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Jüdische Rundschau · 1937-12-10 · Heft 98 (10.12.1937) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 98 (10.12.1937)
Date
1937-12-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 u e All ־׳ 1 c ח ו־ן ן Nr. 98,!0. XII. 1937 Sozialpolitik In Tel Aviv Grundgedanken einer jüdisch-arabischen Politik Von unserem palästinensischen Berichterstatter gl. Tel Aviv, 29. November Von 65000 aut 150000 Im Jahre 1933 hatte die Stadt Tel Aviv 65 000 Einwohner. Heute, vier kurze Jahre später, zählt sie 150 000, Dieser ungewöhnliche Aufstieg einer Kleinstadt ist unzählige Male bewundert, geschildert, illustriert, als eine der großen Errungen schäften der jüdischen Arbeit in Palästina herausgehoben worden. Und in der Tat verdient die Energie und das Vertrauen auf die Schaffung eines neuen Lebens, die in den Nöten der Oolah geboren wurden und hier sich entfalteten, große Bewunderung, Wie alle großen und sprunghaften An- Sätze in der jüdischen Siedlungsarbeit im Lande aber wurden durch diese Energiewelie nicht nur Leistungen, sondern auch neue Aufgaben erzeugt. Prüfstein für die Arbeitsfähigkeit, den Gcmcinsinn und die Organisationskraft der Juden ist die Fähigkeit, diesen neu erzeugten Problemen in einem Maße gerecht zu werden, das über das rasch auftreibende Wachstum des Heute hinaus die Grundlage des Morgen sichert. Von 65 000 auf 150 000 in vier kurzen Jahren, das bedeutete den Einstrom von bisher unbekannt großen wirtschaftlichen Energien, einer unbekannt rasch arbeitenden ökonomischen Initiative. Es bedeutete zugleich neben der Ansammlung der Schaffenden und Befruchtenden eine Häufung von für ein neues Land und seine Aufgaben ungeeigneten Elementen. Palästina ist auch heute noch ein hartes Land, nicht für jeden Immigranten geeignet, und der Existenzkampf hat sich in den letzten Jahren von neuem verschärft Weil Palästina jedoch eben ein neues und in der Entwicklung begriffenes Land war, fehlte ihm fast völlig ein Hilfsapparat, der diesen Elementen zu Hilfe kommen, die Rückstöße der rücksichtslos sich entwickelnden Wirtschaft für sie mildernd abfangen konnte. Die Jahre der Prosperity brachten eine für das Land präzerienzlose kapila'istisclie Entwicklung. Sie importierten zugleich die Krankheiten des imgeregelten Kapitalismus, verstärkt durch die aus all•־!! Kolonisationsländern bekannten Hebel. Der Idickfluß der Pro-perit.kswdle hinterließ uns zusanimen mit den ökonomischen Schwierigkeiten und aufs engste mit ihnen verknüpft soziale Notstände sich steigernden Ausmaßes. Licht und Schatten Tel Aviv saugte am stärksten von allen Orten im Lande das Licht der Konjiinkturjahre an. Und diese Stadt reflektiert heute am stärksten die Schatten der Depression. In Jerusalem liegen die Dinge etwas leichter, wenngleich auch keineswegs befriedigend, in Haifa ist der Rückstoß bisher am wenigsten zu spüren. Tel Aviv verdient daher vom sozialen Standpunkt das stärkste Interesse. Jeder, dem man von diesen so aktuellen Dingen zu Sprechen beginnt, verlangt zuerst zu wissen, welchen U rn - fang die Not in den letzten Jahren angenommen hat, mit welchen Zahlen wir es zu tun haben. Es ist nicht leicht, hier umfassende Unterlagen zu bekommen. Denn — hier fängt ja bereits das Problem an — es gibt bisher in Tel Aviv keine zentrale Stelle für S o t. i a! a r b e i t, wie wir sie aus entwickelten europäischen!..;indem kennen. Erst seit 1934 besteht bei der Stadt Tel Aviv ein Jugendamt unter der Leitung Hedwig Gellners, und seither ist auch neben der praktischen Arbeit genaueres Material über die sozialen Notstände gesammelt worden, als es früher zur Verfügung stand. Dieses Jugendamt — das sich mit Kinderfürsorge befaßt, aber notwendigerweise zugleich der Lage in den Familien narhgeht — hat in den Jahren 1936 und der ersten Hälfte von 1937 2144 neue Fälle verzeichnet. Schätzungen über die Zahl der Bedürftigen in der Stadt werden natiirlieb weit höher angegeben, es bat aber keinen Sinn, sich auf irgendwelche Zahlen festznlegen, da sie notwendigerweise Ungenau sind. Eines ist sicher, die Not ist groß, die Mittel ihr abzuhelfen, gering. Es gäbe aber — und darauf werden wir zum Schluß eingehend zu sprechen kommen — Mittel zu einer durchgreifenden Abhilfe, wenn sich •die Allgemeinheit mit vollem Ernste auf dieses wichtige Problem konzentrierte. Wo liegen die Quellen des Uebels? Wenn mau einem Hebel a!)helfen will, so muß man zuerst feststellen, welches seine Ursachen sind. Eine Analyse der Lage ist heute, nach den Erfahrungen der letzten Jahre, durchaus möglich. Sie bringt zwei Hauptschäden zutage: 1, die Immigration der letzten Jahre erreichte körperlieh, wirtschaftlich und sozial nicht den Standard, den man vor! ihr verlangen mußte; 2. die Wirfschaftsdepression stellte diese Immigration vor eine Prüfung, der sie nicht gewachseil war. Heber beide Punkte gib( es unter Kennern der Verhältnisse Kaum Meimjngsvt'rschieüenhcilen. Auch in den guten Zeiten der Konjunktur haben sie die ungenügende Selektion der Einwanderer, die sowohl na di Aiter wie nach Berufen als auch nach geistiger Eindellung nur zu einem bestimmten Prozent- Satz geeignet waren, Pioniereliensie (im weitesten Sinne des Wortes) zu leisten, mit großer Besorgnis angesehen. Aber der fließende Strom war nicht nufzuli.ilten, und er brachte wirtschaftnch scinvarhe Elemente und eine ganze Reihe ansesprochet’cr ״so/ia'er Filile“ ins Land, die ans verschiedenen .,'jmlern der Gaiuth von den verantwortlichen Stellen nach Palästina abgebnien wurden. An viel zu vielen Orten palt Palästina schVcnfhin a’s (Jas .,Eidorado“, in dem man frei und leicht leben komme. Und in zu vielen Gehirnen lebte die Vorstellung, daß, wo so viele unter.gekommen waren, auch noch mehr Unterkommen könnten, ohne daß man ztigeslehen wollte, daß physische und ökonomische Gesetze auch im heiligen Lande auf die Dauer nicht ungestraft übertreten werden dürfen. Ein besonders schwieriges Kapitel bildete die illegale Ein w a 11 d e r 11 n g, die neben ausgezeichneten auch viele unproduktive Elemente barg. Es ist selbstvemtaml ich, daß die sozialen Notstände, die während der Prosperität eingesehleppt wurden, während der Konjunktur nur schwach sichtbar wurden. Verdienen war relativ leicht, jeder profitierte von dem großen, ci,•!fließenden Geldstrom, die rasch sich aus breitende Wirtschaft wies immer neue Lücken auf, in der neue Existenzen Unterkommen kannlen. Als die Weile abebbte, strandeten zuerst die schwach oder gar nicht verwurzelten Existenzen. Die Arbeitslosigkeit wächst zugleich mit der fnvalidität. (Von den oben genannten 2414 neuen l allen sind 1718 Kinder von Erwerbslosen). Eine Wirtschaft wie die heutige palästinensische, die sich in raschen Aufstiegen und Rückstößen bewegt, muß darauf bedacht sein, die Opfer der Rückstöße aufzufangen, sie über Wasser zu kalten, bis sie neuen Boden unter die Füße bekommen. Aber dafür fehlte ein entsprechend ausgebreiteter und mit Mitteln versehener Apparat. Neben diesen beiden Hanptmomenten wirken andere, die ■erschwerend und zugleich den palästinensischen Sozialprobiemen ein besonderes Kolorit verleihen, das ihre Lösung nach einem übernommenen Schema verbietet. Das ist vor allem das Problem der orientalischen Juden, in kleinerem Ausmaß seit langem vorhanden und hauptsächlich in Jerusalem konzentriert, in den letzten Jahren auch in Tel Aviv immer stärker spürbar. Einen wahren Einbruch der orientalisehen Juden in das Zentrum Tel Avivs und damit in das Bewußtsein breiter Kreise seiner Bevölkerung brachten die Jaffacr Unruhen von 1936, die Tausende von Flüchtlingen aus Jaffa und den Grenzbezirken nach Tel Aviv schleu- Für Bildung einer Föderation Im ״Dawar“ versucht, wie uns aus Tel Aviv berichtet wird, A. L iw enstein theoretische Grundlagen einer jiidisch-arabischen Politik festzulegen. Im Verlaufe der letzten Jahre gab es kaum eine bessere Gelegenheit für uns, zu den Arabern zu sprechen. Für ein solches Gespräch müssen die theoretischen Grundlagen festgelegt werden, die praktischpolitische Durchführung ist Sache der Leitung. Als Grundlinien unserer Politik sind folgende festzuluilten: Unser Gesprächs- Partner bei einer Verhandlung sind diejenigen Schichten, welche derzeit die arairische Natiotialbewegung repräsentieren, das sind die ,,oberen“ S-hichten und die städtische Intelligenz. Die weitverbreitete Ansicht, daß diese Schichten infolge ihrer sozialen Zusammensetzung zu einer Vereinbarung mit uns nicht befähigt sind, ist frrtüm'ich und schädlich. Es ist unsere Aufgabe, der jüdisch-arabischen Frage eine solche Lösung zu geben, daß — auf zionistischer Grundlage — die wichtigsfen Forderungen der arabischen Nationalbewegung befriedigt werden. Es ist ein Irrtum anztinehmen, daß den Arabern ein Verzicht auf Palästina leicht fiele. Für die Araber Palästinas ist das Land, so klein es auch im Komplex der arabischen Länder sein möge, ihre Heimat. Auch vorn allgemein-arabischen Gesichtspunkte ist das Land nicht ohne Bedeutung. Nach dem Verzicht auf den Libanon und auf Alexandrette und bei der sehr zweifelhaften Zugehörigkeit von Lattikia zu Syrien ist Palästina der einzige Küsten- ״Menschliche Beziehungen1' Der Jischuw und der notleidende Einwanderer Aus Tel Aviv wird uns geschrieben: M. Glücksohn berichtet im ״Haarez“ über eine im Mitteilungsblatt der ״Oie Germania“ geführte Diskussion, die das Verhalten des Jischuw zum neuen Einwanderer zum Gegenstände hat. Der Jischuw hatte hier in Moses Cal Vary einen wannen Verteidiger gefunden, der behauptete, der palästinensische Jude sei in bezug auf Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft den luden anderer Länder weit überlegen. Glücksohn erhielt auf diese Veröffentlichung hin zahlreiche Zuschriften aus dem Leserkreise, von denen er einige kurz referiert. Da meldet sich ein ״alter Zionist“, der seit zwei Jahren im Lande ist, keine Existenz gefunden hat und völlig ratlos ist. Das Verhalten des Jischuw erbittert ihn. Einflußreiche Bekannte, die er um Hilfe angegangen ist, vermeiden es bei einer Begegnung, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Ein anderer Einsender, ein hochqualifizierter Wissenschaftler, hat auch keinerlei Hilfe finden können. Freiwcrdcnde Posten wurden an aridere vergeben, und dies, obgleich er gut Eng'isch und Arabisch kann. So widmet er sich weiter seiner wissenschaftlichen Forschung: ohne Hoffnung, die Ergebnisse je veröffentlichen zu können. Die Haupt- Ursache seines Mißlingens sieht er darin, daß er keiner z!onistischen Partei angehört. Ein anderer Leser beschwert sich über das Fehlen einer zureichenden sozialen Fürsorge. Ein Waisenkind, das hier allein zurückblieb, nachdem die eingewanderte Mutter gestorben war, konnte nur vorübergehend in einem Kinderheim untergebraeht werden, da die öffentlichen Unterstützungsgelder bald versiegten. Das Kind wurde dann in eine Lehre gesteckt und tat dort nicht gut; es gelang bisher nicht, das erforderliche Geld für seine Unterbringung in einem Erziehungsheim zu sichern. Ein Einsender klagt darüber, daß der ״Existenzkampf so rücksichtslose Formen angenommen habe. derten. Alles Elend, das sich, von dem Durchschnittsbürger kaum gekannt, rund um die Stadt ausbreitete, konzentrierte sich plötzlich, wurde offenkundig, rief starke Hilfsbereitschaft hervor und Versuche, dieser sozialen Not von Grund aus beizukommen. Die Versuche scheiterten, und das Problem der orientalischen Juden kompliziert heute in stärkerem Maße denn je die jüdische, in den Anfängen steckende Sozialpolitik. Ein weiteres erschwerendes Moment bilden die im Lande herrsehenden G c s e t z e, die den neu durch Einwanderung geschaffenen Verhältnissen schlecht angepaßt sind. Die Regelung aller Personalangelegenheiten durch das Rabbinat läßt breite Lücken für unverantwortliche Elemente, die es unter detn Wirtschaftliehen Druck Vorzieher!, ihre Familien sich selbst und der Not zu überlassen, ohne daß man ihrer in vielen Fällen habhaft werden kann. Eine Uebersicht der Fälle, wo Frauen und Kinder dem Hunger verfallen, weil Männer einfach verschwinden und nicht wieder zu fassen sind, bringt die Notwendigkeit einer neuartigen Regelung der einschlägigen Gesetze aufs schärfste ins Bewußtsein. Es ist ja nicht zu vermeiden, daß bei einer Revolution des gesamten Lebens, wie sie mit der Lieber- Siedlung nach Palästina verbunden ist, traditionelle Begriffe und Bande schwankend werden und bei schwächeren_EIementen zu einer Haltlosigkeit führen, die sich in vielen Fällen rächt. Befestigung des Bestehenden Vor einer weitsichtigen Sozialpolitik in Tel Aviv (und ähnlich im ganzen Lande) steht heute die Aufgabe, das, was da ist, zu erhalten und bestellende Not zu mildern. Die erste Voraussetzung einer durchgreifenden Hilfe ist natürlich Arbeitsbeschaffung, und zwar auch für die wirtschaftlich schwächeren Elemente, den völlig unqualifizierten Arbeiter, den fiir schwere körperliche. Arbeit nicht mehr fälligen Invaliden. Da das bisher nur in sehr beschränktem Maße möglich war, mehren sich die Fälle, wo aus Arbeitsuchenden Arbeitslose, aus Arbeitslosen ״soziale Fälle“ werden. Die Belebung des Arbeitsmarktes ist für die -MAGISTER KIRSCH—. Der flute IlkAr Magister-Likörfabrlk, HOnchen VII esamte palästinensische Wirtschaft das entscheidende Prolern, für die soziale Fürsorge würde sie Sorge, Arbeit, Mittel in großem Ausmaße ersparen. Ein zweiter entscheidender Punkt ist die Wohnung»- frage. Seit Jahren haben einsichtige Sozialpolitiker billigen und den Verhältnissen angepaßten Wohnungsbau für die armsten Schichten als eine Grundvoraussetzung aller anderen Sozialaktionen erkannt und gefordert. Als das Problem der Jaffaer Flüchtlinge bearbeitet wurde, stieß man sofort auf die Wohnungsfrage, aber es ist bisher niemals gelungen, eine Lösung in entsprechendem Umfange zu sichern. Man kann die Bedeutung dieses Punktes nicht genug unterstreichen. Die Bedingungen in den Armenvierteln von Tel Aviv sind unvorstellbar (und leider kennt sie der Durchschnittsbürger der Stadt kaum). Es werden für menschenunwürdige Löcher (auch heute noch!) phantastische Preise gezahlt, und die Armenviertel bilden hygienisch, sozial und moralisch eine Bedrohung der Stadt wie alle Slums au! der Welt Jede Wirtschaft»־ strich, in welchem, bis vor kurzem, die Araber die Hauptmasse der Bevölkerung bildeten. Weiter ist als Grundlinie unserer Politik festzulegen, daß die in Palästina zu schaffende Jüdische staatliche Einheit bereit sein wird, mit den arabischen, und orientalischen Nachbarstaaten in ständige konstitutionelle Beziehungen einzutreten. Die zionistische politische Literatur hat wiederholt die ökonomisch-kommerziellen, strategischen, kolonisatorischen und kulturellen Motive dargelegt, welche eine solche innige Verbindung mit den Nachbarstaaten für uns wünschenswert machen. Die arabischen Nationalbestrebungen können, auch abgesehen vom Libanon, dem Afauiten, Drusen usw. keinen anderen Weg ztun Ausdruck ihrer Einheit haben als den der Föderation, denn auch ihre eigenen inneren Differenzen sind viel zu groß, um eine vollständige staatliche Einigung möglich zu machen. De Exisfenz eines jüdischen Staatsgebildes in einer solchen Föderation bedeutet nicht nur keine Gefährdung für diese, sondern viel mehr eine Garantie für die anderen nichtarabischen Gebilde, die zusammen mit den Juden viel leichter geneigt sein werden, sich einem solchen Verbände anzuschließen. Die Anwesenheit der Juden wird so eine Sicherung gegenüber separatistischen Tendenzen der Minoritäten — religiösen wie nationalen — im arabischen Föderationsgebilde sein. Der Anschluß der Juden an die arabische Föderation wird auch eine Garantie für die arabische Minorität im jüdischen Staatsgebilde sein, wie wir andererseits auch nicht vergessen sollten, dstS es erhebliche jüdische Minoritäten unter den Arabern gibt. Glücksohn selbst nimmt zu einer Weitung des Materials noch einmal das Wort. Er weist hin auf die objektiven Schwierigkeiten, die sich ergeben müssen, wenn ein armes Land wie Palästina zu einem Einwanderungsland wird und dadurch eine immer mehr anschwellende Zahl hilfsbedürftiger Menschen aufnehmen muß, von denen viele sich selbst unter günstigen Umständen nicht mehr produktivieren können. So mögen viele der gegen den Jischuw erhobenen Vorwürfe ungerecht sein, denn viele der Schwierigkeiten sind nicht überwindbar. Auch stumpft die Gewohnheit selbst die echtesten Gefühle ab. Als nach dem Weltkrieg das erste Einwandererschiff in Jaffa anlangte, erbebte ganz Tel Aviv in Freude. Auch jetzt freut man sich noch über die Einwanderung, aber die seelische Nähe, die brüderliche Hilfsbereitschaff entwickelt sich in umgekehrter Proportion zur Zahl der Einwanderer, Und es ist nicht nur Abstumpfung. Die Ereignisse nach dem Weltkriege haben ein Gescnlecht erstehen lassen, das die Ehrfurcht des Menschen vor dem Menschen nicht mehr im selben Maße kennt, und dies ist eine der Wurzeln des gleichgültigen Verhaltens. Viele Wertd der vorigen Generation haben an Ansehen verloren, Philanthropie ist z. B. ein Schimpfname geworden. So wurde ein Gegensatz geschaffen zwischen der Pflicht des Einzelnen gegenüber dem Volke und gegenüber seinem Nächsten. Diese Hai* fung, die verständlich war, solange der Zionismus im Kampfe gegen die Assimilation stand, ist unter den heutigen Umständen eine schwere Schädigung. Wir haben vergessen, daß die Uebcrsetzung von ״Philanthropie“ Liebe zum Men• sehen ist und daß man sich ihr nicht ungestraft entziehen kann. So steht in der Tat das soziale Hilfswerk bei uns nicht auf dem breiten Unterbau ein« Erziehung der Massen zum sozialen Gedanken. Die palästinensische Jugend hat keine Erziehung erhalten, die das ״jüdische Herz“ urfd das güte Herz überhaupt auf seinen rechten Platz stellte. Das gilt es nachzuholen, wenn das soziale Hilfswerk Bestand haben soll. depression jedoch läßt einen neuen Nieder״ schlag von Slums nahe und in der Stadt zurück. Ein guter Kenner der Stadt ist imstande, jedes Barackenviertel, jede schmutzige und von Fliegen übersäte Anhäufung _ von wackligen, unübersichtlichen Höfen auf eine der Dcpressions- Perioden in den letzten fünfzehn Jahren zurückzuführen. Tel Aviv wird wie Großstädte in Europa und Amerika daran• gehen müssen, hier mit dem Uebel gründlich aufzuräumen. Je länger man damit wartet, desto umfangreicher werden die damit verbundenen Aufgaben. Selbst wenn es gelingen sollte, sowohl genügende Arbeit wie entsprechende Wohnungen zu beschaffen, bleibt ein gewisser Kreis von Menschen zurück, die nicht arbeitsfähig sind. Ihre Lage ebenso wie alle arideren hier erwähnten Fragen sind nichts spezifisch Palästinensisches, sie sind aus Europa und Amerika seit langem bekannt. Mit Versicherungen und Unterstützungen kommen Staaten und Städte diesen schwachen Elementen zu Hilfe, und mit der weiteren Entwicklung des jüdischen Gemeinwesens in Palästina werden wir dieselben Mittel ergreifeii müssen. Heute jedoch stehen sie uns nicht zur Verfügung, unsere Hilfe wird daher ungenügend sein. Eines aber können wir und müssen wir: die Generation von morgen den verderblichen Einflüssen derer von gestern entziehen. Wenn wir nicht allen Eltern helfen Können, muß die Gemeinschaft die Sorge für die Kinder übernehmen, die sonst ohne entsprechende körperliche und geistige Pflege, oft ohne Schulbildung auf wachsen und verwahrlosen. Dies ist auch die Richtlinie des Jugendamtes der Stadt, das mit einer ganzen Reibe von Orgariisationen, insbesondere der Wizo und Abteilungen der Arbeitet- Organisation, auf diesem Gebiete zusammenarbeitet. Um die Grundlagen der Zukunft Der Ausbau einer vernünftigen, weitschauenden und damit kommendes Uebel verhindernden Sozialpolitik hat nicht nur mit der Milderung bestehender Not zu tun. Es handelt sich darum, nicht nur gegenwärtige Leiden zu beseitigen, sondern das Unheil von morgen und übermorgen zu verhindern. Der Ruf nach einer vernünftig unterbauten Sozialpolitik kommt keineswegs aus einer Verzweiflung über die egenwärtige Lage, sondern aus der Verantwortung ür den Aufbau des wachsenden jüdischen Oemein wesen s, das von vornherein verelendete Schichten bei sich nicht dulden will und darf, und aus der Erkenntnis, daß bei richtiger Behandlung der Fragen Lösungen absolut möglich sind. Wir arbeiten heute auf diesem Gebiete mit geringen Mitteln. Tel Aviv ist imstande, sich zugunsten einer weitschauendcn Sozialpolitik zu besteuern und durch Verausgabting von Mitteln für konstruktive Zwecke (Wohnungsbau!) unproduktive Unterstützungen von morgen zu vermeiden, durch die Sorge für eine gesunde, gut unterrichtete Generation einen Standard für die Zukunft zu schaffen, der nicht nur eine Expansion der heutigen Judenschaft, sondern auch ihre Qualität sichert. Bei diesen Fragen geht es nicht um eine lokale Tel Avivcr oder palästinensische Angelegenheit. Auch fiirdie Gaiuth ist die soziale Qualität der wachsenden Siedlung von entscheidend er Bedeutung. Nicht immer wird das genügend erkannt, sonst wäre die ungenügende Selektion der Einwanderung in den letzten Jahren unmöglich gewesen.

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