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Jüdische Rundschau · 1937-12-24 · Heft 102 (24.12.1937) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 102 (24.12.1937)
Date
1937-12-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 102, 24. XI(. 1937 JDD'SCHE RllN"״־׳ ־׳'־it! Seite 3 Amsterdamer Bilderbogen Der rechte Weg Einst sagte unser Lehrer ein Gleichnis: Gleich am Bahnhof fängt es an. Ist der Gepäckträger, der mir meine Koffer zum Wagen bringt, nicht ein Jude? Sieht er nicht so aus, als gehöre er in die Reihen unseres Volkes? Ich stutze ein wenig, als ich ihn sehe. Aber ich weiß nicht recht, ob meine Diagnose richtig ist. Ich habe doch eigentlich noch niemals etwas über jüdische Gepäckträger am Bahnhat von Amsterdam gehört. Man erzählt wohl von den jüdischen Blick auf den Amsterdamer Judenmarht Lastträgern in Saloniki, von den jüdischen Trägern in Polen, von Palästina ganz zu schweigen — aber Juden als Gepäckträger in Amsterdam —? Aber dann frage ich doch, wenn auch ein wenig zaghaft: ״Bai Jisroei?“ Sein Gesicht leuchtet. ״Gewiß bin ich ein Bai Jisroei! Ihr auch?“ ״Ja“, sage ich, ״ich auch.“ ״Schaloni“, begrüßt er mich, und wir schütteln uns die Hände. Seine Dienstnummer U glänzt auf dem metallenen Schild um seinen Oberarm. Seine blendend weiße Jacke ist ein Punkt in der Ferne. Ich fahre nach Amsterdam hinein. Auf den Straßen der Stadt ist immer ein großes Leben und Treiben. Zu jeder Tageszeit flutet der Verkehr in einer unaufhaltsamen Welle dahin. Aber es geht alles ohne Hast und ohne Betriebsamkeit. Es gMit alles ruhig und gelassen vor sich, ohne Aufregung und ohne Unruhe um ihrer selbst willen. In Holland geht es gemächlich zu. Gerade dieses Land zeigt, daß man auch auf diese Weise weiterkommen und gut vorankommen kann. Dieses Land liebt die Solidität. Es liebt seine gute Bürgerlichkeit und sein traditionserfülltes Wesen. Es läßt davon nicht, Nichts hat diese Menschen hier ״umkrempeln“ können. Man merkt dieses alles, wenn man durch die Straßen der Stadt geht. Da ist die fast stoische Ruhe der Schaffner in den drückend vollen Straßenbahnen, das Lächeln der Liebespaare, die armumsclihingen auf Rädern nebeneinander daherfahren. Da sind Leute, die in der drückenden Hitze nie ohne Jacke umhergehen und denjenigen, der es doch tut, sehr schief ansehen, so daß er vor lauter Furcht seinen Rock anzieht. Da sind die großen Fenster, die das Licht hereinlassen und am Abend den Blick in ein fast verschwenderisch hell erleuchtetes Zimmer, in dem die Familienmitglieder zusammensitzen. Die Hausfrau strickt oder häkelt. Der Mann liest seine Zeitung. Es ist ein kleines Idyll. An viele dieser Dinge haben sich die Juden aus Deutschland, die hierhergekominen sind, erst gewöhnen müssen. Sie haben Anschauungen und Gewohnheiten mitgebracht, die hier sehr freind sind. Das bezog sich auf den Verkehr der Menschen untereinander bis zu dem Brot, das in Holland ganz anders gebacken wird. Die eingesessenen holländischen Juden haben ihnen oft genug den Vorwurf gemacht, daß sie nicht elastisch genug und vielleicht auch nicht willens Berlin auf, daß in der jüdischen Trauerzeit zwischen dem 17. Tammus und 9. Aw Männer mit unrasiertem Barte in der Straßenbahn sitzen oder auf ihrem Fahrrad fahren? Wo ist alles religiös so ausgesprochen konservativ wie hier? So gibt es heute und wird es auch noch für lange fahre das Problem der Eingliederung der aus Deutschland gekommenen Juden geben. Die konservative aschkcnasisdic Ffauptgemeinde macht ihnen den Vorwurf, daß sie der religiösliberalen Bewegung in Holland erst Auftrieb gegeben, sie nahezu erst geschaffen haben. Offiziell gibt cs keinen religiösen Liberalismus in Holland und wird cs auch keinen geben. Man wird ihn nie anerkennen, weil er dem Wesen des holländischen Judentums diametral entgegengesetzt ist. Dabei wird jedem Einzelnen durchaus die Freiheit seines religiösen Lebens gelassen. Man verlangt nur die Anerkennung des Thoragesetzes als unverbrüchlich geltende Rechtsquelle für das Zusammenleben der Juden. Es sind Werte, die die jüdischen Menschen hier verkörpern. Man muß das anerkennen, und man muß sich danach richten. Die Juden aus Deutschiand müssen sich einfügon, auch m religiöser Beziehung, wenn sie hier!eben wollen. Und viele sind dem aus ihrem richtigen Instinkt heraus aucli nicht abgeneigt. Viele wollen den Ericden mit der Hauptgemeinde. Sie wollen leben. Ich sah einmal, wie der Oberrabbiner von Amsterdam, Dr. Sariouis, durch einen Vorraum zu seinem Amtszimmer schritt. In diesem Vorramn saßen kleine Juden, einige mit ihrem Packen in der Hand. Sie warteten auf ihn, Foto•: Dr. Uenbtrg ",eil sie seine Autorität für ein religiöses Gutachten oder für eine ineiisehlieh bewegende Sache anrufen wollten. Denn der Rabbiner ist hier weniger ein Prediger als ein rcchtsprcchcndcr religiöser Richter, dessen Urteil in religiösen Dingen allein maßgebend ist und der sich in dieser Hinsicht absolut nicht nach der Ansicht des Gemeindevorstandes zu richten braucht. Wie diese wartende Juden die imponierende Gestalt des Oberrabbiners erblicken, springen sie mit einem Ruck kerzengerade in die Höhe. Eine große Ehrfurcht liegt auf ihrem Gesicht und in ihrer Haltung. Sie verbeugen sich tief. Sie setzen sich nicht eher, bis sich die Tür hinter dem Oberrabbiner geschlossen hat. Man sieht so recht, was das für diese Menselten bedeutet: ein Mann der Thora ging vorbei. F>ann flüstern sie noch irgend etwas über ihn. Aber dieses Flüstern kommt aus Achtling und aus dem gefühlten Abstand. Es könnte jeder hören. Es kommt nicht aus irgendwelchen schwatzhaften Gelüsten. Es gibt Unterschiede, es gibt Besonderheiten unter den Juden aller Welt. Es gibt, wenn man sie beieinander sicht, so manche Vergleiche. Das Lehen hat seine großen Seltsamkeiten. Und wenn man eine jüdische Seltsamkeit des Daseins hier sehen will, dann muß man am Sonntag vormittag auf den sogenannten Judenmarkt gehen. An den Ufern einer Gracht entlang sind straßenweit Stände, Kisten und Kasten aufgebaut. Einzigartig sind die Auslagen, die hier dem Käufer angeboten werden. Es sind meistens alte Sachen. Sic haben eigentlich längst ausgedient. Verrostete Radspeichen sind da und zerlesene Kriminalromane, Schallplatten und abgewrackte Tischuntersiitze. Zerrissene Autoreifen sind zu sehen und Stoffe und Krawatten und Lebensmittel aller Art — alles, was es aut der Welt gibt. Wenn man eine Schraube zu einem Fahrrad oder ein Stück für einen Rasierapparat haben will — hier wird man es bekommen. Wenn man koschere Wurst oder sonstwas haben will — mail braucht nur auf den Judenmarkt zu gehen. Man erinnert sich daran, daß Max Liebermann diese ganze Atmosphäre liier in einem Bilde gefangen hat. Mau weiß, was das ist: zwischen den Ständen bewegen sich die Käufer aller Schichten und aller Nationen. Javaner und Malaien schleichen mit katzenhaften! Schritt vorbei. Es ist ein Gewoge und ein Gedränge der Menschen, das einem den Atem nehmen kann. Ein Mensch irrte mehrere Tage im Walde umher und wußte nicht, weiches der rechte Weg Ist. Plötzlich sah er einen anderen Menschen, der ihm entgegenkam. 0a erfaßte ihn eine probe Freude, denn fetzt wQrde er sicherlich ertahren, welches der rechte Weg 1511 Als die beiden einander begegneten, fragte er ihn: ״Hein Bruder, sage mir, wo Isl der rechte Weg? Ich irre schon einige Tage umher." Da antwortete der andere: ״Mein Bruder, ich weiß es nicht, denn auch Ich irre hier schon viele Tage umher; aber ich kann dir sagen: auf dem Wege, den ich gegangen bin, gehe nicht, denn dort geht man irre. Jetzt laß uns einen neuen Weg suchen.יי So auch wir; dies kann Ich euch sagen, daß wir auf dem Wege, den wir bisher gegangen sind, nicht gehen sollen, daß man aut diesem Weg irrt; aber Jetzt laßt uns einen neuen Weg suchen. Urbar.letzt aus dem neuen Budie von Agnort ״Jomim Noraim" (Sdiocken Verlag), aas in der ,,Jüdischen Rundsdtau" Nr. 92 ausführlich besprochen wurde. Die Verkäufer sind meist Juden, arme Juden aus dem Viertel rund um die Synagogen. Denn das ist ein sehr wesentliebes Kennzeichen des holländischen Judentums: es ist nicht zuletzt das Judentum des kleinen Mannes. Nicht mir in der berulullten Dinmantinduslrie sind leer Juden als Arbeiter, beschädigt. Man sieht die jnili-eilen A r b e i t e r in den Werkstatten, in den Speichern, in den Fabriken. Und diese jüdischen Arbeiter sehen in aller Welt gleich aus. Diese liier könnten ebenso aus dem judenviertel von Warschau sein wie aus \Y intechapel oder dem Ghetto voll Venedig;. Die Kinder spielen beglückt ein imaginäres Spiel in einer kiiinnicniciien Sand- Schachtel. Die Frauen sitzen auf der Schwelle vor den Türen der Hauser. Die Männer gellen mit au!gekrempelten Aernid!! umher. Das holländische Judentum . das sind nicht nur die Leute im Zuid, dem vornehmen Vicitcl von Amsterdam, mit seinen berückend weilen Flachen und seinem ,weit aiisschauenclen!,Hitzen. Juden fuhren hier auch ein ärmliches Dasein. Vielleicht sind sie armer, als man gewöhnlich denkt. So geht man weher und weiter du reli die Straßen der Stadt. Mail hat .sich schon den ganzem Fa״ gefragt, wofür wohl die S a tu m I c r 11 n d S;1 m m 1 e r i n 11 e n tätig sind, die mitten im Gewühlt* des Verkehrs ihre Buchse dem Vorübergehenden Hinhalten und dem Gelier eine Ansteckblume ins Knopfloch stecken. ״Wofür sammeln Sie, Fräulein?“ Rage ich eine dieser Sammlerinnen. ״Wir sammeln für ein jüdisches Waisenheim“, erwiderte sie. Und die Sammler seien alle Juden, und Juden und Nichtjudcn geben für diesen wohltätigen Zweck ihr Sclierflein in die Buchsen. Juden und Nicht- Juden gehen mit der Blume im Knopfloch durch die Straßen. Lange sehe ich zu, wie die Sammler am Werke sind. Die Büchsen klappern, die Cents fallen immer neu und neu in sie hinein. Die Blumen sind schön, und Blumen hebt man in Holland. Blumen sind überall. Aber es streut niemand Blumen auf die Wege. Und Juden sind heute nirgends auf Rosen gebettet. Dr. Arno Herzberg I Hingang zur aschhcnasiscln-n Synagoge Amslertlams fenug seien, sich in die Mentalität des holländischen Judentums ineinzitversctzcri. Igs gab hier ja nicht zuletzt auch im Jiidisehen so unendlich viel Neues für viele. Wo fällt es einem in Partie im Amsterdamer Judenviertel i S־' .. ■31,.!' Jubelfeier der Wiener Anteilnahme der Behörden Von unserem Berichterstatter J. R., Wie n, 22. Dezember Die orthodoxen Juden Wiens feierten die 70. Wiederkehr des Jahrestages, an dem die Talmud-Thora-Schule, eine Volks- und Hauptschule für Knaben und Mädchen, das Oeffentiichkeitsrecht erhalten hat. Diese Schule, die in einem schöngelegenen Gebäude, das auch eine Synagoge und das Jüdische Museum Wiens beherbergt, in einer Gasse des alten Judenghetto in der Leopoldstadt, der Malzgasse, untergebraclit ist, und gegenwärtig 50Ü Schüler zählt, ist gleichzeitig ein Stück Wiener jüdischer Lokalgeschichte. Fällt doch ihre Gründung noch unmittelbar in die Zeit des Jahres 1848. Die Gedenkfeier in den festlich geschmückten Schulräumen war durch die Teilnähme zahlreicher Repräsentanten der Schulbehörden des Staates und der Stadt Wien, der Vertreter des Unter- Ticiitsministers, des Wiener Bürgermeisters, des Stadtschulrates, des katholischen Erziehungsverbandes, sowie der Wiener Israelitischen Kultusgenrrinde und anderer jüdischer Institutioiien ausgezeichnet. Nach einem Festakt in der angeschlossenen Synagoge durch Oberrabbincr F ü r s t und der Festrede des Direktors der Schule, Dr. Joei Po Hak, ergriff der Vertreter des Unterrichtsniiiiisiers, Ministerialrat Dr. Ludwig״ Battista, der Referent für Volks- Schulwesen in Oesterreich, das Wort zu einer längeren Ansprache, in der er zunächst die Grüße des Untcrrichtsministers überbrachte und weiter den Erfolg dieser Schule hervorhob, deren ehrlicher Erzicluingsvvilie die Österreichs sehen Sdiu'behörden mit Sympathie erfülle. Es sprachen noch die Vertreter des Bürgermeisters und des Siadtschurates. Bundespräsident M i k 1 a s sandte der Talmud - Thora ־ Schule Schule ein lier/lich gehaltenes (ilückwiiiischsdmibui, in weichm der Genugtuung über die Erziehung der Jugend im Geiste der Bibel Ausdruck gegeben wird. De» Abschluß des Festaktes bildeten I )arhiefiingei! der einzelnen Volksschulkiassen. 111 acht Bildern demonstrierten die Zöglinge die großen sozialen Einrichtungen der Schule. Für die hebräische Sprache. Aus London wird uns geschrieben: Am lfi. Dezember gab das Ehepaar Dr. Sachs in ihren! schönen Haus in London-Kilbiirn einen Empfang für die .,Freunde der hebräischen Kulturhewegung“. Es kamen ca. 70 Personen, darunter mehrere Palästinenser. Den Vorsitz führte Leon Simon, der den anwesenden Dr. Alfred Klee herzlich begrüßte und Prof. Rrodetsky das Wort erteilte, der einen Vortrag über ״Die Bedeutung der hebräischen Bewegung in der Diaspora“ hielt. E. L Der Vertreter des österreichischen Unter riclUsininislers, Ministerialrat Dr. Lud■ wig Battista, bei der Begrüßungsansprache AuiUndsfot

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