Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 100 (17.12.1937)
- Date
- 1937-12-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 100, 17. XII. 1937 Ein neuer Band der Bibelübersetzung IN ALLER KURZE Der rumänische Verband der Krankenhaus- Irrte beschloß die Forderung nach Rumänisierung des medizinischen Berufes. Er fordert, daß nur christliche Aerzte seitens der Regierung und der städtischen und provinziellen Stellen beschäftigt werden und dal) jüdische Aerzte nicht in christlichen Krankenhäusern praktizieren dürfen. Ferner wird die Einführung des nurncrus clausus für die jüdischen Medizinstudenten an den Universitäten verlangt. Dr. Fild ermann hat seinen Rücktritt als Präsident der Union rumänischer Juden zurückgezogen. Die Handelshochschule in Warschau wurde für eine unbestimmte Zeit auf Veranlassung des Rektors eschlosscn, weil die national-demokratischen Studenten die ingänge besetzt hielten und den jüdischen Studenten den Eingang verwehrten. An der Lemb erger Technischen Hochschule wurden Ghettobänke auf Grund einer Besetzung des Schulgebiitides durch nationaldemokratisehe Studenten eingeführt. Der polnische Tennis v erb a n d hat den Makkabiverband von Polen aus seiner Organisation ausgeschlossen. Der amerikanisch-jüdische Kongreß hat einen ״Monat der Solidarität“ mit den jüdischen Studenten in Polen proklamiert, der am 15. Dezember begonnen hat. In der Vortragsreihe über das Judenproblem, die die Münchener Universität im Zusammenhang mit der Ausstel• lung ״D er ewige J u 11 e“ veranstaltet, werden außer den bereits in der vorigen Ausgabe Genannten sprechen: Prof, Dr. Hans Alfred Grtinsky (München) über ,.Spinoza“; Prof. D. Gerhard Kittel (Tübingen): ..Die rassische Entwicklung des antiken Judentums'•; Dozent Dr. Karl Oeorg Kuhn (Tübingen): ״Talmud": Pro!. Dr. Kleo Plever (Königsberg): ,,Die Juden in der kapitalistischen Wirtschaft“; Prof. Dr. Franz Koch (Berlin): ״Goethe und die Judenfrage“; Oberrcgicrtingsrat Dr. Wilhelm Ziegler (Berlin): ״Die Juden in der Weltpolitik‘‘. Das Kaufhaus J. Steinitz, Bobrek-Karf I (O.-S.), ist in den Besitz, von Obst U Schkippa übergegangen. — Das Kaufhaus Barasch (Inh. S. Jacob) in <j 1 e i w i t z ist von der arischen Firma Rebenstorf N Co. übernommen worden. — Das Kaufhaus U c b r. Held in Leipzig wird nach dem vollzogenen Besit/.wcchsel ״Held, Inh. Golisch & Co.“ firmieren. Der britische Innenminister, Sir Samuel H 0 a r e, hat int Unterhaus mitgctcilt, daß das I) c monstr ationsver י bot im L 0 n d o n er East End um weitere drei Monate verlängert worden ist. Max S h 111 m a n aus C h i k a g o, ein bekannter ameri• kanischer Zionist, starb im Alter von 52 Jahren. Prof. Jacob Zeit!in in New York, ein bekannter LiteratuThistoriker, ist gestorben. Prof. Heinrich Jacob Goldschmidt in Oslo, ein berühmter Chemiker, starb im Alter von 80 Jahren. Der englische Flughafen im Irak, der Großbritannien auf Grund des anglo-irakischen Vertrages von 1930 zusteht, wurde kürzlich nach Dibban am Euphrat verlegt. Der neue Flughafen ist der größte britische Flughafen außerhalb Englands und bildet nach einer Beschreibung eine ganze kleine Stadt mit Baracken, Kirchen und betonierten Straßen. Seit 1934 wurden Tausende von Bäumen gepflanzt, die Schatten spenden sollen. Der frühere englische Flughafen befand sich in Hinaidi, sieben Meilen von Bagdad entfernt, und wurde verlegt, damit, wie es in englischen Berichten heißt, die irakische Nation nicht immer an die den Nationalstolz verletzende englische Besatzung aus der Zeit von Iraks Un- Selbständigkeit erinnert wird. Hinweis für Autoren. Rudolf Seiden, Kansas City, teilt uns mit, daß er eine literarische Stelle gegründet hat, die sich die Aufgabe setzt, Manuskripte von erstklassigen europäischen Autoren in amerikanischen Zeitungen 1mtera!bringc!1, Oie Stelle führt den Namen ,,Foreign Authors״ ׳Svndicatc" (935 Broadway, Kansas City, Missouri, USA.) und gibt für die Autoren ständige Bulletins heraus. Das Syndikat erhält für seine Mühewaltung von allen Eingängen 331, falls das Manuskript in englischer Sprache übermittelt wurde, jedoch 50 falls die Uebcrsetzung dort besorgt wurden muß. Das Syndikat stellt sich die Aufgabe, die Manuskripte der Autoren zu Höchstpreisen an amerikanische Zeitungen und Zeitschriften zu verkaufen. Interessenten erhalten auf Wunsch von der genannten Stelle nähere Informationen sowie einen Vertragsentwurf zugesandt. In der in Prag erscheinenden vorzüglichen Zeitschrift ״Internationale Kunstrevue“ (N'ovem ber-Hclt) veröffentlicht der Herausgeber Adolph Donath einen Aufsatz, über den. jüdischen Bildhauer Rudolf S a 11 d e k, der, aus der Tschechoslowakei stammend, seit vielen Jahren in Leipzig lebt Saudek ist ebenso wie sein verstorbener Vetter Robert Saudek, der bekannte Graphologe und Schriftsteller, in Kolin in Böhme!! gehören (der Familie gehörten auch einige bekannte Zionisten an). Rudolf Saudek schuf eine grolle Zahl von P 0 r t r ä t b 11 s t e n, von denen in der Zeitschrift die Biiste Oswald Spenglers und des großen tschechischen Dichters Qtokar Brezina reproduziert sind, ferner die Spinoza- Büste, die in der Philosophischen Fakultät im Haag aufgestellt ist. Kürzlich hat er auch eine Masaryk-Bronzemaske ge- Echaffen. — Wie alle Hefte der Zeitschrift enthält auch dieses eine Reihe von interessanten Beiträgen, darunter auch mehrere von jüdischen Autoren. Hervorgehoben sei eine umfangreiche Arbeit von Friedrich Neuburg über den Schmuck in der Goldschmiedekunst, von der nun schon die sechste Fort- Setzung veröffentlicht wird. Das neueste Heft der Zeitschrift ״Nachlath Zwi“, die von der Rabbiner Hirsch-Gesellschaft in Frankfurt herausgegeben wird, ist dem Berliner Rabbiner Dr. E. Munk zu seinem 70. Geburtstage gewidmet und enthält neben einer Würdigung des Jubilars eine Reihe interessanter Aufsätze, unter denen wir hervorheben: ״Aggadische Miszellen“ von Salomon Breuer, ״Das Volk der’ Stämme“ von J. Merzbach, ״Deutsche Juden im Alten Jischuw“ von F. M. Frankel, ״Denken und Schauen“ von Max Munk und die Abhandlung ״Religiöse Erkenntnis“ von Rabb. Ehrentrcu. In der ״Zeitschrift für die Geschichte der Juden In Deutschland“ analysiert Dr. Meier Spanier die 12; Gedichte Süßkinds von Trimbcrg in ihrer uns überlieferten Form und korrigiert irrige Deutungen. Er weist nach/ wie Süßkind in der dichterischen Formung sich seinen Berufsgenossen an paßt, aber in seinen Anschauungen sich als Jude offenbart. Dr.-Ing. Jakob May entdeckte im Archiv der Jüdischen Gemeinde Koblenz über 350 Urkunden aiäs der Zeit von 1653 bis 1811. Er beschäftigt sich mit den ״Steuern und Abgaben der Juden im Erzstift Trier“. In das 19(. Jahrhundert führt eine Studie über ״Die Münchener j Judenbeschreibung־ von 1840“ von Dr. Werner Cahnmaiin. Aitgoid, Silber WaJKJHHHBHEjVf'fZTjHa■ und Brillanten gM(jfI fg / B!/ tj/r wmCtn«njel'iull O.VJ5 Das Buch Gleichsprüdie Verdeutscht von Martin Buber. Schocken Verlag, Berlin. (Die Schrift. Zu verdeutschen unternommen von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig. Band XV.) Man durfte auf diesen, den fünfzehnten Band der Buber- Bibel, deren Vollendung stetig fortschreitet, insofern gespannt sein, als das Buch ״Mischlej״ im Stil von allen anderen und besonders von den bisher neu übertragenen Büchern wesentlich abweicht. Dem Verdeutscher ist mit jedem Buch der Bibel nicht nur die Aufgabe (und das Problem) von neuem gestellt, ihm ist auch eine neue Aufgabe gestellt, und nur mit ehrfürchtiger Bewunderung Kann man die Lösung von Band zu Band, von Wort zu Wort verfolgen. Die Revolution im Bibelübersetzen, als die man die Buber-Rosenzweigsche Arbeit ansehen muß, ist hier schon im Titel sichtbar ,Von Luther bis Zunz hieß ״Mischlej“ einfach ״Sprüche“; gemeint war ungefähr Sinnsprüche, wobei das Eigentliche weder dieser Art von Spruchdichtung noch des hebräischen Terminus dafür, nämlich das r’arallelisieren einander entsprechender Verse und das Gleichnishafte, überhaupt zur Geltung kam, es sei denn, man hätte im ״Spruch“ auch das Entsprechen, den ״Entspruch“ mitinbegriffen; aber auch diesen möglichen Mit- und Nebenslnn macht erst Buber bewußt. In einer kurzen Beigabe erklärt er die Wortbedeutung, und wenn man noch etwas dazu erwähnen darf, so wäre das der einzige, dem hebräischen maschal in einem Idiom der Ucbersetzungssprache entsprechende Ausdruck: das jiddische ״Gleichwort“ (Gleichwörtlach). Aber die ״Glcichsprüche“ sind Dichtung. Von jener Art, wie sie annähernd im klassischen Distichon, im Epigramm und in der spanischen Copla zu finden ist, genauer: parallelistische Dichtung, wie sie im Morgenland, vom alten Aegypten bis nach China, geblüht hat und noch lebendig ist. Sie ist also keine originale hebräische Schöpfung. Original aber ist, was in und aus dieser Dichtungsform im Hebräischen und nur hier entstand, und auch die prägnante Kenn- Zeichnung dieser Eigentümlichkeit danken wir Buber: Während ״z. B. in China die subtilste Ausbildung des Parallelismus in einem literarischen Spiel geschieht, wo die Aufgabe gestellt wird, einen Satz durch einen Wort um Wort entsprechenden zum Doppelvers zu runden, vollzieht sich in Israel ein merkwürdiger Prozeß. Unter den möglichen Ant- Wortarten tritt die antithetische beherrschend hervor, und in ihrer Form spricht sich ein gegensätzliches Grundverhältnis aus, welches den Kern aller hebräischen Spruchdichtung darstent: der Kampf zwischen der ״Weisheit“, die die Er- Kenntnis der Wege Gottes ist, und der ״Torheit“, als die das Abirren von diesen Wegen erscheint. Dieser Kampf ist das große, bei aller Einheitlichkeit doch erstaunlich vielfältig variierte Hauptthema der ״Gleichsprüche“, auf das alle anderen Themen direkt oder indirekt bezogen sind.“ Darauf allein kommt es an, und demgegenüber erscheint nebensächlich, was man sonst zum Thema ״Mischlej" fragen oder antworten zu müssen geglaubt hat. Um von dieser Art von ״wissenschaftlicher Erschließung“ des Buches einen Begriff zu geben, notieren wir einige ihrer Fragen und Antworten: Ob das Buch wirklich vom König Salomo oder überhaupt von einem einzigen Autor stamme; ob es durchweg von jüdischer Seite stamme oder mindestens teilweise (30, 1—31, 9) von 'den Massa'iten; warm das Ganze entstanden und daß die erste Gruppe, Kapitel 1—-9, die jüngste Schicht sei. Noch aufschlußreicher ist, was historiographischer Spürsinn hinter den Versen entdeckt, I Hartbrodt Berlin C 2, König str.19 I | Uhren / Goldu. Silberwären | etwa ein ״interessantes Kulturbild“ der Zeit zwischen 250 und 200 v. Chr.: ״daß junge Leute zuweilen Banden bilden, um schwere Verbrechen, selbst Meuchelmord, zu verüben und die dabei gewonnene Beute unter sich zu teilen, wobei sie oft unerfahrene Jünglinge in ihr Garn zu locken verstanden.“ Wirklich ein interessantes ״Kuliurbild“, aber woher hat das unser Historiker? Aus dem ersten Kapitel von den lockenden bösen Buben, denen du nicht folgen sollst. Luthers ״böse Buben“ sind übrigens bei Zunz und Buber einfach ״Sünder“. Viel netter ist das Zeitbild, das dann aus den Versen über die Unzucht (2, 16—19; 5, 8—23; 6, 24—35; 7, 4—23) "bezogen wird: ,.Mau wird dabei oft an gewisse Straßenbilder einer modernen Weltstadt erinnert.“ Und in Anbetracht so moderner Weltstädtischkeit in den rüekschrittliehen Jahren zwischen 250 und 290 v. Chr. wird dann breit ausgeführt, daß das Buch der Gleichsprüche eben nur die ״hausbackene Moral“ eines Bauernvolkes spiegle und für den ״braven Landmann“ geschrieben sei, und geschlossen, die Sprüche ״verraten nicht viel Tiefe, aber ihre Lehre ist gewiß praktisch erprobt,“ Nun, das wird uns wenig kümmern, da wir von den Versen nicht auf ihre vermeintlichen, jedenfalls nicht mehr zu belangenden Urheber, noch auf ihre vermeintlichen Adressaten, noch auf die vermeintlichen Zustände der Zeit um 200 v. Chr. schließen, sondern auf den Menschen überhaupt, auf den Juden und auf uns besonders. Und was die Tiefe ihrer Moral betrifft, so ist diese zwar längst geworden, was man gern ״Gemeingut der Menschheit“ nennt, nämlich eine Bibliotheksache, aber, obwohl ״gewiß praktisch erprobt“, doch noch nicht hinlänglich praktiziert. Ueberhaupt darf und soll man solche Kennworte doch als die knappen, merkenshalber versifizierten Resultate und letzten Schlüsse langer und umständlicher Gedankenreihen ansehen, die dann wiederherzustellen, zu vertiefen und ״Wissenschaftlieh“ zu begründen den berufsmäßigen Ethiken! späterer Jahrhunderte überlassen blieb. Was Bubers Verdeutschung vor den bisherigen auszeichnet, ist die Genauigkeit, daher die größere Klarheit und Uebersichtlichkeit, der tiefere Eindruck des Ganzen. Es fängt mit dem äußeren Bild an, und eben in diesem Buch zeigt sich der Vorzug von Bubers Teilung und Ordnung der Verse. In den bisherigen Uebersetzungen zeigt lediglich die Vornumerierung Anfang und Ende eines Verses an, hier nicht nur׳ der gedichtübliehe Zeilendruck — vom inneren Rhythmus nicht zu reden —, sondern cs ist auch Gedicht für Gedicht sichtlich abgehoben. Aber während sonst trotz dem gleichen äußeren Bild, trotz dem Ineinanderübergehen aller Einzelverse das Buch zumeist den Eindruck eines Sammelsuriums verschiedenartiger und aus verschiedenen Quellen entnommener Lebensweisheiten, Gleichnisse, Sinngedichte und Rätsei machen konnte, tritt hier die Einheit in Sinn und Form, der Kern des Ganzen klar zutage. Vor allem aber die Klarheit! Ein paar Beispiele. ״Wer verständig ist, der läßt sich raten“, heißt es bei Luther, bei Zunz: ״Der Einsichtige erwirbt Anschläge“, was unsinnig ist, bei Buber sinnvoll, verständlich und wörtlich übersetzt: ״Der Verständige, Lenkungskflnste erwerb er.״ Denn diese Zeile entstammt dem Vorspruch des Buches, dem Vorspruch, dessen Aufgabe ist, den Zweck des Buches mitzuteilen, nämlieh nicht, ״daß er (der Verständige) vernehme die Sprüche und ihre Deutung“ (Luther), noch daß er sie ״verstehe״ (Zunz), sondern ״verstehn zu machen Gleichspruch und An• deutung, der Weisen Worte und ihre Rätsel“ (Buber). Das eigentliche Buch fingt mit dem berühmten lateinischen, vormals hebräischen Genitiv ״Des Herrn Furcht“, die der An• fang der Erkenntnis ist, bei Luther an, bei Zunz ist ״die Furcht des Ewigen“ daraus entsprungen, wobei sich der Leser vollends fragen darf: wovor fürchtet sich der Ewige?, während Buber ״SEINE Fürchtigkeit“ setzt und damit zugleich Gottes Ehrfürchtigkeit, Furchtbarkeit und, was die andern meinten, die Furcht vor Gott ausdrückt. Hier haben wir den ersten und schon den typischen Gleichsprueh (I, 7), dessen Wesen auch die früheren Uebersetzer im Parallelisieren von These und Antithese fanden und durch das Gegeneinanderstellen zweier Hauptsätze recht wiederzugeben meinten: ״Furcht des Ewigen ist die erste Kenntniß, Weisheit und Zucht verachten Thoren“ (Zunz), wobei die Antithese keinen Widerspruch gegen die These mehr darstellt und die Parallelen einfach auseinander laufen. Ein Gleichspruch wird es erst, wenn man, wie Buber, den Satz so aufteilt: ״SEINE Fürchtigkeit, Anfang ists der Erkenntnis, / der Weisheit und Zucht, die die Narren verachten.“ Man sieht, der Sinn und die Klarheit des Ausdrucks solcher Lebensweisheiten van ״nicht viel Tiefe“ sind nicht jedem leicht greifbar, und oft ist schon die richtige Satzaüfteilung das Ei des Columbus: ״Es ist dem Mann eine Ehre, vom Hader bleiben; aber die gerne hadern, sind allzumal Narren“, heißt es bei Luther, ״Eine Ehre ist’s dem Manne, in<1e zu halten beim Flader, aber der ganze Narr zeigt sieh in seiner Blöße“, heißt es bei Zunz unklar, falsch und sinnlos, während es bei Buber schlicht und recht heißt: ״Ehre dem Mann ist’s, abseits sitzen vom Streit, aber jeder Narr platzt los.“ Flier werden Parallelismus und Antithetik so deutlich in Vcrsbild und Sinn, daß Buber sogar mit dem Komma zwischen je zwei Parallelversen auskommt, während das Buch der ״Sprüche“ bei Luther und Zunz geradezu eine Plantage für Semi• kolons ist, was allerdings die Verwischung der eigentlichen Form nicht verhindern konnte. Es ist nun nicht mehr nötig, alle diese Vorzüge der neuen Verdeutschung noch weiter zu belegen, denn ihr höchster Vorzug ist, daß es eben keine Vorzüge, sondern ״nur“ Richtigkeiten sind. Hinzu kommt, daß ״Mischlej“ kein mythologisches und kein mystisches Buch ist, weder prophetisches Pathos noch historische Berichte oder Ge- Schichtsdeutung enthält und mit seinen allgemeinen, menschliehen Lebensweisheiten unserer Wortgewohnheit so nahe kommt, wie nur «in Lebensbuch es vermag: so liest es sich also auch in Bubers Verdeutschung leicht und klar, wie gesagt, klarer als je zuvor. Einzelne, deren Lesesport es ist, über die Seiten eines Buches obenhin zu fliegen wie ein Schlittschuhkünstler über die künstliche Eisfläche, werden gleichwohl bei manchem Wort stolpern und dann auf das Eis schimpfen. Da ist unser Fraucnlob am Schluß der ״Gleichsprüche“, das jüdische ״Würde der Frauen“, das jeden Freitagabend neu zu Ehren kommt. Bei Luther fängt cs bekanntlich an: ״Wem ein tugendsam Weib bescheret ist, die ist viel edler denn die köstlichsten Perlen“, bei Zunz hört sich das schon mehr nach einer Mischung von Biederineier und Merkantilismus an: ״Ein wackeres Weib, wer findet es? denn schwerer zu erkaufen ist sie als Perlen“, bei Buber sind es nicht mehr Perlen, sondern Korallen, und von Kaufen ist gar keine Rede, aber die Frau, das Ideal von Frau, ist nicht ״wacker“, was uns ja zu matt und fast zu burschikos für ein Idealbild Idingen würde, noch ״tilgendsain“, was einen altjüngferlichen und zimperlichen Beigeschmack bekommen hat, sondern ״ein Weib von Tucht“. Und da stolpert der Schlittschuhleser und nach einem vergeblichen Versuch, Buber zu retten, indem er ״Tucht“ für einen Druckfehler von ״Zucht“ hielt, weiß er nicht mehr weiter. Mittlerweil« fängt ״Tucht“ in ihm zu arbeiten an und entpuppt sich als das Grundwort aller Tugenden und Tüchtigkeit. Aber ein ״tüchtiges Weib“ wäre vielleicht ein recht geschäftstüchtiges, nur keine ״eschet chajil“ und ״Tugend“ hat was Archaistisches wie die altgcwordenen Götternamen und schmeckt nach den personifizierten Göttinnen der Abstraktionen der Gerechtigkeit, Weisheit, Industrie usw., berührt aber doch die Moral nicht ein bißchen mehr, während ״Tucht“ zu denken und die besten Definitionen der ״Tugend“ im älteren Sinn heraufzuholen zwingt, von denen die beste und schönste die Tugend ״das wahrhaft Passende in jedem Zustande“ nennt. Und so meint es auch im Einzelnen dann das weiter ausrnalende Frauenlob, der bis zur höchsten ״Tücht“ aufsteigende Hymnus, worin ״der Reiz ein Trug, die Schönheit ein Hauch ist, — ein Weib, das IHN fürchtet, das werde gerühmt!“ Aber es sind wieder nicht nur die ״Früchte ihrer Hände“, die Luther sie rühmen läßt, sondern auch wir sollen ihr nichts vorenthalten: ״Spendet ihr von der Frucht ihrer Hände!“ Leo Hirsch Festschrift zum 120jährigen Bestehen des Israelitischen Tempels in Hamburg 1817—1937. Flerausgegeben von Ober• rabhiner Dr. Bruno Italiener. — Der Vorstand des Israeli« tischen Tempclverbandes hat eine Festschrift anläßlich des 120jährigen Bestehens des Tempels herausgegeben, die eine Reihe wertvoller Beiträge zur Geschichte der Hamburger Tempelgemeinde enthält. Zwei neue Kompositionen für Orgef (Präludium und Fuge fis-moll von Dr. Oscar Guttmann und Pastorale H-Dur von Richard Altmann) bringt Hermann Schwarz am 9, Januar in Danzig zur Uraufführung. Aus der ״JÜDISCHEN RUNDSCHAU" v. 13.12.1S121 , ln Galizien herrscht seit Monaten eine schwere wirt* Schaftliche Krise, von der insbesondere die dem Handels• stand allgehörenden 800 000 Juden betroffen wurden. Diese Krise wurde besonders dadurch verschärft, daß die Großbanken in sehr rigoroser Weise mit Kreditent Ziehungen vorgingen. Der Großrabbiner von Saloniki, J. Me'ir, hat an den Kronprinzen von Griechenland ein Schreiben gerichtet, in dem er die loyale Haltung der griechischen Eroberer gegen die Juden der Stadt hervorhebt. Dr. Karl J 051 ... ist zum Rektor der Baseler V niv e r s ität ernannt worden. }€ChäriotfenfifM?{ ׳Co AN DER LEIPZIGER STR. Berlin WB Ruf 16 B356 SonntaQs 0®ö:fnel I