Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 100 (17.12.1937)
- Date
- 1937-12-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JOD ISCHE RUNDSCHAU Nr. 100, 17. XII. 1937 noch verschärfen; wir brauchen nur n 1 bedenken, daß ein großer Teil der arabischen Jugend an europä- Ischen Hochschulen studiert oder zumindest die jetzt In den arabischen Ländern immer mehr um sich gteifende moderne Schulbildung genießt, oder daß (wenn wir sogar von der nach Palästina strömenden überzähligen europäisch-jüdischen Intelligenz absehen) im jüdischen Sektor Palästinas eine nach europäischen Vorbildern erzogene jüdische Jugend heranwächst, von der gewiß ein Teil zur landwirtschaftlichen Siedlung gelangt (und damit freilich auch wieder den Raum für neue Olim verengern wird), ein Teil aber, und zwar in immer zunehmendem Maße, auf dem engen Gebiet des jüdischen Teils Palästinas keine genügende Wirkungsmöglichkeit finden wird. Dieser unbefriedigende soziale Zustand ist geeignet, die gegenseitigen Kämpfe noch zu verstärken. Ganz anders wäre es, wenn infolge einer wirklich gründlichen politischen Befriedung die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, daß unter Zuliilfenahme ausländischen Kapitals — teils Einwanderer- Kapitals, teils einer fremden Anleihe — eine große Entwicklung des Länderkomplexes Palästina, Transjor- «danien, Irak, Syrien, unter Ausnutzung aller neuzeitlichen technischen Hilfsmittel vor sich ginge. Welch lockendes ideal müßte dies für die jüdische und die <1rabischt־ Jugend, die wirklich ihr Volk lieben, sein! Noch scheint uns dieser Gedanke sehr wenig Popularität zu haben, und man. zieht es vor, sich in unfruchtbaren Kämpfen zu verzehren. Aber der Moment wird kommen müssen, wo an Stelle der Feindschaft ein derartiges positives Ideal in den Vordergrund tritt. Wenn freilich die HaPcgefühle schon so in den Her- 7cn eingewurzelt sind und durch eine darauf gerichtete törichte Lr/ielning bestärkt werden, dann wird es immer schwerer, die Atmosphäre des Vertrauens zu finden, die eine Zusammenarbeit voraussetzt. Eine Drehung um, 18 0 0 r a tl ist e r f v r d e r i i c h. Ein arabisches Angebot? ln den letzten Tage wurde, abgesehen von den schon erwähnten (und dementierten) Pressemeldungen, das Problem einer jüdisch-arabischen Verständigung mehrfach diskutiert. Auf einem gewissermaßen ״neutralen“ Boden in London kam es zu einer Aussprache zwischen Juden und Arabern, freilich nur in einer akademischen Form, d. 11. es waren auf beiden Seiten keine politisch exponierten Persönlichkeiten beteiligt. Stiinmungsmäßig sind aber diese Diskussionen sicherlich beachtenswert. 111 einer Konferenz in Oxford wurde auf die Frage, ob die dort von arabischer Seite vorgebrachten Vorschlage die offizielle Billigung der arabischen Führer hätten, von dem anwesenden Musa Husseini bejahend geantwortet. Ob er zu dieser Erklärung formell berechtigt war, ist freilich noch nicht ausgemacht. Es ist sowohl auf arabischer als auch auf jüdischer Seite sicherlich sehr schwer, von inoffiziellen Besprechungen zu wirklichen bindenden Angeboten zu gelangen, denn es gibt keine eindeutig legitimierten Volks- Vertreter, jeder Sprecher fürchtet die Desavouierung durch die eigenen Extremisten, und ehe es zu konkreten Vorhaiidhmgen kommt, muß gewöhnlich unter dem Drucke der extremen Richtungen bereits jede Absicht einer Verständigung dementiert werden. Aber dennoch obliegt in Anbetracht der überragenden Wichtigkeit dieses Problems uns die Pflicht, immer wieder zumindest theore tisch /n prüfen, wie die Dinge liegen und was geschehen könnte. Di;■ in Oxford von arabischer Seite gemachten Vorschk. :c enthielten folgende Gedanken: 1. Die Jüdin müssen ihr Ziel, eine Mehrheit in Palästina zu werden, aufgeben. 2. Die jüdische Finwaiulerung nach Palästina soll im Finklang mit dem nalfirüehen Zuwachs der arabischen Bevölkerung geregelt werden. 3. Juden und Araber sollen in einer Art palästinensischer Zi'iitra.lre;־iiaimg paritätisch vertreten sein. 4. Die Juden soilen in den jüdischen Städten und Siedhingen volle A’itommiie genießen. 5. 1 raugoruaiiun, S\ 1 ieu und die anderen arabischen Lander sollen für jüdische Einwanderung geöffnet werden, Die jüdische Haltung 111 einer Londoner jüdischen Zeitschrift weist ein anonymer Linsender, der sich ״gebürtiger palästinensischer Jude“ nennt, darauf hin, daß in der letzten Zeit ein deutlicher Wandel in der arabischen Haltung• festgestellt ist. Die Araber seien jetzt verständigungs- IN PARIS J. HEIZER Jüdische und Allgemein• Literatur in •Men Sprechen Hebraca / Versend rach allen Weltteilen! 6, Rue deVaugirard, ParlsVle bereit, weil sie die Teilung Palästinas als den schwersten Schlag betrachten. Der Linsender meint, es sei ein Fehler der Juden gewesen, daß nicht auch der Zionistenkorigreß sich eindeutig ge ge n die Teilung ausgesprochen )kitte, denn durch die Teilungsbereitschaft der Juden wären die Araber äußerst gereizt worden. ״Für die meisten in Palästina geborenen Juden“, so schreibt der genannte Autor, ״liegt klar zutage, daß die Errichtung des aus der Teilung Palästinas hervorgehenden Judenstaates unvermeidlich eine dauernde arabisch-jüdi- Zur Frage der Landesverbände Wir erhalten nachstehendes Communique: In der Sitzung des Präsidialausschusses der Reichsvertre־ tund der Juden in Deutschland vom 14. Dezember hat der Vorsitzende des Verbandes Bayrischer Israelitischer Gemein• den, Dr. Neumeyer, zugleich stellvertretender Vorsitzen• der des Rates bei der Reicnsvertretung, folgende Erklärung abgegeben: Nach Mitteilung der Presse hat der Rat des Preußischen Landesverbandes das Dezernenten-Kollegium ermächtigt, mit den dem Preußischen Landesverband noch nicht angeschlossenen Verbänden in Verhandlungen einzutreten, die den Zusaminenschhiß aller Gemeinden bzw. Gemeindeverbände zu einem Verbände der jüdischen Gemeinden im Deutschen Reich zum Ziele haben. Namens der Süddeutschen Verbände habe ich hierzu folgende Erklärung abzugeben: Neben der Reichs Vertretung erscheint eine weitere Reichsorganisation der Gemeinden überflüssig und s c h ä d i i c 11, Der Einfluß der Landesverbände und Gemeinden in den Organen der Reichsvertretung wurde erst vor wenigen Monaten nicht ohne Opfer der Süddeutschen Verbände durch einmütigen Beschluß sicliergcstellt. Die hierdurch geschaffene Möglichkeit ruhiger sachlieber Arbeit darf nicht wieder gestört werden. Die Süddeutschen Landesverbände verkörpern die in ihnen zusammengeschlossenen Gemeinden und erfüllen für iluen Bereich die gemeinschaftlichen Aufgaben auf allen Gebieten 'der jüdischen Arbeit. Das Vorhaben des Preußischen Landesverbandes ist darum in keiner Weise geeignet, die jüdische Arbeit in Deutschland zu fördern, die Süddeutschen Verbände sind nicht geneigt, ihre selbständige Stellung im Rahmen der durch die Reichsvertretung repräsentierten jiidischen Gesamtheit in Deutschland aufzugeben. Der sächsische Landesverband und 11 ambürg haben sich dieser Erklärung vollinhaltlich angeschlossen. sehe Feindschaft schaffen würde. Sie sind überzeugt, daß Lord Snell recht hatte, wenn er 1930 schrieb, die friedliehe, ökonomische und politische Entwicklung Palästinas hänge ab von dem Wachsen guter Beziehungen zwischen den beiden Völkern.“ Wir wollen hier nicht einwenden, daß wir auch Stimmen sehr maßgebender gebürtiger Palästinenser kennen, die sich mit Entschiedenheit für die Teilung und für den Judenstaat aussprachen, aber der wesentliche Punkt liegt anderswo. Ein Beschluß des Zionistenkongrosses gegen die Teilung wäre unter den gegebenen Umständen wahrscheinlich mit der Betonung des jüdisehen Anspruches auf ganz Palästina verbunden gewesen, und es ist schwer einzusehen, wieso ein derartiges Programm den Arabern eher annehmbar sein sollte als der Teilungsvorsclilag. Die Aufgabe scheint uns vielmehr eine ganz andere zu sein. Gemessen an den wirklichen großen Zukunftsproblemen scheint uns sogar die Frage ״Teilung oder nicht“ nur sekundär zu sein. Denn in der Ent- Wicklung der arabisch-jüdischen Beziehungen wäre vermutlich die durch Teilung geschaffene Lösung nur eine Etappe. Worauf es heute ankommt, ist die Frage: Läßt sich die Forderung der Araber nach arablscher Unabhängigkeit und Ihr Widerstand gegen jüdische Vorherrschaft in Palästina und gegen die Unterstellung eines wichtigen Teils des bisher größtenteils von Arabern bewohnten Gebietes unter fremden politischen Einfluß in Einklang bringen mit der unerläßlichen jüdischen Forderung auf ein politisch gesichertes, jüdisch autonornes nationales Leben nebst unbehinderter, der wirtschaftlichen Fassungskraft angemessener jüdischer Einwanderung? Das Problem wurde leider bisher niemals in dieser Weise gestellt, weil jedes der beiden Völker sich nicht an die Adresse des anderen Volkes, sondern an die Adresse der Mandatarmacht wandte und dabei diesem Dritten gegenüber nur seine eigenen Forderungen in den Vordergrund schob, ohne dabei den Standpunkt des anderen zu berücksichtigen oder auch nur zu würdigen. Die Engländer bähen sich jetzt außerstande erklärt, diesem Problem beizukommen. Im Peel-Bericht wird in klarer Form .auseinandergesetzt, daß es für die Mandatarmacht unmöglich ist, eine Lösung zu finden, wenn beide Völker mit großer Starrheit das ganze Land für sich verlangen. Wie naheliegend ist der Gedanke, daß nach dem Peel-Bericht die beiden Völker einen äußersten Versuch zur Einigung machen müssen, um die Teihing des Landes abzuwenden! Aber von dieser lieber- Icguiig zpr Durchführung ist ein weiter Weg, denn weit schwerere Hindernisse als alle materiellen Gegebenheiten bilden die psychologischen Widerstände auf beiden Seiten. Bei den Arabern zeigte sich, besonders solange der Mufti regierte, keine Geneigtheit, den Juden Konzessionen zu machen. Aber auch bei dem Züricher Zionistenkongreß wurde offenbar, daß auf jüdischer Seite der Gedanke einer Verständigung zwecks Abwehr der Teilung (abgesehen von einigen Splittergruppen) sehr unpopulär ist, so daß angesichts dieser Verhältnisse der Standpunkt der Ja-Sager als eine Art Kompromiß erschien, das wenigstens in gewisser Hinsicht auch den Anspruch der Araber anerkennt, nämlich in der Form der Zuteilung eines Teiles des Landes an den künftiger! arabischen Staat. Manche prominenten Befürworter des Teilungsplanes hoben sogar in sehr plausibler Weise den Gedanken entwickelt, daß ein selbständiger J ud e n s t a a t in Zukunft eine bessere und legitimere Verhatidlungsbasisfür Verhandlungen mit den Arabern darstellen und damit eine Verständigung erleichtern könnte. Diese Meinung, wenn sie sich wirklich auch im jüdischen Kreis durchsetz.t, hat viel für sich. Es würde sich aber lohnen, auch die Vorschläge der arabischen Verständigungsfreunde, wie sie jetzt da und dort auftauchen, unter dem Gesichtspunkt zu untersuchen, worauf die unüberbrückbaren Differenzen zwischen deren Standpunkt und einem verständigungsfreundlichen zionistischpolitischen Programm beruhen. Zam ״Oxfordtr Programm“ Wenn wir, im vollen Bewußtsein, daß es sich hier um kein definitives und offizielles Angebot handelt, etwa die oben erwähnten fünf Oxford er Punkte betrachten, so ergeben sich folgende (natürlich rein theoretisehe) Ueberlegungen! Die iifl ersten Satz ausgesprochene Forderung, daß die Juden ihr Ziel, in Palästina eine Mehrheit zu werden, aufgeben sollen, ist durch Annahme des Teilungsplanes , zwar nicht ausdrücklich, aber der Sache nach irnplicite anerkannt, denn gemäß dem Teilungs-Schema würden sich die Juden mit einem Teil Palästinas zu begnügen haben und demnach nicht die Mehrheit in ganz Palästina werden. In diesem Teil Palästinas würden sie staatliche Souveränität haben, ־während Punkt 4 des ״Oxforder Programms“ ihnen nur volle Autonomie einräumt, d. h. volle Freiheit in der Rege- Iung ihrer inneren Angelegenheiten einschließlich Verwaltung und Erziehung, dagegen nicht in der Politik; was die Politik betrifft, würde Punkt 3 maßgebend sein, wonach Juden und Araber volle Parität in der Landesregierung besitzen sollen, also eine Art Bundesregierung von zwei selbständigen gleichberechtigten Kantonen. Es wäre genau zu überlegen, worin die Vorteile und Nachteile einer solchen Regelungliegen. Der schwierigste Punkt ist zweifellos der zweite, der die jüdische Einwanderung behandelt. Hier liegt auch ein gewaltiger Unterschied gegenüber dem Teilungsprojekt, weil nach der Teilung die Juden in bezug auf den Juden staat volle Freiheit bezüglich der Rege- Iung der Einwanderung hätten, nur beschränkt durch die physischen und ökonomischen Realitäten. Jede Verhand- Iung auf Grund des ״Oxforder Programms“ müßte also darauf hinauslaufen, die jüdische Einwanderung zumin״ dest in den Tei! Palästinas, der nach dem Peel-Plan Judenstaat werden sollte, den Juden selbst zu überlassen, immer vorausgesetzt, daß die Rechte der arabischen Einwohner nicht geschmälert werden. In der Form einer gütlichen Auseinandersetzung könnte dann, wenn von Juden und Arabern gemeinsam andere Gebiete, etwa der Negew oder Transjordanien, erschlossen werden, sowohl der im Peel-Plan vorgesehene Bevölkerungstransfer oder auch eine anderweitige Ansiedlungsmöglichkeit für Juden vorgesehen werden. Dieses Projekt eines geschlossenen jüdischen Gemeinwesens würde auch für die Araber das Abschreckende verlieren, sobald dieses Gemeinwesen konstitutionell mit dem anderen Teil Palästinas und vielleicht sogar mit den anderen arabischen Ländern verbunden bleibt. Damit kommen wir schon zu Punkt 5 des Programms, der eine jüdische Einwanderung in die anderen arabischen S t a a t en in Betracht zieht. Nun muß vermutet werden, daß die Oxforder Redner noch weniger legitimiert sind, im Namen Syriens oder des Irak Erklärungen abzugeben, als ii 11 Namen der palästinensischen Araber. Aber das hindert nicht, bei einer theoretischen Betrachtung wie der unseren dieses Problem im Rahmen einer größeren arabischen Lösung, wie sie ohnedies jedem Versuch des jüdisch-arabischen Ausgleichs zugrunde liegen muß, ins Auge zu fassen. Wenn wirklich die Möglichkeit einer derartigen Einwanderung eröffnet wird, so würde dies nicht nur wegen des dringenden Bedürfnisses nach Wohnplätzen für die jüdischen Auswanderermassen wichtig sein, sondern auch als Anknüpfung neuer Fäden und als eine Brücke des Verständnisses und der Zusammen;!;!.eit zwischen der jüdischen und arabischen Nation im Sinne des erwähnten Zieles des Wiederauflebens des semitischen Orients und der Schaffung einer großen, mächtigen und kulturell hochstehenden semP’schcii Völkergemeinschaft im westariatischcn Raum. Darum glauben wir, daß d;csc Gespräche und diese theoretischen Ueberlegungen fortgesponnen werden sollten, in Palästina selbst, aber auch fern vom Kampfplatz, in der ruhigeren Atmosphäre europäischer Zentren. Vielleicht kommt der Moment, wo der Gedanke gemeinsamen Aufbaus zündet, die Herzen ergreift, so wie ein Jugcndlieher es in einem Brief ausgesprochen hat, den wir am Anfang zitieren. Nichts aber ist so mächtig, so wunderwirkend und so unüberwindlich wie ein konstruktiver Gedanke, der wirklich Gewalt über die Herzen von Millionen gewonnen hat. Die Alten sind schon zu eingesponnen in ihren Denkgewohnheiten; gibt es die Jugend, die eine Parole aufgreift und mit der Liebe für ihr Volk den Einsatz für ein Werk des Friedens und Aufbaus verbindet? R. W. Verantwortlicher Redakteur: Dr. Robert SV e 11 s c h, Beriin-Charl. 9 (Buch verantwortlich für die Aufnahme von nililern), Stellvertreter: Kurt I. oewenstein, Ile! lin W 15 Anztigrnlciter und verantwortlieh für den Inhalt der Anzeigen: Hermann F t n n, Berlin W 15, Gültig Anzeigen - Preisliste 5 vom 1. April 1938. Verlag und Anteigenverw»11ang: Jüdische Rundtchau, Bctlin VV 15, Meinckettr. 10. D.A. III/1937 28 604. — Druck! Siegfried Scholem, Berlin■ Schöneberg. TOT AK - AUS ViRK AU F Moderne Herrenkteidun«* SÄ su wirklich herabgesetzten Preisen. GroBe Auswahl. 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