Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1937-12-03 · Heft 96 (3.12.1937) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 96 (3.12.1937)
Date
1937-12-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2653625-2653716--31593-2686213
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Nr. 96, 3. XII.93ו? JÜDISCHE RUNDSCHAU I Seife 3 Sigmund Freud über Moses Es wird sicherlich viele unsere Leser interessieren zu erfahren, daß Sigmund Freud sich neuerdings wieder za einem jüdisch-biblischen Thema geäußert hat. Daß er dabei eine These vertritt, die der jüdischen Ucberlieferting widerspricht, ist kaum verwunderlich, ein so radikal traditionsfeindlicher Geist ist stets bestrebt, seine voraussetzungs• lose Forschung auch auf geheiligte Vorstellungen auszudehnen. Die nachstehende Entgegnung versucht, Freud inner• halb s ein e s ■e i g e nett Denkschemas zu widerlegen. Wenn wir diese Ausführungen zum Abdruck bringen, so sind wir uns dabei wohl bewußt, daß auch von anderen Gesichtspunkten Einwände gegen Freuds Auffassung ge״ macht werden können. (Iled.J Moses ein Aegypter? Der Psychoanalytiker Sigmund Freud hat im letzten Heft seiner Zeitschrift ״Imago“ (Btl. XXIII, H. 1, 1937) die Bchauptung aufgestellt, Moses wäre ein Aegypter gcwesen. Das Wort Mose, so führt er aus, ist ägyptischen Ursprungs, bedeute soviel wie ״Kind“ oder ״Sohn“; warum soll der Träger des Namens nicht Aegypter sein? Die Erklärung der Bibel, ״der aus dem Wasser gezogene“, könne nicht stimmen, denn das hebräische ״Mosche“ ist eine aktive Form, also der ״Herauszieher“. Das Rankschc Schema der Psycho-Analyse einer Heldensage besagt: Der Sohn vornehmster Eltern wird auf Befehl des Vaters, dem, prophe* zeit durch einen Traum oder eine andere Weissagung, durch die Geburt des Kindes Gefahr droht, ausgesetzt; von niedrigen Leuten oder Tieren aufgezogen, erkennt er seine Abkunft, besiegt den feindlichen Vater und gelangt zur Anerkennung. Diesem Schema entspricht die Mosessagc nicht, denn in ihr ist die erste Familie, die, aus der der Held ausgesetzt wird, ״bescheiden genug“, die zweite Familie, die, in der der Held aufgezogen wird, ist das Königshaus von Aegypten. In den anderen Heldensagen wird der Held später erhöht, Moses jedoch steigt zu den Kindern Israels herab. Die Sage verliert ihren Sinn, denn sie erfüllt ihre Aufgabe nicht, da sie den Helden nicht erhöht. Ihr geheimer Zweck ist angeblich der, aus Moses, dein vornehmen Aegypter, einen Juden zu machen, da aus ״nationalen Motiven“ der Heros des Volkes kein Fremder sein kann. Freud geht in seiner Argumentation weiter. Die beiden Familien der Sage sind, psychoanalytisch gesehen, bloß Spiegelungen ein und derselben Familie, wie sie sich dem Kinde im Laufe seines Lebens zeigt. Zunächst restlose Bewunderung des Vaters, dann Enttäuschung und Kritik. Im Mythus erscheinen sie als die vornehme und die niedrige oder erniedrigte Familie. In Parallele mit der Sage von Cyrus von Persien kommt Freud zu folgendem Schlüsse: Die Familie, aus welcher der Held ausgesetzt wird, ist in allen Fällen die fiktive, die Familie, in der der Held aufgenommen und aufgezogen wird — weich letztere Tatsache vielen Zeitgenossen bekannt ist — ist immer die reale Familie, also die, welcher der Held durch seine Geburt angehört. Auf die Mosessage angewendet heißt das: ״Ausfesetzt wird Moses aus der Levitenfamilie, diese ist also ktiv. Erzogen wird er am Hofe des Pharao — diese Familie ist real. Demnach ist Moses ein vornehmer Aegypter, der durch die Sage zum Juden gemacht werden soll. Die Aussetzung im Wasser war an ihrer richtigen Stelle; um sich der neuen Tendenz zu fügen, mußte ihre Absicht, nicht ohne Gewaltsamkeit, umgebogen werden; aus einer Preisgabe wurde sie zum Mittel der Rettung.“ Welche Beweiskraft haben die Argumente Freuds? Aus dem Namen allein auf die ägyptische Abkunft Moses’ zu schließen, ist unmöglich. Mose ist nur eine Endsilbe, die wie in Ptah-mose, Äcl!-mose, Tuth-mose, an den cigcntliehen Namen, zumeist den des Vaters, eines Gottes oder Totemtiers angehängt wird, ähnlich wie in Johann-son, Thorsten-son, Jakob-son u. ä. m. Das Hauptgewicht liegt auf dem ersten Namenswort. Wenn die Juden gerade die Endsilbe, -mose, herausgegriffen haben, so kann das seinen Grund in der Aehnlichkcit mit dem hebräischen ״Mosche“ der ״Herauszieher“, der ״Lehrer“, der ״Lenker“, der ״Führer“ haben. Der ״Herauszieher“ aber war Moses in zweierlei Sinn. Er zog das Volk aus der ägyptischen Knechtschaft in das Licht der Freiheit, aber was noch nachhaltiger im Gedächtnis des Volkes haften geblieben ist, er zog es aus dem Dunkel des Götzen- und Tierglaubens in das Licht des Monotheismus. Selbst wenn ״-mose“ tatsächlich das ägyptische Namensarihängset wäre, ist Freuds Schlußfolgerung nicht zwingend, denn Assimilation, besonders der Namen, ist iin Zusammenleben von Nationen aus gemeinsamem Lebensraum eine allgemeine Erscheinung. Siehe dazu die vielen biblischen Namen, auch als Kombinationsfamiliennamen, bei fast allen europäischen Völkern. Diese und noch weitgreifendere Formen der Assimilation finden sich gerade in den höchsten Schichten eines unterdrückten Volkes. Der Stamm Levi ist aber der ״Add“ der Hebräer. In der Mosessage spiegelt sich der Kampf der althergebrachten Autorität des Pharao mit der emporstrebeuden Autorität der neuen Gottheit, die sich in Moses, dem Leviten, repräsentiert. Die Niederlage des Pharao und die damit verbundene endgültige Zerstörung der asiatisehen Machtträume Aegyptens, implicite der Sieg der iftuen, in Moses inkarnierten Autorität faßt kaum einen Zw׳ ei fei zu, welche von den beiden in der Sage vertretenen Familien für den Sagendichter die vornehme, welche die niedrige, resp,, die erniedrigte ist. Ganz deutlich sagt es die Bibel (z. B. Exodus Kap. 14 Vers 9 ff.). Die Nachwelt braucht die Sage nicht, sie erkennt das Heldendasein an den Spuren, die es in der Geschichte hinterläßt. Die Mitwelt schafft die Legende, zumeist auf Veranlassung des Helden selbst. Sein Dasein Ist in seiner Außerordentlichkeit selbst dein eigenen Kreis nur schwer erträglich. Die Mitwelt rechtfertigt die eigene Unterwerfung unter den Willen des Helden dadurch, daß sie ihm ein besonderes Menschentum zuspricht, ihn durch Sage und Legende aus dem Alltag in ein höheres Sein versetzt. Für den Dichter der Mosessagc, der die Minder- Wertigkeitsgefühle eines Juden unserer Tage nicht kennt, ist Moses der Gründer eines Reiches, dessen Sieg über den Pharao er durch das Sagenbild ausdriiekt. Das Rankschc Sagenschema ist also erfüllt: Moses wird aus der Levitenfamilie ausgesetzt — er wird in der von ihm selbst erniedrigten Pharaonenfamilie auf genommen — und gelangt nach errungenem Sieg an seinen angestammten Platz. Nun zu Freuds wichtigstem Argument. Die Familie, in die das Kind geboren wurde, ist die erfundene, die, in der es aufgenommen und erzogen wurde, ist die reale. Der Deutlichkeit halber füge ich hinzu: ״Die Trennung der beiden Familien erfolgt in der Sage durch das Moment der Aussetzung.“ Die zeitliche Steilung des Aussctzungsmoinentes ist also ausschlaggebendr- Wahrscheinlich hat Freud in diesem Punkte recht, die Anwendung auf die Mosessage führt itm jedoch zu einer falschen Schlußfolgerung. Das Kind kommt nach der Aussetzung gar nicht in die Familie des Pharao, sondern nach Exodus Kap. 2 Vers 1—4 wird es in der Levitenfamilie, seinem angestammten Elternhaus, großgezogen. Der Bibel nach beobachtet die Schwester des Kindes die Auffindung des Körbchens durch die Prinzessin und macht ihr den Vorschlag, eine hebräische Amme für das Kind zu finden. Nach erfolgter Zustimmung durch die Prinzessin holt das Mädchen seine eigene Mutter — die Mutter des Findlings — die ihn übernimmt mit der Verpflichtung, ihn groß zu ziehen. ״Als der Knabe groß war, brachte sie ihn der Tochter Pharaos, und diese nahm ihn als Sohn an und nannte ihn Mose (Mosche), denn sie sprach: ״Aus dem Wasser habe ich ihn herausgezogen.“ Nach Freuds Benno Elkan Benno Elkan, der Bildhauer, begeht seinen 60. Geburtstag in London, wo er seit einigen Jahren lebt und sich schnell durchsetzte. Seine Ausstellung im vorigen Jahre hatte ein starkes Echo in der englischen Presse, er ist als Porträtist gesucht und viel genannt — unter seinen neuesten Arbeiten ist das Porträt Arturo Toscaninis, eine Büste James de Rothschilds (des Parlaments-Mitglieds und Sohnes Edmond de Rothschilds) und der runde Lockenkopf des jungen Prinzen Edward, älteren Kindes des Herzogs von Kent. Daneben arbeitet der Künstler eben an dem Modell für den monumentalen Schmuck eines neuen Fabrikgebäudes: eine Figur Sir Walther Raleighs wird, im historischen Kostüm, und ein Büschel der von ihm nach England gebrachten Tabakpflanzen tragend, über dem Tor einer der weitbekannten Zigarettenfabriken stellen. Benno Elkan ist in Dortmund geboren, in Deutschland ausgebildet, und der größte Teil seines Lebenswerkes vollzog sich in Deutschland. Er fand den Uehergang vom Kaufmannsberuf zur Kunst, war je drei Jahre in Paris und Rom und lebte dann in Frankfurt und Alsbach an der Bergstraße. Von 1914—1918 war er Soldat. Seine Tätigkeit als Porträtist erfaßte sehr verschiedene Kreise. Die bekanntesten Köpfe dürften die des Schauspielers Karl Valentin sein, des Kunsthändlers Flechtheim, der Tänzerin Barbakoff, oder der erstaunliche Greisenkopf des Feldmarschalls (General) Haeseler. In einer früheren Periode Deutschlands war Elkan auch hier angesehen und seine ergreifenden Gefallenendenkmäler in Frankfurt, Maiuz und Völklingen fanden damals Anerkennung. Seit )933 ist Elkan im Ausland. Benno Elkan hat auch eine Reihe von Werken jiidi sehen Charakters geschaffen, zahlreiche Grabmäler, teilweise in reichem Reliefwerk, aber auch stilgerechte, figurenlose Monumente in großzügiger Proportion, schöner Schlichtheit, unter Ausnutzung seiner Kenntnis des Steins und seiner Wirkungen in Farbe und Material. Die plastische Schönheit der hebräischen Lettern hat ihn gefesselt und er gestaltet sie aus, wenn er den Eingang einer neuen Synagoge in London mit einer gravierten Platte schmückt, oder die ornamentalen Schriftzeichen auf eine Grabplatte setzt, die der Chief Rabbi von London, Dr. Hertz, für seinen jungverstorbenen Sohn bestellte. Seine Kenntnis des Alten Testaments gewinnt künstlerische Form im Figurenwerk der Leuchter, die eine Besonderheit seines Werkes bilden. Juble und freu dich, Tochter Zijons, denn sieh, ich komme und wohne in deiner Mitte! ist des Ewigen Spruch. Anschließen werden sich viele Völker an den Ewigen an jenem Tag, daß sie mir zum Volke seien, Ich aber werde in deiner Mitte wohnen, und du wirst erkennen, daß der Ewige der Scharen mich zu dir gesandt hat. Und der Ewige wird Jehuda als seinen Anteil eignen aut dem heiligen Boden, und wieder wird er Jeruschalajim erwählen. Aus der Haftarah für Schabbat Chanukkah Sedterja, Kap. 2,14—16. Uebers.v. H. Torczyner neuestem analytischen Gesichtspunkt ist also die reale Familie die des Leviten Amrain. Welchen Sinn hat die Anführung der Königsfamilie in der Bibel? Ueberdetiken wir die Situation der Hebräer in Aegypten. In dem Maße, als aus dem nomadisierenden Hirten- Volke seßhafte Bauern werden, geraten sie immer mehr unter die Herrschaft Aegyptens, da die kriegerischen Qualitäten des Volkes durch die ruhigere Lebensform verloren gehen. Wie überall in der Geschichte, so auch liier, werden die Söhne vornehmer Familien zu Kriegs- und Beamtendiensten. resp. Hofdiensten herangezogen. Diese Kaste wird von der Herren- Schicht mit Mißtrauen betrachtet, die eigene Nation sieht in ihnen Verräter ihres Volkstums. Auch Moses war ein Höfling. Begreifliches Mißtrauen begegnete seinem Fiihrertuin. Seine dienende Stellung am Pharaonenhof beeinträchtigt seinen Anspruch aut Führung. Hier greift die Sage ein. Er ist nicht Diener, sondern gleichwertiger Herr! Diese Stellung ist durch seine allgemein bekannte Abstammung jedoch nicht gerechtfertigt. Hier hilft sich der Sagendichter damit, daß er ihm die später erlangte Stellung eines em porgedienten (iiinstlings der königlichen Prinzessin, zu einer Zeit, fast unmittelbar nach seiner Geburt, zukonimen läßt. Seine anfänglich dienende Stellung am Hofe des Pharao wird so völlig verdeckt, sein Verhältnis zum Pharao — Diener zum Herren - wird so zum Verhältnis des jüngeren Verwandten zum Haupt der Familie. Es wird aber auch die erzwungene Freiwilligkeit de* Dieiisteintrittes durch das schicksalsmäßige Eingreifen der Prinzessin völlig verschleiert. Mose wird durch die Sage zum fehlerlosen Helden und Führer der Hebräer. Abschließend glaube ich sagen zu können, daß and! der neue von Freud angegebene Gesichtspunkt der! sicheren Schluß zuläflt: Moses — ein Jude! Dr. in cd. Karl Kahn, Brünn / Zu seinem 60. Geburtstag Das merkwürdigste Beispiel ist der riesige Bronzeguß eines mit kleinen biblischen Figuren geschmückten Leuchters, baumartig verzweigt wie im gotischen Stil, aber nicht damit verwandt, sondern in einem freien Formenspiel erdacht und im Detail der Figuren nachdenklich und genau. Moses, die Gesetzestafeln hochhaltend, bildet den Mittelpunkt. Strenger, in geometrischer Konstruktion und nur mit zarten Reh- und Sternfiguren unterhalb der Kerzen verziert, zeigt sich ein Synagogenleuchter aus Süddcutschland. Eine wuchtige Mcnorah in Bronze hält auf schwerem Querbalken mit den acht Kerzen die Gestalten von fünf der Makkabäer-Brüder. Und man versteht, daß solche Modelle die Auftraggeber anzogen, die zum Schmuck der Abbey in Buck fast den mächtigen Leuchter bestellten, der zwischen den blattrippenartigcn, eindrucksvoll geschwungenen Lichthaltern die Bilder des Fricdens und der Gerechtigkeit, der Weisheit und Stärke trägt. Die Stiftskirche enthält auch eine Porträtbüste des Abtes von Elkans Hand. Elkan ist ein sehr junger Sechziger, voll Aktivität, und man wünscht ihm noch viele Möglichkeiten, seine Vielseitigkeit in der plastischen Gestaltung auszuleben. G. F. Huberman .auf dem M öge der Besserung Von unserem Wiener Berichterstatter J.R., Wien, l. Dezember Wie ihr Korrespondent erfährt, erhielt der Neurologe Universitäts-Professor l)r. Otto Marburg, Vorstand des Neurologischen Institutes in Wien, einen von ßronislaw H uher man eigcnhä n d i g unterschriebenen Brief, in dem der Künstler außerordentlich große Fortschritte seiner (jene sang rnittcilt. Huberman hat diesen Brief unmittelbar vor Antritt seiner Seereise, die ihn wieder mich Europa bringt, geschrieben und hofft am 16. Dezember in Genua zu landen. Die ersten Wochen seines Aufenthaltes in Europa will der Violinvirtuose zunächst im wärmeren Klima Habens verbringen, um dann etwa gegen Ende Januar nach Wien zu kommen. Auch aus dem übrigen Inhalt des Briefes spricht die Zuversicht des Künstlers, schon in absehbarer Zeit wieder seiner Kunst sich widmen zu können. ... Der Künstler bei der Arbeit an der Toscanini-Büste A«,hn6,tou Ein Chanukkah-Leuchter mit Makkabäer-Gestalten - f ' « *** ־,־; .51 ■ ilif

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.