Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 97 (7.12.1937)
- Date
- 1937-12-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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I , ר- 0 Nr. 97/ Jahrgang 42 Preis 23 RpL JÜDISCHE RUNDSCHAU IMMI Redaktion, Vevlag und A n*elyenvirwdtnnjj Berlin W 15, Melnekeatr.10 Fernruft 919031! Telegramm-AdrMict Orgfaip. * Bezugcpreis emichlieSHdb Bestellgeld je Monat RM 2,-, j« Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1£8 b*w. RM 5,39. — Postscheck - Konten der Vertrieb»-Abteilung: Berlin 71573!für OreB Berlin), Berlin 17392 (für da» übrige Reich), ln Fellen höherer Gewalt besteht kein Anspruch aut Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. — Erscheint jeden Dienstag and Freitag. BERLIN ג׳ טבת תרצ״ח DIENSTAG, 7. DEZEMBER 1937 Gültig! Anzeigenpreis!late Nr. 5. Di© 12 gespalten® mm Zeile 20 Rpf״ für Familien ־ Nachrichten 15 Rpt. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewahr geleistet Gelegenheit*“ an zeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck ♦ Konto Berlin 71618 oder bar t1׳ ׳ n I 1 ן bis Freitag 9—18 Uhr AnnahmeschluS für die Dienstag Ausgabe Monta? 10 Uhr, für die Freitag. Ausgabe Mittwoch 13 Uhr• fFür Familien •Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt 10r das (Ddlsclie Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) » Der neue High Commissioner Sir Harold Alfred MacMiclxael ernannt ס y_ ‘ joliiinVudan Zum Oberkommissar und Höchstkommandierenden für Palästina und Oberkommissar für Transjordanien wurde der bisherigeGo uverneur von Tanganjika, Sir Harold Alfred Mac Michael, ernannt. Der neue Oberkommissar, der 55 Jahre alt ist, entstammt ursprünglich dem Polizeidienst. Er trat im Jahre 1905 in ׳ * tischen Dienst ein, wo er eine Reihe von Aemtern bekleidete. Im Jahre 1934 wurde er zum Gouverneur und Höchstkommandierenden Tanganjikas ernannt. Er vertrat die britische Re- §ierung bei der Sitzung er Mandatskommission des Völkerbundes im Jahre 1935 während der Behandlung des Berichtes über Tanganjika. MacMichael steht im Rul eines energischen Mannes, der vor allem große Erfahrungen in polizeilichen Leber den Sudan hat er eine Anzahl öffentlicht. Sir Harold Alfred MacMichael Auslaadafoto Dingen besitzt, von Schritten ver- Durch die Ernennung Sir Harold MacMichaels hat das Rätselraten uni die Nachfolgerschaft Sir Arthur Wauchopes sein Ende gefunden. Vor wenigen Tagen war schon bekanntgeworden, daß die bisher genannten Kandidaten Feldmarschall Sir Philip Chedwode und General Sir John Anderson nicht mehr in Betracht kommen, teils wegen ihres lohen Alters, teils aber, weil man, wie es fließ, diesmal keinen Militär ernennen wollte, sondern einen hohen Zivillieamten, um keine Kompetenzkonflikte zwischen dem Oberkommissar und dem Kommandierenden General der Patästina-Truppere zu riskieren. Denn man ist sich darüber klar, daß Palästina in der nächsten Zeit in hohem Mähe nicht nur foiitisch, sondern auch militärisch wird regiert werden müssen. Das Koloniaiministerium hält es offenbar für riehtiger, die Militärgewalt von der zivilen vollständig zu trennen, lieber die Anschauungen des neuen High Commissiouers, soweit sic für das Palästina-Problem wichtig sind, ist bisher nichts bekannt geworden. Er gilt als ein überaus befähigter und energischer Verwalter, der aus seiner dreißigjährigen Tätigkeit im Sudan auch das Araberproblem kennt. Es wird behauptet, daß er ein Anhänger einer starken und unnachgiebigen englischen Kolonialpolitik ist. Die Juden- Jieit begrünt den neuen Oberkommissar mit der Hoff- Bring, daß es ihm gelingen möge, Terror und Unruhe endgültig zu beseitigen, dem Land den Frieden wiederzugeben und die beabsichtigte Neuordnung mit zielbewußter Energie durclizuführen. Der neue Oberkommissar soll sein Amt Ende Februar antreten. Ein neuer Oberkammandierender Wie aus London gemeldet wird, wurde Generalmajor R. H. H a i n i n g zum Oberkommandierenden der britischen Truppen in Palästina ernannt. Der neue Oberkommandierende, der 55 Jahre alt ist, ist augenblicklich Kommandant des Imperial Defence College. Er hat die Prüfung als barristerat-law abgelegt. Die Hochschulfront in Polen Jüdische Beschwerden vor dem Parlament Von unserem Berichterstatter Schicksal einer jüdischen Stiftung Warschau, 3. Dezember Am 1. Dezember wurde die Budgetsession des polinsehen Parlaments eröffnet. Bisher war in diesem Sejm keine Parteienbildung der Abgeordneten zugelassen worden; jetzt aber konstituierten sich die dein Lager des Obersten Koc angehörenden Parlamentsmitglieder als besonderer Klub sowohl im Abgeordnetenhaus als auch im Senat. Nicht alle Anhänger Pilsudskis haben sich diesem Klub angeschlossen. Bei manchen von ihnen war das Motiv vorherrschend, sich nicht parteimäßig zu binden, manche taten dies aus prinzipiellen Gründen, weil sie das Programm des Obersten Koc in vielen Punkten ablehnen und sich der von ihm gewählten Taktik vvidersetzen. Aus diesen Parlamentskreisen ist die Schaffung eines demokratischen Klubs im Sejm zu erwarten. Wie vorauszusehen war, hat der jüdische Pariamentsklub schon beim Beginn der Budgetdebatte durch seinen Vorsitzenden, Abgeordneten Dr. Som in erstein, die Beschwerden der jüdischen Bevölkerung vorgebracht. Weder die Debattenrede des Premierministers Sktadkowski, noch das Exposd des Vizepremiers Kwiatkowski über das Wirtschaftsprogramm der Regierung haben das Judenproblem behandelt. Minister Kwiatkowski hat nur im Zusammenhang mit seinem Bericht über die Wirtschaftslage Po*ens im Jahre 1937 und über die großzügigen Pläne der Industrialisierung Polens erklärt, daß Polen ,,es nicht notwendig habe, seine nationalen Ambitionen auf Haßgefülilen aufzubauen und den Ansporn zum tatkräftigen Handeln im Negativen zu suchen“. Es ist nicht klar, ob damit auf die antijüdische Propaganda Bezug genommen wurde. Abg. Sommerstein hat anknüpfend an diese Erklärung die trostlose Lage der polnischen Judenheit dargestellt und der Regierung vorgeworfen, daß sie alle Exzesse gegen die Juden mittelbar toleriere und durch das Fehlen einer klaren Linie die Exzedenten und Agitatoren in ihrem Vorhaben ermutige. Der von der Regierung sanktionterte ökonomische Kampf gegen die Juden wurde von der polnischen Bevölkerung in den meisten Fällen als Freibrief für gesetzwidrige Handlungen gegen die Juden gedeutet. Abg. Sommerstein hat dies mit vielen Beispielen belegt und festgestellt, daß auch die Gerichte, insbesondere in erster Instanz, nicht frei sind von Vorurteilen gegen die Juden. Natürlich beschäftigte sich diesmal der jüdische Redner hauptsächlich mit der Lage der Juden an den Fiochschulen, worüber auch eine ausführliche Interpellation eingereicht wurde. Der Charakter und der Verlauf des Kampfes der jüdischen Hochschüler gegen die GheUobänke sind den Lesern der ״Jüdischen Rundschau“ bekannt In Warschau sind die Ghettobänke fast an sämtlichen Hochschulen noch immer obligatorisch, und die jüdischen Hörer stehen während der Vorlesungen, was täglich zu Reibungen mit den antisemitischen Hochschülern, mit den Ordnern und oft auch mit Professoren führt. ln der letzten Woche hat sich in Warschau der Kampf besonders au der Wawelbergschen Technischen Schule abgespielt Hier nämlich hat der Rektor dreizehn jüdische Schüler zu den Vorträgen und Uebungen nicht zugelassen als Strafe dafür, daß sie keine Sitzplätze eir.ndimen wollten und trotz mehrmaliger Aufforderung während der Vorlesungen sieben blieben. Hier also wollte man die jüdischen Studenten zwingen, die Ghettobänke zu besetzen oder überhaupt die Schule zu verlassen. Dies rief große Empörung bei allen jüdischen Hochschülern und der gesamten jüdischen Bevölkerung hervor. Die Empörung war um so größer, als •diese Schule von Juden begründet und lange Zeit finanziert wurde. Hipolit Wawelberg und sein Schwager Stanislaus Rotwand waren in den letzten Jahren des XIX. und zu Beginn des XX. Jahrhunderts bekannte Bankiers in Warschau. Sie haben sich große Verdienste um die Entwicklung der Industrie und das Bankwesen in Polen erworben. Sie raren berühmt durch ihre großzügigen philanthropischen Leistungen für die polnische und jüdische Bevölkerung. Die Wawelbergs waren Anhänger der damaligen Assimiiationsriclitung im Judentum und haben den Großteil ihres Vcrinögens für polnische Kulturzwecke gespendet. Besondere Aufmerksamkeit widmeten Wawelherg und Rotwand der Vcrbreitung der technischen Bildung unter den Juden, und zu diesem Zwecke stifteten sie in Warschau ein technisches Institut, das sie und ihre Erben bis nun Jahre 1919 aus eigenen Mitteln verwaltet haben. Infolge der bolschevistischen Umwälzung in Rußland war die Familie Wawelberg gezwungen, ihre Wohltätigkeit einzuschränken, und im Jahre 1919 wandten sie sich an die polnische Regierung mit dem Vorschläge, das technologische Institut in Warschau zu übernehmen, wobei dem polnischen Staate das kostenlose Nutzungsrecht an sämtlichen Bauten und Einriclitungen zugesprachen wurde. Der Sohn des Hauptstifters, Michael Wawelberg, hat aber damals eine Bedingung gestellt, die nach längeren Verhandlungen mit dem polnischen Unterrichtsministerium von diesem endlich notariell zugebilligt wurde, und zwar hatte sich die Regierung verpflichtet, keine Unterschiede an dieser Schule zwischen christlichen und jüdischen Hörern zu machen. Obwohl die Regierung damals erklärte, •diese Verpflichtung sei für sie selbstverständlich und im Einklang mit der polnischen Verfassung, hat Michael Wawelberg auf einer ausdrücklichen Verpflichtung bestanden, und die Ereignisse der letzten Zeit bestätigten leider seine Zweifel. An diesem inzwischen Städtische Höhere Maschinenkau- und Elektrotechnische Hochschule benannter! Institut hat man schon seit einigen Jahren den Numerus clausus cingeführt (im laufenden Semester wurden inskribiert: 400 Christen und 50 Juden) und die Studentenkrawalle in Warschau haben jährlich auch an dieser Hochschule stattgefunden. Herr Wawelberg, als Kurator der Schule, hat jedesmal protestiert, das Ministerium versprach einzuschreiten, aber es blieb beim Versprechen. Nun hat angesichts der letzten Ereignisse Herr Wawelberg mit einem Prozesse gedroht. Der Ausgang dieses Streites ist noch nicht vorauszusehen. Heute wurden die relegierten Studenten wieder aufgenommen, die Ghettoverordnung wurde aber noch nicht zurückgezogen. Sorgen des Wandervolkes Die Erschwerung des Reisens Es ist eines der Paradoxe der Gegenwart, daß gerade in einer Zeit, in der die Technik eine unvorhergesehene Be״ schleunigung des Verkehrs und Annäherung räumlich entfernter Orte ermöglicht hat, in der das Radio den Schall aus entferntesten Gegenden um die Welt trägt, die Überseeisclicn Teleplion verbind Ungarn zur Alltäglichkeit wurden, durch Flugzeuge Post und Reisende in wenigen Stunden in Gebiete befördert werden, die früher nur durch wocbenlange Reisen erreichbar waren, daß in dieser Zeit die innerliche Entf e r n 11 11 g zwischen Völkern und Ländern besonders groß geworden ist. Die überaus kompli/icrteii politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse haben eine große Reihe von Neuerutigen zur Folge gehabt, die tief ins private und persönliehe Leben des Einzelnen einsdineideii. Viele Vor.-lelleiigen, die in der Vorkriegszeit selbstverständlich waren, wurden in den letzten zwanzig Jahren über den Haufen geworfen. Wir Julien empfinden, infolge unseres eigenartigen Schicksals, gewisse Veränderungen besonders schwer, ja Tin/clne von uns werden dadurch in persönliche Tragödien verwickelt. Es ist bekannt, welche Schwierigkeiten heute jeder Wanderung gegenübersteh en. Auch für den zur Ai! sw inderting Entschlossenen ist die Auswandern,tg häufig umltirchlü!irbar, weil zu jeder Auswanderung ein Kinwanduruiigslami gehört, nach dem man sieh begehen kann. Vor dem Weltkrieg bestand in dieser Hinsicht kein uniiburv. indiich.cs Hindernis; Auswandcrting bedurfte immer Wagemut, aber wer Opfer auf sich zu nehmen bereit war, konnte sich einen Weg erkämpfen. Heute ist das ganz anders. Ein unübersehbares Netz formalcr Vorschriften aller Art erschwert das Reisen und Wandern, und ohne Paß und Visum kann man keine Grenze überschreiten, ohne besondere Bewilligung in keinem Lande einwandern, und wessen ״Papiere“ nicht in Ordnung sind, der wird erbarmungslos zuriickgesehickt, auch dann, wenn es für ihn gar kein ״Zurück“ gibt. Der Mensch ist nur 80 viel, wie sein ״Papier“ besagt. Was Wunder, daß verzweifelte Menschen Versuche machen, diese Vorschriften zu umgehen und daß immer wieder das vorkommt, was man als ״illegale Einwanderung“ zu bezeichnen pflegt. Diese ״!lieg ilen“, die irgendwo, oft in reichen und riesigen Ländern, in denen der Einzelne wahrlich verschwindet, sich eine kleine Existenz aufzubauen versuchen, stehen immer vor der Gefahr, eines Tages entdeckt und ausgewiesen zu werden. Alle jüdischen Organisationen und jeder verantwortlich Denkende w amt vor ilicgaler Immigration, d. h. vor dem Versuch der Einwanderung ohne restlos erfüllte Formalitäten; aber immer wieder gibt es Menschen, die solche Warnungen in den Wind schlagen. Unter ihnen mögen so manche sein, die sich fragen, was sie denn anderes tun sollen, wenn sie in ihrem bisherigen Wohnlande nicht bleiben können und nirgends Hnwamlcningbewilligung erhalten. Immer wieder muß man buffen, daß angesichts der offenkundigen Tragik dieser Situation die Stimme der Humanität doch noch im letzten Moment die Oberhand über den starren Buchstaben des formalen Rechtes gewinnt. Von Ausweisung bedroht sein, immer wieder in! Zustand der Unsicherheit, des Provisoriums, des Vornhingehcnd-Geduldet-Seins leben •— kann der Sohn eines eingewurzelten, seit Jahrhunderten mit seiner Scholle verwachsenen Volkes sich in diese Situation überhaupt hinein d e!ו k e n? Und geschichtlich gesehen, ist dies nicht mir die Situation des Einzelnen, sondern des ganzen jüdischen Volkes seit Jahrhunderten. Bei der Generalversammlung der Warschauer Rechtsanwaltskamnicr wurde eine Deklaration des Verbandes Polnischer Rechtsanwälte verlesen, in der cs (in einer schönen juristischen Ausdruckswcisc) hieß: ״Wir kundigen den Juden das Wohnrecht in Polen." Zum Glück sind diese Rechtsanwälte noch nicht die legitimen Hauswirte, und die polnische Nation als Ganzes wird großzügiger denken. Aber wir können uns nicht verhehlen, daß diese Parole in Polen populär ist. Wer die Geschichte des polnischen Judentums kennt, die unentbehrliche Funktion, die die Juden dort jahrhundertelang ausgeübt haben, wo sic als etwas Selbstverständliches zum polnischen Leben gehörten, wenn man weiß, wie eng diese Juden seit Jahrhunderten mit dem Lande verwachsen sind, erkennt man das Furchtbare einer solchen Parole. Mail wird ins Land gerufen und freudig begrüßt, man leistet dem Lande Dienste, das Land wird ein Teil der eigenen Seele, und dann, oft nach Jahrhunderten, ändert sich mit einem Schlage die Beziehung. Uraltes jüdisches Schicksal; die Bibel hat es in einer unvergleichlich schlichten und wirkungsvollen Sprache ausgedrückt: ״Es stand auf ein neuer &cdeA Ue&etUUk ln Jerusal cm wurde hei einem Veher fall in der Nähe der Buhnstalion ein junger Jude getötet. Bei einem Großfeuer in Talke rem, das von Arabern angelegt war, verbrannten fünf arabische Arbeiter. In Jerusalem stark Dr. Joseph Lur ie, der Leiter des Erziehungs-Departements des Waad Leumi. Der Innenminister von Paraguay er’’! ׳, Paß in Paraguay keine antisemitische Bewegung bi siehe. Der Vorstand der Wiener Jüdischen Gemeinde ernannte Rabbiner Dr. Israel Taglicht zum Oberrahhiner.