Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 102 (24.12.1937)
- Date
- 1937-12-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 J 0 D I S <~ H c RUNnsCHAU Nr. 102. 24. XII. 1937׳ Verständlichkeit empfand, über die man gar nicht mehr ins jüdische Haus; oft gerade bei solchen Juden, die sich als ״jüdisch-religiös“ (natürlich im liberalen Sinne) bezeichnten. Es genügt nicht, darüber empört zu sein, wie es verständlicherweise bewußt jüdisch Denkende sind, weil sie mit Recht in diesem Verhalten eine der peinliebsten jüdischen Würdelosigkeiten sehen. Wichtiger ist, sich darüber Gedanken zu machen, wie es dazu kommen konnte. Die Judcnhcit in Deutschland ist ja seit fünf Jahren stärker als die anderen zur Assimilation neigenden jüdischen Gruppen der Welt zum Denken gezwungen. Sie hat gelernt, daß ein kritikloses Mitdem-Strom-Schwimmen nicht immer die höchste Weisheit Ist, und sie ist sich heute auch ihrer Sonderstellung klar bewußt. Wir glauben sagen zu können, daß in Deutschland die große Masse der Juden, vor allem auch die gesamte jüdische Jugend, kein Verlangen mehr hat, nichtjüdische Bräuche mitzumachen, und versucht, sich ihre eigene jüdische Formenwelt wieder aufzubnuen (die Eiemente des Neue n, das wir Juden seit der Zerstörung der altjüdischen geschlossenen Formenwelt durchlebt haben, enthalten muß). Dennoch macht jeder von uns die Erfahrung, daß die atavistischen Neigungen in manchen Herzen nicht ganz erloschen sind. Man ist sprachlos, wenn man hört, daß Juden in Deutschland auch jetzt noch Weihnachten feiern; und daß ausgewanderte Juden in ihren neuen Wohn’,andern auf dieses Fest in der Form, wie sic es aus Deutschland mitgebracht haben, nicht verzichten, gehört zur Charakteristik derer, die meinen, es käme nur darauf an, mit einer geographischen Veränderung das frühere Leben fortzusetzen. Demgegenüber kann man nur immer wieder von den Menschen fordern, daß sie nicht gedankenlos dahintreiben und daß sie eine Zeit eines gewaltigen Umbruchs aller Werte auch als eine donnernde Mahnung für ihr persönliebes Leben empfinden. Da wir alle die Erfahrung gemacht haben, daß unser Judesein kein nebensächlicher Zufall ist, sondern tief in unser persöjiliehcs und kollektives Schicksal eingreift, haben sich viele die Frage vorgelegt, was dieses Judentum sei und bedeute. Nicht alle sind in diesen l'eberlcgungen und Untersuchungen (man könnte auch sagen: im Nachlernen von Versäumtem) weit gekommen; denn wir alle haben wenig Zeit für beschauliche Betrachtungen, wenige haben Geduld zum Studium, die außerordentlichen Anfordernngen der Umgestaltung des äußeren Lebens und der Wanderung nehmen 1ms ganz, in Anspruch. Aber gerade ein solcher Anlaß, bei dem religiöse Vorstellungen mitspielen und wir uns abzugrenzen haben, drängt uns die Frage nach unserem eigenen geistigen Ur- Sprung auf. Es fügt sich, daß am Schabbat dieser Woche, der mit dem 2□. Dezember zusanimcnfällt, der Wochenabschnitt von der Berufung Moses* zum Führer des jüdischen Volkes gelesen wird. Die jüdische Bibel kann uns in vielem ein Wegweiser sein, weil sie in den wichtigsten Dingen das menschliche Verhalten so darstellt, wie es ist; die Natur der menschlichen Seele aber bleibt in allen Zeiten dieselbe, auch wenn die äußeren Verhältnisse sich ändern. Die erste Kindheit Moses* ist zwar mit einer Art ״Wunder“ verknüpft, aber es ist nicht davon die Rede, daß er schon bei seiner Geburt oder durch sie zu einer überirdischen Mission ausersehen war. Erst im reifen Mannesalter gerät er plütz* lieh vor den brennenden Dornbusch. Der Bericht darüber, was ihm dort geschieht, gehört zu den großartigsten und geheimnisvollsten Erzählungen der Menschheit. Ihm begegnet das verzehrende Feuer, das nie erlischt, und aus dem cs spricht: ,,Ich bin, der Ich bin“, also das s c 111 e c!11 h i n S c i c 11 d c. Moses aber verhält sich wie jeder Mensch in ähnlicher Lage; er sagt zunächst: ״Schicke doch einen anderen.“ Diese einmalige historische Situation, von der uns hier berichtet wird, ist eine in veränderter Form immer wiederkehrende, bei jedem wiederkehrende, und für uns Juden sozusagen der grundlegende Vorgang. Wenn das Judentum uns nichts überlieferte als diese eine große Offenbarung, es wäre schon ein unverlierbarer, unschätzbarer Besitz. Moses wird nicht von der Verantwortung befreit und vollführt sein schweres Amt. Dieses aber ist nicht mehr oder weniger als die Gestaltung des gesamten menschlichen Zusammenlebens, das durch die menschliche Natur mit ihren vielfältigen Trieben immer wieder bedroht ist, denn des Menschen Seele ist schwach und selbstsüchtig, und erst auf einer höheren Stufe ordnet er sich bewußt einer Gemeinschaft ein lind einem Gesetz unter. Ohne die Anerkennung der Autoritat eines geistigen Prinzips aber kann die menschliche Gesellschaft nicht bestehen. So empfangt Moses später die steinernen Tafeln und gibt dem Volke ihre Lehre weiter, jenes Gesetz, von dem ein Historiker des vorigen Jahrhunderts (Leopold v. Ranke) sagt: ״Eine erhabenere Inauguration des sittlichen Lebens in der menschlichen Gesellschaft könnte nicht gedacht werden...“ Diese Anerkennung des Primats der Sittlichkeit vor allem materialistischen und selbstgerechten Antrieb ist das große Erbe des Judentums und sein geschiehtliches Fundament. Die sittliche Forderung wurde freilich auch von den Juden selbst noch lange nicht erfüllt. Aber in einer Zeit, in der die Probleme des Zusammenlebens von Menschen und Völkern wieder in weit höherem Maße als vorher fließend und offen geworden sind, begreifen wir den Sinn solcher Gedanken eindringlicher als früher. Hat doch das Judentum immer mit der Wirklichkeit dieser unserer D i c s s c i t s w e I t gerechnet, auch wenn sie den Idealvorstellungen nicht entsprach. Die Erzählung der jüdischen Bibel verschweigt weder Um die Existenz Jüdische Wirtschafftssorgen in Polen und Oesterreich Alljährlich in der Weihnachtszeit häufen sich die Meldüngen über Boykott-Aktionen, die in verschiedenen Teilen der Welt gegen jüdische Geschäfte unternommen werden. 1!1 den letzten Wochen sind derartige Nachrichten aus Polen eingelaufen, wo in großen Teilen des Landes eine von den rechtsradikalen nationaklemokratischen Kreisen organisierte Aktion gegen den Kauf in jüdischen Geschäften in Szene gesetzt wurde mit Flugblättervertcilung, Postenstehen vor den jüdischen Läden usf. Es kam int Zuge der Aktion auch zu erheblichen Ruhestörungen, die leider, wie wir in unserer vorigen Ausgabe meldeten, ein jüdisches Todesopfer gefordert haben, und am vergangenen Sonntag fanden in Warschau größere Zusammenstöße statt. Auch aus Wien und anderen Orten Oesterreichs wird von einer ähnlichen Aktion berichtet, die dort von Gewerbekreisen ausgeht und unter der Parole ״Christen, kauft bei Christen“ geführt wird. In der Bürgerschaft der Stadt Wien hat Dr. Ehrlich in einer mannhaften Rede, über die wir heute an anderer Stelle berichten, gegen diese Aktion protestiert. Die Waffe des Boykotts ist dem jüdischen Volk gewiß nicht unbekannt, so daß cs von den Nachrichten über solche Aktionen nicht überrascht wird. Es ist unzweifelhaft eine zweischneidige Waffe, da insbesondere infolge der Verflechtung der modernen Wirtschaft durch den Boykott einer bestimmten Gruppe ungi'rnstige Rückwirkungen in anderen Zweigen der Wirtschaft eintreten können, etwa bei Lieferanten, Kreditgebern usw., die mit den Boykottierten wirtschaftlich verbunden sind. Dennoch können wir die Größe der Gefahr nicht verkennen, die in der Anwendung dieser Waffe gegen Juden liegt. Der Boykott ist nämlich für die Betroffenen auf alle Fälle dann von Gefahr, wenn es sich bei ihnen um eine wirtschaftliche Gruppe handelt, die?.war gewiß eine wichtige Funktion im Rahmen der Gesamtwirtschaft ausiibt, aber in ihrer finanziehen Kraft nicht besonders stark ist — und dies ist bei der Mehrheit der jüdischen Handelstreibender! in den östlichen Ländern der Fall —, und ferner, wenn es sich nicht so sehr um einen Kampf gegen Unternehmungen der primären Stadien der Produktion handelt als um solche des Verteilnngsapparates, so daß also durch ihre Schädigung oder Vernichtung keine allzu tiefgreifenden Störungen des Wirtschaftskreislaufes eintreten. Die Situation der polnischenjudcn hat sich jedenfalls durch die erneute Verschärfung der Boykottparole wiederum zugespifzt. Der Kampf geht zwar nicht von der Regierung oder irgendwelchen offiziellen Stellen aus, sondern wird von bestimmten Parteigruppen getragen, aber cs ist nicht zu leugnen, daß er in der Bevölkerung auf Sympathien stößt und daher für das wirtschaftliche Schicksal der polnischen Juden von größter Bedeutung werden kann. Noch auf einem anderen Gebiete hat sich in der letzten Zeit eine Form des Boykotts gegen Juden herausgebiidet. Wir meinen den sogenannten ״gesellschaftlichen Boykott“. Dies war früher eine Erscheinung, die mehr im Leben der westlichen jüdischen Gruppen anzutreffen war und eigentlich auch dort nur von sehr feinfühligen Beobachtern gespürt wurde, handelt es sich doch sozusagen um eine ״unsichtbare Wand“, die die Juden, die im öffentlichen Leben voll anerkannt sind, dennoch von gewissen exklusiven Einrichtungen fernhält. Im Osten ist für diese Ersehe!- nung eine massivere und deutlicher sichtbare Ausdrucksform gefunden worden, , nämlich durch die Einrichtung von Ghettobänken an polnischen Hoch- und zum Teil audi Mittelschulen. Hierin zeigt sich deutlich der Wunsch nach gesellschaftlicher und persönlicher Abson* de rung, wenn auch darüber hinaus damit der Gedanke verbunden ist, den Anteil der Juden am Hochschulstudium noch weiter herabzudrücken, als es bereits geschehen ist. Die besondere Gefahr dieser Erscheinung liegt aber darin, daß sie ansteckend wirkt, wie Meldungen aus der letzten Zeit beweisen, die von derartiger Agitation In Rumänien und sogar in Jugoslawien zu berichten wußten. Das Problem des Boykotts spielt nicht allein im Rahmen des Kampfes der Juden um ihre Stellung als Minderheit eine Rolle, sondern auch im Palästinaproblem. Bekannt ist, daß nach den Unruhen von 1929 eine heftige arabischjüdische Boykott- und Gegenboykottbewegung ausbrach, die allerdings nach relativ kurzer Zeit wieder abflaute. Auch heute gibt es derartige Parolen von arabischer Seite, insbesondere in den Ländern des Vorderen Orients, die sich gegen jüdische Industrieprodukte aus Palästina richten. Es ist interessant zu beobachten, daß, soweit cs sich um wichtige industrielle Produkte Palästinas handelt, die z. B. für den Baumarkt von Bedeutung sind, diese Parolen nur eine «dir geringe Zugkraft haben, was beweist, daß die Boykottparoteil dann unwirksam sind, wenn derjenige, gegen, den sie sich wenden, eine gewisse wirtschaftliche Kapazität besitzt. ln diesem Zusammenhang ist noch eine Frage zu erwähnen, die zu falschen Auffassungen Anlaß gegeben hat. Wir meinen das Problem der jüdischen Arbeit in Palästina. Es wird gelegentlich von Kritikern gesagt, bei der Forderung der 100 ®,׳eigen Beschäftigung jüdischer Arbeiter in der jüdischen Landwirtschaft und Industrie Palästinas handele es sich um eine Boykottparole gegen die Araber des Landes, die daher hierin einen berechtigten Beschwerdepunkt besäßen. In dieser Auffassung liegt eine Verkennung der tatsächlichen Verhältnisse. Die Forderung nach 100 0,oiger jüdischer Arbeit — die bis heute nur eine Forderung geblieben ist, da sie von gewissen Teilen der jüdischen Unternehmer Palästinas in der Praxis nicht anerkannt wird — ist darin begründet, daß der jüdische Sektor der Wirtschaft Palästinas auf zusätzlich ins Land gebrachtem privaten und nationalen Kapitel beruht, und daß die Einfuhr dieses Kapitals zusätzliche Arbeitsmöglichk eiten schafft, die jüdischen Einwanderern zugute kommen sollen. Auch ist darauf hinzuweisen, daß bei arabischen Unternehmern ohnedies fast ausschließlich Araber Beschäftigung finden, so daß die Juden auf den jüdischen Arbeitgeber angewiesen sind. Es tritt also durch eine Ver* wirklichung der Parole der rein jüdischen Arbeit keine Verdrängung arabischer Arbeitskräfte ein, was zum Wesen eines Boykotts gehören würde. Und nichts wäre ja auch so wenig verständlich, als daß ausgcwa’hderte Juden einer solchen Parole folgen würden, die selbst in den Ländern der Zerstreuung die Gefahr und die Sorgenlast erlebt haben, die mit dem gegen sie geführten, auf Verdrängung aus ihrer bisherigen Eixstenz abzielcndcn Wirtschaftsboykott verbunden sind, Schwächen noch Fehler der Großen des jüdischen Volkes, noch täuscht sie Idealzustände vor, die nicht erreicht sind. Achnliches gilt für unsere Zeit. Wem ist der Ruf ״Frieden auf Erden“ nicht aus der Seele gesprochen! Der Prophet Jesaja verkündet ״Frieden, Frieden, dem Fernen und Nahen“, und erst vor einigen Tagen bezeichriete ein bedeutender englischer Jurist (s. Nr. 101) den Friedensgedanken als den Kern der jüdischen Ethik. Aber wir brauchen nur einen Blick auf den heutigen Weltznstand zu werfen, um zu fühlen, wie wenig diese Botschaft eine diesseitige Realität widerspiegelt. Es ist ein entrücktes Ziel, wir Juden verlegen es in die (ferne und zugleich nahe) ״messianische“ Zeit, die — nach unserer Anschauung — noch nicht angebrochen ist. Das Problem, das Moses aufgegeben war, ist noch lange nicht in der Wirklichkeit gelöst. Wir Juden erkennen bei uns selbst die Schwächen und Mängel, wir sollen uns fcrnhalten von Ruhmredigkeit und Ueberheblichkeit, zu denen wir keine Berechtigung haben, aber wir sollen auch das Große, das unser ist, vor allem die große Vcrheißung, nicht verkennen und nicht gcriugschätzen. Wir können in der Bereitschaft, in unserem Kreise zu verstehen und zu verzeihen, nicht zu weit gehen. Dem Naiven und Ahnungslosen kann man manches cntschuldigen, aber wer zum Denken gezwungen war, hat nicht mehr Anspruch auf Entschuldigung. Unsere Situation erfordert eine Neu-Oricntierang gegenüber den U11- Sitten der Emanzipationszeit, die man damals bei den ״Aufgeklärten“ als harmlos empfand. Wir werden unser Recht vor der Welt erst dann mit innerer Stärke behaupten können, wenn wir aufhören, nach dem zu schielen, was nicht unser ist, und das Eigene gering zu schätzen. Schon der Respekt vor dem Glauben and Brauch des anderen verbietet eine solche Grenziiberschreitung; auch wir werden mehr respektiert werden, wenn wir den Rest dieses immer wieder verlockenden Strebens, zu scheinen, was wir nicht sind, aufgeben. Auß jeden kommt es an und Reiner darf sprechen ,,Sende doch *einen anderen“. Nicht immer ist es leicht, in den Stürmen und Unbilden des Lebens die Haltung m bewahren, besonders wenn quälende Existenzsorgen den Rücken beugen. Wo wir aber im Reiche des Geistes Klärungen vornehmen, darf es uns an Stolz und Würde nicht gebrechen. Statt billiger und nichtssagender Freuden der Gewohnheit werden wir dann die echte Freude kennenlernen, die aus innerer Freiheit kommt.!״Werner Lcß | Wir wurden in Königsberg gemeinsam ins KJV. aufgenommen, in einer Zeit, die uns noch sorgenfrei und unbeschwert sah. Von den sechs jungen Bumlesbrüdern fuhren kurz danach drei nach Palästina. Man wußte von ihnen, daß sie den zionistischen Weg nach langer Blindeserziehung sicher fortsctz.cn werden. Nur von einem wußte man nicht, ob er imstande sein werde, diesen Weg intensiver zionistischer Schulung und persönlichen Einsatzes zu gehen. Werner L e ß war uns durch Freundschaft ver- Bunden, hatte aus einem assimilierten westjüdischen Milieu zu uns gefunden, ein künstlerisch sehr interessierter, besonders musikalisch begabter Mensch. Sehr bald verließ er unseren Kreis, war jahrelang in Südamerika und man hörte kaum noch etwas von ihm. Nach mehreren Jahren kam er zurück und war uns nicht entfremdet. Er fügte sich unserem Kreis schnell wieder ein, setzte sich genau so wie wir in dem Kampf ein, den wir im Jahre 1932 im Judentum Ostpreußens um die zio• nistisehe Entscheidung führten. Er fand keine Beschäftigung und entschloß sich — ohne Zweifel auch unter dem Druck dieser Tatsache — im Januar 1933 nach Erez Israel zu gehen. Wir sprachen viel über den Weg, den er vor sich hatte, mit geringer Kenntnis der Chaluzh ■wegung und ohne tiefe Be~ Ziehung zu ihr. Wird er auch; s Erez Israel zurückkommen? Die ersten Berichte, die wir über ihn a!1s dem Lande hörten, zeigten die Entwicklung eines neuen Einwanderers, der versucht, auf dem Lande ruß zu fassen und alles, was er nicht vorher wußte, sich durch bittere Erfahrung aneignen mußte. Vor einem Jahr traf ich ihn in Ejn Charod, Er war Chawer des Meschek und arbeitete im Kuhstall. Wir hatten eine sehr lange Unterhaltung — in Hebräisch dieses Mal —- und ließen noch einmal seine Entwicklung von dem assi* milierten Elternhaus in Königsberg bis zur Zeit der Wende im Jahre 1936 an uns vorüberzichen. Es .war ein Weg voller Enttäuschungen im Anfang, voller Befriedigung in der letzten Zeit. Seine Sorge galt seiner Schwester und deren Kindern. Er hatte sich für ihre Alijah eingesetzt und war sich der Verantwortung für sie bewußt. Er war zufrieden in der Arbeit und war mit großer Selbstverständlichkeit Chawer geworden. Eines der größten Erlebnisse war für ihn das Huberman-Konzert in Ejri-Charod, und er betonte mehrmals, wie wichtig es für ihn ,gewesen sei daß er Gelegenheit hatte, Klavier zu spielen — für sich, für die Chawerim, für die Kinder des Meschek. Er besaß die Ausgeglichenheit eines Menschen, der die Sicherheit in der Arbeit gefunden hat, und ich verließ ihn mit der Gewißheit, daß die erzieherischen Kräfte der Cliahtzbeweguiig früher unerfaßte und fernstellende Mensehen formen und prägen können. ׳— Und jetzt kommt die Nachricht, daß er ein Opfer des sinnlosen Terrors geworden ist. (Vgl, S. 9 — A. d. Red.) R. Rudberg Verantwortlicher Redakteur: Dr, Robert Welt sch, Berlin-CharL 9 (auch verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter: Kurt Loewent tein, Berlin W 15. Anseigenleiter und verantwortiiili fiir den Inhal( der Anzeigen: Erich Lieptnann, Berlin W IS. Gültig Anzeigen• Preisliste 6 vom 1. April 1038. Verlag und An- ׳: ׳v. nltung: Jüdische Rundschau, Berlin W IS, Meiadcestr. 10. D.A. üf/1937 28604. — Prunk: Siegfried Schalem, Berlin-Schöneherg.