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Jüdische Rundschau · 1937-11-23 · Heft 93 (23.11.1937) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 93 (23.11.1937)
Date
1937-11-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr 93, 23 Xi 193? JOrmCHF RUNDSCHAU Seite 3 Die jüdische Emigration in Belgien Von unserem Berichterstatter Im Rahmen unserer ständigen Berichte über die Lage der jüdischen Auswanderer aus Deutschland in den verschiedenen Ländern und über die Möglichkeiten in sulchen Ländern, die noch ah Wanderungszidc in Betracht kommen, verüffentliehen wir heute einen Bericht über Belgien. (Red.) B r ii s s c 1, im November Die Juden aus Deutschland, die in den letzten Jahren in Belgien eingewandert sind, befinden sich zwischen den übrien jüdischen Bevölkerungsgruppen in einer eigentümlichen age. Auf der einen Seite eine ziemlich dünne Schicht seit menreren Generationen ansässiger, stark assimilierter Juden, vornehmlich in Brüssel, Sie gehören vielfach der Hochfinanz, vereinzelt auch der Großindustrie an und sind nicht selten mit alten belgischen Familien verschwägert. — Beim Einsetzen der Emigration haben sic finanziell und orgamsatorisch den Emigranten weitgehend geholfen und sich an dem belgischen Hilfswerk beteiligt, im übrigen aber ihrer Herkunft aus Deutschland wegen den cinwandcrndcn Juden gegenüber eine starke Zurückhaltung bewahrt. Es gibt bei ihnen eine Empfindlichkeit und Unsicherheit, wenn es sich um jüdische Menschen und Dinge handelt. Anders als in Holland mit seiner jahrhundertealten jüdischen Tradition ist die Oemeinschaftsbildung in Belgien zu oft unterbrochen worden. Ein paar Generationen genügen eben nicht, um ein Gemeinschaftsgefühl hervorzubringen, das sich andern Juden gegenüber in selbstverständlicher Weise zu äußern vermag. Dieser Gruppe gegenüber steht die kompakte Masse der ostjüdischen Bevölkerung, die zum Teil vor, in der Hauptsache aber erst nach dem Kriege aus Polen eingewandert ist. ln Brüssel besteht sie vorwiegend aus kleinen Handwerkern und Händlern, die sich über die große Stadt verteilen, aber doch manchem Viertel sein Gepräge geben. Sie sind besonders stark vertreten in der Lederverarbeitung, der Strick- und Wolhvarenbranche und der Schneiderei. Der Kreis der Vermögenden ist klein, ln Antwerpen, dem jüdischen Zentrum, ist das Leben der Juden ganz offensichtlich um die Gegend des Hauptbahnhofes konzentriert. Hier gibt es, im Gegensatz zu Brüssel, eine breite, wohlhabende, ostjüdische Schicht, die Diamantaire, die einen wirtschaftlichen Faktor ersten Ranges bilden. Schwierigkeit geistiger Einordnung Die Ostjuden haben die Einwanderer aus Deutschland besonders herzlich aufgenommen und große Opfer für sie gebracht. Trotzdem ist es im Laufe der Zeit zu keinem engeren Zusammenschluß gekommen. Ein wichtiges Hindernis ist zunächst die Sprache. Die Landessprache, französisch oder flämisch, kann unter Emigranten verschiedener Herkunft nicht sofort ein allgemeines Verständigungsmittel bilden. Und wenn fast durchweg Vorträge und Diskussionen in Jiddisch stattfinden, so sind damit die Juden aus Deutschland, denen das Verständnis von Jiddisch oft erhebliche Schwierigkeiten bereitet, von der Teilnahme an dem sehr intensiven jüdischen Leben praktisch ausgeschlossen. Entscheidend ist aber die verschiedene Mentalität. Die Juden aus Deutschland kommen meist aus einem völlig assimilierten Milieu. Der Großteil der Ostjuden hat sich dagegen sein eigentümliches Leben erhalten. So wird» wenigstens in Antwerpen, der Schabbat überwiegend gehalten, viele Ge- Schäfte sind geschlossen, aber auch in Brüssel zeigt sich ganz deutlich der geschlossene Charakter der ostjüdischen Kolonie. geringen Zahl und dem Bestreben der Behörden, die Schwachen abzudrängen, haben eine Reihe von Umständen da zu heigetragen. Von vornherein sind zahlreiche sehr wohlhabende Familien nach B'lgleu gekommen, auf der anderen Seite waren die Vertreter der geistigen Berufe. Schriftsteller, Rechtsanwalte usw., deren Umstellung und wirtschaftliche Einordnung besondere Schwierigkeiten macht, nur spärlich vertreten. Der jüdische Mittelstand, der hierher ging, verfugte in der Regel über die Mittel zum Aufbau einer neu.'n Existenz, und selbst weniger Begüterte hatten infolge der niedrigen Valuta und der Möglichkeit, billig zu leben, eine Längere Anlaufszeit als in anderen Ländern. Hierzu kamen die engen wirtschaftlichen Beziehungen zumal des Rhein'andes zu Belgien. Oft brauchte nur das gleiche Geschäft auf belgischem Boden weitergeführt zu werden. Gewiß bleibt der Existenzkampf auch unter diesen giinstigen Verhältnissen immer noch für viele hart genug. Das belgische Hilfskomitee und die Hitlag, die Hilfsorganisation, die die Emigranten sich selbst schaffen konnten, müssen einer ganzen Reihe Familien Unterstützung gewähren. Man schätzt die Zahl der Hilfsbedürftigen auf etwa 1!) "» der Ciesamtzalil der Emigranten, also auf etwa 300 Köpfe. Aber auch ihre Lage läßt sich mit der Not, wie sic wenigstens zeitweilig ganze Gruppen von Auswanderern in anderen Ländern betroffen hat, nicht vergleichen. Trotz der relativ gesicherten Lage machen sich Reizbarkeit, Unsicherheit und Empfindlichkeit, wie sie so oft unter Emigranten hervortreten und das Zusammenleben erschweren, auch hier manchesmal bemerkbar. Die Fragen des Aufenthaltsrechts, die nicht restlos gelöst sind, haben Einfluß auf diese Stimmung, auch wo sie praktisch keine einschneidenden Wirkungen haben. Waa lesen die Emigranten? Die geistige Verfassung der Emigranten spiegelt sich sehr deutlich in ihrer Lektüre wider. Persönliche Beobachtung und Nachfrage bei einer Leihbibliothek, die von vielen Juden aus Deutschland benutzt wird, ergaben, daß entgegen einer vielfach verbreiteten Annahme politische oder auch nur geschichtliche Lektüre, ja nicht einmal der Geschichtsroman eine erhebliche Rolle spielt. Das Bedürfnis, im Gleichnis der Geschichte sich das eigene Erleben deutlich zu machen, ist nicht eben häufig. Mehr oder minder leichte Roniane und nicht zuletzt Kriminalgeschichten dienen der Ent- Spannung, der Flucht aus der Wirklichkeit. Sehr stark ist die Nachfrage nach populärwissenschaftlicher Literatur, nach naturwissenschaftlichrn, medizinischen und technischen Schriften. Man sicht: die Politik ist unpolitischen Menschen, die gewöhnt waren, in erster Linie ihr persönliches Leben als ,,das“ Leben anzusehen, zum Schicksal geworden. Nun rcagieren sie meist nicht, indem sie Anschluß an die Gemein- Schaft suchen, indem sie sich der Beziehung zu ihr, die sie in der Umgestaltung ihres Daseins doch deutlich genug erfahren haben, bewußt werden, sondern sie versuchen das alte Lebert, und sei es auch nur in der Welt des Buches, weiterzuführen. So erklärt sich auch, daß die jiddisehe Literatur in deutscher Uchersetzung ihre Leser in der kleinen orthodoxen Gemeinde findet, die sich hier zusammen* gefunden hat. In dieser Einstellung liegt auch das Hindernis, das bei den Versuchen der Juden aus Deutschland, sich zusammenschließen, hemmend gewirkt hat. Bemühungen in dieser Richtung erfolgten von Anfang an, und sie sind aus mehr als einem Gesichtspunkt interessant. Organisations-versuche Die erste V c r e i n i g u n g hatte einen stark geselligen Charakter. Man katn zusammen, hörte Vorträge, schuf Beratungsstcllen; jüdischer Inhalt trat zurück. Gerade infolge des Mangels einer beherrschenden Idee konnte dieser ״neutrale“ Verein trotz großer Mühe und Aufopferung seiner Leitung sich nicht!aalten und zerfiel. Bei dem zweiten Versuch waren die weniger! Zionisten aus Deutschland in Brüssel maßgeblich beteiligt. Der neue Verein, die Arbeitsgemeinschaft der Juden aus Deutschland, stellte sieh ausdrücklich die Pflege jüdischen Lebens zur Aufgabe, die Mitarbeit am Palästinawerk sollte einen hervorragenden Platz einnehmen. So hoffte man, einen erlieblichen Teil der jüdischen Emigranten zu einer zionistisch eingestellten (Triuinsehait zusammeiiztiscliließen. Die ersten Vcrsamr'ungcii waren von mehreren hundert Menschen bc* sucht, vor denen der Präsident der Zionistischen Organisation, der Delegierte des Keren Hajessod usw. sprechen konnten. Es zeigte sieh aber bald, daß die Mehrzahl wohl Palästinafreundlich cingcstell• war, daß aber als aktive Zionisten nur wenige zu gewinnen waren. Die Vortragsthenien erhielten einen allgemeineren Charakter und es bestand keine Aussicht, eine klare 11a:ionalüidische Linie durclizusefzen. Den weitaus stärksten!!.׳such hatte der Verein bei einer Diskussioti über Fragen des AufenthaMsrechts. Die Mehrzahl der Zionisten zog sich mit der Zeit aus dein Vorstand zu rück. Wie aber nun einmal die Verhältnisse liegen, bleibt dem Verein, der 1111'er l.rihmg von 11ugo Marx, der auch literarisch mehrfach b״r\ or״. treten ist, steht, ein erhebliches Verdienst, ln ihm bleiben die Juden aus Deutschland als Juden znsammeng׳.;chlossrn, die Tribüne des Vereins steht zionistischen Rednern frei und in Anlehnung an ihn hat Dr. Marx die Hilfsorganisation ״H i d a g“ geschaffen. Unterstützun־״ In keinem Lande, auch nicht in Holland, waren die Emigranten i!1 der l.a׳u\ sc'hst ihren notleidenden Brüdern zu helfen. Auch in Belgien hat bis zum Frühjahr 1937 ein belgisches Komitee allein die I liifsaktion durehgefuhrt. Afacr nur in einer geringeren Anzahl von lallen konnte cs den im Lande verbleibenden Juden aus I)eiitscliland helfen. Seine wesentliche Aufgabe, die es mit Hilfe der Hicem und in Uobereinstimiiiiing mit dm Grunds,;1t/׳m der Sürete publique löste, war die Forderung der W e i t e r w a n d e - run er. So wurde 1033 3b öl Familien, 10'}'! 3“ 72 Familien zur Weitcrwanderiing verholten, darunter 23׳ Familien nach Palästina. Die Hidag unterstützt nun mit Beiträgen, die sie lediglich aus dem Kreise der begüterten Emigranten erhält, Notleidende, die hier verbleiben. Sie hat in der kurzen Zeit ihres Bestehens eine rege Tätigkeit entfaltet, vcrschiedenen Familien über Zeiten der Krankheit hinweggeholfen, Darlehen und Kredite zum Aufbau neuer Existenzen beschafft, Kinder zur Erholung verschickt usw. Eine umfangreiche Beratungstätigkeit juristischer und wirtschaftlicher Natur kommt hinzu. Eine solche Institution hat Bedeutung weit über die unmittelbare Hilfe hinaus, die sic gewährt. Dr. Paul Reiwald Jüdisches Leben in Frankreich Von unserem Berichterstatter So stehen die Juden aus Deutschland im wesentlichen für sich allein. In Holland konnte großzügig und erfolgreich der Versuch unternommen werden, die Einwanderer aus Deutschland mit dein jüdischen Leben des Landes zu verschmelzen, bekannte Männer wurden sogar eigens mit dieser Aufgabe betraut. In Belgien fehlen dafür die Voraussetzungen. Man schätzt die Zahl der Emigranten auf etwa 3000, während die übrige jüdische Bevölkerung 80000 Köpfe betragen dürfte. Eine Masseneinwanderung kam ja für das kleine Land niemals in Frage, zumal 1933 und noch 1934 Belgien durch die Wirtschaftskrise sehr schwer betroffen wurde. Etwa 2/3 der Emigranten, vor allem aus dem Rheinland gebürtig, hat sich in Brüssel niedergelassen, der Rest, darunter Hamburger Exporteure und Schiffsmakler, in Antwerpen, wohin sie die verwandten Verhältnisse lockten. Nur sehr wenige gingen in die Provinz. Das alte Gesetz, jüdischer Wanderung: Zuzug in die Hauptstädte und Meidling der Provinz, selbst wenn ■sichdort günstige Existenzmöglichkeiten bieten, gibt auch der Einwanderung nach Belgien ihr Gepräge. Rechts• und wirtschaftliche Lage Die Sürete publique, die über das Aufenthaltsrecht entscheidet, hat auf Grund der Bestimmungen des Justizministeriums eine ffgcntümlich elastische und dabei sehr bestimmte Fremdenpolitik gegenüber den jüdischen Einwanderern betrieben. Belgien hat sich nicht mit überscharfen Bestimmun־ gen gegen die Einwanderer abgericgelt wie die Schweiz, die Behörden haben nicht immer gleich die äußersten Maßnahmen ergriffen, wenn ein Emigrant die Zeit des ihm gewährten Aufenfhalts überschritten hatte. So manches fcuille de route, d. 11. der gefürchtete Ausweisungsbefehl, ist oft genug aufgehoben, manche schon zurückgezogene Aufenthaltserlaubnis Wieder verlängert worden. Aber die Sürete hat durch die oft nur kurz beschränkten Fristverlängerungen einen ständigen Druck auf die wirtschaftlich schwachen Elemente ausgeübt, so daß sie von sich aus, ohne besondere rigorose Maßnahmen, zu der Erkenntnis kamen, daß es für sie zweckmäßiger sei, anderwärts, besonders in Südamerika, eine Existenz zu suchen. Und selbst über viele, die hiergeblieben sind, hat die Sürete das letzte Wort noch nicht gesprochen. Sie wartet offenbar ihre völlige wirtschaftliche Verwurzelung ab. Die Fragen des Aufenthaltsreclits und der Arbeitserlaubnis sind für sie noch nicht endgültig gelöst, auch nachdem sie seit Jahren hier ansässig sind. Ja, die Mehrzahl der Emigranten ist noch nicht im Besitz der so heiß ersehnten Karte, die das Aufenthaltsrecht auf 2 Jahre gibt, mit dem sicheren Anrecht auf Erneuerung. Sie besitzen nur eine Karte, die für die Dauer von 6 Monaten gegeben, in den meisten Fällen allerdings automatisch verlängert wird. Eine Arbeitserlaubnis als Angestellter muß stets erst vom Arbeitsministerium erteilt werden. Sie ist schwer zu erlangen, von Einzelfällen abgesehen. So wird sie häufig Hausgehilfinnen erteilt, an denen es in Belgien fehlt. — Mit der Zeit sind die Einwanderungsbestimmungen immer mehr verschärft worden, obwohl sich das Land lange Zeit hindurch in vollem wirtschaftlichem Aufschwung befand. Heute finden, von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, nur noch Kapitalisten, die über reichliche Mittel verfügen und deren Tätigkeit keine Konkurrenz für die einheimischen Unternehmen darstellt, Aufnahme. Es ist leider kaum anzunehmen, daß im Augenblick, wo eine, wenn auch leichte wirtschaftliche Depression sich bemerkbar macht und die Zahl der Arbeitslosen wieder etwas zunimmt, in dieser Hinsicht eine Erleichterung eintreten wird. Dabei ist die wirtschaftliche Lagedermeisten Emigranten nicht ungünstig. Abgesehen von ihrer relativ K., Paris, im November Französische Gelehrte protestieren Eine Anzahl führender französischer Gelehrter haben in einer öffentlichen Erklärung, deren Text dem polnischen Botschafter in Paris überreicht wurde, gegen die Absonderung der jüdischen Hochschüler an den polnischen Universitäten Stellung genommen. Die französischen Professoren, in der Mehrzahl selbst Hochschullehrer, weisen daraut hin, daß das neue Reglement der polnischen Universitäten nicht nur gegen die polnische Verfassung verstößt, sondern daß sie auch die Zukunft der polnische» Kultur und Wissenschaft gefährdet. Sie begrüßen und unterstützen die lebhafte Opposition gegen diese Maßnahmen, die sich besonders in polnischen Universitätskreisen gegen diese Diskrimination geltend gemacht hat. Unter den Unterzeichnern dieses Manifestes befinden sich die Nobelpreisträger Joliot und seine Frau Joliot-Curie, die Tochter der Entdeckerin des Radiums, seihst polnischer Herkunft, die Mitglieder des Institutes Levy-Bruhl, Ferdinand ßrunot, A, Lods, A. Gosset und M. Delepine, Prof. Rivet u. a. Die antijüdisclie Aktivität Die Aufdeckung eines rechtsradikaler! Geheimbundes durch die französische Polizei, bei der u. a. auch umfangreiche Waffendenots gefunden wurden, lenkt die Aufmerksamkeit auf die Wandlungen, die die antijüdische Bewegung in Frankreich in den letzten Monaten erlebt hat. Wie aus den Aussagen der verhafteten Mitglieder des Geheimbundes hervorgeht, hatte diese Bewegung den gewaltsamen Umsturz des republikanisehen Regimes und die Errichtung einer autoritären und schart antijüdischen Regierung zum Ziel. Ihre Mitgliederschaft setzte sich aus früheren Mitgliedern der aufgelösten rechtsradikalen Kampfverbände zusammen, die die propagandistische oder parlamentarische Aktion ihrer bisherigen Führer als ungenügend ansahen und die zur direkten Aktion übergehen wollten. Dieser Uebergang vom politischen Kampfverband zum Geheimbund ist für die Entwicklung der rechtsradikalen Bewegung in Frankreich bezeichnend. Mit der Konsolidierung der politischen und wirtschaftlichen Lage in Frankreich ist auch ein deutliches Abschwellen der antisemitischen Welle zu verzeichnen, die sich nach der Bildung der Regierung Blum im Jahre 1936 stark ausgebreitet hatte. Die antijüdische Propa- §anda wird heute in Frankreich systematisch nur von einigen!ruppen wie der ״Antisemitischen Front“ des royalistischen Stadtverordneten Darquter de Pellepoix, dem Kreis der ״Libre Parole“ und von politischen Sekten wie dem jetzt entdeckten Geheimbund der ״Cagoulards“ getragen. Das nach wie vor in großen Gruppen des französischen Bürgertums ein Gesellschafthcher Antisemitismus besteht, steht auf einem anderen Blatt. Zwei zionistische Manifestationen In der kommenden Woche finden in Paris zwei große zionistische Manifestationen statt, die von den beiden Fonds Keren Hajessod und Keren Kajemeth veranstaltet werden. Der Keren Hajessod beruft eine große Palästina-Konferenz ein, zu der die meisten zionistischen Gruppen Delegierte entsenden werden. Auf dieser Konferenz werden die beiden französischen Delegierten in der Jewish Agency, Dr. B. .Weill-Halle und I. Jefrovkin, über die Tätigkeit der Jewish Agency berichten und Dr. Goldmann ein Referat über die politische Lage des Zionismus halten. Lady Reading wird aut Wunsch der Londoner Exekutive an dieser Tagung tcilnehmen und das Wort ergreifen. Die Tagung wird durch eine große Kundgebung in der Pariser Sorbonne abgeschlossen werden, an der neben anderen führenden fran/ösUchen Persönlichkeiten auch der Unterstaatssekretär de T e s s a 11 als Vertreter der französischen Regierung sprechen wird. Diese Palästina- Tagung ist als Auftakt einer großen Keren Hajessod-Kampngne in Frankreich gedacht, deren Ziel es ist. die Erträge des Keren Hajessod in Frankreith auf 3 Millionen Francs egen :!4 Million Francs im letzten Jahre zu erhöhen. -- Der treu Kajemeth beruft eine Massenversammlung ein, die gegen den Terror in Palästina protesiieren wird. Neben französischen Zionisten wie Maitres Corcos und Mir'i! werden auch französische Abgeordnete das Wort ergreifen. Der verstorbene Gelehrte und Vorsitzende <1 er ״Alliance Israelite“. Arnold Netter, wird von der medizinischen Fakultat der Universität Strasbourg durch Anbringung einer Gedenktafel an seinem Geburtshause geehrt werden. Teilung fraglich? Wie uns aus London geschrieben wird, veröffentlicht die englisch-jüdische Wochenschrift ״Jewish Chroniclc“ einen Bericht ihres ״diplomatischen Korrespondenten“, in dern er folgendes behauptet: Von einer Seite, die in enger Berührung mit führenden Persönlichkeiten der britischen Regierung steht (aber wahrscheinlich nicht mit dem Kolonialminister), höre ich, daß das Kabinett die Absicht hat, in der Palästina-Frage langsam vorzugehen. ■Die ernste und sich immer weiter ausdehnende Inanspruchnahme durch die internationale Weltlage absorbiert die ganze Energie der Minister und zwingt sie, in jeder Nebenfrage, wie wichtig sie auch sein mag, vorsichtig vorzugehen, insbesondere wenn ein Forcieren der Sache die europäische und die Mittelmeer- Situation komplizieren könnte. In dieser delikaten Lage hat die britische Regierung keine Absicht, die widerstrebenden Araber oder sogar die ablehnenden Zionisten zu zwinge n, die Teilung zu schlucken. Die Minister haben aber auch jetzt keine Zeit, eine andere Lösung auszuarbeiten. Daher könnten diejenigen Zionisten, die gegen die Teilung sind, die Atempause benutzen und einen Gegenvorschlag ausarbeiten, zur Vorläge im geeigneten Moment. Das Zögern der Regierung, die überstürzten Methoden Ormsbv-Gores mitzumachcn, wird auch durch die Ueberlegung gerechtfertigt, daß die Ernennung eines High Commissioners bevorsteht und daß es unrichtig wäre, eine definitive Lösung durchzuführen, ehe der neue High Commissionersich geäußert hat. Inzwischen wird also das Mandat fortgeführt für eine Zeit, deren Dauer sich gar nicht voraussehen läßt. In einem Punkt stimmen die höchsten Militär- und Flottcn-Autoritäten der Regierung überein, nämlich, da'ß angesichts der heutigen Lage keine Rede davon sein kann, die Machtstellung der Mandatarmacht in Palästina abzubauen.

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