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Jüdische Rundschau · 1937-12-07 · Heft 97 (7.12.1937) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 97 (7.12.1937)
Date
1937-12-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seit« 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 97, 7. XII. 1937 Die Juden in Rumänien / Antisemitische Parolen Von Dr. Mayer Ebner I König, der den Joseph nicht kannte.״ Dann heißt es: ״Wir kündigen euch das Wohnrecht" Menschen, die unter solchem seelischen Druck leben, haben naturgemäß ein ganz besonderes Verhältnis zum Oedanken der Freizügigkeit. Denn das Wandemchicksal bewirkt auch, daß mehr als bei irgendeinem anderen Volke bei den Juden engste Angehörige geographisch auseinandergerissen werden, oft i!1 weit entfernten Ländern wohnen. Wir durchleben wieder eine solche Periode der jüdischen Entwicklung, wie sie oft in unserer Geschichte schon da war. Wieder lernen alte Mütter, was es heißt, allein zu leben, während die Kinder verstreut und versprengt ln verschiedenen Teilen des Olobus ein Heim zu finden suchen. Die Post hat für jeden Juden heute eine besonders innige Bedeutung; auf den Briefträger warten, ist mehr als es jeinals war. Und nichts ist so schmerzlich wie der Oedanke, daß es unmöglich sein soll, die Kinder oder die Eltern zu be suchen, Angehörige und Freunde wiederzusehen; das isolierte Leben ist in Zeiten der Not besonders schwer 7u ertragen. Gerade für Juden, die den Wert der Familie als der wahren Zelle jeder menschlichen Gemeinschaft niemals verkannt haben, deren Familiensinn und Familientreue oft gerühmt und als vorbildlich bezeichnet wurde, ist dieses Los der Trennung der Familien besonders traurig. Die Notwendigkeit des Auswanderns und der Wanderbereitschaft erfordert größere Vertrautheit mit fremden Ländern, als andere nötig haben, erfordert unter Umständet! auch konkrete Vorbereitungen. Daher empfinden die Juden jede Wendung der Dinge, die solche Informationsmöglichkeiten, die den Zusammenhang der Familien und die Beziehungen zu anderen Ländern einschränkt, als eine schwere seelische Beklemmung. Es liegt im Wesen der eigenartigen jüdischen Lage begründet, daß Juden sich über alte Umstände, die ihre Freizügigkeit im Reisen einschränken, schwere Sorgen machen. Die Vorstellung, einen nächsten Angehörigen etwa im Falle einer schweren Erkrankung nicht sofort besuchen zu können, ist für das jüdische Gefühl peinigend. Daß in der modern.•n Zeit der beschleunigten Verkrhrstechnik solche Situationen entstellen, ist :ines der Zeichen für die völlig veränderte Situation des Einzelnen Und der Gesamtheit, vor allem aber der Juden. Eine Wendung zum Besseren wird wohl nur die weitgehende politische und wirtschaftliche Befriedung bringen, die alle Völker ersehnen. Für uns luden aber wird das Wanderschicksal und das Besessenscii! von ßeg-iffen, die mit Reisen und Wandern Zusammenhängen, wie Pässe, Visa, Pcrmits usw, erst aufhören, wenn wir eine Heimat gefunclen haben, in der unser Wanderlos zu Ende ist. IN ALLER KÜRZE 71 bekannte belgische Universitätsprofessoren und Schriftsteiler haben einen Protest gegen die Einführung der Ghetto banke an den polnischen Universitäten unterschrieben. Der neue Gouverneur von Bialystok, Staszewski, beabsichtigt, energische Maßnahmen gegen die antijüdisehe Boykottagitation einzuleiten. Auch der Distriktskommissar von Radom hat derartige Maßnahmen angekündigt. Das polnische Obergericht annullierte das Todesurtei 1 gegen Wolf Szczerbowski, der in Brest-Litowsk einen polnischen Sergeanten getötet hatte. Seine Tat gab seinerzeit den Anstoß zu den antijüdischen Unruhen in Brest. In Rumänien wurde eine Keren-Hajessod-Aktion eingeleitet, an der Jizehak Ben Zwi teilnimmt. In London wird der Plan einer Palästina-Aus- Stellung und Messe in der Kings Hall für den Juni des kommenden Jahres erwogen. In Belgrad wurde eine Palästina-Ausstellung seitens des KKL eröffnet. Miß Edwards Jacobs, Mitglied der Exekutive der 'Jewish Agency, begab sich von New* York nach Palästina. Die Jahreskonferenz der Junior -Hadassah, der Jugendorganisation der Hadassah in Amerika, faßte eine Entschließung gegen die Teilung Palästinas. Paraguay nicht antisemitisch Wie aus Asuncion mitgeteilt wird, versicherte der Innenminister von Paraguay, Seiior Pa re des, einem Vertretcr der Hicem, daß in Paraguay keine antisemit i s c 11 e B e w e g u n g existiere. Er teilte zugleich mit, daß die Regierung vor! Paraguay der Hicem die Erlaubnis egeben habe, ihre Bemühungen um Einwanderung von Juden ortzusetzen. (Siehe auch den Brief der Deutseh-Israeliiisciicn Gemeinde in Asuncion in der heutigen Rubrik ״Briefe an die Redaktion“.) Pläne norwegischer Ingenieure Im Nahen Osten. Aus Oslo wird uns geschrieben: Ein angesehener norwegischer Ingenieur und Zionsfreund Albert Hiorth kc-hrte soeben von einer Englandreise zurück•, deren Anlaß es verdient, erwähnt zu werden. Hiorth, der sich seit vielen Jahren mit Beivässerungsfragen u. dg!, beschäftigt, hat darüber u. a. auch in dem angesehenen ״Teknisk Ukeblad“ geschrieben (Der Ausbau des Nahen Orjents Nr. 8, 1037). Nunmehr hat Ingenieur Hiorth Gelegenheit gefunden, den britischen Autoritäten über seine Pläne Vortrag zu halten. Die Zeitung ״Dagen‘‘ hat einen eingehenden Bericht ihres Londoner Korrespondenten darüber veröffentlicht, dem zu entnehmen ist, daß es Ing. Hiorth elang, auch sämtliche Legationen des Nahen Ostens für en ihnen vorgelegtcn technischen Plan zu interessieren. Es handelt sich dabei nicht nur um den technisch-ökonomischen Aufbau und eine agrarische Belebung dieser Länder, sondern darüber hinaus um eine mögliche Basis für Pazifizierung der mohammedanischen Welt. Hiorth sprach hierüber auch in der ״Anglo-Norse Society“ 1m ״Norway House“. Bel dieser bedeutsamen Vortragsveranstaltung präsidierte (der vor kurzem verstorbene) Sir Karl Kmidsen, der repräsentativste norwegischenglische Wirtschaftsführer. Der Plan umfaßt eine Reihe von Ländern mit Palästina als Kern. Auch die Türkei, Syrien, Irak, Saudi-Arabien und Aegypten sind in die technischen Pläne mit einbezogen. Im Mittelpunkte stand eine Darlegung der Neugestaftung Palästinas. Uebcr dieses Thema hat er bereits früher im ״Victoria Institute1‘ in London einen vielbeachteten Vortrag gehalten. Schließlich wurde die Elektrifizierung Aegyptens vom Assuandamm aus behandelt. Daran schloß sich die Darstellung des Planes eines anderen norwegisehen Ingenieurs, I. Störe, der die Beherrschung •des Euphrats durch einen Riesendamm zum Ziele hat. Verantwortlicher Redakteur: Dr. Robert We lisch, Berlln-CharL 9 (auch verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter: Kurt Lotwmitfin, Bei Un W 18. Anreigenleiter and verantwortlieh für den Inhalt der Anzeigen: Hermann Pinn, Berlin W 15. Gültig Anzeigen - Preisliste 5 vom 1. April 1936. Verlag und Anzeigenverwaltungi Jüdische Rundschau, Berlin SV 16, Meinekeatr. 10. D.A, III/1937 28604. — Druck:. Siegfried Scäholem, Berlin-SchSneberg. War — wie ln dem vorausgegangener! Artikel (״J. R.“ Nr. 92) dargelegt, der Vorknegs-Antisemitismus in Rumänien meist motiviert von Geringschätzung der Juden, so liegt das Wesen des modernen Antisemitismus gerade in ihrer U eberschätz ung. Heute streitet man gegen uns wegen eines angeblich übermächtigen Einflusses In Politik, Wirt- Schaft, Kultur. Dan! richtet sich Abneigung- und Neid gegen die reichen Juden, obwohl diese nur eine dünne Schicht sind und es an bettelarmen Menschen bei uns mehr gibt, als bei der nichtiüdischen Bevölkerung. Einst argumentierte der Judenhaß im Osten und auch in Rumänien mit dem ״jüdischen Wucher“ und mit dem Alkohol, mit dem ״jüdische Schanker“ die Bauern vergiften. Heute sind diese Vorwürfe verstummt. Denn in der Nachkriegszeit und insbesondere zur Zeit der Inflation ״wucherten“ die Banken, die christlich en und die jüdischen. Dann kam der Zusammenbruch. Verschiedene Aberaus radikale Konvprtierungsgesetze entschuldeten die Rauem und 7um Teile auch die Städter. Das Darlehensgeschäft geriet ganz in Mißkredit, und soweit Kredit noch gegeben wird, besorgen es die unter staatlicher Kontrolle stehenden relativ wenigen, keineswegs jüdischen Großbanken und die nichtjüdischen Kooperativen. Der Alkohol ist Staatsmonopol geworden und die überwältigende Mehrheit der Alkoholverschieißer sind Christen und nicht Juden. Heute operiert man bei der Begründung des Antisemitisraus weniger mit unseren Fehlern und mehr mit unseren Vorzügen, von denen man sagt, sie machen uns den anderen überlegen auf allen Gebieten des staatlichen Lebens, aus denen wir angeblich das rumänische Mehrheitsvolk sukzessive verdrängen, wenn man die vielen nationalistischen (antisemitischen) rumänischen Zeitungen liest, könnte man glauben, die Juden seien in Rumänien die herrschende Nation und alle übrigen seien von ihr ausgebeutete Sklaven. Es fehlt nicht an Aufforderungen zu brutalster Verfolgung, und doch sind Ueberfälle auf Juden viel weniger häufig als in Polen, und wenn sie da und dort Vorkommen, beteiligt sich an diesen Exzessen nicht die Masse. Zumeist sind es Studenten aus dem Lager Cuzas. Es ist ein Glück, daß man hierzulande die Zeitungsschreibciei nicht zu ernst nimmt. Man ist an einen maßlosen Kampf der Parteien gegeneinander gewöhnt, und man ißt nicht so heiß wie gekoent wird. Das Volk ist im allgemeinen gutmütig und verständig, sonst müßte angesichts der maßlosen Judenhetze in den Straßen täglich jüdisches Blut fließen. Es ist aber nicht zu verhindern, daß das, was mit Zeitungen und Flugschriften in die Köpfe gehämmert wird, immer mehr Glauben findet und die allezeit vorhandene antisemitische Qrundstimmung ins Bedrohliche steigert. II. Man übertreibt dieZahl der Juden. Darüber sch rieb ich bereits. Nicht Millionen sind wir, sondern kaum 800000, d, i, bei einer Gesamtbevölkerung von 20 Millionen kaum 4 0/0. Man übertreibt auch die Zuwanderung von Juden aus Polen in der Nachkriegszeit. Wiederholte diesbezügliche Erhebungen bringen ganz geringfügige Resultate. Man operiert mit dem Schlagworte der ״jüdischen Ueberflutun g“. Einer objektiven Kritik hält es nicht stand. An den Universitäten gibt es einen einzigen Professor (Abasohn am Polytechnikum). Mit der Advokatur befassen sich Blutsrumänen zu 70 0׳,״ — also nahezu gemäß dem Prozentsatz ihrer Volkszahl (73 0/0). Die übrigen 30 Go verteilen sich auf alle Minoritäten. Aerzte gibt es zu wenige im Lande. In den Städten entfällt ein Arzt auf 350 Seelen — auf dem Lande t auf 12 000. Oeffcntlich klagt der Minister für das Sanitätswesen, daß er noch mehr als 10 000 Aerzte brauchen könnte. Die Volksgesundheit leide unter dem Mangel an Aerzten. Jüdische Aerzte wären zu haben, aber.... Man sucht mit öffentlichen Annoncen ״rumänische“ Ingenieure und Techniker. Es melden sieh keine. Alle sind •bereits in guten Stellungen. Aemter brauchen Arbeitskräfte für Büros (Schreibmaschine u. dgl.) Blutsrutnänische Bewerber melden sich nicht. Ein Privatunternehmer! will 400 Stellen besetzen. Es melden sich kaum 40 Blutsmmänen. Jeder Arbeitswillige und Arbeitsfähige findet sofort Stellung. Ueberflutung der Universitäten? Zur medizinischen Fakultät kann man nur nach bestandener Vorprüfung zugelassen werden. Von 400 Kandidaten in Bukarest waren 21 Juden. Nationalisten haben sie gehindert, den Saal zu betreten, in welchem die Prüfung stattfand. Im lautenden ersten Jahre also mimerus nullus. An der juridischen Fakultät in Cernauti gab es im Vorjahre noch 5 jüdische Studenten. Heute numerus nullus. Die Zeiten, in denen die Juden in Czernowitz in der absoluten Majorität waren, sind längst vorüber. Von 470 Studenten, die im Sommer 1037 die Czernowitzer Universität absolviert haben, gab es nur noch 45 Juden. Sie werden bald fast zur Gänze von der Universität verschwunden sein. Das Polytechnikum in Bukarest sowie die Fakultäten aller Universitäten machen eine ähnliche Entwicklung durch. Auch in der Advokatur vermindert sich die Zahl der Juden. Sie wird, da Juden fast gar nicht mehr Rechtswissenschaft belegen, von Jahr zu Jahr immer geringer werden. Vor zwei Jahren wurden ln das hauptstädtische Barreau eingetragen: Kandidaten und definitive Advokaten — Christen 852, Juden 455. In der Zeit vom 16. Dezember 1935 bis zum 15. September 1037 seit der Eroberung der Kammer durch die Christlich-Nationalen: Christen 952, Juden null. Ueberflutung in Wissenschaft und Kultur? Gewiß haben die Juden des alten Königreichs in sehr beachtlicher Weise zu den geistigen Gütern der rumänischen Nation beigetragen. Man kennt und man nennt eine ganze Reihe von in hohem Ansehen stehenden jüdischen Namen. Aber übermäßig ist dieser Anteil nicht, und Universitätsprofessor N. Jorga, der in den letzten Monaten wieder ein antisemitischer vorkämpf er geworden ist, nennt nur die Namen Oaster, Tiktin und Seineanu, und er klagt darüber, daß die Juden der angesehlossenen Provinzen für die rumänische Kultur nichts beigetragen haben. Aus dieser Uebertreibung nach unten folgt jedenfalls, daß von einer ״Ueberflutung“ des rumänischen geistigen Lebens durch Juden keine Rede sein kann. In der Literatur und in der Kunst und insbesondere im Theater gibt es wohl Juden in größerer Zahl, aber keineswegs im Uebermaß. Wesentlich stärker sind die Juden in der Presse. Aber keineswegs darf man glauben, daß die Zahl der sogenannten ״Judenhlätter" — zum unterschied von den spezifisch j ü dl - sehen Zeitungen — die Zahl der christlichen Blätter übertrifft. Die ״Judenblätter“ sind in Bukarest und in der Provinz an den Fingern abzuzählen. Die überwältigende Mehrheit der Zeitungen liegt in Händen von Blutsrumfine n. Gelegentlich der bei uns 80 häufigen Zeitungskriege erfährt man, wer und wieviele Juden — zumeist unter rumänisch getarnten Namen —• an den verschledenen Zeitungen mitarbeiten. Wirft z. B. der antisemitische ״U n i ve r s u I“ der demokratischen ״D i m i n e a t a“ ihre jüdisehen Mitarbeitei׳ vor, revanchiert sich die ״Diaiineata“, indem sie die Liste der im ״Universul“ beschäftigten Juden publiziert. Haust du meinen Juden, hau ich deinen Juden. Dieses ergötzlich schmerzliche Schauspiel wiederholt sich im Jahre etliche Male, und an diesem Spiel nehmen nicht nur die beiden genannten Zeitungen, sondern auch andere Blätter teil. Es ist für uns beschämend, daß die Leitartikler in führenden antisemitischen Blättern mitunter ihrem Volke und Ihrem Glauben abtrünnige Juden sind. In der scharf judenfeindlkhen ״!\m1nca vremii“ war es bis vor kurzem ein ehemaliger Rabbiner namens Widder, im ״Universul“ ein spaniolischer Jude, namens Fermo, der für den Herausgeber Stelian Popescu die nationalistischen Artikel geschrieben haben soll. Wir erfahren diese traurigen Dinge, wenn die Zeitungen miteinander streiten. Auch die Zahl der jüdischen Journalisten ist im Abnehmei! begriffen, und für alle Fälle ist festzustellen, daß jüdische Journalisten_ keineswegs etwa ״jüdischen Geist“ in das öffentliehe rumänische Leben tragen. Man nimmt sogar Anstoß an ihrer assimilatorischen Betätigung als nationale Rumänen, Der ehemalige Ministerpräsident Marschall Averescu macht den Juden Hyperpatriotismus zum Vorwurf. III. in der Nachkriegszeit haben viele Staaten, die an dem Weltkrieg beteiligt waren, in der öffentlichen Verwaltung Erscheinungen von Korruption und von Absduvächung der moralischen Anschauungen verzeichnet. So auch in Ruinänien, wo Regierung und Gesellschaft ständig einen Kampf gegen diese Erscheinungen führen. Man versucht wohl die Juden auch hierfür verantwortlich zu machen, aber dies ist der schwächste Punkt in der antisemitischen Propaganda, weil die Juden in der Verwaltung nur in geringfügigster Zahl vertreten sind und seit einigen Jahren Neuaufnahmen von Juden in den Staatsdienst nicht mehr Vorkommen. Gewiß gibt das national-ökonomisch notwendig gewordene Kon tingentipnings- und Devisensystem die Möglichkeit zur sehr einfraglichen Gesetzesübertretungen, und gewiß werden hierbei auch luden genannt. Es liegt dies selbstredend in der Tat- Sache, daß Juden in relativ größerer Zahl sich in Handel und Industrie betätigen. Keineswegs aber kann gesagt werden — wie es unsere Nationalisten behaupten — daß die Juden das wirtschaftliche Leben des Landes in der Hand haben und das Blutsrumänentum in der Wirtschaft verdrängen. Jude ist in diesem Lande schon lange nicht ein Synonym von Handelsmann. Im alten Königreiche gibt es massenweise griechische, armenische und rumänische Händler. Sie sind Inhaber großer und größter Unternehmungen. Unter den Ladenbesitzern der kleinen Städte Bessarabiens, der Moldau Und der Bukowina, und in gewissen Stadtteilen von Bukarest sind die Juden wohl in der Mehrheit. Aber Ladenbesitze!. sind keine Ausbeuter, und sie sind auch nicht die Träger jener Kräfte, von denen man glaubt, daß sie ein Land wirtschaftlich in der Hand haben. In dieser Hinsicht kommt es auf die Banken und auf die Großindustrie an. In der Bankwelt sind -— wie schon oben hervorgehoben -- die Juden ins Hintertreffen geraten. In der Indus t r i e haben sie wohl eine bedeutende Stellung, keineswegs aber eine größere als die deutsche und die ungarische Minderheit, die sich insbesondere in Transsylvanien entfalten, oder die Rumänen selber. Im übrigen kontrollieren dies« durch vom Staate delegierte Vertreter und durch blutsrumänische Verwaitungsräte alle Unternehmungen, auch die der Minoritäten. Man darf einer Minderheit aus ihrer stärkeren Betätigung in einem Wirtschaftszweig nur dann einen Vorwurf machen, wenn sich dies zum Schaden der Allgemeinheit auswirkt. Aber die Unternehmungen der Minderheiten — also auch der Juden — haben den Nationalreichtum des Landes gehoben. Jedenfalls zahlen sie nicht geringere Löhne als die rumänisehen Unternehmer, und hier wie überall in der Welt hetätigt sich das Kapital in der gleichen internationalen Farm und mit der gleichen internationalen Moral oder Unmoral. Glauben Und Rasse spielen hierin keine Rolle. Im übrigen ist der Rassengedanke in Rumänien nicht sehr stark, zumal das rumänische Volk in den Anfängen seiner Geschichte ein Mischvolk von Da eiern und Römern (Romanen) war und im Laufe seiner Geschichte sich mit den Volksstämmen der Umgebung vermengt hat und noch heute vermengt. Auch Mischehen mit Juden sind ziemlich häufig. Diese Völkermischung hat sich in dem, was heute rumänisches Volk ist, vorzüglich ausrewirkt. Man kann die Rumänen mit Recht zu den begabtesten Völkern zählen. Bauernkinder, die auf die Schule geschickt werden, offenbaren schon in der ersten Generation Fähigkeiten, die aus ihnen Universitätsprofessoren, Schriftsteller, Journalisten, forensische Redner ersten Ranges machen. IV. Rumänien kann eines der glücklichsten Länder der Welt sein. Es hat nicht nur eine hochbegabte Bevölkerung, es ist auch vor! der Natur mit überaus reichen Schätzen ausgestattet. Es verfügt über die fruchtbarsten Böden von Europa, es hat Holz, es hat Kohle, es hat Erd - . cs hat auch Gold, Wasser und Wasserkräfte im Uchcmaß, und die Lebensmittel sind im ganzen Lande so billig wie in fast keinem anderen Lande Europas, so daß die eingangs erwähnte Klage, daß Millionen hier verhungern, so offenkundig unbegründet ist, daß niemand sie ernst nimmt; hingegen kann kein objektiv Denkender leugnen, daß jüdischer Unternehmangsgeist neue Arbeitsgebiete und Verdienstgelegcnheiten für die Massen erschließt. Trotzdem macht die judenfeindliche Stimmung bedenkliche Fortschritte, weil der systematisch genährte Judenhaß niemals den Dingen auf den Grund geht. Wenn der Bauer beim jüdischen Krämer mit einem Male für Eisen, für Baumwolle, für Naphta lind für Industrieartikel um ein Erkleckliches mehr zahlen muß, wird ihm gesagt, der Jude stecke die ganze Differenz als Gewinn ein. Der Bauer weiß nicht, daß z. B. wegen der allgemeinen Aufrüstung alle Rohstoffe oft um mehr als die Hälfte gestiegen sind und daß auch alle Industrieerzeugnisse sich verteuern mußten, nicht zuletzt wegen der gesteigerten Höhe der Steuern. Mit diesen Methoden sowie oft mit Versprechungen von Expropriierung und Verteilung von jüdischem Vermögen und nicht zuletzt, indem man Mißgunst und im Unterbewußtsein bei jedem Volke vorhandene fremdenfeindliche Haßinstinkte weckt, züchtet man einen von Tag zu Tag wachsenden Antisemltismus, der auf die gesetzliche Entrechtung der rumänischen Judenschaft und auf deren wirtschaftliche De* possedierung hinarbeitet. Mit tiefer Besorgnis blicken wir in die nächste Zukunft. Mit Besorgnis, aber nicht mit Verzweiflung, weil es noch genug Kräfte in! gesunden Organismus des Staates gibt, die uns v'or den! Aeußersten bewahren werden. Vor einigen Tagen ist nach Ablauf der Legislaturperiode das Parlament aufgelöst worden. Die der liberalen Partei entnommene bisherige Regierung wurde wieder mit der Leitung der Staatsgeschäfte und der Durchführung der Neuwählen betraut. Noch vor Weihnachten dieses Jahres werden die allgemeinen Pa-lamcntswahlen stattfinden, und auch die Judenschaft des Reiches steht vor der schweren Frage ihrer politischen Stellungnahme und vor der Wahl einer eigenen jüdischen Vertiefung, die das geltende Wahlgesetz möglich macht.

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