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Jüdische Rundschau · 1937-12-21 · Heft 101 (21.12.1937) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 101 (21.12.1937)
Date
1937-12-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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f Seife 2 riesigen Hochebene Afrikas, die größer ist als Deutschland und Frankreich zusammen, mit einer Bevölkerung von 2V» Millionen Schwarzem und 70 000 Weißen. ״In solchen Oebieten“ schreibt er, ״die für die •weiße Rasse nur durch Besiedlung zu retten sind, könnte eine großangelegte jüdigehe Siedlung von entscheidender Bedeutung sein für die Zukunft der weißen Menschheit.“ Coudenhoves Anregung betrifft ein Gebiet, das klimatisch ähnlich beschaffen sein dürfte wie Madagaskar, das in der letzten Zeit im Vordergrund der Debatte steht und dessen Hochebenen von fachmännischer Seite geeignet für weiße Bevölkerung bezeichnet werden. Von Interesse ist auch der Umstand, daß gegenwärtig Sir Ronald Storr s, der frühere Gouverneur von Jerusalem und ein guter Kenner der Palästina- und Judenfrage, Gouverneur von Nord-Rhodesien ist. Die Tatsache, daß Rhodesien gleichfalls zum Britischen Reiche gehört (während Madagaskar zum französischen Kolonialreich gehört), würde eine Kooperation mit dem Judenstaat erleichtern. Nur hat leider England bisher keine derartige Initiative ergriffen, obwohl die englischen Versuche, die leerstehenden Räume des Weltreichs mit Engländern zu besiedeln, bisher fast völlig erfolglos waren. ♦ Der Artikel über eine angeblich bevorstehende jüdischffra bische Verständigung, den die arabische Zeitung ״Felestin״, wie von u!19 gemeldet, am 9. Dezember veröffentlicht hat, wird in informierten Kreisen allgemein als ein arabischer ״Versuchsballon“ bezeichnet. Der Artikel — ebenso wie ein ähnlicher Artikel der Zeitung ״AI Dschamia Al Islamia“ — habe, so meint man, vor allem den Zweck gehabt, der Ocffentlichkeit eine Andeutung zu geben, daß sich im arabischen Lager eine Wendung der Anschauungen zugunsten einer jüdisch-arabischen Verständigung vollzieht, und gegenüber dieser Stimmungstatsacbe seien die Einzelheiten des angeblichen Vorschlages belanglos. ,Felestin“ hat bekanntlieh eine ganze Reihe von Einzeih eilen veröffentlicht und behauptet, daß der Plan in London in Verhandlungen 7.wipchen dein irakischen Esrninistcr Nuri Pascha und I.)r.• Wcizmann sowie anderen jüdischen Führern ausgcdaclit worden sei und die Zustimmung des Ex-Multi habe, ln dem Plane ist die Rede von der Festsetzung eines dauernden festen Verhältnisses zwischen der arabischen und der jüdischen Bevöikmingszahl, der Festsetzung eines Minimums für den arabischen Landbesitz nach dem Muster des ägyptischen Fünf-Feddan-Gesetzes, die Einrichtung eines Gesetzgebenden Rates und die Einwanderung von Juden in andere arabische Staaten, Weiter wird in diesem Projekt ausgeführt, daß der Oberste Moslemische Rat an jeder Einmischung in politische Dinge gehindert werden und sich lediglich auf eine religiöse Funktion beschränken so!! und daß der Ex-Mufti unter der Bedingung, in keiner Weise an Politik teilzunehmen, wieder als Präsident des Obersten Rates anerkannt werden soll. ״Felestin■" ist sogar so weit gegangen zu behaupten, daß der Emir Abdullah diesen Plan dem High Coinmissloner vorgelegt hat, der seinerseits auch an den Verhandlungen in London teilgenommen habe. Bekanntlich hat die Jewish Agency in einer Erklärung den ganzen Bericht als vollständig frei erfunden und unwahr bezeichnet. In einer Londoner jüdischen. Zeitung, die bisher stets sehr jiidisch-maxiimlistisch war, wird der Meinung Ausdruck gegeben, daß trotz die.ses Dementis der Jewish Agency der Artikel des ״Felestin“ insofern seine Bedeutung behalte, als er ein Symptom für eine Attnosphäre der Verständigungsfreundlichkeit sei, die anscheinend in beiden Lagern;zunehme. Es ,wird darauf hingewiesen, daß die von ״Felestin״ ausgestreuten Gerüchte angeblich in Palästina einen sehr günstigen Widerhall sowohl bei Arabern als auch bei Juden gefunden haben. Anläßlich der (auch von uns in dem Bericht unseres gl-Korrespendenten in Nr. 100 besprochenen) Rede Schertoks vor den ausländischen Pressevertreten! erklärt der arabische ״Fclestin“, niemand würde eine in guter Absicht hingestrecktc Hand zuriiekweisen. Alle Menschen in Palästina würden eine Lösung begrüßen, die sie von der jetzigen schrecklichen Situation erlösen würde. Ein anderes arabisches Blatt (״Adifaa“) weist freilich jede Ver- Stand igurigsabsicht brüsk zurück (vgl. S. 6). In diesem Zusammenhang ist cs vielleicht interessant zu erwähnen, daß Prof. Pierre Crahifes von der Universität Louisi.1n.-1 (USA.), der 1911 — 1936 Präsident des gemischten Gerichtshofes in Cairo war und erst voriges Jahr nach Arnerika zunickkehrfe, in der ״New York Times* eine Zu- Schrift veröffentlicht, in der er sieh ausführlich mit der Palnstina-l.age befaßt und seinen ״zionistischen Freunden“ den Rat gibt, für die Rückkehr des Mufti nach Jerusalem einzutreten, da nach seiner Meinung nur auf diese Weise der Frieden in Palästina hergestellt werden könne. In einer Antwort auf diesen Brief verweist der bekannte Zionist Prof. Felix Frankfurter (Harvard Universität) auf die Verantwortlichkeit des Mufti für die traurigen Ereignisse der letzten achtzehn Monate, wobei er sich auf den Bericht der Peel-Kommission stützt; daraus werde hinlänglich klar, daß die Annahme von Prof. Crabites, der Mufti Mi nur als religiöser Führer zu betrachten, unhaltbar ist; er ist in Wahrheit der politische Führer des Aufstandes gewesen. Die Revisionisten - Verhaftungen. In der Unterhaussitzung vom 15. Dezember bestritt Ormsby-Gore, daß die Palästmarcgicrung einzelne Revisionisten habe verhalten lassen aus Furcht davor, daß sic die Idee der Vergeltung propagierten. Auf eine Anfrage von Col. Wedgwood bezüglich der Unruhen äußerte der Minister daß es sich dabei hauptsächlieh um einen Terror von Arabern gegen Araber handle. Auf ein« Frage von Sir Percy Harris liezüglicli der Poliz«i sagte Örmsby-Gorc, daß die Polizei ständig verstärkt werde. Schließlich lehnte es der Minister ab, Ziffern zu nennen, aus denen di« ungefähren Einkünfte hervorgehen, die der Regierung aus Tel Aviv zu geflossen sind. Für Verständigung- Bei einer Veranstaltung des ״Anglo- Palestinian Club“ sprach der Unterhausabgeordnete Geoffrey Mander über das Thema ״Palästina und der Völkerbund“, wobei er der Ansicht Ausdruck gab, daß noch Hoffnung auf eine freundschaftliche Regelung bestehe. Wenn die Ordnung aufrecht erhalten werden könne, sei es noch möglich, daß die gemäßigten Juden und Araber sich in fieundschaftliehe! Weise unterhalten und darüber Übereinkommen, welche Form der Staat haben soll. Mander sieht drei politische Möglichkeiten für Palästina: 1. Ausführung des Mandats, für die es jetzt zu spät ist; 2. Teilung, nach der der jüdische Staat Mitglied des Völkerbunds werden und zu England in ein ähnliches Verhältnis wie Aegypten treten solle, doch sei der von Peel vorgeschlagene Staat völlig unzureichend; 3. gemeinsame Regelung zwischen Juden «na Arabern. JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 101, 21. XII. 1937 Jüdische Idee - zionistische Wirklichkeit Es ist durchaus nicht verwunderlich, daß jetzt, wo zum ersten Male wieder seit fast zweitausend Jahren die Umrisse eines jüdischen Staates -- soll man sagen: aus der Tiefe herauf- oder von der Höhe heruntersteigen, der Blick vieler zuerst von der Kleinheit dieses Staates eingelangen wird. Das ist schon deshalb nicht verwunderlich, sondern höchst natürlich, weil der Schritt aus einem Gefühlsbereich, das Jahrhunderte fang von einer Utopie oder Illusion oder frominen Hoffnung anfgefüMt war, in die Wirklichkeit notwendig von Enttäuschungen und Ernüchterungen begleitet sein muß, die den Blick zugleich grell und getrübt machen. Gewiß! Alle Juden der Welt (und auch Nichtjuden genug) sind darin einig, daß die äußere Form und Erstreckung des im Peel-Bericht Für den Judenstaat vorgesehenen Gebietes nicht nur nicht der inneren Form des jüdisches Anspruchs aut Siedlungsland entspricht, sondern erst recht nicht den aktuellen und sogar brennenden aktuellen Bedürfnissen der Juden von heute. Es bleibt also die Tatsache ganz außer Streit, daß ein ״Volk ohne Raum“ mit einem Minimum und einer Abschlagszahlung an Raum abgespeist werden soll. Dagegen erhebt das zionistische Judentum und auch das nichtzionistische mit Recht Protest. Es will und darf sich nicht seinen nie fallen״e!assencn Anspruch auf das Land seiner Vater durch die Politik und Diplomatie bagatellisieren lassen. Das jüdische Volk hat dereinst das kleine Kanaan zu einem der Mittelpunkte der Welt und zu einem der Ausgangspunkte ihrer Entwicklung gemacht Diese Leistung ist unver* jälirbar und also unverjährt und so auch der jüdische An- Spruch auf. das von den Vätern befruchtete und geistig eigentlich erst erschaffene Land. Unser Recht auf den palästincnsischen Raum bewegt sich auf einer so erhabenen Ebene, daß es eine sittliche Verpflichtung derer in sich schließt, die die Macht über jenes Land misfiben. Darin gipfelt der Sinn und Inhalt dessen, was man heute zionistische Außenpolitik nennt Außenpolitik aber kann mit Erfolg nicht nur auf Grund einer Ideologie getrieben werden, sie braucht einte realistische Grundlage, sie muß den Gegebenheiten angepalit sein. Und diese sind heute und für absehbare Zeit nun einmal so, daß nur ein kleiner Staat im Bezirk des Erreichbaren liegt. Ginge es den Juden in der Welt gut oder, noch wichtiger, fühlten sie sich insgesamt als Angehörige eines Volkes, so wären sie vielleicht (aber auch dann nur: vielleicht!) in der Lage, die ihnen dargebotene Möglichkeit eines kleines Staates abznlchnen und zu warten, bis sie sich den Raum eines ihrer Volkszah! entsprechenden Staates erkämpft haben. Aber hier schon greift die jüdische Problematik in die Frage des Jndcnstaates ein. Die Mehrzahl der Juden in der Welt sind weder geneigt noch auch geeignet, Staats- und Volksjuden zu werden. Damit haben sie selbst — man muß feststellen, was ist, und nicht, was sein sollte und sein könnte! — oder haben die Verhältnisse ihrem Anspruch auf Land eine äußere Beschränkung auferlegt. Dieser einen Beschränkung entspricht die andere, die auf den Forderungen der Araber beruht. Aber noch mehr: wo die nichtzionistische Gesinnung und Haltung der Juden sich vollends ins Antizionistische steigert und versteigt, da hat dies zur Folge, daß in der Tat nicht ein ganzes und einiges Volk hinter der Forderung nach Land und nach einem Staat sichtbar und fühlbar wird, sondern mir ein Teil dieses Volkes. Und dies muß sich in der, wenn man so sagen darf, Morphologie des künftigen Judenstaates ausprägen. Man kann manchmal von Juden den Einwand gegen die* sen werdenden und gegen das Werden dieses Staates hören, er vermehre im Grunde nur die Zahl der Kleinstaaten, von denen so manche Ihre Ueberflüssigkeit rasch bewiesen hätten. Gleichviel, ob diese letztere Feststellung richtig ist oder nicht, so trifft die in ihr enthaltene Argumentation auf den jüdisehen Staat keineswegs zu. Denn dieser wird, sofern er sich gemäß der zionistischen Sinngebung verwirklicht und sein aus ihr erfließendes wahres Wesen erfüllt, auf dem Prinzip der Auslese und der Stellvertretung aufgebaut sein müssen. Darin muß seine Ideologie und seine Praxis wurzeln. Dies bedeutet: nicht Jeder lüde, der in Not ist oder In Not gerSt, hat einen Ausnmch darauf, in Palästina zti siedeln und zu wohnen. Er muß dafür eine oder vielmehr viele Voraussetzungen erfüllen, vor allem die einer inneren, von Seele und Geist diktierten Verbindung mit dem Wesen, mit dem Wesentlichen des Judentums. Und anderseits bedeufef jenes Prinzip, daß die Juden des künftigen Staates die Gesamtheit des Judentums, unabhängig davon, oh dieses in seiner Gänze damit einverstanden ist oder nicht, vor der Welt und vor der Geschichte moralisch (nicht politisch) zu repräsentieren haben werden. Denn sie werden ein geschiehtliebes Vorurteil gegen die Juden, das nach zweitausendjähriger Datier schon fast als keines mehr gelten kann, zu zerstören und dafür zu wirken haben, daß an seine Stelle eh neues, durch die Leistungen des Staates und Volkes der Juden bewährtes Urteil tritt. Dies ist eine Aufgabe von geschichtlicher Größe, die geeignet ist und hinreicht, auch einen kleinen Staat weit über den Kleinstaat- Rahmen hinauszulieben. Die beiden ״Sfaatspr!nz!plen° einerseits der Auslese und andererseits der Stellvertretung genügen und sind genügend klar für die ideologische Grundlegung sowohl eines Staatswesens wie auch einer nationalen Bewegung. Beide schließen sich in dem Gedanken und in der Tendenz, durch die Besten und Getreuesten des jüdischen Volkes das sozial und geistig Beste und Judentumsgetreueste machen zu lassen, zu einer vollkommenen Einheit zusammen. Man legt an die heutige zionistische Bewegung und an den aus ihr entstehenden Staat gewiß nicht platonische, d. h. Piatos Maß- Stäbe an, wenn man von beiden weiß und erwartet, daß sie dem seelischen Bild vom Judentum einen alten Inhalt und eine neue Form geben werden. Das ideologische Material, aus dem der jüdische Staat werden und die zionistische Bewegung sich immer wieder, gleichsam automatisch, erneuern kann, ist quantitativ und qualitativ so bedeutend, daß nfcht die Gefahr mangelnder, sondern überfließender und auch überflüssiger Ideologien zu befürchten und zu beachten ist. Schlagworte braucht der Zionismus nicht, die Tatsachen und Ereignisse, auf denen er basiert, und die Tatsachen und Ereignisse, die er bis jetzt ins Leben gerufen hat, sind schlagend genug. Das Schlimmste, was sich die Juden und Insbesondere die Zionisten heute selbst antun könnten, wäre dies! sich einem Defaitismus hlnztigebefl- Sie haben die Pflicht״ sowohl über der furchtbaren Judennot an fielen Stellen der Welt als auch über der Kleinheit des zu erwartenden Judenstaates die Größe des Ziels, die Innere Größe ihres neuen, wirklich noch nicht dagewesenen Unternehmens Im Auge zu behalten. Sie dürfen sich durch die Paradoxien, die seit je im jüdischen Schicksal und auf dem Jüdlschen Weg zu Hegen pflegen, nicht blenden lassen. Sie haben, ob sie wollen oder Tausende von Ihnen auch nicht wollen, eine neue Form des Nationalismus kreiert, der von der Utopie zur Realität geführt hat (und nicht umgekehrt), der aus der Weife in aie Enge, aus einem Welfdasein in ein Landdasein führt, und der schließlich aus den ewigen und langst ausgeleierten Apologien zn einer Apotlieose der Tat teils schon geführt hat und teils in noch höherem Maße dazu führen wird. Der Peel-Bericht enthält an einer wichtigen Stelle das seitdem vielzätierte Wort, in Palästina stehe Recht gegen Recht, nämlich das der Juden gegen das der Araber. Dieses durch seine Form bestechende Wort kann nur in seiner Be* grenzung auf den realen palästinensischen Raum Gültigkeit beanspruchen, darüber hinaus ist es von Grund auf irrig oder sophistisch. Denn in Wirklichkeit steht in Palästina ein sonst unlösbares (jüdisches) Weltproblem gegen ein auf vielfältige Art sonst noch lösbares (arabisches) National* problem. Man kann den Anspruch des nicht mir ״raum* losen“, sondern auch in vielen Wirts- und Hilfsräumen b e * drängten Volkes der Juden und den Anspruch der ״raum* reichen“ Araber auf das Land Palästina nicht auf die gleiche Ebene und in den gleichen sittlich-rechtlichen Rang stellen, ln Wirklichkeit steht in Palästina ein im Nationalen gipfelndes, unveräußerliches Menschenrecht gegen einen nationalistischen Anspruch. Das Volk, das die Wüste schon jetzt zu neuer Fruchtbarkeit erweckt hat, besitzt ein anderes und höher geartetes Recht auf das Land als das Volk, das es zur Wüste fiat werden lassen oder im Zustand der Wüste belassen hat. Die ersten Schritte, welche die Juden ins Land ihrer Väter und in diesem getan haben, waren ״fruchtbar“. Das gibt ihnen ein hohes und höheres Recht gegenüber den anderen wie auch gegen ihresgleichen, die den Weg ins Land der Väter noch nicht gegangen sind oder niclit gehen wollen. Dies aber ist das — jüdische Staatsrecht, Recht auf Land und Staat und Recht in! Land und Staat. Damit hängt, und zwar wiederum nach beiden Seiten wirkend, nach der innerjüdischen wie auch, um es in einem abkürzenden Wort zu sagen, nach der englischen Seite, ein anderes Motiv und Argument zusammen, das ebenfalls Im Peel-Bericht eine große Rolle spielt und eine ebenso große bei den Palästina-Skeptikern unter den Juden — nämlich die Wirtschaftlichkeit, genauer: die Re ata bilität de» Land- und Landwirtschaftsaufbaues in Palästina. Die Peel- Kommission hat mit jener Gründlichkeit, die sie fast allen palästinensischen Teilproblemen gewidmet hat, auch alle Möglichkeiten des landwirtschaftlichen Bodenaufbaues hehandelt, und zwar unter dem Gesichtspunkt nicht nur der technischen Durchführbarkeit, sondern auch der Kostenfragc. Die jüdischen Sachverständigen und Zeugen sind auf beide Gesichtspunkte eingegangen. Dazu ist vor allem zu sagen, daß die technische Durchführbarkeit in neunzig von hundert Fällen eine Geldfrage sein dürfte. Diese aber bei dem Neuaufbau eines Landes prinzipiell aufzuwerfen oder gar in den Vordergrund za rücken, ist verfehlt. Es gibt kein Land und kein Volk, das, wo es sich um Gewinnung neuen Kulturbodens bei mangelndem Raum handelt, nach der Wirtschaftiiclikeit und gar nach der nächstliegenden Rentabilität fragt. Es kommt ja immer auf die Zeitdauer an, aus der diese Rentabilität zu errechnen ist. Und wer, wie das jüdische, aber auch wie jedes andere Volk, mit einer ״Ewigkeit“ rechnet, dart die Kostenfrage nicht in bezug auf Verzinsung una Amortisation, sondern nur hinsichtlich der Aufbringungsmöglichkeit anselien. Um einer Anzahl Bauern Boden zu geben und zu sichern, ist keine Anlage zu kostspielig. In der Schweiz etwa, einem an Kulturboden ebenfalls armen Gebirgsland, werden oft genug Schutzanlagen — Bergwehren, Dämme usw. — errichtet, deren Kosten den Wert des dureh sie gewonnenen oder geschützten Bodens um ein Vielfaches übersteigen. Um wieviel weniger darf ein Volk, das Sich eine neue Heimstätte atifbaut und zu diesem Zweck den Kampf gegen die Wüste zugleich mit dem Kampf gegen die Not seiner Angehörigen in der ganzen Welt aufgenommen hat, für diese Kultur- und Pioniertätigkeit das Prinzip der Rentabilität anerkennen! Es ist notwendig, es einmal mit aller Deutlichkeit zu sagen, daß in Palästina der Kaufmann in jedem Sinne hinter dem Landbebauer zurückzustehen und vor ihm zu schweigen hat. Erst wenn der Boden in einen kulturfähigen Zustand gebracht ist, darf und soll man auch den Rechenstift zu Rate ziehen. Vorher aber ist er fehl am Ort. Dies kommt im Peel-Bericht leider nur ungenügend mm Ausdruck, er argumentiert zu wirtschaftlich, zu kaufmännisch. Die Juden der Welt aber dürfen nicht ebenso verfahren. Sie geben, wenn sie den Boden- und Aufbaufonds unterstützen, ihr Geld nicht für ein Geschäft, sondern für eine Idee. Wenn, was manchmal leider noch geschieht, die Höhe des in Palästina investierten öffentlichen, also des durch die Fonds repräsentierten Kapitals, in Vergleich oder gar in Gegensatz zu der Kleinheit oder Kargheit der Bodenfläche gesetzt wird, so beruht das auf einem Donk-, um nicht zu sagen, ^auf einem Gefühlsfehler. Land (im allgemeinen Sinne des Wortes) stellt einen unschätzbaren Wert dar — und vollends für das bis vor kurzem noch — wiederum im allgemeinsten Sinn — landlose Judentum. Dieses Moment hat der Peel- Bericht nicht völlig erkannt und kaum formuliert. Um 1 so schärfer muß es von jüdischer Seite erkannt und formuliert werden. Denn die Juden als Gesamtheit, als Volk, wollen ja in Palästina kein Geschäft machen, sondern eine Idee verwirklichen. Auf dem VI. Kongreß, dem letzten unter Herzls Leitung (1903), hat Franz Oppenheimer in seinem heute noch größtenteils gfiltigen Referat über ״Siedlung" zwei unvergeßliehe Sätze ausgesprochen. Der eine laufet: ,,Will der Zionismu« ein neues Volkstum schaffen, so muß er sein Fundament in einer jüdischen Bauernschaft tief ins Land hineinlegen; nur darauf kann der Weiterbau einer stelzen Kultur sicher ruhen.“ Und der andere: ״... denn das ist das tiefste Geheimnis...: daß Bauern schaffen muß, wer Städte schaffen will“. Dies ist, ohne Kommenlar, der Weg von der jüdischen Idee zur zionistischen Wirklichkeit. Es ist der Weg eines wenn auch noch so kleinen Staates zu einem großen Ziel. Hermann Sinsheimer Peel-Bericht In französischer Sprache. Unser Genfer y-Berichterstatter schreibt uns: Wie wir erfahren, wird das Völkerbundsekretariat in den nächsten Tagen eine französische Uebersetzung des Berichtes der Palästinensischen Königliehen Kommission (Peel-Kommission) als offizielle Veröffentlichung des Völkerbundes herausgeben. Die Herausgabe des Peel-Berichtes in französischer Sprache ist auf ein Ansuchen der britischen Regierung zurückzuführen, das wahrscheinlich durch Anregungen von Regierungen anderer Mitgliedstaaten des Völkerbundes hervorgeiureii wurde. Die offizielle Herausgabe einer französischen Uebersetzung des Peel-Berichtes durch den Völkerbund ist eine ganz ausnahmsweise Maßnahme und im Gegensatz zur bisherigen Praxis der Verlagsabteilun*des Völkerbundes. Verantwortlich« Redakteur: Di. Rotiert Weltsch, Berlin-Charl. 8 (auch verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter! Kort Loewcastein, Berlin W 15. Anzeigcnleitcr und verantwortlieh für den Inhalt der Anzeigern: Erich Liepmann, Berlin W 16. Gültig Anzeigen - Preisliste 5 vorn 1. April 1938. Verlag und Anzeigen Verwaltung: Jüdische Rundschau, Barlin W 15, Meinekesti, 10. DA 111/1937 28 804.—■ Druckt Siegfried Scholesn, Bcrlin-SchSneherg. 1 i

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