Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 93 (23.11.1937)
- Date
- 1937-11-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 93, 23. NOVEMBER 1937 Jüdische Jugend aus Deutschland siedelt Die Jüdische Rundschau“ wird in der nächsten Zeit in loser Folge über die Siedlungen von Juden aus Deutschland in Palästina berichten. Wir werden in dieser Serie sowohl die Arbeitersiedlungen als auch die Mittel- Standssiedlungen und sonstigen Formen berücksichtigen. Wir beginnen heute mit einer Darstellung des Kibbuz der Jüdischen Jugendorganisation ״Werkleute“. (Red.) Der Kibbuz ״Hasorea1'- Jokneam Der mächtige, schön geschwungene Rücken des Karinel zur Linken, die Hügel von Scheich Ahrek den Blick auf die Berge des Galil und die Hügelkette von Nazareth lenkend, die charakteristischen Konturen des Tabor und des Har Hamore, der blaue Schimmer der transjordanischen Berge zur Rechten, und all das als Umrahmung eines weiten und freien Blickes über das Emek von Beih Charoschet bis Afule —- — - - das ist die Landschaft des Kibbuz Hasorea-Joknearn, des ersten Kibbuz der ״W c r k I e ute“. Er liegt nahe der Moschawa (Kolonie) ' . Jokneam, unmittelbar flankiert von aen arabischen Dörfern Kiri und . Abu־S׳rek zwischen der Straße Haifa—Dschenin—Jerusalem und , den Abhängen des Berglandes von Ephrajim, etwa 22 km von Haifa entfernt. Der Kibbuz bestellt aus 120 Menschen (darunter bis jetzt 35 Familien), die ausnah nislos aus Deutschland stammen. Der größte Teil von ihnen kommt aus dem Jugendbund ״Werkleute“, während eine Reihe von Chawerim früher anderen Bünden oder nur den! Hechaluz angehörten und teils auf Hachscharah, teils im Land zu den ״Werkleuten“ stieß. Seine ersten Chaiverim kamen im Sommer 1933 ins Land und arbeiteten zunächst in zwei Gruppen in den Kibbuzim ״Mischmar Haemek“ und ״Ciivatli Chajim“, wo sie sich soviel Erfahrung aneigneten, daß sie sich im Frühjahr 1934 in Chedera zum Kern eines selbständigen Kibbuz Zusammenschlüßen konnten, der dann zwei Jahre hauptsächlich von Lohnarbeit in der Orangenwirtschaft existierte. Inzwischen gelang es dein Keren Kajcmeth auf Grund der Ergebnisse einer Sammelaktion unter Eltern und Verwandten der ״Werkleute“, in Jokneam einen Bodenkomplex von 3200 Dunain zu erwerben, der für die Ansiedlung des Kibbuz ״Hasorea“ bestimmt wurde. *Anfänge und Unruhen Im Dezember 1935 kam die erste Gruppe des Kibbuz nach Jokneam, der kurz darauf die ersten Siedler der Moschawa folgten. Da ein großer Teil der Jokneam-Böden noch von arabischen Pächtern besetzt war, mußte die Gruppe über vier Monate in einem abgelegenen arabischen ״Chan“ in den Bergen oberhalb Jokneams hausen und beteiligte sich vor allein an den Aufschließungsarbeiten und Obstbaumpflanzungen für die Moschawa. Erst im April 1936 gelang es, auf dem Boden des Keren Kajemeth, der für Jokneam bestimmt ist, außer den bisher bearbeiteten verstreuten Getreideflächen einen schmalen Streifen von knapp 15 Dunam zwischen Straße und Steilhang für ein provisorisches Zeltlager und einige Blechbaracken freizumachen. Vier Tage nach dem Umzug brachen die Unruhen aus. Sie trafen den Kibbuz infolge nicht sehr günstiger strategischer Lage, der Schwierigkeit halbwegs zureichender Sichcrheits- Vorkehrungen auf dem winzigen Gelände, der Behinderung der wirtschaftlichen Weiterentwicklung und der um ein halbes Jahr verzögerten Wiedervereinigung mit der noch in Chederah verbliebenen Gruppe, in wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht besonders fühlbar. Wacht und umfangreiche Befestigungsanlagen nach dem ersten arabischen Angriff brachten hohe Geldausgaben, die durch die anor• malen Verhältnisse des provisorischen Lagers zwar durchaus notwendig, aber darum im wirtschaftlichen Sinn doch nicht produktiv waren. Sämtliche Chawerim mußten dann ihre Zelte räumen und so wohnten 80 Menschen etwa ein Vierteljahr zwischen den Maschinen der Schreinerei, da das der einzigö sichere Raum war. Durch die Besetzung einer weiteren Fläche von ca. 50 Dunam neben dem Zeltlager sollte eine wenn auch wiederum provisorische Lager• er Weiterung ermöglicht werden, die den notwendigen Sicherheitsausprüchen für 120 Menschen genügte und wenigstens den bescheidenen Beginn einer Eigenwirtschaft erlaubte. Diese Besetzung — Einzäunen, Pflügen, Aufstellen von Zelten und zweier vorher vorbereiteter Baracken — vollzog sich im Verlauf einer Nacht, und im Morgengrauen war die neue Tatsache glücklich vollzogen. Auf diesem Gelände, das einen Teil der für den endgültigen Siedlungspunkt vorgescheuen Fläche darstellt, konnten nun Wohnbarackcn, ein geräumiger Eßsaal — mit Küche aus Beton —, ein Beim Pi lügen. Im Hintergrund die Moschawah( Bauernkolonie) Jokneam mit Karmel Wachtturm aus Beton schuppen errichtet werden. und verschiedene Wirtschafts• Die Wirtschaft Wenn diese Lagererweiterung den Kibbuz auch aus einer schwierigen Situation befreite, so ist seine Wirtschaft• liehe Entwicklung durch die Boden- und Wasser• frage noch immer sehr wesentlich gehemmt. Denn von dem für den Kibbuz bestimmten Boden (davon ca. 2000 Dunam im Emek, der Rest Hügelland, das nur für Aufforstung und als Weideland verwendet werden kann) ist bis heute noch weniger als die Hälfte freigemacht und auch dieser Teil besteht aus verstreuten größeren oder kleineren Parzellen, was naturgemäß die Rationalität der Bearbeitung stark mindert. Freimachung des Geländes für den Siedlungspunkt, Konzentrierung der landwirtschaftlichen Flächen, sowie eigene Wasserbohrung sind die notwendigen Voraussetzungen für eine weitere gesunde Ent- Wicklung. Aus diesen Gründen befindet sich die Eigenwirtschaft von Hasorea noch in einem Anfangsstadium. Relativ am weitesten entwickelt sind die Getreidewirtschaft, die auch über einen ziemlich vollständigen Maschinenpark verfügt und bisher sehr befriedigende Weizenernten erzielte, sowie die Schaf- und Ziegenzucht. An handwerklichen Betrieben gibt es eine Schlosserei und Installation und eine sehr gut ausgerüstete mechanische Schreinerei, die hauptsächlich für Außenauftrage auf dem Gebiet der Möbelschreinerei und Bautischlerei arbeitet. Naturgemäß ist der Kibbuz bei diesem Stand seiner wirtschaftlichen Entwicklung noch stark auf Außenarbeit angewiesen, aber der Arbeitsmarkt in Jokneam ist, von cinigen Saisonarbeiten abgesehen, relativ noch so eng, daß der Kibbuz vorläufig fast ständig Arbeitsgruppen nach außerhalb entsendet. So arbeitet jeden Winter eine starke Gruppe im Haifaer Hafen. Außerdem waren Chawerim und Chawcroth bei der Orangenernte in Benjamina und Chedera, sowie beim Bau der neuen Straße Nahalal—Afule beteiligt. Menschliche Wandlungen Eine sehr große Zahl noch ״U m s eni ch 11 er' sich zu jenem Typ des sogenannten mittleren Kibbuz mit begrenzter Mensehenzahl (man denkt an bis zu 150), dem die gesellschaftliche Durchgliederung und kulturelle Wachheit seiner Chawerim nicht weniger am Herzen liegt als der wirtschaftliche Aufbau. Freilich hat sich an den alter! Gemeinschaftsvorstellungen, die die ״Werklcutc" aus ihrer bündischen Tradition niitbrachten, manches gewandelt. Die Härte des tagläßlichen Zusammenlebens aut engem Raum gab in den zwischenmenschlichen Beziehungen ganz andere Fragen auf, als die freudige Gespanntheit und Aufgeschlossenheit, mit der früher ein junger Mensch, der nüchternen Alltagssphüre entronnen, iin hündischen Umkreis seinem Chawer entgegenzutreten vermochte. Aber trotz mancher Krisen und Enttäuschungen und trotzdem im einzelnen unendlich viel noch zu tun bleibt, hat sich im gesellschaftlichen Leben des Kibbuz doch eine Grundeinstellung herauskristallisiert, die sich bisher an allen wesentlichen Fragen bewährt hat: die Vorstellung vom Einzelnen als der Zelle jeder wirklichen Gesellschaft. Kulturelle Aibelt In normalen Zeiten ist das kulturelle Leben des Kibbuz sehr rege. Abgesehen von aktuellen Themen und den grundsätzlichen Fragen der Bewegung, zu deren Besprcchurtg häufig Gäste eingeladen werden, finden vor allem im Winter Kurse und Arbeitsgemeinschaften aus dem Bereich der jüdischen und allgemeinen Bildung statt. Neben zahlreichen I lebraischkursen gibt es auch zwei gut besuchte arabische für Anfänger und Fortgeschrittene. — Grundsätzliche Probleme der Kmderer/iehmig werden in wachsendem Malle Gegenstand der gemeinsamen Befassung (drei Kinder sind geboren und weitere erhebliche ״innere Alijah“ ist auf dem Weg!). Wichtige Fragen werden in der urigefähr zweimonatlich erscheinenden Kibbuz-Zeitung benoch ein besonderes ״Wochen- •'ragen und Mitteilungen gilt. 11 - und Sc h a bbatgestai- Is als Ganzes, teils in kleineren läge und Mißerfolge immer wieder aufs Neue. Die Gestaltung einzelner Feste aus der Synthese von wesentlichen Elementen ihres geschichtlichen Werdens und dem gegenwärtigen!.eben und Erleben gelang zwar, aber noch für keines wurde eine wirklich dauerhafte Form gefunden. Man merkte gerade an dieser Stelle, daß hier mit viel längeren Entwicklungen gerechnet werden muß, als man es früher glaubte, daß es aber entscheidend wichtig ist, trotzdem die Frage nach der neuen, erfullteren Gestaltung durch immer neue Versuche wachzuhalten. — Die Musik spielt im Kibbuz eine wichtige Rolle, vor allem hat sich der Chor schon mit Erfolg an größere Aufgaben, wie etwa wesentliche Teile aus Handels ״Judas Makkabäus“ herangewagt. Das neu errichtete Chadar Uchel (Speisesaal) gibt einen günstigen Rahmen für Veranstaltungen (so hat die Schauspielerin Rowirra dort schon einen Rezitationsabend gegeben) und cs ist in kurzer Zeit zu einer Art kulturellem Anziehungspunkt für die ganze Umgebung geworden, ebenso wie die ausgezeichnete Bibliothek von über 2000 Bänden. Das Problem der IT ehraisierung ist zwar noch keineswegs befriedigend gelöst (die Ansprüche des Kibbuz an sich selbst sind in diesem Punkt glücklicherweise hoch!), sprechen, daneben gibt es blatt", das wirt:,׳!' .׳!;;lieben I Mit der Frage der F e : tung ringt der Kibbuz teil Kreisen, trotz vieler Rückseh Traktorenparade beim Schluß der Getreideernte von Chawerim aus Hasorea sind aus akademischen und kaufmännischen Berufen und haben außerhalb Palästinas nur eine mehr oder minder unsystematische Ausbildung (Hachscharah) durchgemacht. Trotzdem läßt sich sagen, daß die Verwurzel ung in der körperliehen Arbeit und im Arbeiterlebcn weit vorgeschritten ist und fast alle Menschen stark geprägt hat. Dieser Umschmelzungsprozeß ist ja mit dem Wachsen der Hornhaut an den Handflächen keineswegs zu Ende, sondern greift viel tiefer. Erst aus einiger Distanz spürt man, um wieviel stärker die meisten Menschen auch innerlieh auf eigenen Füßen stehen, um wieviel geruhiger sie geworden sind und wirklichkeitsgebundener in ihrer Beziehung zum Geistigen. Das ist eine gerade in unserer jüdischen Situation wichtige Kompensation dafür, daß manches Talent auf geistigem oder intellektuellem Gebiet im Kibbuz vielleicht nicht seine vollste Auswirkung findet Aber auch jetzt leben die Chawerim nicht vom Brot und von der Arbeit allein — so sehr diese ihnen auch Existenzgrundlage ge- Feie•: WerkHut«.Archi» worden ist — und ״Hasorea“ zahlt Vssischhin besucht den Kibbuz aber es wird intensiv in allen Schichten gelernt; für die Fortgeschrittenen gibt es eine Arbeitsgemeinschaft über moderne hebräische Literatur. Wenn auch noch viele Privatgespräche in deutsch geführt werden, die hebräische Umgangssprache der meisten noch arm ist und nur Verhältnismäßig wenige begonnen halten, in ihrer Ausdrucksweise aus dem Reichtum der Sprache zu schöpfen, so kann man doch sagen, daß zumindest die offizielle Atmosphäre des Kibbuz hebraisiert ist. Stellung im Lande Die Eingliederung eines Kibbuz, dessen sämtliche Mensehen aus Deutschland kommen, in das Leben des Landes, gibt aber auch außer der Sprache noch mancherlei Fragen auf. Nicht gemeint sind hier Vertrautheit mit der Landschaft, wirkliches Heimatgefühl, sic sind längst kein Problem mehr, aber die aktive Teilnahme am pulsierenden Leben des Landes und innerhalb der üesainthewegung — das empfinden viele Chawerim des Kibbuz ״Hasorea“ als ein noch nicht restlos befriedigend gelöstes Problem. Zwar ist auch auf diesem Gebiet manches geschehen. So hat sich der Kibbuz an der kulturellen Arbeit unter den Einwanäerem aus Deutschland beteiligt und das Arbeitsamt Jokneam gegründet und in der ersten Zeit allein verwaltet. Außerdem sind wichtige Kräfte des Kibbuz in der Betreuung der Jugend- Alijah-Gruppen der ״Werkleute" im Land und durch die Verbindung mit der Bewegung in Deutschland gebunden — für einen jungen noch ganz im Aufbau begriffenen Kibbuz keine kleine Aufgabe! Wenn trotz alledem noch ein Stück Mangel an organischer Verbundenheit mit der Umwelt des Landes empfunden Wird, so hängt das vielleicht damit zusammen, daß die beiden Kibbuzim der ״Werklcute“ — ohne in der Seihständigkeit einen Eigenwert zu sehen — sich bisher keinem der großer kibbuzischen Verbände angeschlossen haben. (Selbstverständlich gehören sie dem Rahmenverband, der .,Brith Hatenua Hakibbuzith“ an.) Sie kamen als Bewegung ja neu ins Land, konnten sich in dieser Hinsicht auf keine Tradition stützen und die Entscheidung ist durch die Verquickung_ von kibbuzischen mit anderen Gesichtspunkten kem- . Tatsache seiner Existenz und über theoretische Befassung hinaus an den praktischen Aufgaben und Lebensfragen der Gesamtbewegung mitzugestalten. Rudi Baer