Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 92 (19.11.1937)
- Date
- 1937-11-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Saite 10 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 92, 19. XI 1937 Aus der Wirtschaft Versicherungswesen Der ״Haare/.“ bringt den Auszug eines Berichtes, den ein englischer Experte in der englischen Zeitschrift ״Re- View“ veröffentlicht. Der Experte hatte seine Untcrsuchungen im Aufträge der Westminster Bank im Jahre 1036 unternommen: In Palästina ist die Staatsaufsicht über das Versicherungswesen sehr gering. Eine Versicherungsgesellschaft muß nur für jeden Versicherungszweig, auf dem sie tätig ist, die Summe von tausend Pfund hinterlcgcn. Ein so geringes Depot kann natürlich auch für nicht ge-!lügend fundierte Unternehmungen kein Hindernis sei«, sich aut dem Versicherungsgebiete zu betätigen. Deshalb wird vorgeschlagen, daß die Regierung die Versicherungsunternehmungen verpflichten solle, sich hundertprozentig durch Rückversicherung zu decken, solange ihr Vermögen tausend Pfund nicht erreiche. Der Experte hat besonders die kleinen Versicherungskooperativen zum Gegenstand seiner Untersuchung gemacht und ihren Zustand höchst ■anbefriedigend gefunden. Ueberhaupt ist die Arbeit auf dem Gebiete der Lebensversicherung in Palästina schwer. Die Stcrbequote ist nicht bekannt. Einige Versicherungsgesellschaften behelfen sich mit amerikanischen, andere mit englischen Tabellen. Nur die allgemeine Wirtschaftslage in Palästina bewahrte bislier diese Gesellschaften vor Schwierigkei ten. Die Versicherungsgesellschaften erhielten einen hohen Zinsfuß für ihr Geld, und das deckt den Ausfall an PTämiengeldern, die nach Ansicht des Experten zu niedrig angesetzt sind. Zudem tritt der Versicherungsfall in dieser ersten Zeit noch nicht häufig ein. Der Experte greift die Sparmethoden dieser kleinen Gesellschaften an, die an Rückversicherungspräinicn lind sogar an der sachverständigen Buchhaltung sparen. Am 31. März 1036 gab es in Palästina 76 Versicherungsgesellschaften, die zusammen 212 Depots von je 1000 Pfund hinterlegt hatten. Das Gesamteinkomnien dieser Firmen wird auf 750 0'K)!,(und geschätzt, wovon ein Dritte! aus der Lebensversicherung stammt. Hie Arbeitsbedingungen sind schlecht, die Konkurrenz ist groll, und das führt zu einem gege1!seip׳r11״ Sich- Unterbieten. Irn Jahre 1035 verlor eine Automobil- Versicherungsgesellschaft ein Drittel ihres Vermögens. Es fehlt eben im Lande an Sachverständigen auf diesem Gebiete. Der Experte schlägt vor, die Konzession für das Versieherungsgeschäft nur einer beschränkten Anzahl von Gesellschäften auf jedem Gebiete zu erteilen. Auch die Anlage der Vcrsicherungsgelder ist zu beaufsichtigen. Eine Versicherungsgesellschaft hat z, B. ■IT ״,, ihrer Gelder in den Aktien einer auswärtigen Gesellschaft angelegt, eine andere 87 0־n ihres Geldes in Böden. Viel Versicherungsgelder sind auch 1m Hausbau angelegt, wobei das Lebensversicherungsgeschäft mit dem Kreditgeschäft für den Hausbau verbunden wird. Auch für den Ankauf von Autos geben die entsprechenden Versicherungsgesellschaften Anleihen, und dieser Kredit läuft zuweilen länger als die Autos brauchbar sind. Am beliebtesten ist allerdings die Anlage der Gelder in Wertpapieren und in Hypotheken. Der Experte anerkennt die Berechtigung des Bestrebens dieser Gesellschaften, die Versicherungsgelder in Palästina seihst arbeiten zu lassen. Aber andererseits glaubt er nicht, daß es sichere palästinensische Wertpapiere in enügender Anzahl gibt, und so würde er es vorziehen, daß ie Gesellschafter! auf britische Wertpapiere zurückgriffen. Der Hauptfehler der Regierung in dieser Angelegenheit ist aber die Geringfügigkeit des geforderten Depots, und so schlägt der Experte vor, es von 1000 Pfund auf 10 000 Pfund zu erhöhen und eine Aufsicht über die Anlage der Ver- Sicherungsgelder einzuf!ihren. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt Aus Tel Aviv wird uns geschrieben: Zu der Frage, wie die Lage auf dem Arbeitsmarkte bei Weiterbestehen der jetzigen politischen Lage erleichtert werden könnte, vercVffentlicht der ״Dawar“ eine Reihe von Zuschriften aus Kreisen der Arbeiterschaft. Ein Einsender betont, daß die neue (zweite) Sammlung für einen Fonds für produktive Arbeitsbeschaffung — ursprünglich hatte man nur an eine einmalige Spende gedacht — das Problem nicht lösen könne. Es gäbe ja nicht mir das Problem der Arbeitslosigkeit, es gäbe das tiefere Problem der Verbitterung ü b e r die U ngleichheit der Lebensbeding ungen in Arbeiterkreisen. Es gebe ein weitverbreitetes Doppelverdienerttim und dazu sei noch der festangestellte Arbeiter von dem im täglichen Lohn stehenden sowohl durch die Lohnhöhe, wie in bezug auf Ferien- und Krankheitsrechte wie schließlich auf die Sicherheit seiner Stellung himmelweit geschieden. Der nicht fest Angestellte werde das erste Opfer jedes Abbaus, während der Festangestellte durch die Krise nicht berührt werde. Und dabei sei der Festangestellte vielfach nicht derjenige, der länger iin Lande ist, sondern derjenige, der entgegen den Weisungen der Palästinaämter nach seiner Einwanderung in der Stadt blieb, statt auf dem Dorfe zu arbeiten, und so an seinem Arbeitsplätze einen Vorsprung gegenüber denen bekam, die jahrelang unter schwersten Umständen bei der Landarbeit ausharrten. Die Histadruth solle deshalb 1. das Doppelverdienertum verbieten, 2. die Unantastbarkeit der Festangestellten aufheben und diese zwingen, Teile ihrer Arbeitszeit an die Teilbeschäftigten abzutreten, 3. Mensehen, die von anderweitigen Einkünften leben können, das Recht auf Arbeit in der Notzeit aberkennen. Nur solche Maßnahmen würden neben der wirtschaftlichen Erleichterung, die sie schaffen würden, die Arbeiterschaft von der moralischen Last der Verbitterung vieler ihrer Menschen befreien. Ein zweiter Einsender verlangt neben der Abschaffung des Doppelverdienertums Verbot der Ueberstunden und Angleichung der hohen Gehälter, die in den nationalen Institionen gezahlt würden, an die Durchschnittseinkommen. Ein dritter Leser sicht die Hauptbelastung des Wirtschaftslebens in dem hohe« Lebensstandard, den selbst die arbeitenden Schichten angenommen haben. Besonders haben sich die hohen Ansprüche in der Bai!Bewegung ausgewirkt, und es ist kein Wunder, daß jetzt jeder Lohnabbau auf fast unüberwindliche Schwierigkeiten stößt, wo die Beamten, Angestellten und Arbeiter für ihre auf Grund von Anleihen erbauten Häuser oder Wohnungen etwa C 7 monatlich abzalilen müssen. Andererseits scheint es dem Einsender unmöglich, daß die Gemeinschaft in der jetzigen Lage Gehälter in früherer Höhe aufbringt. — Ein anderer Leser warnt davor, die leitenden Institutionen voreilig verantwortlich zu machen, denn es sei nur allzu schwer, alle Faktoren zu übersehen, die den vorgeschlagenen Reformen entgegenstünden. Die Länge des Aufenthalts des Ein- /einen irr. Lande, seine fachliche Tauglichkeit, die Lohnverhältnisse in seine Berufe, sein Gesundheitszustand und sein Bedürfnis nach einem festen Arbeitsverhältnis — all das verlange Berücksichtigung, und es sei kein Wunder, daß in sehr vielen Fallen keine befriedigende Lösung zu erlangen sei. Auch die Menschen, die sich mit der A r b e i ts v erte i 1 u ת g befassen, sind nicht zu beneiden. Besonders belasten die Schwachen und invalide«, die leichte Arbeit verlangen müssen, den Arbeitsmarkt. Dazu kommen die Gegensätze zwischen den Interessen der Wirtschaft, die einen ständigen Stab an Arbeitern und Angestellten erfordern und denen des Arbeitsmarktes, dm den Wechsel der Arbeitskräfte verlangen. Dann verlangen wieder die Fachsektionen Berücksichtigung ihrer Leute, während ihnen gegenüber alte langjährige Arbeiter ihre Rechte geltend machen. Zwischen all diesen Faktoren und An- Sprüchen gilt es einen M itt el weg■ d es Ausgleichs zu finden. Oft wird der alte Arbeiter hinter dem Neueinwanderer zurückstehen müssen, dessen Familienstand eine besonders dringende Berücksichtigung erfordert. Auch darf nicht vergessen werden, daß der Einfluß der Histadruth aut die Mächte der Wirtschaft in Palästina nicht unbegrenzt ist. Viel Schuld trifft auch die Arbeiter selbst, die in der Zeit der Prosperity die hochbezahlte, aber unsichere, Bauarbeit der sichere«, aber weniger einträglichen in den Fabriken vorzogen und so jetzt nach vielen Arbeitsjahren arbeitslos geworden sind. Steinbrüche in jüdischen Händen Jerusalem. (Palcor.) Während der Unruhen des Jahres 1936, als die arabischen Arbeiter in den die jüdische Baubewegung in Tel Aviv mit Steinen und Kalk beliefernden Steinbriichen streikten, war die jüdische Baubewegung in Gefahr, durch Mangel an Baumaterial völlig stiligelegt zu werden. Der Verband ״Tozeret Haarez“ begann gemeinsam mit den Besitzer« der großen Steinbrüche in Migdal Zedek (bei Petach Tikwah) die Arbeit in diesen Steinbriiclieri durch jüdische Arbeiter wieder aufzunehmen. Dieser Versuch glückte, und dadurch gelang es, den Bedarf der jüdischen Baubewegung zu decken. Heute arbeiten bereits in den Steinbrüchen von Migdal Zedek 230 jüdische Arbeiter, 20 Hilfspolizisten, Aufseher und Beamte. Insgesamt sind heute in den Steinbrüchen 325 Per* sonen beschäftigt, und die Gesamtarbeit wird nur von jüdischen Arbeitern verrichtet. Heute werden Vorbereitungen getroffen, die Steinbrüche noch mehr zu vergrößern, so daß in ihnen noch 100 Arbeiter beschäftigt werden können. Konsolidierung der Landwirtschaft Als Beitrag zur Diskussion der bedrängten Lage der gemischten Landwirtschaft veröffentlicht, wie wir aus Tel Aviv hören, H. F r u m k i n im ״Dawar“ einen Artikel, in dem er sagt: Man spricht im Lande davon, daß die gesamte ge* mischte Landwirtschaft ihre Erzeugnisse in diesem Jahre unterhalb der Reutabilitcätsgrenze verkauft habe und erschüttert durch solche ungerechtfertigten Behauptungen die Kreditfähigkeit dieses wichtigen Wirtschaftszweiges, ln Wirklichkeit war der Gesamtwert unserer diesjährigen landwirtschaftlichcn Produktion (nach Abzug der Zitrusfrüchte) nach einer Schätzung der ״Tnuwa“ 820 000 £, davon Milch und Milchprodukte 350 000 £, Eier und Geflügel 120 000 Pfund, Gemüse 80 000 £, Früchte und Honig 70000 £. Die Hälfte dieser Produkte erzielte durchaus anständige Preise, Eier und Geflügel wurden mit gutem Nutzen verkauft. Auch die Getreideernte war gut, und die Preise dafür waren keineswegs schlecht. Die Preise für Früchte und Trauben waren niedriger als im Vorjahre, aber nicht unter* halb des Minimums. Auch Kartoffeln und gewisse Gemüse* arten aus dem Jordantale erzielten keine schlechten Preise. Nur die Milchwirtschaft und ein großer Teil des Gemüsebans (zusammen mit einer Gesamtproduktion van 400 000 £) erzielten wirklich schlechte Preise. Hier lagen die Preise im Durchschnitt etwa 5 0/״ unter dein Minimum und der Gesamtschaden betrug etwa 30 000—40 000 C. Eine Erhöhung des Milchpreiscs um 1—112 Mil pro Liter würde genügen, um den Schaden zu vermeiden, und beim Gemüse liegt die Sache ähnlich. Natürlich ist diese Differenz nicht als geringfügig anzusehen, aber sie ist andererseits auch nicht so groß, daß man den Zustand als hoffnungslos betrachten muß. In andereu Ländern steht die Milchproduktion unter Regierungsautsicht, die Fälschungen verhindert und die Konkurrenz eindämmt. Bei uns herrscht dagegen noch völlige Anarchie, und da keine Regierung für einen Ausgleich bei der Verwertung der Produktion sorgt, werden gerade die der Tntiwa angeschlosscnen Betriebe zur unrentabelsten Art der Verwertung, zum Verbuttern und Verkäsen gedrängt. Die Leitung der Jcwish Agency müßte versuchen, hier einzugreifen und eine Zentralstelle mit der Autorität einer nationalen Institution zu schaffen. Aehnliche Versuche zum Vertrieb von Landesprodukten sind schon geglückt. Außerdem müßte der öffentliche Ausschank von Milch, Kefir usw. stark verbessert werden. Auch der Buttermarkt ist verbesserungsfähig. Nur 13 0',״ unseres Butterbedarfs beträgt die jüdische Produktion, und doch wird sie nur unter Schwierigkeiten abgesetzt. Wohl stört hier die Preisdifferenz, aber trotzdem ließe sich diese Butter absetzen. Statt im Somin er und Herbst zwei ״jüdische Buttervvochen“ zu veranstalten, sollte man im Winter, wenn die Buttervorräte am großten sind, zwei jüdische Buttermonate organisiere«, und in dieser Zeit den jüdischen Käufer zur Hälfte mit einheimischer, zur Hälfte mit Auslands-Butter zu einem gemeinsamen Durchschnittspreis beliefern. Das könnte man durch ein Abkommen mit den Großhändlern leicht erreichen und auch der jüdische Verbraucher, der nur einen geringen Aufschlag zahlen müßte, würde Verständnis zeigen. — Schwieriger ist die Organisation des Gemüsevertriebs, Hier könnte man mit Hilfe der Tnuwa und vielleicht auch der jüdischen Frauenorganisationen die Käufer auf bestimmte Portionen, entsprechend der Größe ihrer Familien, zu festen Preisen abonnieren. Die Organisation ist freilich nicht leicht, besonders da die jüdischen Wirtschaften aus klimatischen Gründen den Markt nur während 7—8 Monaten im Jahre beliefern können. Aber es ließe sich sicher ein Erfolg erzielen, besonders da der Preisunterschied nicht so groß ist, wie das Publikum annimmt (1 £ jährlich für eine durchschnittliche Familie). Als Ergänzung für diese Maßnahmen wäre auch die Hilfe der Regierung nötig, von der Steuerfreiheit für Benzin und Petroleum für die Zwecke der Transporte landwirtschaftlicher Erzeugnisse und für den Betrieb der Maschinen zu verlangen wäre. Der Tel Aviver Hafen Jerusalem. (Palcor.) In Kürze wird der Bau des neuen Bassins für Leichter im Tel-Aviver Hafen beendet sein. Hierdurch wird eine bedeutende Vergrößerung des Orangentransportes durch den Tcl-Aviver Hafen ermöglicht werden. Gleichzeitig wird auch der Bau zweier neuer großer Lagerhallen beendet werden. Eine dritte Lagerhalle wurde vor kurzem errichtet, so daß der Tcl-Aviver Hafen bald drei große Warenlagerhallen besitzen wird. Die Verladungsgesellschaft ״Prika“ hat gegenwärtig eine eigene Bootswerft errichtet. In Tel Aviv arbeiten ferner zw׳ei Werften, die insgesamt dieses Jahr für die genannte Gesellschaft 50 neue Boote!!erstellen weiden. Bei den Verladcarbeiten, beim Bau des neuen Leichterbassins und in den Werften sind heute im Tel-Aviver Hafen rund 750 jüdische Arbeiter beschäftigt. Aus der Schule geplaudert Von Anselm Bi n g, Jerusalem ״Tembele“ Tembele heißt eigentlich ,,kleiner Doofkopp“ und ist ein weißer, kugelrunder Hund mit braunen Augen und einer schwarzen Schnauze, - 3 Wochen alt! Wie der zu uns kam, in unsere Schule, das ist eine lange Geschichte. ln unserer Schule ist eine ,.Pjnath-Chai“, ein kleiner Zoo. Er besteht aus zwei Affen, die uns die Universität geschenkt hat, zwei Meeischwcinclien, drei Kaninchen, einer Flenne mit dreizehn Kücken, weilten Mäusen, die immerzu Kinder bekommen, und einem Glas Fische, die lebendige Junge zur Welt bringen. Die Bienen, die wir von Kirjath-Anawim bekommen sollen, sind noch nicht da, aber der Bienenstock ist schon fertig. Ein kleiner Junge, der im Jugendbund des ״Noar haowed“ ist, hatte den Tembele auf der Straße hinter einem Stein gefunden. Da lag er und schrie, und kein Mensch wußte, wie er dahin gekommen war. Esra nahm ihn mit nach Hause. Am anderen Tage nahm er ihn zum Heimnachmittag mit. Es sollte Schlagball gespielt werden, und da wußte er nicht: wohin mit Tembele? Kurz entschlossen legte er ihn vor das offene Fenster der Tischlerei unserer Schule, die gleich neben dem Hof des Noar haowed ist. Esra spielte Schlagbaß, — Tembele langweilte sich schrecklich! Er streckt eine Vorderpfote aus, macht einen Buckel, lieht den Kopf, guckt in die Tischlerei. Da stehen Flugzeuge, Eisenbahnen, Lastautos aus Holz, Meine Schränke und eine richtige Hundehütte mit Blechdach. Die gefällt de!« Tembeie. Er macht einen kleinen, tapsigen Schritt nach vorne und fällt zum Fenster hinein aut den Tisch, aut dem der Leimtopf steht. Jetzt ist er drin! Esra kommt und fändet ihn nicht mehr. Da glaubt er, daß er veggelaufen ist, denn er sieht ihn nicht in der Hütte sitzen, weil es inzwischen schon dunkel geworden ist und Tembele schläft. Am anderen Tage gibt es in der Tischlerei ein großes Oelächter. Der Lehrer meint, daß jemand immerzu jault, und schimpft fürchterlich. Auf einmal kommt Tembele aus der Hundehütte hervor! — Er wird in die Pinath-Chai verbannt. Die Kinder sind ganz außer sich vor Freude über das ״Geschenk“! In der großen Pause geben sie ihm Milch aus einer Flasche, in Milch aufgeweichtes Brot und 34 Kamen. Die Namen lassen ihn aber ganz kalt. Am Nachmittage kommt Esra, sieht seinen Tembele und fordert ihn energisch zurück. Ein Lehrer muß erst eingreifen, damit die Kinder ihn herausgeben, und zwei kleine Mädchen sind so wütend darüber, daß sie hinter Esra herlaufen und ihn in den Arm zwicken! Zwei Tage später trifft der Lehrer den Jungen auf der Straße und erzählt ihm, daß die Kinder noch immer nach Tembele fragen. Da geht Esra nachmittags mit dem Hund in die Schule und erklärt feierlich: ״Wir (das sind die Kinder seiner Gruppe des ״Noar haowed“) haben beschlossen, daß Tembele doch zu euch kommen soll. Ich werde ihn nur manchmal besuchen.“ Die Kinder sind sprachlos! Alle stehen sie um Ihn herum. Sie stellen fest, Tembele könne schon etwas bellen; und wenn er groß sein wird, dann kann er die ״Pinath-Chai“ bewachen. Bestimmt wird er ein tadelloser Wachhund werden! Tembele liegt derweilen in der Sonne und denkt nicht an Wache« — im Gegenteil! Die Wolga Die Wolga ist eine kleine Grube rieben dem Schulhof. Sie ist einen halben Meter tief und etwa 2Vs mal 3>/a Meter groß. Beim Regen füllt sie sich schäumend mit Wasser, und in der großen Pause lassen die Kinder dann Holzstücke darin schwimmen. Das größte Vergnügen, das sic sich ausgedacht haben, ist Kanäle hauen. Die Tel Aviver Kinder können das täglich am Strand tun; hier oben, auf den felsigen und lehmien Spielplätzen von Jerusalem, ist Wasser nur im Januar und ebruar zu haben. Die Wolga hieß so vom ersten Tage der Schulgründung an, und sie behielt ihren Namen. Wenn der Gong zur Pause geschlagen wird, sausen die Kinder die Treppe hinunter und sind auch schon gleich um die Wolga herum, laufend, lachend. Mit großen Wasserstiefeln, die bis zu den Knien reichen, tappen sie am ״Ufer“ herum und manchmal ins Wasser hinein. Hinter der Grube stehen grüne, rundkronige Olivenbäume, glänzend vor Nisse — und weiter oben feierliche Zypressen, blauschwarz, mit Millionen von Wasserperlen behängt. Mitte November war alles Orüne staubgrau, die Erde graubraun, nur von rötlichen Felsbrocken unterbrochen. Jetzt ist es stürmisch und eiskalt. Um die Januarmitte sank die Temperatur unter null Qrad. Auf der Wolga war eine Eisdecke von ein paar Zentimetern, eine Seltenheit für Palästina! Ein Erlebnis in Jerusalem! Und sogar Schnee fiel — wenn er auch nach zwei Stunden zerflossen war. Die Kinder vom ersten Schuljahr liegen auf dem Bauch, schlagen mit Steinen auf das Eis, zerbrechen es in Stücke und tragen es unter Siegesgeheul in die Klasse. Einige wissen wirklich nicht, was Eis ist — , id legen es zwischen ihre Schulhefte, um es zu Hause den Eltern zu zeigen. Die Wandzeitung Die Wandzeitung wird in der großen Halle angebracht. Sie ist illustriert und mit feinen und groben Streifen Buntpapier geschmückt. Vor den Feste« sammelt die Redaktion — aus einem Lehrer und den Vertretern der Oberklassen bestehend — die besten Aufsätze und gibt eine Schulzeitung heraus, die — niedrig gehängt — von allen mit großer Neugier gelesen wird. Die Kleinen, die noch abgeholt werden müssen, ziehen ihre Eltern hinter sich her und zeigen mit Stolz und leuchtenden Augen auf ihren Aufsatz. Bei der Fülle des Materials bleiben nur wenige, aber charakteristische Sätze im Gedachtnis haften. Für jemanden, dem das klassische Hebräisch geläufig ist, haben diese Sätze etwas Ursprüngliches, Neuerschaffenes an sich, und dieser Eindruck der Frische ist sogar manchmal mit dem Gefühl des leichten Erschreckens vor ihrer Kühnheit vermischt. Ein löjähriger Junge schreibt ״.... und die Sonne war klein, rundlich und gelbbraun wie ein hochgeworfener Fußball....“ Und weiter: ״,... die aber gewonnen hatten, schrien so laut, daß die Mädchen mit dem Verbandskasten gerannt kamen, als wäre einer verletzt worden... Ein gleichaltriger, der seit drei Jahren im Lande ist, schreibt: ״.... und ich träumte, ich sei mitten in einem Wald mit hohen Bäumen, und der war voller Vögel, die zwitseberten....“ Wer diesen Jungen kennt, der weiß, daß das ein echter Ausdruck tiefer Sehnsucht ist — nach dem Walde, den es hier erst an wenigen Stellen und in spärlichen Streifen gibt. Ein zwölfjähriges Mädchen (aus einem Bericht über das Arbeiter-Sanatorium in Mozah bei Jerusalem): ״.... dann gingen wir hinunter in den Park. Da standen hohe Bäume, und es war so still, daß man nur den Wind in den Bäumen sausen harte....“! Die Zeichnungen waren in der Zeichenstunde entworfen und dann mit Federtechnik zart an den Rand gestrichelt worden.