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Jüdische Rundschau · 1937-12-21 · Heft 101 (21.12.1937) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 101 (21.12.1937)
Date
1937-12-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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In Mexiko protestierten antisemitische Organisationen gegen die kürzlich eingeführten Einwanderungsquoten, die nach ihrer Ansicht das Einströmen von Juden begünstigen, Bei einer Versammlung der Society of Jews and Christians in Johannesburg erklärte der südafrikanische Minister für Er- Ziehung und Sozialfürsorge, J. H. Hofmey r, daß ohne die Juden Südafrika unermeßlich ärmer wäre. Er legte ein warmes Bekenntnis zur Freundschaft mit dem Judentum ab. Bei der Konferenz des Verbindungs-Komitees der Privatorganisationen beim Völkcrbunctskommissarigt für Auswanderer, die in Amsterdam stattfand, wurde beschlossen, daß eine Delegation des Komitees während der im Februar in Genf stattfindenden Regicrungskonferenz anwesend sein soll. Die nächste Sitzung des Komitees wird Mitte Februar in London abgehalten werden. Jüdische Rechtsanwälte vor dem Arbeitsgericht Nach den gesetzlichen Bestimmungen ist es den jüdisehen Rechtsanwälten gestattet, in der Arbeitsgericiitsbarkeit in den oberen Instanzen als Parteivertreter aufzutreten. Dagegen ist ihre Zulassung in der ersten Instanz, dem Arbeitsgericht, von der Rechtsprechung verschieden beurteilt worden. Nach jj 11 ArbGG. kann der Vorsitzende des Arbeitsgerichts Rechtsanwälte oder andere geeignete Personen als Prozcßbevollmaclitigte für eine Partei zulassen. Ob der Vorsitzende solchen Zulassungsanträgen entsprechen will, steht in seiner pflichtgemäßen Prüfung. Die zu diesem Rechtsgebiet in der ״Jüdischen Rundschau“ vom 8. 3. 1936 und 9. 2. 1937 mifgeteiltcn Entscheidungen ergeben, daß Vorsitzende der Arbeitsgerichte mehrfach die Zulassung jüdischer Anwälte grundsätzlich wegen ihrer Zugehörigkeit zur jüdischen Rasse a b g e 1 e 11 111 haben, daß aber solche Beschlüsse meist von den Landesarbeitsgerichtcn nicht gebilligt und aufgehoben worden sind, Ein neuerdings bekanntgewordener Beschluß des Landesarbeits gerichts Hamburg vom 20, 8. 1937 ist ebenfalls zu dem Ergebnis gelangt, daß die Zulassung eines nichtarischen Rechtsanwalts vor dem Arbeitsgericht grundsätz• lieh nicht ausgeschlossen ist. Es handelte sich in dieser Sache um eine Zwangsvollstreckungsgcgcnklage. Für den Kläger war ein Anwalt vom Vorsitzenden des Arbeitsgerichts zugelassen. Der beklagte Jude beantragte, die jüdischen Anwälte, die ihn in dem für diese Sache wichtigen Vorprozesse vertreten hatten, als seine Prozeßbevollmiichtigtcn zu zu lassen. Der Vorsitzende des Arbeitsgerichts lehnte dies mit dem Hinweis ab, daß vor dem Arbeitsgericht nur arische Anwälte zugelasseti werden könnten. Der diese Entscheidung aufhebende Beschluß des Landesarbeitsgerichts Hamburg wiederholt die Erwägungen der in unseren oben erwähnten Veröffentlichungen mitgeteilten Beschlüsse und hebt insbesondere hervor, daß gesetzliche Bestimmungen, die die Vertretung jüdischer Parteien durch jüdische Anwälte vor den Arbeitsgerichten verbieten, bis• 11er nicht erlassen worden sind. Ausschlaggebend für die Bcantwortung dieser Rechtsfrage müsse sein, daß in dem Fällen, in denen eine Partei Jude ist und nach der Sachlage einer anwaltlichen Vertretung bedarf, die Vertretung im allgemeinen nur bei Zulassung eines jüdischen Anwalts möglich sei und jedenfalls ohne die Zulassung jüdischer Anwälte erhebliche Schwierigkeiten macht. Es sei unerwünscht, daß ein arischer Anwalt, auch soweit er nicht Parteigenosse ist und auch nicht dem NS.-Rechtswahrcrbunci angcliört, die Vertretung einer jüdischen Partei übernimmt. Dies bedinge, daß jüdische Parteien in den Fällen, in denen anwaltliche Vertretung vor dem Arbeitsgericht angebracht ist, ohne Rechtsschutz bleiben würden, wenn man die Zulassung jüdischer Rechtsanwälte vor dem Arbeitsgericht schlechthin ausnahmslos versagen würde. Eine solche Rechtlosmachinig jüdischer Parteien sei nicht beabsichtigt. J. K. London, im Dezember 1937 Soziale Fürzorge Auch die englischen Juden haben ihre Sorgen. Man hat in den letzten Jahren gelegentlich Klagen gehört, die englischen Juden hätten soviel für ausländische jüdische Zwecke getan, daß dabei ihre eigenen Angelegenheiten zu kurz gekommen sind. Tatsache ist, daß ein gesteigertes Verantwortungsgcfiih! sich überall im jüdischen Leben bemerkbar macht und auch der jüdischen Gemeinschaft in England zugute kommt, Ein interessantes Schlaglicht auf einige Seiten der gesellschaftlichen Struktur der englischen Juden wirft der kürzlich veröffentlichte Jahresbericht des ,,Jewish Board of Guardians". Diese zentrale jüdische Wohlfahrtsorganisation unter Leitung der rührigen Präsidentin Miss Hannah Cohen baut ihr großzügiges Hilfswerk lediglich auf freiwilligen Spenden auf. Im Jahre 1036 hatte sich das Amt mit 3600 Fällen jüdischer Unterstützungsbedürftiger zu befassen; einschließlich der Familienangehörigen handelt cs sich uni 10 000 Personen, für die im ganzer! 36 000 Pfund ausgegeben wurden. Demgegenüber lagen im Jahre 1913 der gleichen Stelle 3000 Fälle mit 13 000 Personen vor, was einen Aufwand von 23 000 Pfund erforderte. Ein Vergleich dieser Ziffern zeigt eine Steigerung der behandelten Fälle um ein Sechstel, während gleichzeitig die Zahl der betroffenen Personen gesunken ist — ein Ergebnis der Familiensclirumphing. Und obwohl 3000 Personen weniger zu versorgen waren, haben sich die Ausgaben um über 50 0/0 erhöht. Wie sind diese Zahlen zu erklären? Miss Cohen schließt ihrem Bericht eine interessante Analyse an. ״Abgesehen von der Acnderung des Geldwertes besteht die Tatsache, daß die Arbeitslosigkeit noch immer erheblich größer ist als vor dem Kriege. Ferner ist der Lebensstandard gestiegen und das soziale Gewissen verlangt heute, daß auch die Unterstütznngsbedürftigen an diesem höheren Standard tcilnchmen. Besonders trifft das für die Kinder zu, denen erträgliche Umgebung und ausreichende Erziehung gewährt werden soll. Die Lfnterstützung von seiten Familienangehöriger ist zurückgegangen, vielleicht als Folge der wachsenden öfferitlictien Unterstützung, vielleicht auch infolge der Verklcinemng der Familie. Ein weiterer Grund fijr die Steigerung der Ausgaben ist die Verlängerung der durchschnittlichen Lebensdatier. Schließlich spielt der sich ständig verkleinernde Anteil der Ausländer eine Rolle, deren Bedürfnislosigkeit den höheren Ansprüchen der englischen Juden gegenübersteht.“ Rabbinischer Nachwuchs Ein altes Sorgenkind, das seit Jahren immer wieder Gegenstand ernster Erörterungen in den englisch-jüdischen Gremien bildet, ist die Frage des rabbinischen Nach- Wuchses. Gerade jetzt, wo man sich anschickt, das 25jährige lubiiäum des Chief Rabbi Dr. Hertz zu feiern, wird die Aufmerksamkeit erneut auf diese Frage gelenkt. Das Abströmen der Jugend von der Synagoge ist in England sehr deutlich spürbar. Der Mangel an geeigneten Rabbinern, die £eitäe Frankfurt. Fußball; Bar Kochba Frankfurt I gegen JSV. Offenbach 1 13:0. Palästina. In den Handball-Ligaspielen mußte die Mannschaff des Atid Tel Aviv gegen Atnal Tel Aviv eine Niederläge von 4:9 einstecken, während Makkabi Petach Tikwah Amal mit 8:3 schlagen konnte. Oesterreich. Die österreichische Bestenliste der Leichtathleten ist erschienen und viele Mitglieder der Hakoah sind darin vertreten. Kalb belegt den 7. Platz bc-i den 100 tn, König steht an 2, Stelle beim 200־ und 400-m-Lauf, im 800-n־!-Laut wird Kaiser an 4. Stelle nominiert und an 3, Stelle im 1000-m-Lauf, während er bei den 1500 m wieder den 4. Platz einnimmt. Bei den Damen ist Gerda Gottlieb mehrere Male vertreten. Sie steht an 3. Stelle bei den 100 m und 200 m. Im Ho eh sprang führt sie die Liste an, während sie im Weitsprumg an 4. Stelle nominiert ist. Die 4 x 100-m-Staffel sieht die Hakoah ebenfalls auf dem 4. Platz. belebend wirken könnten, ist wohl kein spezifisch englisches Problem, Aber was die Lage erschwert, ist, daß ein großer Teil der in England lebenden Rabbiner sprachlich und kul* turell der in England verwurzelten jüdischen Jugend fremd ist. Wenn diese Schwierigkeiten früher darin begründet waren, daß die englischen Synagogen bei der Auswahl ihrer Rabbincr auf kontinentale oder amerikanische Kandidaten angewiesen waren, so besitzen die englischen Juden jetzt im jews College ihr eigenes Rabbinerseminar. Allerdings Ist es noch immer nickt gelungen, hier rabbinischen Nachwuchs aus den Reihen der eingesessenen Juden herauszubilden. Pläne zur Ausgestaltung und finanziellen Sicherstellung dieser jüdisehen Lehrstätte werden demnächst der ()Öffentlichkeit vorgelegt werden. Jüdisch•■ Laban in der Provinz Die Dezentralisierung des jüdischen Lehens ist auch ln den großen Provinzgemeinden wie Leeds und M.anehester vorhanden und hat besonders in diesen kleineren Verhältnissen zu einem unpraktischen Nebeneinander jüdischer Institutionen geführt. Die verschiedenen lokalen Gruppen in Manchester haben nun die Initiative ergriffen und beraten seit einiger Zeit über die Schaffung eines Oberrabbinats, um das gesamte Gemeindeleben der Juden in Manehester zu koordinieren. Inzwischen ist die Einrichtung eines solchen Amtes einstimmig von den Vertretern der beteiligten Institutionen beschlossen worden. Die Wahl des ersten Oberrabbiners, der den Titel ״Conimunal Raw“ führen wird, steht noch dahin. Kürzlich sind über hundert Repräsentanten der verschiedenen jüdischen Organisationen von Leeds, einer Stadt mit 30 000 Juden, zu ihrer ersten Gemeindekonferenz zusammengetreten. Die Redner betonten die Notwendigkeit einer planmäßigen Zusammenarbeit in allen Zweigen des lokalen jüdischen Lebens. In der alten Universitätsstadt Cambridge, die fn zunehmendem Maße jüdische Studenten beherbergt, wurde die erste Synagoge eröffnet. Die Einweihungsfeier wurde mit der Erinnerung an den ersten Juden verbunden, der vor beinahe 80 Jahren als Student in das Magdalcn College in Cambridge aufgenommen wurde, nachdem der Kanzler der Universität, der damalige Prinzgemahl, seine besondere Genehmigung erteilt hatte. Dieser Student Arthur C 011 c n wurde später ein bekannter Anwalt und wurde zum Geheimen Staatsrat ernannt. Das Magdalen College gedachte dieses Mannes, indem es in seiner Aula einen Empfang veranstaltete, bei dem die jüdischen Gäste Mitglieder des akademischen Lehrkörpers trafen. Die Boykott-Aktion in Polen Eia Jude getötet In C zenstoch au wurden die jüdischen Läden durch Nationaldemokraten im Zuge der Boykottaktion scharf bewacht. Daraufhin wurden sämtliche jüdischen Läden geschlossen. Auch in zahlreichen anderen Orten Polens ist der antijüdische Boykott sehr verstärkt worden. In Czarna (Distrikt Warschau) wurde der 16jährige Sohn des dortigen einzigen jüdischen Kaufmanns Shalom Miedzilewski von Exzedenten getötet. Drei Exzedenten wurden verhaftet. Der Deputierte Sommerstein intervenierte beim Cjouverneur in Kielce, der zusagte, daß er dem Gouverneur von Czenstochau Anweisungen geben werde. Senator Oberrabbiner Dr. Schorr und Deputierter Rubin stein haben beim polnischen Innenminister in der Boykottangelegenhcit interveniert. Drei nationaldemokratische Exzedenten wurden wegen Teilnahme an antisemitischer« Ausschreitungen in Biala zu 18, 12 und 10 Monaten Gefängnis verurteilt. Miliz-System im Judenstaat? In einer Versammlung der Jüdischen Offiziers-Vereinigung in Tel Aviv wurde über die Frage des künftigen Verteidigungssystems des Jüdischen Staates diskutiert. Der Referent, Hauptmann Ooldmann, ein früherer Schweizer Feldartiilerie-Offiz.ier, trat dafür ein, daß der Jüdische Staat ein M i 1 i z - S y s t c in nach Schweizer Vorbild einführt. Außerdem müßte die Regierung für Zwangsweise sportliche Erziehung der Jugend Sorge tragen, damit die für die Miliz in Betracht kommenden jungen Leute bereits körperlich vorgebildet sind. die eine Fliege ablerikte und die er durch seine Stimme doch immer wieder zu den Gesrhkiiten der Urväter zurückführte. Als Ebcclmelceh horte», daß der Lehrer Schule halte im Frauengoinach, da verließ er, wenn der Dienst es erlaubte, den Palast und schlich sieh ein in seiner siechen Ilerrin Kreis. Der hochstämmige Mohr, dessen Kämmcrerwürde keinen ruschen .Schritt, duldete, hockte dann bescheiden in einem Winkel auf seinen Fersen und lauschte mit gierig selbst verlorenen Augen der Lehre. Wie war doch aus dem Zappler das regungslose Bildwerk eines frommen Schülers geworden. Menu aber den Lehrer die Lehre selbst ergriff und seine Stimme sieh singend hob, da geriet der Kraushaarige in ein Summen und Schaukeln und seine mächtigen Kiefer kauten und mahlten die heilige Speise der ewigen Worte. So wiederholte F.bedmelech seine Schulzeit, als wolle er sich, das untengeborene Kind der Schilfhütten, mit doppelter Naht an Jakobs Feierkleid fcstnähen. Nach solch mühelosem Tagewerk empfing dann Jirmijah Barueh in seiner Kammer, In der zweiten Verborgenheit rüsteten sie gemeinsam ein neues Werk, eine zweite Buchrollc mit allen ergangenen Räumungen und Gesichten seit Jojakim. Klan hätte meinen können, das Frnuenhaus mit seinem inneren!,eben fahre wie ein friedliches Schiff auf den Fluten der Belagerung. Und meist seihen ©s wirklich nicht anders reu sein. Geheul und ZorngeschmeHer des Kriegs drang nur undeutlich durch die Fenster. Zwar wurde das Brot aus der Riickergasse immer sandiger und eines Tages blieb es ganz aus. Doch in den königlichen Speisekammern gab es noch immer feinstes Semmelmehl und Milch und Butter und Oel und Wein und Honig. Anstatt des Brotes aß man süßes Baekwerk zu Jechiels Wonne. In dieser Zeit erschien der König nur zweimal für eine flüchtige Stunde vor dem ,Antlitz seiner Mutter, be.i Maacha und den Kindern. Er schien glücklich gelaunt und prahlte und scherzte. Je heiterer er's trieb, um so weniger konnte Maacha die Angst in ihrem Antlitz beherrschen. F,r streckte und dehnte seine Glieder mit übertreibender Fröhlichkeit und sprach der erstarrten Maacha und allen andern Mut zu, als wisse er etwas ganz Besonderes und der endgültige Sieg sei nur mehr eine Frage von einigen Wochen... jirmijah aber wußte von Ebedmclech die Wahrheit. Durch die Ausfälle, die ״Kümpfe vor den Toren“, dieses unheilvolle Glücksspiel, das Zidkijah in seltsamer Tollköpfigkeit übte, hatte er nicht nur die Halft© seiner tapferen Leibwachen bereits eingebüßt, sondern auch Hunderten von Mißvergnügten neue Gelegenheit geboten, z.u Babel tiberzulaufen. Trotz dieser Erfahrungen aber ließ er nicht davon ab, vor den Mauern zu kämpfen, inmitten seiner Helden. Und er schwächte das Herz Babels und vollbrachte wilde Taten des Schwertes, würdig, daß ihrer gedacht werde. Aber ihrer wurde nicht gedacht und sie machten das Herz Zions nicht stolz. Jirmijah wußte, warum. Der König versuchte nämlich, sich durch einen gepriesenen Schlachtentod dem Geforderten zu entziehen. Gerade deshalb aber war er so gut wie unverwundbar. Mit seiner Stoßschar, die er aus den Tollkühnsten gebildet hatte, gelang es ihm einmal, in einem blitzhaften Handstreich die ersten Reihen der Belagerer zu durchbrechen und todverbreitend bis zum Grofttartnn Nergal Sarseehim vorzudringen, den er zum Zweikampf herausforderte und schwer verwundete, Doch auch der blutige Vorsturm, bis ins Herz, des Feindes getragen, brachte ihm nicht den Tod. Der Weg Zidkijahs, die Stadt zu retten, war nicht Zebaoths Weg. Da er einen Nergal vor seine Füße geworfen hatte, vermaß er sich, Mardukh in Person zum Zweikampf herausfordern zu lassen. Die Antwort, die er erhielt, war eine Brücke, die der Herr noch einmal dem König zu bauen geruhte, der wie ein junger rasender Stier seine Ehre verteidigte und dem Opfer auswich. Wolle der König Jehudas, lautete sie, sich bis zum Neumond des Ab in Person unterwerfen und ausliefern, dann werde über Jerusalem nicht Ninurtu, der Stern der endgültigen Zerstörung, herrschen. In diesen Worten hatte sich Jirmijahs Traumgesicht und die Echtheit der letzten Raunung voll bewährt. Noch einmal warf sich der Künder dem König zu Füßen. Dieser aber hielt ihm den Mund mit der Hand zu. Ausgesprochen war alles bis zur Neige und Nagelprobe. Sie saßen wieder schweigend beisammen. Später befahl Zidkijah dem Kuschiten, ihm aus der Vorratskammer des Palastes abgetragene und zerrissene Gewänder des niedrigsten Dienstvolkes aufzustöbern. Er legte eines davon mit ekelgespitzten Fingern an, das beste. Dann sah er an sich herab, wurde weiß vor Elend, riß sich das Gewand in Fetzen vom Leibe. Ebedmclech mußte seine Haut mit rauhen Tüchern abreiben und salben. Ungenützt verstrichen die Tage. Der Tammus ging seinem Ende z.u, dieser brennende dörrende Mond, aus dessen Namen der zerrissene Gott nicht getilgt ist, um den auf den Höhen die götzendienerischen Weiber Mager». Dieser Tammus aber hatte Dürre gebracht, wie sie die Aeltesten im Lande nicht erlebt hatten, denn es war kein Regen auf die Erde gefallen seit Wochen und Wochen. Das Wild knm von Wüste und Gebirg, schweifte im irren Laut durch die Aecker und wagte sich bis in die Dörfer hinein, soweit sie nicht niedergebrannt waren. Die reichen Leute sandten ihre Hörigen aus, an hoffnungavollen Stellen Brunner» zu graben. Verwirrt kehrten die Arbeiter zurück. In der Wüste hätten sie leichter Wasser gefunden. Zuerst versiegte die stai'ke Rogelquelle, welche die königliehen Gärten berieselte. Dann trockneten binnen wenigen Tagen alle anderen Quellen und Brunnen innerhalb der Stadtmauern aus. Alles stürzte sich nun auf die Zisternen, Wasserbehälter und zuletzt auf die beiden Teiche von Siloah, um die kühlenden Tonkrüge zu füllen. Der Wasserstand der großen Teiche nahm von Stunde zu Stunde ab; in kurzer Zeit war der Rest verdunstet. Die Dürre traf zwar gleicherweise die Belagerten und Belagerer, doch sie konnte sich nicht zum Vorteil der Belage׳ ten auswirken, da sie die Belagerer zwang, mit ihrer OV-ewalt einen raschen Fall der verdurstenden Stadt jetzt ohne Zögern herbeizuführen. Ein von Entbehrung geschürter, aberwitziger Sturm gegen Mauern und Bollwerke setzte nun ein, der zu keiner Stunde erlahmte. Babels geduldiger lüvve war bis aufs Blut gereizt. Er kämpfte jetzt sogar auch in der Nacht. Auf den Mauern standen abgezehrt, verbrannt, ausgcdörrt die Verteidiger. Im wildesten Kampfe vergossen sie keinen Schweiß mehr. Während sie hinter den Brustwehren zielten, schossen und schleuderten, hielten sie irgendeinen mageren Zweig zwischen den Zähnen, an »lern sie sogen. Die Stadt aber erbebte vom Gejammer der Mütter und Kinder, die durch die Gassen schweiften, in die Türen lugten, in den Tempel einbraehpn, um von den gespenslisch hin und her wandelnden Priestern irgendwelche erträumte Opferfrüchte zu erbetteln. Mit der Zeit aber stießen zu diesen umherschweifenden Weibern und Kindern gar viele Frevler. Sie stellten Mord- und Plünderh aufen zusammen, denn Gerücht ging um allenthalben, daß dieser oder jener Wohlhabende hundert Eimer Weines verberge oder gebrautes Bier oder Labetrank andrer Art in mannshohen Gefäßen. Jede Frau verdächtigte jede Frau, daß sie sich und die Ihren heimlich mit Eingemachtem und Honigfrüchten erquicke und die Nachbarn verschmachten lasse. Die Plündererhaufen vergossen mehr Blut als sie Trank zutage förderten. In ihrem Gefolge aber kam, was kommen mußte, die Seuche aller Belagerungen, die Pestilenz, deren Vater Hunger, deren Mutter Durst hieß. ln den drei letzten Tagen des Tammus müßten sämtliche Tore der IIofbuTg verrammelt und von Leibwachen besetzt werden, denn das Haus de* Königs war in Gefahr. Man hörte von allen Seiten unausgesetzt das dumpfe Geschrei der Menschenmenge, die von den Palästen Wasser und Brot!orderte. Der König aber kehrte nicht mehr von den Bollwerken heim. (Fortsetzung folgt) ׳« t i ä i

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