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Jüdische Rundschau · 1937-12-21 · Heft 101 (21.12.1937) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 101 (21.12.1937)
Date
1937-12-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU PALÄS TI Nr. 101, 21. DEZEMBER 1937 Fahrt in den Negew Der Negew, das große Süd-Gebiet Palästinas, das flächenmäßig etwa die Hälfte von ganz Palästina ausmacht, steht neuerdings infolge des T c ilun gsplans im Vordergrund des Interesses. Die Frage, oh dieses heute ganz wüste Gebiet hewohnhar und hcsiedelbar gemacht werden kann, ist noch nicht entschieden. Alles hängt vom Wasser ab, dem fetzt die Bohrungen gelten. Der nachstehende Aufsatz beschreibt in launiger Form das Erlebnis einer Aut o reise durch (durch Photos illustriertes) Bild der Landschaft, die nur den nördlichen Rand dieses Gebietes und gibt zugleich ein wenige Palästinenser bisher kennengelernt haben. (Red.) Die neue Straße Von E. Henschel-Simon (Jerusalem) Wenn Sie in der Zeitung lesen, daß eine neue Straße gebaut worden ist, dann wollen Sie doch auch wissen, was da los ist? Besonders wenn ein Teil der vorhandenen Straßen von Räuberbanden unsicher gemacht wird und wenn es überhaupt gar nicht so viel« in dem ganzen Lande gibt. ... stehen die kahlen Kalksteinwände senkrecht in die Höhe iliill Die Straßenbauverwaliung hatte uns diesmal nur mit einer ״second «lass road“ (Straße 2. Klasse) bedacht, sie sollte in Beerscheba anfangen und am Südende des Toten Meeres ihr Ende haben. Wo ist (He Straße? Irgendwas stimmte nichte. Neue Straße? fragten sie in Beerschcba. Bahr el Usdum, Totes Meer? Wir sollten lieber warten, bis der Polizeichauffeur käme, in einer Stunde, der wüßte sicher. Oder der Officer. Dann kam noch einer, der wußte: Kurnub, da müßte inan zuerst hin. Wir fanden das genug für den Anfang, wollten aut keinen Fall eine kostbare Stunde warten, nahmen uns einen kleinen Jungen aufs Trittbreit, der uns aus Beerscheba heraus und auf den richtigen Weg lotsen sollte, und legten los. Daß zunächst mal die Sache mit den auf der Generalstabskarte eingezeichneten Bächen nicht stimmte, wußten wir ja. Bäche sind hierzulande im Sommer nicht blau und nicht aus Wasser, sondern aus Stein, aus vielen tausend Millionen Steinen. Aber die Wege, aber ״unsere“ Straße? Dünne braune Linien auf der Karte sind Kameipfade; ein Kamel ging mal da, und alle andern gingen nach, so daß es ein ausgetretenes Feldweglein ergab. Doch ach, im September ist die ganze Gegend braun, gelb, abgebrannt. Es ist nicht viel Unterschied zwischen Weg und Nichtweg. An verwehten Furchen kann man erkennen, wo das Land im Frühjahr bebaut ist, denn was die meiste Zeit des Jahres Wüste ist, grünt dennoch für einige kurze Wochen. ״Unsere“ Straße auf alle Fälle, das war bald klar, war keine Straße, keine ״dicke braune Linie“, keine ״second dass road“ — war ein Etwas aus viel Sand mit einer Autoreifcnspur, die oft genug im verwehten Sande verschwand. War Steine, kleine, große. Immerhin waren manche der Steine sinnvoll, rechts und links sauber aufgereiht: hier ist dein Weg; Hansel hatte Sternchen gestreut und sie waren liegen gcbücben. Wir, in unserm Ford, waren gleich zwei Hansel und zwei Gretel, die unserer Steinspur folgten. Und nun begannen die märchenhaften Dinge: zunächst ein Wegweiser, der drehbar war und zweierlei wußte, aber es falsch nachplapperte, denn er war falsch eingestellt. Mit Detektivspürsinn bekamen wir aber sein Geheimnis aus ihm heraus — es konnte nur rechts nach Kurnub gehen. Einer kletterte hinauf und brachte ihm bei, wie er zu stehen habe — bis der nächste Beduinenjunge doch wieder seine Steine nach ihm wirft und ihm seinen Sinn verwirrt. Kurnub zum mindesten war keine Sage. Ganz groß war es in weißen Steinen auf die Erde geschrieben, fiir die Flieger. Es gab eine blitzsaubere Polizeistation und eine große kaputte Stadt, die aussah wie ein Riesenkinder- Zimmer, nachdem alle Häuser eingestürzt und der Baukasten .. steil herauf steigende Schichten, oben abgehackt *Pf ' sM*: ■י?;"» -Ir-.CÄ;. I - :' Wfl noch nicht wieder eingeräumt worden war. Doch aus diesen Steinen waren einmal römische Häuser und Tempel, waren byzantinische Kirchen gebaut. Arabische Polizeistation Die Polizisten waren ein bißchen erstaunt über vier verrückte Europäer — sie hatten uns mit ihren Ferngläsern längst entdeckt, machten uns einen herrlichen Tee und beklagten sich über die Einsamkeit. Ihre Herzen dürsteten nach Kino, während wir sehr gern ein paar Tage in ihrem netten Gärtchen gesessen hätten, in dem leichte׳' Wind, der vom Westen, vom Meere her, kam. Ein uralter Ford ohne Räder stand im Gärtchen, das war ihre Radiostation. Daher war auch ein englisch sprechender Funker da, so daß man sich verständigen konnte. Und sauber war es bei ihnen! Und nett waren sie alle miteinander, der dicke Korporal und seine Mannschaft, alle natürlich Araber, einer davon war ganz schwarz. Der Funker wird nach zwei Monaten abgelöst, die andern nach sechs. Zusammen mit ihm verdolmetschten wir nun die Angaben des Korporals auf der Karte, denn er wußte zwar den Weg, konnte aber keine Karte lesen. Am selben Tag war ein zehnjähriger Araberjunge allein in der Wüste aufgegriffen worden — er wollte nach Aegypten. Vor Kurnub waren wir uns auch ungefähr so vorgekommen, mutatis nmtandis, weil wir ein Auto hatten, vier waren und keiner davon 7,ehn Jahre, jetzt sah es schon etwas vernünftiger aus: wir wußten den Weg. Aber was nützt einem ein Auto, wenn es im Sand stecken bleibt? Nur sehr wenig. Das jedenfalls geschah sehr bald hinter Kurnub. Wie es sich für Wüstenfahrer gehört, hatten wir zwei lange Bretter mitgenommen, um sie vor die festgefahrenen Räder eingraben zu können, sozusagen ein Stück ״first dass road“, das wir treulich hinten auf den Wagen aufgeschnallt hatten. Das also klappte, und wir hatten unsern ersten Wüstentribut bezahlt. Die Furchenfelder hatten längst aufgehört. Außer Sand gab es dorniges Gebüsch, dein auch schon kleine Sandwehen den Garaus zu machen versuchten. Nun fing es jedoch an, geologisch zu werden. Ich habe immer bedauert, nicht in der Gegend gewesen zu sein, als unsere Erdoberfläche gemacht wurde. Es muß toll zugegangen sein. Hier kam das erste Vorspiel: ein Gebügsziig, dessen waagerechte Schichtungen einfach in die Höhe gerichtet waren, so ein bißchen um 90 Grad gedreht. Schließlich war man oben angelangt. Höher als man selbst waren nun wieder ebensolche Berge: steil heran[steigende Schichten, oben abgehackt und die Abhänge vom Wetter abgefressen. Und unter uns: es war, als stünde man hier oben unmittelbar nach der Geburt dieser Landschaft. Die Erde war eingesackt in einem großen Längsriß, von Syrien bis weit nach Afrika hinunter; auf das gewaltige Getöse, das so weit drang, wie Schallwellen liefen, war die große Stille gekommen; Stille, Totcinsamkcit, Oede. Da lag ein Teil davon vor uns, unmittelbar nach der Erschaffung der Welt. Nur zwei Gemeinschaften hatten überlebt: die Fliegen und wir vier in unserm Ford. Dann gab es wieder ein Stück reichlich rauhe Wirklichkeit. Z w e i u n d 7. w a n z i g Kurven, steil, eng, mit hunderttausend Millionen Steinen besät. Unten ein Stück Steinwadi, Steinflußbett, dann plötzlich zwei grüne große Bäume und mit ihnen Leben. Eine Quelle, zwei Polizisten auf Kamelen, Beduinen und Herden. Wir schrieben uns in ein Buch, das uns wie das Gästebuch der Wüste vorkatn. Die Eintragungen nur arabisch, die letzte vor vielen Tagen. Wir prangten etwas fremd darin mit Autonummer. Kamele sind nicht numeriert. Steppe und Sumpf Dann ein Stück Steppe mit afrikanischen Tcrcbinthcn, Schirmbäumen. Nicht sehr grün, aber immerhin Leben verratend. LJnd dann wieder zurück in die Vorgeschichte der Erde. Ein breites Flußbett, mit vom Wasser geschliffenen Stein eit sauber bedeckt, flach wie eine Rennbahn. Aut beiden Seiten stehen die kahlen Kalkstcinwände senkrecht in die Höhe, vom Wasser ausgefressen und oben völlig flach. Es ist sehr leicht vorstellbar, wie es war, als noch das Wasser das ganze Tal füllte. Ohne das Wasser ist es tot, abgesforbener als alles, was wir bisher gesehen haben. Hier sollte man ein Zelt aufstellen und ein bißchen wohnen. Dann kam der Sumpf, immer noch südlich vom Toten Meer. Plötzlich ist alles grün, es gibt hohes Schilf, Binsen. Hier sollen noch Büffel wohnen. Ganz am Rand ist der Pfad, Buckel an Buckel, Sand, sehr schmal. Morgen werden wir ihn feucht von Tau und klitschenaß finden. Keine Steine mehr, die den Weg weisen, kaum hier und da die Reste einer Wagenspur. Etwas verführerisch Breites, was rechts abführt. Aber Sandbuckel, selbst wenn sie so kurz sind, daß der Wagen hinten aufschlägt, sind immer noch sicherer, als im Sumpf zu versinken, und so fühlen wir uns vorsichtig weiter. Als wir es schon ganz aufgegeben^ hatten, je irgendwo anzukoinmen, lag da plötzlich etwas Gebautes mit Maschinen; dennoch das Pottasch-Werk. Wir wußten, daß Europäer dort arbeiteten — davon allerdings war nichts zu sehen. Ein paar Zelte, Baracken, Araber, das war alles. Aber da es nun wirklich einen Weg gab, fuhren wir einfach weiter. Irgendwas würde vielleicht noch kommen, 120 Europäer kann man nicht so ganz verstecken. Weit vor^nns lagen milchiggriine Flächen, wie hellgrüner Schnee: die Salzbassins. ״Mein Gott, aus Jerusalem, mit zwei Frauen . , .** 217 Kilometer von Jerusalem entfernt war dann endlich alles beieinander aufgebaut. Das Tote Meer, ein hohes weißes Haus, viele Barackeiihäuser mit Fliegengittern als Wänden. Leute standen da (es war Feiertag) mit ein bißchen offenen Mündern. ״Aus Jerusalem? Mein Gott, aus Jerusalem, mit zwei Frauen?“ Wir mußten uns wohi auch etwas wundern, da alle so sehr überwältigt waren. Es gab nun viel Hin und Her, eigentlich darf man nicht 11 er ein, aber wie soll man Leute wegschicker!, mit zwei Frauen, die auf dem Rückweg bestimmt in der Wüste von der Dunkelheit überrascht werden würden? Nein, man konnte nicht, man tat es nicht, aber man hatte es nicht leicht mit Jerusalem. Ich fürchte, wir haben jemandem, der sich wie ein Löwe für uns Unbekannte geschlagen hat, Unannehmlichkeiten gemacht. Dieser Teil des Abenteuers gipfelte in einer Zeitungsannonce acht Tage später; das Süd werk ist für Besucher ge¬ ... gab cs dorniges Gebüsch, dem (inen schon kleine Surtd• wehen den Garaus zu machen versuchten mm *mm!•™Ski •VW* . * / ׳•5י? “siW ־רי*#י«י' ■.,;-Ss sperrt. Erlaubnis zum Betreten ist nur in Jerusalem zu erhalten, — Es war dann nicht ganz so schlimm, weil wir einen Rcgicnmgsbeainteii dabei hauen, aber dennoch ... Zu Lots Frau Und sie waren alle miteinander so reizend zu uns Eindringlingcn, Indien 1111s zur Nacht in richtigen betten in riehtigeti Zimmern aufgeiionuncn, Italien uns zu essen gegeben und sind mit uns zu Lots I rau spazieren gegangen, ehe wirklieh aus Salz, hoch oben auf einem Berg stellt, der, elf Kilometer lang, wirklich aus wirklichem Salz besteht. Er sah sehr sandig und schmutzig aus, aber wir haben trotzdem und gerade deswegen daran geleckt. Ls ist sehr schwer, so etwas bloß aufs Ansehen hin zu glauben, aber eine Zunge kann inan über Salz oder N'ielusaiz nicht tauschen. Wir glauben es nun für alle Zeiten. Hier also lag Sodom, lag Gomorrha, nun für immer von den Bassins begraben, wo sie das Wasser des Meers verdunsten lassen und dann die Chemikalien abschippen. Oder es liegt noch etwas südlicher, unterm Sumpf. Doch auch Lots Frau hat den Grabeiieitibrudi nicht gesehen, bei dem ich so gern dabei gewesen wäre — der war denn doch liocb etwas früher. Da leben mm 120 Juden in dieser Wellabgeschiedenheit, schlafen hinter Wänden aus Moskitonetzen und arbeiten bei Temperaturen zwischen -10 und iO Grad herum, und oft darüber, 400 Meter unter dem Meeresspiegel, arbeiten nicht anders, als ob sie sich unter einem normalen Himmel und in normaler Umgebung bewegten. Wir fanden cs sehr hübsch heilt, obgleich wir keine Hand gerührt haben und obgleich nur 37 Grad waren, eine ganz außergewöhnliche Kühle; aber ganz Palästina war ja im Sommer 1937 unwahrscheinlieh kühl. Sehr viel Intellektuelle arbeiten hier, als Arbeiter, nicht in gehobenen Stellen. Unter den vielen Männern zwölf .Mädchen. Wie sie alle im Spciscrauin bei ihrem Essen saßen, Sic drehten und schraubten ... Foto!: Vert, tSSisiiii ׳ * •..׳ '..,•״!!1 * waren sie allerdings recht schweigsam. Und doch wurde später am Abend mit Verve und Ausdauer getanzt, gesimgen und gespielt (aber es war, wie gesagt, Feiertag). Wir kamen uns nicht nur als Eindringlinge vor — Spazierfahrer, auch wem! sie zu Haus arbeiten, wirken an einer Stelle, wo besonders schwere Arbeitsbedingungen sind, immer fehl am Platz. Wir haben uns daher sehr klein gemacht und nicht allzu viel gefragt. Wir möchten hier gern noch einmal ״Danke schön“ sagen. Rückfahrt mit Hindernissen Am nächsten Morgen fuhren wir als erfahrene Wüstenwandercr wieder ab. Man bot uns an, die beiden Frauen im Schiff zuriickzuschaffen, dem gewöhnlichen Verbindungsmittel mit der Weit, und wollte Männer statt dessen mitgeben. Aber den beiden Frauen leuchtete das nicht ein. Es gibt auch Frauen, die halbe Sachen nicht gern haben. Den Mannern dagegen, besonders dem, der fuhr, gefiel im Kalksteinwadi, dem Tal, das so sehr an das Königsgräbertal in Aegypten erinnert, die Kupplung am Wagen nicht. Sie schleifte. Die'22 Kurven hießen, eine Steigung von 400 Metern aut zwei Kilometern, und was für welchen! Würde er es schaffen? Dort stecken bleiben, hieß zwei Tage durch Sand und Hitze zu den netten Polizisten in Kurnub, oder zwei Tage nach dem Toten Meer zu lauf cm. Man konnte es sich aussuchen. Allerdings würden sie uns von beiden Stellen inzwischen suchen' denn hier und dort hatte man ein Auge auf uns. — Beide Männer waren keine Automechaniker, hatten aber verschiedenes läuten gehört. So krochen sie unter den aufgcbockten Wagen, guckten in ihr Kochbuch, die Ford-Instruktion, und drehten und schraubten und taten und machten — und siehe da, sic haben richtig gedreht und geschraubt und getan und gemacht, die Kupplung faßte wieder, wir kamen die kurven hinauf, wir kamen nach Kurnub und bekamen unseren Tee und das Geständnis, sie hätten die ganze Nacht nach uns Ausschau gehalten. Wir batten ja doch alles in einem Tag schaffen wollen! Daran hatten die allerdings gleich .gezwcifelt. Denn die in der Zeitung angegebene Kilometerzahl stimmte nicht und außerdem hatten wir sie noch falsch im Gedächtnis behalten. Wir kamen nach Beerscheba, nach Hebron, nach Jerusalem und telephonierten gleich ans

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