Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 92 (19.11.1937)
- Date
- 1937-11-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 92, 19. XI. 1937 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 3 Von der Balfour - Deklaration zum Judenstaat Dr. Michael Trauh bei der Berliner Gemeinde - Kundgebung Lieber die große Kundgebung, die am vergangenen Sonnabend abend in der Berliner Synagoge Prinzregentenstraße stattfand, haben wir bereits in unserer vorigen Ausgabe bcrichtet. Im Mittelpunkt des Abends stand ein umfassendes Referat von Dr, Michael Traub, in dem sich der Redner mit der Vergangenheit Palästinas, seinen aktuellen Problemen und der möglichen Zukunft des Landes auseinandersetzte. Dr. Traub begann seine Ausführungen mit einem Rückblick auf die Anfänge der zionistischen Bewegung, auf die Zeit, in weicher Theodor Herzl Träumer und Schwärmer um sich scharte, aui die seine Worte wie eine Offenbarung wirkten. Ein weiter Weg trennt uns vom I. Zionisten-Kongreß. Man sprach damals von Aufbau und hatte weder Mittel noch Geld, von Charter und öffentlich-rechtlich gesicherter Heimstätte und durfte doch offiziell weder nach Palästina einwandern noch im Lande Boden kaufen. Eine vierzigjährige Wüstenwanderung liegt hinter uns, von der die ersten Jahre die schwersten und entbehrungsvollstell waren. Unsere kolonisatorischen und politischen Erfolge haben während dieser vierzig Jahre das Antlitz des Landes verändert, gleichzeitig aber auch den Willen des Volkes geformt. Darauf gestützt konnten zionistische Führer während des Krieges mit Re- Sonnabend, 20. Nov., 2030 Uhr Gabriel Riesser-Saal, Oberstr. i20 Hamburg Kundgebung der Jexvish Agency und des Keren Hajessod Dr. Michael Traub Von der Balfour - Deklaration mm Judenstaat Ansprachen t R.-A Bernhard David, Vorsitzender der Deuisdi-hraeliiisdien Gemeinde Dr, Perez Zadih Oberlandesgeriditsr. i.R. Richard May Jexvish Agency Jor Palestine Hamburger Ortskomitee Hamburg Zionist. Vereinigung ,.l-l-■-. ..-...I-■ - ..-. gierungen über die Errichtung des jüdischen Nationalheimes in Palästina verhandeln. So kam es zur Ralfour-Deklaration, die dem jüdischen Volk, wie im Bericht der Kgl. Kommission betont wird, die Chance der Errichtung des Judenstaats geben wollte. Von dem Eifer und der Aktivität der Juden sollte es hauptsächlich abhängen, ob das Heim groß genug würde, um auch ein Staat zu werden. Dr. Traub schilderte im Anschluß hieran die seit der Veröffentlichung der Balfour-Deklaration geleistete jüdische Arbeit und wies insbesondere auf das Wcizmann-Feisal-Abkommen und auf die Erteilung des Mandats an England im Jahre 1922 hin. Er behandelte sodann die Gründung des Keren Hajessod und die besonderen Schwierigkeiten, die sich einer großangclegten kolonisatorischen Arbeit dadurch entgegenstellten, daß gleichzeitig mit der Balfour-Deklaration durch die histofischen Umstände Millionen jüdischer Menschen in Osteuropa ökonomisch entwurzelt wurden. Dennoch wurde die Arbeit in Palästina fortgesetzt; es gelang, das Ausmaß der Heimstätte in gewissen Grenzen zu erweitern, so daß im Jahre 1929 in Palästina 175 000 Juden lebten. Der Referent schilderte weiter die Funktionen der erweiterten Jcwish Agency und die Jahre, die seit ihrer Gründung verstrichen sind. Der jüdische Einwandererstrom nach Palästina wurde immer größer, und im Jahre 1936 lebten im Lande bereits 400 000 Juden, von denen ein erheblicher Teil in produktiven Berufen, in der Stadt und auf dem Lande untergebradit sind. Dadurch wurde in einem viel höheren Sinne als bei der Gründung der Zionistischen Organisation und bei der Proklamicrung der Balfour-Deklaration das Land unser. wir auf dem Standpunkt, daß das Mandat durchführbar ist und daß die Schuld an vielem, was sich ereignet hat, die Verwaltung des Landes trägt. Dennoch müsse man mit den politischen Kräften der Außenwelt rechnen. Wir leben in einer Welt, in der Kugeln durch Deklarationen und Weißbüclier _ hiudurchgchen. Die englische Regierung ist mandatsmüde, ist der Ansicht, daß eine Teilung Palästinas der einzige Ausweg wäre, um den latenten jüdisch-arabischen Interessenkarnpf in Palästina zu überwinden, vor allein aber um England selbst von einem Konflikt zwischen den dem jüdischen und den dein arabischen Volke gegenüber eingegangenen Verpflichtungen zu befreien; einem Konflikte, der um so schwerwiegender ist, als jede dieser Verpflichtungen für sieh genommen mit britischen Gefühlen und britischen Interessen übereinstimmt. Letzten Endes handelt es sich sowohl bei dem Peel-Bericht wie bei den nunmehr englischerseits zu fällenden Entscheidungen nicht so sehr um Rechtsfragen wie um politische Fragen, hei denen das Interesse des englischen Imperiums nach vielen Richtungen hin den Ausschlag geben soll. Deshalb lautet unsere 'Fragestellung nicht für oder gegen Teilung, sondern vielmehr: wie können wir unsere Kräfte mobilisieren, um bei der Gründung des Judenstaates die mit der vorgeschlagenen Teilung verbundenen Nachteile nach Möglichkeit abzuvvenden? Jetzt ist es, so meinte Dr. Traub, unsere Aufgabe, darauf hinzuweisen, daß unsere Sehnsucht nach staatlicher Selbständigkeit nur dann in Erfüllung gehen wird, wenn hinter der staatlichen Form ein entsprechender Inhalt stehen wird. Auch wir verlangen, daß ein künftiger Judenstaat das enthält, was aus ihm nicht fortgedacht werden kann, nämlich Jerusalem und den Süden des Landes, den Negew, Dcganiah, und die Siedlungen am Jordan, das Ruthenberg-Werk in Tel Or und das Tote Meer. Obwohl wir von unserer eigenen Auswanderungfrage her daran gewöhnt sind, nicht in Jahrzehnten, sondern in Jahren zu denken, so teilen wir mit den Juden aller Länder, in denen das Auswanderungsprohlcin noch in Jahrzehnten bestehen ■wird, die Sorge um Lebenskarnpf und Lebensraum. Trotz dieser Kritik, die wir am Teilungsprojekt üben müssen, erkennen wir aber an, daß England damit einen Beitrag zur Lösung der Judenfrage erbringen will, und wir erkennen die Bedeutung der Tatsache, daß durch dieses politische Faktum nicht nur unser Anrecht auf Palästina, sondern auch unsere Stel- 11mg und Geltung unter den Völkern gestärkt worden ist. Dr. Traub wies auf die von Dr. Ruppin aufgestellten Berechnungen über die Aufnahmefähigkeit des künftigen Staates hin und behandelte im einzelnen die Frage der ländlichen und städtischen Siedlung. Auch die Frage des Budgets wurde von ihm in diesem Zusammenhang erwähnt. Diese Berechnungen ergehen, daß noch etwa IO M i 1!. Menschen im jüdischen Teil Palästinas Platz finden werden. Aber man muß demgegenüber sagen, daß die Aufnahmekapazität des Landes selbst bei genauesten Schätzungen ein relativer Begriff ist. Die Kolonisation?- geschichtc Palästinas hat uns durch all die vergangenen Jahre gelehrt, daß die Aufnahmefähigkeit des Landes nicht nur eine Funktion der Fläche und des zur Verfügung stehenden Raumes, sondern in erster Reihe eine Funktion des Geldes, des Wassersund der Energie ist, die für den entsprechenden Raum zur Verfügung gestellt werden können. Hängt die Entscheidung über die Grenzen nicht nur von uns ah, so werden die anderen Faktoren in erster Reihe durch unseren nationalen Willen und unsere nationale Energie bestimmt. Weiter muß mit aller Klarheit festgesteilt werden, daß weder im geteilten noch im ungeteilten Palästina Raum für die vielen Millionen jüdischer Menschen ist, die in einer eng gewordenen Welt atiswandern müssen. Demnach muß die Hoffnung aufrechterhalten werden, daß bei einer künftigen Verständigung mit den Arabern jüdische Menschen in den arabischen Nachbarländern Palästinas im Vorderen Orient Aufnahme finden werden. Ein jüdisches Palästina, in dem zwei Millionen Juden leben, wird diesen Staaten Rahels Grab Rahe! starb und ward begraben auf dem Wege vor Ephrat, Wes mag Jakob gescheut haben, daß er diesen Ort Rahe! als Grabstätte zuwies? Er sah im Geiste die nach Babel Verbannten dieses Weges ziehen und bestattete hier seine EhegefShriin, aut daß sie für ihre Nachkommen um Erbarmen flehe. Wie sagt doch der Prophet: ״Han hört eine Stimme klagen und bitter weinen: Rahel weint um ihre Kinder." Midrasch zum Wachenobsdinitt für Schabbat, 20. November Aus: Bin Ctorion, ״Sagen der Inden" (Schocken Verlag) wirtschaftliche Hilfe leisten können, so daß für die Zukunft eine Föderation des jüdischen Erez Israel mit der arabischen Welt als ein höheres Ziel in Aussicht genommen werden könnte. Nicht minder wuchtig wird jedoch die Wirkung eines Judenstaates für die Juden heit der Welt sein. Der Judenstaat wird im Volke neue Kräfte wecken, neue Energien wachrufen und den Glauben an eine bessere Zukunft entstehen lassen. Vor allem: unterschätzen wir nicht den gewaltigen Wert jüdischer Selbstbestimmung im eigenen Lande, das Recht, unser Leben in Erez Israel nach unserem eigenen nationalen Willen zu gestalten! Am Schluß seines Vortrages wies Dr. Traub darauf bin, daß bei allem Wert, den die politischen Dokumente unserer Zeit haben, dennoch der Satz zu Recht bestehen bleibt, daß unser tiefstes Recht auf Palästina in der Bibel vorankert liegt, d. 11. in jüdischer Tradition und jüdischem Glauben. Dazu kommt, daß wir in die Waagschale der politischen Diskussion zwei Momente von höchstem Gewicht werfen können: die I. a g e des jüdischen Volkes in der Welt und unsere Leistungen in Erez Israel. Wir stimmen trotz allen Sorgen keine Klagelieder an, sondern suchen einen konstruktiven Ausweg aus dem Engpaß der Judcnfrage. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Kampf um Palästina der Kampf eines Volkes um Lehensreclit und Lebensraum. Schon heute können wir auf Grund der Leistung, die das jüdische Volk in Palästina vollbracht hat, feststellen, daß die Grenzen des jüdischen Landes, wie sie heute vorgeschlagen sind, parallel unserer nationalen Leistung verlaufen. Das wird auch in Zukunft der Fall sein. Darum, so schloß Dr. Traub, wird auch der Traum vom Judenstaat ebenso wie die Balfour-Deklaration und «las Mandat von uns erarbeitet werden müssen. An uns liegt es, unseres Schicksals würdig zu sein. * Aus Jerusalem ist heim Büro des Keren Hajessod in Deutschland folgendes Telegramm cingcgangen: Die Plenarversammlung des Waad Leumi, der Oberr a b b i n e r Palästinas, die Vertreter aller jüdischen Gemeinden des Landes fordern schnellste Durchführung der Keren-Hajessod-Aktion in größtem Umfang. Der Jischuw, der seine eigenen Kräfte äußerst anspannt, kann die Position in dieser Entscheidungsstunde nur halten und erfolgreiche Entscheidung herbe:fiihren, wenn außerordentliche Anstrengungen aller Juden al'cr jüdischen Gemeinschaften in allen Ländern der Welt in bisher ungekanntem Ausmaß mitwirken. Sir Ronald Storrs gegen Teilung. Int Laufe eines Vorträges anläßlich der Buch-Ausstellung der ״Sunday Times“ sprach sich Sir Ronald Storrs, der frühere Gouverneur von Jerusalem, scharf gegen den Teilungsplan aus. Er führte aus, daß es unmöglich sei, ein so kleines Land in drei Teile zu zerstückeln. Er hielt die Alternativ-Vorschläge der Kommission für wesentlich besser, nämlich gemeinsame Erziehung der jüdischen und arabischen Jugend; stärkere Heranziehung der Bevölkerung hei der Verwaltung des Landes und eine starke Truppe, die den Maßnahmen der Regierung die nötige Autorität verleihen würde. Was den arabischen Standpunkt an betrifft, so wies Storrs scharf den Anspruch der palästinensischen Araber zurück, daß sie es gewesen wären, welche das Land am Ende des Krieges erobert hätten. K. E. Berliner Der Sumpf, den wir getrocknet, die Dünen, die wir durch unsere Arbeit bebaut, das Oedland, das wir erschlossen haben, gehört den Menschen, die dieses Werk vollbrachten. In der gleichen Zeit allerdings hat sich auch in der arabischen Welt eine starke Wandlung vollzogen. Je mehr Menschen und Geld wir ins Land brachten, um so stärker wurde die Position der Araber. Millionen von Pfunden flössen in den arabischen Wirtschafts* sektor dank der Böden, die sie uns verkauften, der Produkte, die sie auf unserem Markt absetz-tcn, der Arbeit, die sie für uns leisteten, der wirtschaftlichen Beziehungen, die sie mit uns unterhielten. Und gleichzeitig mit dieser materiellen Stärkung wuchs ihre organisatorische Kraft und nahm ihr Widerstand gegen unseren Einfluß zu. Dazu kam der Freiheitskampf der anderen Teile des arabischen landgebietes, der das Problem noch verschärfte. Vielleicht hätten wir die Unruhen und die Problematik der jetzigen Situation vermieden, wenn uns die jüdische Welt in den ersten jaliren nach der Balfour-Deklaration in dem verlangten und geplanten Ausmaße zu HiLc gekommen wäre, wenn das Tempo des Aufbaues schneller gewesen wäre, wenn wir in jenen ersten fünf oder zehn Jahren die Grundlagen des Judenstaates in Palästina gelegt hätten. Diese llcbcrlcgungen sind im Jahre 1937 müßig. Wir stehen am Wendepunkt und wissen, daß von der Entsche'dung, die nunmehr kommen wird, nicht nur das Schicksal Palästinas, sondern auch das Schicksal des jüdischen Volkes in weitem Maße abhängt. Dr. Trauh wies auf die Formulierung des Peel-Berichtes hin, in dem es hei ßt, das Mandat habe sich als u n - durchführbar erwiesen, und daher wurde die Teilung Palästinas vorgcschlagen. Demgegenüber stehen An die Juden in Deutschland Der von der Tagung des Beirats der Jewish Agenct! in Deutschland am 14. November einstimmig beschlossene Aufruf hat folgenden Wortlaut: Zwanzig Jahre nach Verkündung der Balfour-Deklaration erleben wir, wie die Nationale Heimstätte des Jüdischen Volkes in Palästina in eine neue Epoche ihrer Entwicklung übergeht. Das Jüdische Volk in Erez Israel lebt in dieser Zeit des Ueberganges, die schwerste Opfer von ihm fordert, mutig, voll starken Willens und in der Zuversicht, daß sein Werk des Aufbaus unerschüttert, ja befestigt, einer größeren Zukunft entgegengeht. Die Erweiterung der landwirtschaftlichen Siedlung, die Begründung von neunzehn ״Neuen Punkten" jenseits der Grenzen der bisherigen Kolonisation ist das sichtbarste Zeugnis dieser Kraft und Gewißheit. Die Bereitschaft der Judenheit außerhalb Palästinas, für Erez Israel einzustehen, war auch im letzten Jahre der treue Bundesgenosse des Jischuw. Die Leistung des Keren Hajessod in den Ländern der Diaspora war der Ausdruck dieses Bundes. Das neue Jahr muß ihn neu und wirksam bekräftigen. Unsere Leistung für den Keren Hajessod, unsere kolonisatorische Arbeit im Lande kann die Entscheidung, an deren Schwelle wir stehen, aufs stärkste mitbestimmen. Uns Juden in Deutschland ist heute der Weg nach einer neuen Heimat zu einem Gesetz unseres Lebens geworden. Vierzigtausend unserer Brüder und Schwestern haben sie in Erez Israel gefunden. Tausende wollen und werden ihnen folgen. Noch wird nicht für alle die Zeit der Sehnsucht ihr Ende finden können; aber die Gesamtheit muß begreifen, daß in Palästina in unseren Tagen die große Geschichte unseres alten Volkes sich erneuert. Sie muß dieser Wiedergeburt ein starker Helfer sein. Die Arbeit des Keren Hajessod für das Jahr 5698 beginnt! Wir rufen von unserer heutigen Tagung, an der die Reichs- Vertretung, die Landesverbände, die Gemeinden und die großen Organisationen der Judenheit in Deutschland teünehmen, alle Juden und Jüdinnen zu einer neuen, großen Anstrengung auf. Der Keren Hajessod muß den Grundstein legen: für den neuen Bau des jüdischen Lebens in Palästina, für Einwanderung und Siedlung, für uns und alle, die in Sehnsucht und Not den jüdischen Nansen im Lande seines Ursprungs zu neuem Glanz führen wollen! ln *ff»» AbttHungtn ff«» Sit HANUKKAH-GESCHENKE Hauses finden Sie viele preiswerte Angebote siÖ SPANDAUER STRASSE BERLIN C 2 KUMlöSTIASSi