Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 101 (21.12.1937)
- Date
- 1937-12-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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^-12 W Pr•!■ 29 RpL, JÜDISCHE RUNDSCHAU G&Itfgs A11E«Igeapr«11IIata Nr• 5• Dl• 12 xespsltene mm - Zeile 2Q Rpf,, füf Familiso •> Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder us bestimmtes Platzen wird keine Gewahr geleistet Gelegenheit•• •nseigea nur gegen Vomiainhluag auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9—18 Uhr. Annahmeschluö für die Dienstag Ausgabe Noatag 10 Uhr, für die F reitag . Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien •Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das indische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Sedektioii) 'Verlag aod A nzalgeovenveltuigi BerlinW IS, Malnakeatr, 10 Parnraf 1 911031, Talegrsman■Adresse 1 Orgblp. — Bezugspreis «iaschließlich Bestellgeld je Monat RM 2,—, j« Vierteljahr RM 5,7$, bei Abholung RM 1,88 bxw. 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Sir Henry Dale, der im letzten Jahr mit Otto L 6 w i aus Oraz den Nobelpreis für Medizin teilte, sagte u. a.: ״Es ist für mich eine große Ehre, Gast einer Gesellschaft zu sein, die ein Volk repräsentiert, dem die Kulturwelt sehr viel schuldet, und ich zweifle, ob sie jemals diese Schuld wird voll zurückzahlen können. Ich bin stolz, darauf, daß die Juden in England frei sind und die Möglichkeit einer freien Entwicklung haben. Niemand unter uns zweifeit daran, daß die Juden ihr Bestes der Welt geben und gegeben haben, ln meinem Leben bin ich vielen Juden begegnet und nicht seiten hatte ich Gelegenheit, mich zu uberzeugen, was die Juden auf dem Gebiete der medizinischen Forschung geleistet haben und leisten können.“ Am 14. Dezember fand in London in der großen Ada des University College die alljährliche Sitzung der Jüdisch- Historischen Gesellschaft Englands statt, die dem Andenken Luden Wolfs (Lucien Wdf Memorial Lecture) gewidmet war. Die Versammlung war außerordentlich gut besucht und neben dem Vorsitzenden Viscount Sankey waren noch zahlreiche Vertreter der Wissenschaft, des jüdischen öffentlichen Lebens, u. a. der Chief Rabbi Dr. Hertz, Chacham Dr. M. Oaster, der Historiker Dr. Cecil Roth, Neville Laski und Pariamentsabgeordneter D. L. Lipson erschienen. Lord Melchett sprach über ״Die Beziehungen zwischen Christentum und Judentum in der Zukunft und ihren Einfluß auf den internationalen Frieden“. — Besondere Erwähnung verdienen die Ausführungen, die von Viscount Sankev, einem der bedeutendsten Juristen Englands, der im Kabinett MacDonakls Lord-Chancellor war und die Versammlung präsidierte, gemacht wurden. Die ganze jüdische Ethik, sagte er, und die religiöse Praxis des Judentums sei mit dem Begriff des Friedens aufs engste verbunden. Das alte jüdische Recht, das zu den altesten Rechts-Systemen im internationalen Leben gehört, sei auf dem ethischen Prinzip des Friedens aufgebaut. Noch mehr, der Jude bete täglich um die Erhaltung des Friedens, und der in der Bibel ausgesprochene Segen ״Er gebe dir Friede“, habe noch heute seine Anziehungskraft. ״Was geschieht? - Niehls!“ Die Stagnation in der Palästinapolitik Prof. B r o d e t s k y, der politische Dezernent der Londoner Exekutive der Jewish Agency, benutzte die Gelegenheit einer Ansprache auf der Konferenz der Zionistischen Frauen Großbritanniens, um sich übe’r die politische Lage zu äußern. Brodetsky erklärte, auf die Frage, was jetzt geschähe, um die politischen Probleme Palästinas vorwärtszubringen, müsse er antworten: nichts. Obwohl die Regierung vor zwei oder drei Monaten erklärt habe, sie werde eine neue Kornmission schicken, Um Teilnngspläne mit Juden und Arabern an Ort und Stelle zu besprechen, hat sie seitdem nichts getan, was als eine Ausführung dieser Absicht gedeutet werden könnte. Im weiteren Verlaufe seiner Rede äußerte sich Brodetsky auch über die (von der ״Jüdischen Rundschau“ bereits mehrfach besprochenen Gerüchte) über angebliche Ve r ■ Handlungen oder gar Uebereirikommen zwischen jüdischcn und arabischen Führern; er erklärte alle diese Gerüchte für völlig unwahr. Wenn die Zeit zu Verhandlungen kommen wird, dann, so fügte Brodetsky hinzu, wird viel davon abhängen, ob die ökonomische Lage der Juden gut oder schlecht ist. Ist sie schlecht, dann würde das Resultat von Verhandlungen gewiß auch ungünstig sein. Darum komme alles darauf an, das ökonomische Aufbauwerk mit aller Kraft fortzusetzen. Wandern Ostjuden nach Oesterreich ein? Von unserem Berichterstatter J. R. Wien, 19. Dezember Kürzlich behandelten die ״Wiener Neuesten Nachrichten“, das Organ der nationalen Kreise, in einem ״Das Judenproblem in Polen“ betitelten Leitartikel das Erstarken der antisemitischen Bewegung in Polen und die immer brennender werdende Judenfrage in diesem Lande. Die Schlußfolgerungen dieses Leitartikels gipfelten in dem Satz, daß ״wenn es wirklich zu einer Judenauswanderung aus Polen kommen sollte, die für diesen Zuzug in Betracht kommenden Staaten wieder vor die Notwendigkeit gestellt waren, ihre Einwanderungsgesetze zu verschärfen“. Nur wenige Tage später veröffentlichten die ״Wiener Neuesten Nachrichten“ unter dem Titel ״Ostjuden wandern ein!“ einen weiteren Leitartikel, in welchem erklärt wird, der Zuström von Ostjuden gerade nach Oesterreich werde außer den strengeren Maßnahmen in den Nachbarstaaten durch zwei weitere Gründe begünstigt: Die verwandtschaftlichen Beziehungen zu den bereits seit dem Weltkrieg in Wien ansässigen Ostjuden, die sich der Neuankommendeu annehmen, und die Tatsache, daß Oesterreich als ein deutschsprachiges Land fÜT den ostjüdischen Menschen auch aus sprachlichen Gründen bequemer ist als ein anderes Land. Die österreichisehen Behörden hatten festgestellt, daß sich diese Einwanderung in das Bundesgebiet illegal vollziehe. Nach Schätzungen des Blattes soll die Zahl der auf diese Weise nach Oesterreich kommenden allmonatlich 100 bis 150 Mann betragen. Das Blatt behauptet weiter, daß bei einigen amtliehen Stellen Material darüber vorliege, daß diese jüdische Einwanderung anscheinend auch von offiziellen jüdischen Or* ganisationen im geheimen gefördert werde. Schließlich wird eine Neuregelung der österreichischen Fremdengesetzgebung als dringend geboten bezeichnet. Auf eine Anfrage bei der Wiener Kultusgemeinde wird von dieser hierzu erklärt, daß es vollkommen unriehtig ist, daß die Gemeinde oder andere in dem Artikel erwähnte ״offizielle jüdische Organisationen“ eine illegale Ein- Wanderung fördern. Von gut informierter Sei.te erfährt Ihr Korrespondent weiter, daß ein Zustrom von Ostjuden nach Wien über den Rahmen jener Einwanderer, die Wien als Durchgangsstation für die Weiterreise, sei es nach Amerika, Palästina oder in andere Ueberseestaaten benutzen, auch in der letzten Zeit nickt erfolgt sei. Es wird versichert, daß Oesterreich keineswegs das Endziel der Wanderung derjenigen, die hier durchreisen, bildet Rundreise Nuri Paschas Der frühere Außenminister und Ministerpräsident des Irak, Nuri Pascha, traf aus Bagdad in Beirut ein, wo er mit dem Mufti zusammentraf. Dann reiste Nuri Pascha nach Aegypten weiter. Pressevertretern erklärte Nuri, seine Reise solle der Regelung der Palästinatrage und der Erörterung allgemeiner, die Araber betreffenden Fragen dienen. Wie in Bagdad verlautet, wird Nuri Pascha für zunächst unbestimmte Zeit in Aegypten bleiben. Er hat die 'Annahme eines wichtigen Postens, der ihm von der neuen Regierung des Irak angeboten war, abgelehnt. \ ״Feiest! n“ veröffentlicht ein Interview mit Nuri Pascha, dfcr erklärte, daß er außer dem Mufti auch Auni Bey Abdul Hadi sowie auch die Mitglieder der neuen Palästina- Kommission (die noch nicht ernannt sind — A. d. ״]. R.“) sprechen wolle, um mit ihnen eine Lösung des Palästina- Problems zu erörtern. Die Nachricht über die Reise des früheren irakischen Ministerpräsidenten und Außenministers Nuri Pascha nach Syrien und Aegypten, die in diesen Tagen durch die Presse ging, erweckt Erinnerungen an die Aktion, die Nuri Pascha im vergangenen Jahre zur Beilegung des Palästinakonflikts unternommen hat. Man darf dabei allerdings nicht übersehen, daß Nuri Pascha heute nur als — wenn auch emfliißreicher — Privatmann sprechen kann. Wie es scheint, haben sich die Verhandlungen, die über seine Wiederverwcndüng im irakischen Staatsdienst geführt wurden (man sprach u. a. von einer Ernennung Nuri Paschas zum irakischen Gesandten in London), an gewissen Meinungsverschiedenheiten mit der jetzigen Regierung des Irak zerschlagen. Dennoch dürften die Gespräche, die Nuri Pascha mit den aus Palästina geflüchteten^ arabischen Führern und mit den Kreisen der arabischen Bewegung in Syrien und Aegypten führt, nicht ohne Bedeutung sein. Wie von jüdischer Seite erst vor kurzem betont worden ist — wir erinnern an die Ausführungen, die Mosche Schertok vor kurzem in einer Pressekonferenz 1'n Jerusalem gemacht hat —, steht man au) seiten der Jewish Agency einem vermittelnden Eingriff arabischer Kreise außerhalb Palästinas nicht prinzipiell ablehnend gegenüber unter der Voraussetzung, daß in den Rahmen der Gesamtbesprechungen die Möglichkeiten jüdischer Arbeit auch Wir beginnen Beute mit dem Abdruck eines Bruchstückes aus Franz Werfels neuem Jirtnijah-Foman ״Höret die Stimme“ in diesen Ländern miteinbezrogen werden. Ohne Zweifel könnte eine derartige Auffassung des Problems aus der gegenwärtigen Sackgasse hinausführen, in der es sich solange befindet, als von beiden Teilen als Voraussetzung für die Aufnahme von Verhandlungen Forderungen vertreten werden, deren Annähme für die andere Seite eine Kapitulation bedeuten müßte. Was die Araber anbelangt, so kann jedenfalls angenommen werden, daß die verantwortlichen Männer außerhalb Palästinas den Dingen mit etwas kühlerem Blut gegenüberstehen und daher im allgemeinen auf die in Frage kommenden Kreise in Palästina in mäßigendem Sinne einwirken sollten. Das Madagaskar-Projekt Der ״llhistrowanv Kurjer Codzienny* in Warschau veröffentlichte •ein Interview mit Major L e p e c k i, dem Leiter der polnischen Madagaskar-Expedition, der erklärte, daß nur der nördliche Teil von Madagaskar als Kolonisationsgebiet für Emigranten in Frage käme. Es könnten 5000 bis 7000 bäuerliche Familien, d. h. 25 000 bis 35 000 Personen in dieser Gegend angesiedelt werden. Wenn, man annimmt, daß außerdem 10000 bis 15000 Familien aus der städtischem Bevölkerung Polens hinzukommen, so ergebe sich, daß dort Raum fü r 50 000 bis 70 000 Personen wäre. Die Kosten der Ansiedlung einer Familie betragen nach Ansicht von Major Lepecki etwa 30000 Francs (etwas über £ 200). — Die Expedition bestand bekanntlich aus Polen und Juden, eines der Mitglieder war der jüdische Agronom Dyk. Notizen der Woche Der Kriegsminister — Rhodesien für jüdische Siedlung? — Die arabisch-jüdischen Beziehungen Wenige administrative Maßnahmen haben in England in der letzten Zeit so viel Aufsehen erregt und — wie wir gleich hinzufügen möchten — Zustimmung gefunden wie die über• raschende und energische Neuorganisation der Armee durch den Kriegsminister II o r e - B e 1 i s h a, der jetzt auch den Vorsitz in dem neugebildeicn Heeresrat übernommen hat Man hat Hore-Belisha sogar mit Lord Haldane, «dem be• rühmten englischen Kriegsminister und Heeresreformator der Vorkriegszeit, verglichen, und seine Initiative findet all• gemein Beifall. Es lohnt vielleicht an dieser Stelle zu er• wähnen, daß bei der Besprechung dieser tiefgreifenden Maßnahmen nirgends auch mir die leiseste Andeutung zu finden war, daß der Kriegsminister ein Jude ist. Dies ist um so bemerkenswerter, da doch durch die Absetzung so vieler hoher Militärs bei aller Loyalität der Betroffenen in gewissen Kreisen auch Verärgerung entstanden sein kann, und man könnte sich vielleicht vorstellen, daß cs verstimmt, wenn ein Jude kommt und verdiente Offiziere aus alten englischen Familien absetzt. Aber auch nicht die kleinste antisemitische Bemerkung ist bei dieser Gelegenheit gefallen, wenigstens in der Oeffentliehkeit. Im Gegenteil, Hore-Beiisha ist einer der populärsten Männer in England, und viele sagen ihm eine große Zukunft voraus. Manchmal wurde er sogar mit Dis■ raeli verglichen, aber Vergleiche dieser Art sind wohl unnütz. Hore-Belisha ist sicherlich ein befähigter und ideen* reicher Mann, der schon als Verkehrsminister neue Wege ging und seinen berühmten ״Krieg gegen den Tod auf der Landstraße“ führte. Auch ins War Office hat er anscheinend neues Leben gebracht. Mit jüdischen Dingen hat seine Wirksamkeit natürlich nicht das geringste 7.u tun. Ein englischer Minister hat ausschließlich nach englischem Interesse zu handeln; daran besteht weder in der jüdischen Welt ein Zweifel, noch in England, wo man mit Recht überzeugt ist, daß jeder jüdische Bürger mit Freuden seine ganze Kraft und Fähigkeit in den Dienst seines Vaterlandes stellt Es entbehrt aber für uns Juden nicht des Interesses, wenn ein Mann jüdischer Abstammung zu einem so hohen Amte berufen wird und es mit Erfolg verwaltet. Denn dies beweist, daß es in der jüdischen Gemeinschaft hervorragend befähigte Kräfte gibt, die, wenn ihnen Gelegenheit zur Betätigung geboten wird, sich auf den verschiedensten Gebieten bewähren können. (Eben erst hat ein berühmter englischer Forscher und Nobelpreisträger auch die Leistungen der Juden in der Wissenschaft in ehrender Werse gewürdigt, worüber wir an anderer Stelle berichten.) Dies ist für uns darum so wichtig, weil das jüdische Volk, wenn es, was unvermeidlich ist, in dieser Geschichtsperiode an •die Um- Ordnung seiner gesamten Lebens Verhältnisse herangeht, wenn es vor allem ein eigenes Gemeinwesen aufzubauen hat, Begabungen aller Art, vor allem Organisatoren und Forscher, fähige und unerschrockene Männer, brauchen wird. Daß sie vorhanden sind, ist eine gewisse Genug* tuung; freilich kommt es auch darauf an, die geeigneten Mensehen wirklicli heranziiziehen und sie zu verwenden zu verstehen, auch das ist eine Kunst, und an ihr mangelt cs zuweilen bei verantwortlichen jüdischen Kreisen. * In der Wiener ״Neuen Freien Presse“ veröffentlicht R. N, Coudenhove-K alergi, der als Propagator der ״paneuropäischen“ Bewegung, tun die es inzwischen still geworden ist, bekannt ist, einen Artikel zur Jiulcnfragc, in dem er die Meinung ausdrückt, daß sowohl Assimilation als auch Zionismus die Judenfrage lösen werden, und zwar würde die westliche Judenheii, die er auf eine Million beziffert, assimiliert werden, während die Frage der Ostjnden nur durch territoriale Konzentration zu lösen sei. Was sich gegen diese Anschauung einwenden läßt, liegt auf der Hand. Vor allem ist nicht überall die Grenze zwischen Ost- und Westjuden klar zu ziehen (was ist z. B. mit Amerika, über das der Verfasser schweigt?), ferner würden bei Abzug von einer Million noch immer vierzehn Millionen übrig bleiben, also ein bedeutend ernsteres Problem als die eine Million Assimilierter; immer nämlich, im Verlauf der ganzen jüdisehen Geschichte, sind Bruchteile der jüdischen Gesamtheit irgendwo assimiliert worden, ohne daß die Judentrage verschwunden ist. Interessanter als dieser Teil der Ausführungen ist aber der Gedanke Coudenhoves, daß der künftige J11denstaat im Zusammenwirken mit dem Britischen Reiche ein Kolonisationsprojekt für die jüdischen Massen in Rhodesien durchführen soll, auf dieser fasle*, Ue&e\Mük Das Militärgericht in Jerusalem verurteilte einen Araber zum Tode; das Urteil wurde bestätigt. Bei Gefecht en in der Nähe von Tulkerem und Dschenin wurden mehrere Araber gelötet. Bei der Konferenz der jüdischen I a n <f w i r t e - Organisation Palästinas kam eine .Annäherung an die offiziellen jüdischen Instanzen zustande, ln Czarna (Polen) wurde bei Ausschreitungen ein 16jähriger Jude getötet.