine' Reihe von pädagogischen tmd anderen Artikeln von ihm veröffentlicht, in denen das Bestreben Gestalt fand, hei der durch die Zeitereignisse notwendigen Umformung des Weltbildes produktiv mitzuwirken und der jüdischen Jugend die Größe und Schönheit ihres neuen im Judentum begründeten und doch die Bildung der Welt umfassenden Weges darzustellcn. Roscntlial war bes׳'hcrt, was wenigen gegeben ist: für seine Ideen die Möglichkeit einer konkreten Verwirklichung zu erhalten. Im Landsclmlhcim Herrlingen hat er eine pädagogische Provinz aufgebaut, die durchaus vom Geiste ihres Leiters erfüllt ist und eines der wichtigsten neuen jüdischen Er/iehungsinstitute in Deutschland darstellt. Wir gratulieren Hugo Rosenthal, der jetzt auf der Höhe seines Schaffens stellt, und wünsehen ihm Befriedigung in seiner wichtigen und erfolgreichen Arbeit. Bialiks letzte Gedichte sind von Nathan Mark ins iddische übertragen und erscheinen mit einer Reihe von iidern Bialiks im Rukaresier Scholcin Alejehem Verlag. Paul Muni Foto: Archiv Nachdruck verboten ״Damit du lebest“ Aus dem Jirmijah-Roman ״Höret die Stimme“ Von FRANZ WERFEL 3. Fortsetzung Da die berittene Verfolgung nicht abließ, löschte man die Fackeln, trotz aller Schlünde und Abgründe der lauernden Steinwüste. Dennoch ließ der Feind von ihnen erst im Morgengrauen ab. Der König war seinen Verfolgern entrönnen. Im ersten Zwielicht schienen sie unsicher zu werden, die Spur zu verlieren und abzufallen. Dafür erhob sich um so heller der nahe Widerhall des Hufschlags ringsum• Der Morgen war da und die längste Wegstrecke überwunden. Man stieg ab, nun kurze Rast, zu halten. Ein Becher Würzwein und ein wenig Imbiß belebte die Seelen wundersam. Der König streckte sich lachend und herzte seine Knaben, die, trotz ihrer Uebernüchtigkeit, voll Lust am Ungewohnten in den Morgen jauchzten. Jetzt schien auch sein Weih wieder voll echter Fröhlichkeit und guten Glaubens zu sein. Hatte er nicht recht getan, das Verlorene aufzugeben und das Fortleben Davids in diesen Kindern zu retten? Solange ein Sohn Davids noch freiging, stand der Tempel und stand die Stadt. Der König allein war die Gewahr der Dauer und nicht Stein und Mörtel. Mochte Mardukh in tote Mauern Bresche legen und das Zerstörbare zerstören, Zidkijah hatte ihn um die Frucht der blutigen Mühe geprellt. Denn c r lebte in Freiheit und seine Söhne lebten als heiliger Fortbestand Zions. Der alte Einathan mußte nun längst schon die Botschaft seines Willens empfangen haben. Waren auch die Kampfbanden, mit denen sich der Held in der Araba rings um das Tote Meer verbarg, zu einer hohläugigen Wcgelagererschar zusammengcschmolzen, Zidkijah stand hoch über Einathan. Sein Gebicterbliek würde Banden zu furchtbaren Streitscharen umschmieden. Und konnte Pharao, der Bundesbrüchige mit seinem schlechten Gewissen, ihn abweisen, wenn er, gerechte Hilfe fordernd, vor seinen Thron zu Noph trat? Zidkijah hatte, seitdem er ein Gefangener des Bundes geworden war, keine freiere, leichtere Stunde erlebt als diese Morgen- Stande seiner Flucht. Er scherzte mit Jirmijah. Keine Furcht hatte er mehr, auch nicht vor Zebaoth, denn er hatte eine Wahl getroffen, die ihm weder vom Herrn noch von seinem Künder vorgeschlagen worden war, ganz aus seiner eigenen Kraft Und er war entronnen. Schon wartete Einathan, seinem Befehl gehorsam, in der Niederung. Voran, voran! Der frische Morgen perlte ihm durchs Blut Er »ah sich noch einmal nach Jirmijah um, als wolle er zur Vorsicht doch eine Frage tun. Doch er fragte nichts, sondern trat seinem Pferd in die Weichen und stürmte vorwärts. Einer der Fürsten rief ihm zu: ״Herrlichkeit! Laß deine Krieger die Spitze nehmen!“ Zidkijah winkte ihm mit einer weiten Gebärde ab. Das Gebirge senkte sich. Durch einen tiefen Einschnitt ging es. Eine breite Stufe und wieder eine Stufe und noch eine Stufe. Und dann hatten die Flüchtenden die Jordansenkung erreicht und sahen die blauschwarze Fläche des Salzsees vor sich und waren gerettet. Dort aber, nicht weiter als dreitausend Ellen von ihnen entfernt, stand unter salzblitzenden Dürrsträuchern und Kameldisteln eine müßige Reiterreihe. Zidkijah griff sich ans Herz: Einathan! So schäbig, 80 schlecht gerüstet konnten nur Einathans Reiter sein. Verhungerte Sleppenklepper waren die Pferde. Die Männer im Sattel aber trugen nicht die Kegelhelme Babels, sondern farbige Kappen und Kopfbunde wie Räuber. Der König saß starr auf seinen» versteinerten Roß. Nur einen Augenblick lang. Dann stieß er mit sonderbar rauher Stimme zum ersten- und letztenmal im Leben den herrlichen Jubel- und Losungsruf seines Vaters aus: ״Gottes Freude!“ Jetzt aber hieb er so grausam mit dem Stock auf sein Pferd ein, daß es aufwiehernd in die glitzernde Ebene hinausraste. In diesem Augenblick schrie auch Jirmijah auf: ״Warte, König ... Halt .. . Kehr um!!“ Dies war die letzte Warnung, die der Künder denf König Zurufen durfte. Der barhäuptige Anführer jener Reiter setzte gemächlich seinen Helm auf. Und siehe, es war ein Zipfelhelm Babels. Die lackrote Eisonmaskc fiel dem Tartan vors Gesicht. Mit höhnischer Langsamkeit ritt die Reihe dem Könige Jehudas entgegen. Als dieser sein Roß herumriß, war es zu spät. Und die Sonne verfinsterte sich. Sie, die wie ein Bräutiam aus dem Gemache tritt und wie ein Held auf den iegespfad, verhüllte ihr wallendes Haupt. Der schwarze Schatten verzehrte sie nach und nach, so daß von ihr nichts übrig blieb als ein schmaler Ring, bleich und brüchig. Ein stöhnender Wind ging um, der keinem andern Winde auf Erden glich und nur das Scheinbild, die Spiegelung, das Gespenst eines Windes war. Er trieb Nachtvögel vor sich her, Eulen, Käuze, Fledermäuse, die sich über die ungewohnte Stunde ihrer Berufung wunderten. Alle Menschen, Tiere, Gcv. l'chse und Dinge wurden von plötzlicher Bleichsucht befallen, sahen krank aus, unnatürlich ins Kraut geschossen und glichen Verschnittenen. Die Völker der Welt aber erbebten in ihrem Herzen. Denn der Mensch erkennt das Sein and Walten der Gottheit leichter an einem außerordentlicher» Zustand ihres Erscheinens als am ewig gleichen Wunder des Alltags. Um die dritte Stunde nach dem Mitlagsstand der Sonne begann ihre Vcrlinstorung, Als der schwarze Schatten drei Vierte! ihrer Scheibe verzehrt hatte, traten am Himmel unter bläßlichen .Sternen in deutlicher Gestalt Mardukh hervor und seine stärksten ßefrhlsiihermiuler Norgal und Ninurtu. Mit ihnen aber trat Ncbukadnczar hervor aus seiner Behausung. Denn die große Lehensstunde seiner Macht war gekommen, da der Nachthimmel den Tughimmel sichtbar überwand und er selbst mit seinen vollstreckenden Knechten am hellen Firmament aus dem Hause des leurigen Löwen sich hob. Mardukhs göttlicher Hervortritt aber geschah zu Ribla, seiner Quartierstadt, die in der Mitte aller Völker, Länder und Straßen lag. Mel Volk aus den Völkern war hier zusammengeströmt, um der Ueberwindung des Taghimmel» durci't den Nachthimmel an bedeutsamer Stelle bcizmvolincn und sich an der Strafe zu ergötzen, die den König einer mißliebigen Nation 11־af. Nicht vermochte der große Platz von Ribla die Menschenzahl zu fassen. Nur mit großer Mühe konnte von den Leibwachen die Pyramide des Sternenthrones und das Strafgcrüst zu ihren Füßen freigelassen werden. Hoch oben saß Mardukh im Edelsteinmnntel, den Jirmijah schon kannte, als Spitze der Pyramide. An seiner rechten Seite, tiefer als er, standen zwölf feuerrot gekleidete Nergals, unter denen sich freilich die blendende Gestalt Nebusaradans nicht befand, denn der Großtartan weilte noch in Jchuda, um das Werk der Zerstörung und Auflösung zu beenden. An Mardukhs linker Seite jedoch standen zwölf rabenschwarz gcwandetc Ninurtus, mißvergnügte Greise zumeist, die viel husteten. Zwischen den Feuerroten und Rabenschwarzen, vier Stufen unter dem Hochsitz genau in der Mitte, schwebte als der einzige Blaue, Samgcr Nehu. Sein hart- und faltenloses Gesiebt, nicht dein Männlichen, nicht dem Weiblichen zugehörig, oder beiden zugleich, drückte schon jetzt einen müden Ekel an dem Kommenden aus. Nicht Mitgefühl war es, das den Jugendschönen mit seinen hundertjährigen .Augen todkrank erscheinen ließ, sondern unaussprcchlicher Abscheu vor allem Rohen. Wurde er gezwungen, Häßliches und Krasses mit nnzuschcn, litt der Geist in seinem feinen Leibe bis zum Erbrechen. Unterhalb Samgcr Nebus drängten sich auf den unteren Stufen die übrigen Sternräle in den verschiedensten Farben mit harmonisch waagrecht übereinander gefalteten Händen. Vor der Thronpyramide war das Strafgerüst breit aufgeschlagen gleich dem riesigen Tisch eines göttlichen Gastmahls, das Mardukh zu geben gedachte. Die Bretter dieses Tisches waren über und über mit großen rostroten Blutflecken besprengt, denn im Laufe weniger Tage hatte man

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