Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 94 (26.11.1937)
- Date
- 1937-11-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 94, 26. XI. 1937 Auswandern Von Ilse Blumenthal-Wei B Man ist hi so vielen Ländern früher hcrtirngereist, hat hier ein paar Wochen gerastet, dort ein paar Tage unter Sehenswürdigkeiten umhergestaimt, hat Menschen kennengelernt, vergessen, wiedergesellen. Man lebte mischen Ferien und Arbeitstagen, reiste nach Norden, nach Süden, um von der Welt zu naschen und kehrte wieder zurück jn Gleichmaß und Ordnung einer von Jugend an vertrauten Umgebmig. Mit einem Schlage ist alles verändert. Aus kleinen Reisen Und Gelegen!! eitsausfliigen ist die große Wanderung geworden. Man hat die Welt bis zu den fernsten Bezirken aufgeteilt und «׳ändert, wandert nun die Breitengrade auf und ab. Man ist fortgegangen aus dem Besitz von Selbst- Verständlichkeiten, die einem so zugehörig waren durch Jahrzehnte, daß Unglück und Not, Trennung und Verlust nur wie Vokabeln einer Sprache klangen, die man für sich nicht anzuwenden verstand. Leid war Begriff ohne Inhalt und Leben, Und Sicherheit tötete das Herz. Da brach der Boden auseinander. Seltsam — die Erde scheint, da Notwendigkeit den Wamlcrstab in die Hand zwingt, ihr Antlitz verwandelt zu haben. Die schillernde Maske ferner Länder und Städte fällt welk zu Boden. Hinter der Oberfläche von Schenswiirdigkeiteii, die den Gast betören und locken, wartet die Fremde, die Leere, das Land ohne Liebe•. Paris, London, Stockholm — Rom, Zürich, Prag — der Zauber einstiger Eindrücke wird zu Staub. Kampf um die Existenz bedeuten diese Namen Jet/1, Unnahbarkeit, 1 k-imatlosigkeit, Kiible und Ab- Wehr. Keine Stadt und kein Land streckt die Hand aus, kein Mensch eiwa!u׳t den Ankommenden mit einem Lächeln der Freude. Kontrolle!! und Revisionen, Fragen, die weh tun, Mitleid, das \vie mit glühenden Nadeln die Seele sengt, das ist der Boden des neuen Lehensraimies. Alle Türen sind offen für den durchreisenden Touristen, der das Yergnügn! der Augen mit freigebigen Händen bezahlt. Aber wer bleiben will, seßhaft werden will mit der schmalen Itcmtschaft seiner Hände allein, dem schließen die Türen sich. Hart, unerbittlich fallen Riegel ins Schloß. Mau sieht den Rucken von Menschen, deren Gesicht den Vorhang heruntergelasscn zu haben scheint. Und die Häuser sind plötzlich ohne Eingang. Die große Welt und die guten Menschen! — Es ist kein Platz weit und breit, und die Reden auf den internationalen Kongressen gelten theoretischer Beruhigung des Gewissens. Die Wirklichkeit gehet daran vorbei, gellt darüber hinweg. ,.Wer ein empfindsames Herz bat"', sprach es einmal eine junge t rau an Bord eines Ueberseedampfers aus, ״sollte nicht aus wandern.'‘ Sic war über Italien, Frankreich, England, jetzt auf dem Wege nach Australien. Sie hatte gesucht, gesucht und nichts finden können. Sie sah müde und enttäuscht aus, und der neue Erdteil, so meinte sie, würde ihr wohl auch nicht den Himmel öffnen. ,,Aber empfindsame Herzen können auch nicht bleiben“, gab eine andere Frauenstimme zur Antwort. Die beiden Sätze schwebten wie ein großes, schwarzes Fragezeichen in der Luft, das kraß gegen die wolkenlose Bläue des Himmels abstach. Es wohnte noch ein Dritter dem Gespräch bei. Aber er blieb nur Zuhörer. Er gab kein Wort zur Entgegnung, er mischte seine Stimme nicht ■den Klagen der anderen bei, obwohl auch er min ein Heimatloser war, ein Wanderer durch die Weiten. Er hatte viel gesehen. Sein Herz war in dem Dunkel clor Abgründe zu Hause und bei den Tränen des Elends. Aber angesichts der süßen Beredsamkeit von Wolken und lauer Luft, von Sonne und schimmernden Meereswellen vermochte er nicht, ein Schicksal zu beklagen, dessen Gewicht nicht allein die Last der Jahre, sondern der Ewigkeiten bestimmte. ,.Immer wird er das alte Lied“, dachte er vor sich hin und wandte den Blick von den Sprechenden fort. ״Aber ii 11 Grunde ist alle Trauer nichts anderes als ein Ssdiselbstlmv, einen." Am Abend dann, als die Reisenden in den weiten Räumen ries Ozeandampfers bei Musik und unabläßlich gereichten Speisen Zerstreuung suchten, als selbst die klagenden Frauen den Schleier ihrer Traurigkeit fortgezogen hatten und in Puder und Schminke gleichsam neu erstrahlten (Lippenrot und Na ge Hack wichen nur um den Hauch einer Träne im Farbton vuiieinaiuler ab), schrieb jener Dritte folgende Auf/eiehmmgcii in sein Tagebuch: ״Wenn man auswandcrt, muß man vergessen, daß es außer!lern 1 Rute und Morgen noch ein Gestern gegeben bat, .Man muß nicht auf Menschen warten und die Hilfe von Yemprecii;!;:gen, die einen zum Bettler machen, sobald man daran glaubt. Man muß wissen, daß man in alle Zukunft der Fremde, der ,Limiiingii•!..:־ ist, den allein die eigene Leistung, der eigene Stolz 11:ki — ein Lach ein, wenn auch unter Tränen, erlösen kann. Man muß die Weltgeschichte gründlich studieren. .Man muß die Geschichten des Alten Testamentes lesen, ganz langsam und mit allem Bedacht, und den Herzensschrei der Propheten muß man in sich selbst zum Echo werden lassen. Man muß arbeiten, arbeiten, arbeiten. Es gibt keine Schande und keine Erniedrigung vor Menschen. Armut ist ein Auftrag, der aus dem Dunkel zum Licht führt. Solange noch Sonne und Sterne am Himmel stehen, solange Buch und Kunstwerk noch nicht zu Staub verfallen, solange das Herz des geliebten Menschen nicht auf• hört zu schlagen, ist der Weg noch erleuchtet,“ lieber das Schicksal jener drei Auswanderer ist weiter nichts bekannt. Vermutlich sind sie in den verschiedenen Bestimmungsortett fahrplanmäßig gelandet. Es waren nicht die ersten und nicht die letzten, die fortgewandert sind. Und ihr Schicksal war auch nicht außergewöhnlich, vielmehr allgemein. Weil cs allgemein ist, wurde davon erzählt. Denn Auswanderung ist nicht der Weg eines Einzelnen. Es ist der Aufbruch eines Volkes, das heute und gestern und morgen gerufen wird in die Unendlichkeit, in das Niemehr- Zurück, in das ewige Weiter, darin allein ein Name die Heimat ist. IJffek A. Havtbiodt, Berlin C2, Königstt.iö I Uhren / Gold• u. Silberwaren | Im Kriegsg ebiet des F ernen O stens Die große Wanderung der letzten vier Jahre hat Juden aus Deutschland in die gante Welt gebracht, auch nach Ostasien. Diese Juden sind fetzt Zeugen der gewaltigen Kriegsereignisse in diesem Gebiet. Wir bringen nachstehend zwei Briefe, von denen der eine aus dem unmittelbaren Kricgsgebict stammt, der andere aus dem japanischen Hinterland (Dairen, ehemals russisch, liegt auf dem asiatischen Kontinent■ bei Port Arthur). Die Briefe sind naturgemäß schon vor einiger Zeit geschrieben, geben aber ein anschauliches Bild von den Erlebnissen von Juden ans Deutschland in dem Gebiet. (Red.) Im umkämpften Schanghai S c 11 a n g h a i, den 4. Oktober .... während ich schreibe, werden draußen, 200—300 m weiter, von den japanischen Bombern die Gebiete jenseits des Flusses unter entsprechendem Getöse mit schweren Brocken belegt. Manchmal auch, besonders nachts kommen die cltinesisehen 'planes (Flugzeuge), daran erkennbar, daß dann sofort die japanischen Abwehrgeschütze zu bellen antangen. Das ist für die Zivilbevölkerung am gefährlichsten wegen der herabfallenden Schrapncllsp'iitcr, abgesehen von den drei Bombenabvviirfcn innerhalb des Settlements, bei dem immer Hunderte, auch Fremde darunter, eines grausigen Todes starben. Die Yu Ya Shing und die Nanking Roa<l, vielleicht die belebtesten Straßen der Welt, boten danach ein Bild wahrsten Ent- Setzens dar. Aber wir haben uns daran gewöhnt, und während vier bis fünf Straßen weiter erbittert gekämpft wird, geht das Leben im anderen Teil des Settlements ruhig weiter. Ein grotesker Zustand, der nirgends auf der Welt sonst möglich wäre, wird hier durch die Komplizierten internationalen vcrwaltungsverhültnisse geschaffen: Man kann hier in den oberen Etagen eines Hochhauses sitzen und friedlich Bridge spielen oder aut einem Dachgarten tanzen und sich dabei den ganzen Krieg in nächster Nähe mit Bombenabwürfen, Geschieße und allem, was dazu gehört, genau ansehen. Nachts bietet der Horizont lichterloh brennender Gebäude einen phantastischen Anblick. Aber das Leben hat sich doch von Grund auf verändert. Wenn die Bomben und Granaten selten treffen, weil glücklicherwcisc beide Kontrahenten noch nicht auf dem letzten Stand europäischer Kriegsführung angelangt sind, für unsere Existenzen sind es Volltreffer. Jeder leidet wirtschaftlich zum Teil bis zur Existenzveriiichlung; und das ist deshalb schon jammerschade, weil Schanghai vor dem Disaster eine kurze Periode der Prosperity durchmaclite. Das hatte für die jüdisehen Aerzte aus Deutschland zur Folge, daß die ״Brocken von des reichen Mannes Tisch“, von den andern Aerzten, reichlicher ausfielen. Mehr war es nie in Shanghai, wo die Praxis nur de jure frei, de facto aber völlig national gebunden ist» wobei wir als einzige keine Kolonie hinter uns haben (die Juden sind keine).... Einigen ging es schon ganz gut. Das hat sich jetzt gelegt. Wir haben alle einen hohen Prozentsatz unserer Praxen eingebüßt. 7(1 bis 80 0״ aller fremden Frauen und Kinder sind von ihren Konsultanten nach Hongkong und Manila evakuiert worden. Geld ist schwer einzukriegen. Einstweilen müssen wir abwarten, was die Zukunft uns bringen wird, da die Verhältnisse ganz unübersehbar sind. Jeder schränkt sich ein. Die hier vorhandenen jüdischen Aerzte aus Deutschland haben fast alle eine Existenz, die sie mehr oder weniger gut ernährte, nach und nach bekommen. Dreien oder vieren ist es gelungen, sieh etwas darüber hinaus zu erheben. Allen geht es schlechter, als sie meistens in ihren Briefen angeben• Ein Vergleich mit anderen Aerztegruppen, außer den russisehen, konnte nie angestellt werden. Sicher ist, daß für die nächsten Jahre ein neuer Arzt, gleich welcher Art, hier keine Chancen haben wird.... Ausblicke Dairen (Japan), 1. November Schanghai vor dem Konflikt Der Unterschied zwischen der Auswanderung nach dem Fernen Osten und last allen anderen Ländern besteht liauptsächlich darin, daß man nicht mit der eigentlichen Bevöikerung in Berührung kommt, sondern als Fremder unter Frem• den lebt. Es kommt also ein Anpassen an die Sitter! und Geiräuche des Landes weniger in Frage, sondern man bleibt immer ein Fremder, der zwar die Lebensweise der ihn umgehenden Menschen recht bald versteht, sich aber auf Grund der ganz anderen Kultur, in der er steht, nicht einfiigen kann. Für den ganzen Osten kommen selbstverständlich mir sehr wenige Berufe in Frage. Die zwei Berufsgruppen, die für den überwiegenden Teil der Auswanderungsländer im Vordergnind stehen, also Handwerk und Landwirtschaft, fallen hier anz weg. Somit bleiben also in großen Zügen gesehen die kademiker und Kaufleute übrig. Um es gleich vorweg zu sagen, ich kann mir kein Urteil bilden über die Möglichkeit selbständiger Kaufleute hier, glaube aber, nach den neuester! Vorfällen annehmen zu können, daß für China keinerlei Aussichten mehr vorhanden sind. So gut es mir möglich ist, will ich auf die Frage der kaufmännischen Angestellten eingehen. Eine Anstellung als Verkäufer ist fast ganz ausgeschlossen, es bleibt also nur die Bürotätigkeit übrig. Nicht jeder, der in Deutschland im Büro arbeitete, ist dazu aiicli im Osten, und besonders in Shanghai, fähig, was man auch daran sieht, daß die Hamburger Exportfirmen nur besonders geeignete Kräfte nach ihren Shanghaier Häusern entsenden. Ein Kaufmännischer Angestellter in Shanghai muß außer seiner Landessprache mindestens noch zwei weitere Sprachen beherrsehen, deutsche und englische Kurzschrift, perfekt Schreibmaschine, wenn möglich deutsche und amerikanische Buchhaltung usw. Selbständiges Arbeiten, zielbewußter und unbeeinfhißbarer Charakter sind die Grundlagen. Während im Jahre 1936 eine starke Krise in Schanghai zu verzeichnen war, fing das Jahr 1937 günstig an und war die Zahl der arbeitsloser! Ausländer kurz vor Ausbruch der Unruhen auf mir י ä ״ö festgestellt worden. Für Shanghai ist dieses eine besonders günstige Zahl, da Tausende von emigrierten Russen den an sie gestellten Anforderungen durchaus niclif entsprachen, trotzdem aber Stellungen erhielten. Zu »01eben Zeiten ist es natürlich möglich, daß einige junge Menschen in Shanghai eine Anstellung im Büro erhalten, wobei es aber nur auf günstige Verbindungen ankommt. Eine Au sw anderung nach dem Fernen Osten ohne Verbin־ düngen nach dort ist auf jeden Fall abzuraten. Es gehören zu einer Uebersiedlung mindestens solche Verbindurigen, die eine Unterkunft mit voller Verpflegung für einige Monate kostenlos garantieren. Einer Auswanderung junger alleinstehender Damen nach dem Osten überhaupt ist nicht nur abzurafen, sondern sogar entgegenzutreten, außer wenn diese natürlich die richtigen Verbindungen oder Familienanschluß nachweisen können. Schanghai weist eine ungeheure Anzahl von Vergniigtingsstatten ■und Klubs auf, was das Leben dort sehr verteuert und außerdem für junge Menschen ein starker Gefahrenherd ist, Fast alle jungen Menschen leben für sich, ohne Familien, wodurch es kommt, daß sie in diesen Strudel des Vergnügungslebens hincingerissen werden. An geistigen Besehäftigungen, Vorträgen und Arbeitsgemeinschaften, wie sie besonders im den letzten Jahren von fast allen j ü d is cli en j u g en dl i c h en in Deutschland besucht wurden, fehlt es liier sehr; cs ist fast kein Interesse vorhanden. Der nacli hier kommende junge Mensch muß also verstehen, sich allein zu beschäftigen, sich weiterzubilden, Sprachen zu lernen, denn er wird in den meisten Fällen vollkommen auf sich selbst angewiesen sein. Das Leben, soweit es Wohnung und Verpflegung an• betrifft, ist relativ billig. Für ein gutes Boardinghouse zahlt man etwa KM) Schanghaie!־ Dollar (ca. 70 RM.), man kann aber teilweise noch viel billiger wohnen, indem man ein Zimmer außerhalb der französischen oder internationalen Kon- Zession nimmt. Alle weiteren Ausgaben sind im Verhältnis zu den Lebenshaltungskosten viel zu hoch, sogar das Kino, dessen Besuch mindestens 1 Dollar kostet. Die Gehälter der amerikanischen, englischen, deutschen und anderen Angestellten betragen alle mehr als 200 Dollar oder fangen damit an. Russische Angestellte hingegen erhalten vielfach mir Gehälter von 50 Dollar; eine Bezahlung von 80 Dollar ist für einen russischen Emigranten schon ein gutes Gehalt. Die augenblickliche Lage Der chinesisch-japanische Konflikt dauert fort, und es Ist nicht abzusehen, wann ein Ende eintreten wird. Nord- China, wo die ersten Kämpfe stattfanden, ist vollkommen ruhig und steht jetzt unter japanische! Verwaltung, was besonders die beiden großen Städte Tientsin und Peilung (Peking) betrifft. Das eigentliche China wird also ständig kleiner, denn es sind erst fünf Jahre her, daß Mandschukuo als selbständiger NI. M. WARBURG & CO. GE3RÜNDET 1797 HAMBURG EE R D I N AN D STR, 75 BERLINER BÜRO: TIER0ARTEN8TR, 2b Staat entstanden ist. Das Land Mandschukuo hat seit dieser Zeit einen Aufschwung genommen, der kaum mit der Erat- Wicklung anderer Staaten vergleichbar ist, Die Lage in Schanghai ist unübersichtlich. Siege auf beiden Seiten und Feiern über die Siege auf beiden Seiten. Die Lage für die dort lebenden Ausländer ist natürlich katastrophal. Da die ersten Unruhen in Schanghai im Sommer stattfanden, war ein großer Teil der Ausländer auf Iklaub außerhalb in Japan oder Mandschukuo und befindet sich zum Teil noch dort. Besonders die Frauen und Kinder sind noch nicht nach Schanghai zurückgekommen. Jahrzehnte wird es dauern, bis man das halb zerstörte Schanghai wieder atifbauen kann; die französische und internationale Zone ist stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Der Handel ist selbstverständlich tot, da keine Schiffe wegen der errichteten Blockade passieren können. Hunderte von Ausländern sind arbeitslos geworden. Besonders schwierig Ist die Lage für die russischen Emigranten (die vor dem Bolschewismus Geflohenen — A. d. R.), von denen etwa 30 ׳״) Juden sind. Während alle übrigen Nationen die Stadt verlassen konnten, und sich nach Japan, Mandschukuo oder in den englischen Hongkong-Hafen begeben haben, ist es für diese Emigranten in fast keinem Fall möglich, ein Visum zu erhalten, da sie keinen Paß vorweisen können. Und dl« Zukunft? In Schanghai sind durch die ungeheuren Zerstörungen die Aussichten für den Moment des Kriegsendes gesunken, denn viele Firmen werden zunächst ihre Büros eine Zeit lang schließen müssen, Außerdem aber wird auch ein Teil Ausländer, die bisher in Nordchina tätig waren, versuchen, nach Schanghai zu kommen, das besonders wegen seiner Größe den Anziehungspunkt bildet. Die Aussichten für neu hinzukommende Ausländer sind aber auch noch deswegen bcsojiders schlecht, da die Hilfsstellen, sowohl die jüdischen wie die allgemeinen, vollauf verausgabt sind und in keinem Fall einem Neuling Hilfe leisten können. Dasselbe wird auch die jüdischem Privatleute betreffen, deren Geschäfte oder W011nungen vielfach zerstört sind. Jüdisch»■ Leben in Dairen In Dairen leben etwa 250 Juden. Sie setzen sich aus etwa 2-10 Russen und den restlichen 10 polnischen oder lettischen Juden zusammen. Ich bin der einzige Jude aus Deutschland. Das religiöse Leben ist sehr verschieden von dem der Juden in Deutschland; viele glauben, sehr fromm zu sein, keiner aber lebt gemäß der Thora. Mit besonderen Kunstgriffen gelingt es dem Schocket, der auch gleichzeitig Chason und Schani nies ist, die zehn Leute zum Minjan zusammenzubringen. Die Gemeinde hat eine kleine Synagoge und außerdem ein sehr schönes und großes Klubhaus, während der Feiertage wurde im Klub gebetet und die Besucherzahl hatte sich aut 100 vergrößert. Die Kinder werden nach Charbiii oder Tientsin in die jüdischen Schulen geschickt, da es hier nur eine amerikanisclie Schule gibt. Im Klubhaus befindet sich eine sehr schöne Bibliothek, die sich aus russischen und englischen Büchern zusammensetzt. Der Klub selbst veranstaltet allwöchentliche Abende, kleine Aufführungen, Tanz und Unterhaltung. Alljährlich zu Chanukkah und Purim werden Bälle veranstaltet. Meine Anregung, für den diesjährigen C h a n u k k ah b a 11 ein palästincnsisclies Chanukkahspiel auf/ufiiliren, wurde mit der Bemerkung zurückgewiesen, daß das Publikum daran nicht genügend interessiert ist. Statt dessen versucht man, eine amerikanische Revue zu inszenieren. Der Hilfsverein der Juden ln Deutschland teilt mit! Am 23. November verstarb in Dresden Herr Max Estreicher, der dortige langjährige Vertrauensmann. Er hat sich um die Förderung der Angelegenheiten des Hilfsvereins große Verdienste erworben.