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Jüdische Rundschau · 1937-12-10 · Heft 98 (10.12.1937) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 98 (10.12.1937)
Date
1937-12-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 98,10. DEZEMBER 1937 I STINA-BLATT Juden aus Deutschland siedeln Wir haben in Nr. 93 mit einer Artikelserie begonnen, die die Siedlungen der Juden aus Deutschland darstellen wird. In diesen Darstellungen sollen sowohl mittelst indische Siedlungen als auch Arbeitersiedlungen und Kibbuzim sowie solche Punkte, an denen zahlreiche Olim aus Deutschland mit anderen zusammen siedeln, einbezogen werden. Unser voriger Aufsatz behandelte den Kibbuz der ,}Verbleute“ in Jokneam. Heute geben wir ein Bild einer der interessantesten tnittelständischen Siedlungen von Juden aus Deutschland. (Red.) Nahariah aus der Nähe Zwischenbilanz eines Siedlungs- Experiments Von C. Z. Kloetzel, Jerusalem ״Wenn Sie Weizenkörner nehmen und streuen sie in der üblichen Art aufs Feld, so sprießt aus jedem Korn e i n Halm, der besten Falles dreißig Körner trägt. Pflanzen Sie das fleichc Korn in einen winzigen Blumentopf, so bekommen ie aus ihm sieben Halme und etwa dreihundert Körner. Sie bekommen •den zehnfachen Ertrag, aber Sie brauchen höchstens den dreifachen Raum. Außerdem können Sie Ihre Weizentöpfchen hinstellen, wo Sie wollen, z. B. aufs flache Dach. Sie sparen Raum ...“ Dr. Soskin möge mir verzeihen, wenn die oben genannten Ziffern nicht richtig sind; nicht auf sie kommt es hier an. Ich wollte nur den'Inhalt des ersten Gespräches wiedergeben, das ich mit ihm geführt ha•" — vor fünfzehn Jahren jrw ׳w 3 verschiedene Hausippen in der ,.Hauptstraße von Nahariah .;■# ir;4• fe' mmm: etwa. Damals redigierte ich ״Volk und Land", die Wochen- Schrift, in der Davis Tri et sch und seine Freunde ihre Lehre von den intensiven, raumsparenden Kolonisationsmethoden predigten. ... ״Sehen Sie diesen Prospekt, ich habe ihn gerade aus England zugesandt bekommen. In diesem kleinen Häuschen, das Sie hier abgebildet sehen, können Sie jahraus, jahrein das Futter für zehn Kühe erzeugen. Es kostet sechzig Pfund. Das Futter wächst nicht aus Erde, sondern aus Holzmehl, das mit einer biologischen Nährflüssigkeit durchtränkt ist. Hier in Erez Israel können wir uns das Häuschen schenken, wir können unsere Nährkästen überall im Freien aufstellen, zum Beispiel auf dem flachen Dach..." So sehr ähnlich dem Gespräch von vor fünfzehn Jahren begann meine Unterhaltung mit Dr. Soskin gestern. Aber diesmal fand das Gespräch nicht in Berlin statt, sondern in seinem eigenen schönen Haus in Nahariah. Und die Lehre von der raumsparenden Agrikultur-Wissenschaft schien nicht mehr Theorie und Phantasten-Traum. Durch das Fenster sah ich im Vollmond die Häuser von Nahariah liegen: jedes inmitten seiner Parzelle von nicht mehr als — sieben Dun a m. In den Häusern wohnen ehemalige Rechtsanwälte, Aerzie, Kaufleute, Gelehrte aus Deutschland, mit ganz geringen Ausnahmen Menschen, die vor drei oder vier Jahren nicht das Geringste von landwirtschaftlichen Dingen verstanden. Die ״Nahariah Small Holding Company“, derer! Leiter Dr. Soskin ist, versprach ihnen in einem wunderschönen Prospekt, sie in kurzer Zeit ״umzuschichten“, seßhaft zu machen und ihnen aus ihren sieben Dunain eine ״Ackernahrung“ herauszuwirtschaften: ihnen eine neue Existenz zu schaffen. Die ersten dieser ״Intellektual-Siedler“ gingen vor drei Jahren nach Nahariah. Es ist Zeit, eine Zwischenbilanz dieses Experimentes zu machen ... Privat und kapitalistisch Nahariah ist einer der ganz wenigen Siedlungsversuche in Erez Israel, die auf rein privatkapitalistischer Basis unternommen worden sind. Man muß bei seiner Beurteilung im Auge behalten, daß weder der Boden dem Keren Kajemetn gehört und zu Keren Kajcmcth-Bedingttngen den Siedlern zur Verfügung gestellt worden ist, noch die Ansiedlungskosten auch nur teilweise durch den Keren Hajessod gctragen werden. Die einzigen Gelder, die in dieses Unternehmen investiert wurden, sind das Geschäftskapital der ״Nahariah-üesellschaft“ und das Privatkapital derjenigen, die von ihr Siedlungsparzellen erworben haben. Aut eine direkte Frage antwortete mir Dr. Soskin: ״Kolonisieren gehört nirgends auf der Welt zu den Geschäften, die viel Geld bringen. Aber ich kann Ihnen versichern, daß die shareholders der Nahariah-Gesellschaft aus ihren Einlagen mindestens die normale Verzinsung gewonnen haben.“ Was nicht nur erfreulich für die shareliolders ist, sondern auch ein Beweis dafür, daß Kolonisations-Projekte in F.rez Israel auch für das Privatkapital reizvoll sein können. Oie Prinzipien Nahariah war bestimmt für eine genau definierte soziale Oruppe: eben jene schon erwähnten ״Intellektual-Siedler“ mit einem Durchscnnittsvermögcn von nicht unter 1500 Pfund. Es sollte ihnen auf einem Bodenareal, dessen Bewirtschaftung für eine normale Familie ohne fremde Hilfe möglich ist, ein Existenzminimum schaffen, gleichzeitig aber nach Möglichkeit alle diejenigen Voraussetzungen, die die überaus schwere seelische und geistige Umstellung der Siedler erleichtern. Dazu war zweierlei nötig: ein Maximum an Vorbereitung des Bodens und der Siedlung als solcher, um alle wirklich schwere körperliche Arbeit einer Siedterschicht abzunehmen, deren Durchschnittsalter jenseits der Vierzig liegt, und in der gesellschaftlichen Organisation des jungen Gemeinwesens die individualistischen und die kollektiven Elemente in der rechten Weise zu mischen. (Jeder Siedler baut sich zwar sein Haus nicht nur nach dem eigenen Geldbeutel, sondern auch nach eigenem Geschmack, aber der Absatz der Produkte ist kooperativ organisiert.) Vom psychologischen Standpunkt aus erscheint mir Nahariah als eine Meisterleistung. Es ist seinem ganzen Aussehen nach die europäischste aller palästinensischen Siedlungen, und gewiß die ״bürgerlichste“. Und wohl nirgends in Palästina hat sich, vom Standpunkt der Siedler selbst gesehen, ihre Um- Schichtung in wirtschaftlicher und soziologischer Hinsicht so reibungslos vollzogen wie hier. Was die Siedler sager In Nahariah geht man heute mit sorgenvollen Gesichtern umher; die Schwierigkeiten, denen die gesamte palästinensische Landwirtschaft ausgesetzt ist, machen sich auch hier geltend. Die Preise für Gemüse und Eier — Naharialis Hauptprodukt — sind niedrig, die Transportkosten auch, der Markt desorganisiert. Für eine Untersuchung des wahreu Status der Siedlung erscheint mir diese Zeit besse als eine Periode der ״prosperity“: die Siedler werden nicht geneigt sein, ihre Lage leicht zu nehmen und die ״Gesellschaft“ zu schonen Und ein etwas zu kritischer Standpunkt läßt sich leichter korrigieren, als unbegründeter Optimismus, Ich steifte folgende Fragen: 1 ״Hat die Gesellschaft an tatsächlichen L eistunger gehalten, was sieden Siedlern in ihren Prospekten 111!' Abmachungen ver- Sprüchen hat5“ Die Antwort darauf ist einmütig: die Gesellschaft hat in dieser Beziehung ihre Versprechung sowohl dem Buchstaben wie dem Gesetz nach hundertprozentig erfüllt. Sie hat sowohl mengenmäßig wie in der Qualität des Gelieferten — mit einer noch zu erwähnenden Ausnahme — die berechtigten Erwartungen erfüllt, zum Teil übertroffen. Die Ausnahme betrifft einen allerdings schwerwiegenden Irrtum in der Beschaffung der Hühner. Statt einen Stamm in Nahariah selbst aufzuziehen, und zu akklimatisieren, bat man sie im ganzen Land zusammengekauft und sie entwickelten sich, wie eine junge Siedlerin, die in Deutschland schon Geflügelzucht getrieben hatte, es mir gegenüber lernpcrainentvoll ausdrückte, ״zu einem völlig degenerierten und perversen Gesindel“. Tatsächlich haben die Siedler durch die anfänglichen Mißerfolge in der Hühnerzucht beträchtliche Verluste erlitten. Zweite Frage: ״Hat sich das Bodenmaß — sieben Dunam pro Familie — als ausreichend erwiesen?“ Man scheint sich darüber noch nicht ganz schlüssig zu sein. Die Meinung scheint dahin zu gehen, daß das Bodenmaß ausreicht, ״wenn alles gut geht“, hingegen ru knapp ist für den Fall besonderer Umstände, z. B. von Bodenkrankheiten, (Jcberhandnehmen von Pflanzenschädlingen usw. Man betont auch in Nahariah, daß man für die Beantwortung dieser Frage noch keine hinreichenden Unterlagen hat, da man dort noch kein normales Wirtschaftsj ahr erlebt bat. Das vergangene, mit seiner Hochkonjunktur für jüdische Produkte infolge des arabischen Streiks, war anormal günstig; das laufende, mit seiner Ueberproduktion insbesondere an Gemüsen bei niedrigsten Preisen hofft man als anormal umgünstig betrachten zu dürfen. Soweit man sich in der Frage des Bodemnaßes bereits eine Meinung gebildet hat, scheint sie dahin zu gehen, daß sieben Dunam mindestens nicht wesentlich zu wenig sind. Als eine Sicherung geht man gruppenweise dazu über, Boden hinzuzupachten, der zunächst gemeinschaftlich mit Hühncrfuttcr bestellt wird, um im Bedarfsfall die Produktion der privaten Parzellen zu erganzen. Im übrigen ist man sich in Nahariah darüber einig, daß Gemüsezucht in dem für die Siedlung vorgesehenen Ausmaß nur möglich ist, wenn die betreffende Familie auch jüngere Mitglieder zählt; für Menschen über Vierzig ist die Anstrengung im palästinensischen Klima im allgemeinen zu groß, Blumenzucht und Ziegenhaltung werden als Ersatz ausgeprobt. Dritte Frage: ״Worin liegen Ihre Haupt- Schwierigkeiten?“ Antwort: ״Unsere Hauptschwierigkeiten liegen nicht in den Verhältnissen der Siedlung, sondern in der allgemeinen Lage der Landwirtschaft und in unseren speziellen Absatzprobleraen. Unsere Entfernung von Haifa — 30 km — bedingt teuren Transport. Die ״Tntivah“, der wir uns für den Absatz angeschlossen haben, befriedigt uns nicht; sie weiß sich nicht auf unsere besonderen Bedürfnisse einzustellen und unsere Erzeugnisse als Qualitätsware zu behandeln. Wir versuchen es jetzt, im Einvernehmen mit der Tnuvah, mit besonderen Verkaufsstellen in denjenigen Wohnvierteln von Haifa, wo wir hoffen können, gute Kundschaft zu finden. 1111!1111u:1!i11111!m111!1!11111111u11111i111111111111111H11M111!111m111m111111!111H1111mm11m1111111!11!11w1!1m1!1!1m111111m11n1111111 Der neue Polizeileiter Major A. Saunders (ganz links), der neue Generalinspektor der palästinensischen Polizei, am Tage seiner Ankunft in Palästina fall)! Oruihk••, Jarttulen יי־ r 1! \ Blick auf einen Teil von Nahariah Foto!: iüoeu«! h *,IM! 11־1—111! Li ESSftt Vierte — entscheidende! — Frage: ,,Wenn Sie, mit Ihren Erfahrungen von heute, wieder vor die Frage gestellt wären, nach Nahariah zu gehen, würden Sie Ihren Entschluß wiederholen?“ Die Frage verursacht viel Kopfzerbrechen, aber die meisten der Befragten sagen schließlich: ״Ja, ich würde wieder nach Nahariah gehen. Es ist nicht so rosig, wie wir es vielleicht erwartet haben — aber wo gibt es für Menschen unseres Alters und unserer Mentalität etwas Besseres? Es geht uns heute bestimmt nicht gut. Aber wir haben unser Heim, wir haben zu essen — und wir haben das Bewußtsein, daß unser Vermögen nicht dahinschwindet. Wir erhalten die Substanz, wir werden keine Paupers! Nahariah ist unter allen Alternativen, die sich uns bieten, immer noch die beste!“ Wozu zu sagen ist, daß der durchschnittliche monatliche Bedarf an Bargeld in Nahariah pro Kopf anderthalb Pfund beträgt und sich im Notfall auf etwa die Hälfte hcrabdrücken läßt. Und daß die gute psychische Situation, in der die Leute von Nahariah sich befinden, viel dazu beiträgt, um harte Zeiten zu überwinden. Was die Leitung sagt Daß Dr. Soskin sich selbst in Nahariah angcsiedelt hat, kann als Beweis dafür gelten, daß das Verhältnis zwischen der Leitung und den Siedlern gut ist. ״Die Um- Stellung auf die neue Umgebung und auf den neuen Beruf ist in den meisten Fällen über alles Erwarten gut gelungen. Unsere Siedler sind in kurzer Zeit wirklich Gemüsebauer und Hühnerzüchter geworden — trotz des hohen Durchschnittsalters und der ,intellektuellen Vorbelastung'.“ Worin sie uns bis zu einem gewissen Grade enttäuschen, sind ihre — kaufmännischen Fähigkeiten. Die Kooperative arbeitete lange Zeit nicht so, wie sie soll, und unsere Leute lassen es an einem gewissen kaufmännischen Unternehmungsgeist mangeln. Sie klammern sich in vieler Hinsicht zu sehr an die Führung durch die Gesellschaft. Da aber diese sich in absehbarer Zeit auf lösen wird, so werden die achthundert Menschen von Nahariah bald gezwungen sein, völlig auf eigenen Füßen zu stehen — und das wird ihnen gut tun. Ich glaube, daß sie in ihrer Siedlung so gut gegen die Wechselfalle des palästinensischen Lebens gesichert sind, wie es überhaupt möglich ist. Aber man darf nie vergessen: solange in Erez Israel die in der Welt einzig dastehende Ano malie herrscht, daß die Landwirtschaft nicht von einer homogenen Be\öikertingsschicht betrieben wird, sondern von zw׳ei Bevölkerungsgruppen, die in ihrem sozialen. Status und in ihrem Lebensstandard so verschieden voneinander sind, wie arabische Fellachen und jüdische Sied• I e r, so lange ist jüdische Landwirtschaft in Erez Israel eine Art Abenteuer, dessen einzelne Phasen unberechenbar sind. Von diesem allgemeinen Unsicherheitsfaktor abgesehen scheint mir die bisherige Entwicklung von Nahariah zu beweisen, dnß unser Experiment Privatwirtschaftlieber Siedlung auf kleinem Bodenareal gelungen ist ־— und intelligente Nachahmung verdient. Urteile der Militärgerichte Ein Araber mit Namen Taradj und sein Sohn wurdet! zu lebenslänglichem Zuchthaus durch dasHaifaer Militärgericht, das eine Sitzung in Nazareth abhielt, wegen unbefugten Besitzes von Waffen verurteilt. Die beiden Verurteilten wurden in dem Dorf Djamrni gefangen genommen, als die Polizei eine Suche nach den beiden vermißten und getöteten arabischen Polizisten veranstaltete. Das Militärgericht in Jerusalem verurteilte einen Araber aus dem Dorfe Mughar bei Rechowoth wegen Be- Sitzes eines geladenen Revolvers samt Munition und einet Bombe zu lebenslänglichem Zuchthaus. Bombenwerfer getötet Ein Araber warf in Haifa eine Bombe, die jedoch kei* nen Schaden anrichtete. Der Attentäter wurde von Straßenpassanten verfolgt, die ihn fingen und der Polizei übergaben. Als er abgefiihrt wurde, versuchte er in der Hauptstraße Haifas der Polizei zu entfliehen, die auf ihn feuerte und ihn tötete. Herzl - Zimmer eingeweiht Jerusalem, 6. Dezember. (Palcor.) Heute mittag vollzog M. M. Ussischkin, Präsident des Keren Kajemeth Leiisrael, die Einweihung des Hcrzl-Zimmers im Hauptgebäude des Fonds, ln Palästina ansässige Delegierte der ersten sechs Zionistenkongresse sowie Vertreter des Ober« rabbinats und der nationalen Institutionen wohnten der Zeremonie bei. Der Raum, der als Mittelpunkt eines zukünftigen Herzl-Museums gedacht ist, wurde nach den Maßen von Herzls Studierzimmer in Wien erbaut und mit der Originaleinrichtung dieses Zimmers, einschließlich des Schreibtisches, an dem er den ,,Judenstaat“ schrieb, sowie der Kanzel, von der er 1397 beim ersten Kongreß in Basel sprach, möbliert.

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