Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 91 (16.11.1937)
- Date
- 1937-11-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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!JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 91,16. NOVEMBER 1937 Arabische Mahnungen zur Mäßigung Die Anschläge in Jerusalem Wieder Ausnahmezustand — Revisionisten verhaftet Von unserem palästinensischen Korrespondenten gl. Tel Aviv, 7. November 1937 Die Prognose, die wir kürzlich an dieser Stelle in einer politischen Uebcrsicht für die Entwicklung der nächsten Monate stellten, scheint sich bisher — leider — zu bewahr* heiten. Der Terror hält weiter an, es vergehen zwischen den einzelnen Akten manchmal tagelange Pausen, in denen sich das Gefühl der Sicherheit rasch hebt, aber immer wieder stören neue Attentate die Ruhe. Unterdessen schaut man nach den ersten Anzeichen aus, die für das Auftreten gemäßigterer Stimmen im arabischen Lager sprechen. Hängt doch für die Ordnung des politischen Chaos sehr vieles von der Kristallisierung einer verhandlnngsfähigen und vcrhandlungsbercitcn Gruppe unter den Arabern ab. Die letzte Woche brachte in der Tat ein paar Acußerungen, die verdienen registriert zu werden. Die Scheichs aus der Umgegend von Gazah schlossen sich zu einem Aufruf für Ruhe und gegen Sabotageakte zusammen. Dort unten im Süden waren Unterbrechungen der von Aegypten kommenden Eisenbahn, Durchschneiden von Telephondränten und Bombenwürfe im letzten Jahre recht beliebt und die Scheichs lassen jetzt in ihrem Aufruf keinen Zweifel darüber, daß sie diese Sabotage scharf ablchnen. Der Redakteur des Jaffacr moslemischen Blattes, der blinde Scheich El Farouki, spricht in einem Leitartikel über ״Wege der Versöhnung“. Und die arabischen Arbeiter, die bei der Toten- Meer-Konzession beschäftigt sind, haben ihren jüdischen Kameraden anläßlich der Erschießung eines jüdischen Arbeiters auf dem Wege Jerusalem—Jericho ihre Sympathie ausgesprochen und zugleich gegen den Terror Stellung genommen. Man muß die noch immer vom Terror beherrschte Atmo- Sphäre des Landes richtig in Betracht ziehen, um zu verstehen, daß zu solchen Aeußerungen, die unter normalen Bedingungen selbstverständlich sind, echter Mut gehört. Wenn man Beweise braucht, daß man aus den genannten Erklärungen keine vorzeitigen politischen Schlüsse ziehen darf, so braucht man nur die Erklärung von Rhageb Nashashibi in derselben Jaffaer Zeitung nachzulesen, in der er darauf himveist, daß es keinen Unterschied zwischen ״G e in ä ß i g t e n“ und ״Radik a 1 e n“ unter den Arabern gebe, daß der ״Oberste Arabische Rat‘‘ den Terror stets verurteilt hätte und daß alle palästinensischen Araber in ihren politischen Forderungen einig seien. Die ersten dissonierenden Stimmen im Chor der arabischen Oeffentlichkeit, die sich bisher absolut hinter die kompromißlosen antienglischen lind antijüdischen Kämpfer stellte und stellen mußte, sind noch sehr schwach und selten. Daß sie jedoch überhaupt auftauchen, deutet darauf, daß bei entsprechender Geduld und Festigkeit der Regierung und weiterer Zuriickdrängung des Terrors sie sich mehren und zu einer Macht werden können. Die letzten Tage brachten eine Reihe von schweren Zwischenfällen in Palästina. Wir bringen die Nachrieht darüber in chronologischer Reihenfolge. Mehrere Araber getötet Jerusalem, 11. November. (Palcor.) In der Nähe der Schneller Schule in Jerusalem wurde gestern ein Araber erschossen. Ein jüdischer Passant wurde verhaftet. Scheich Jawdat von der Omar-Moschee in Jerusalem, der ein Gegner des Mufti ist, wurde in der Nähe der Moschee angeschossen und schwer verwundet. Der Attentäter flüchtete in die Moschee, die sofort von Truppen umringt wurde, fn der Jerusalemer Altstadt wurde ein döjährigcr jemenitischer Jude namens Yehia Manzur angeschossen und verwundet. Der Araber, der der! Schuß abfeuerte, wurde von Polizei verfolgt. Nachts wurde auf einen Hilfspolizeiposten im Mekor Baruch-Vicrtcl geschossen. Die Kugeln drangen in die Räume ein und fielen zwischen die Betten, in denen die Polizisten schliefen. Niemand von ihnen wurde verwundet und sic erwiderten das Feuer, Heute wurde ein 75jähriger Araber aus dem Dorfe Lifta im Sanhedria-Viertel in Jerusalem e r s c 11 0 s s e 11. Durch die Explosion einer Bombe, die auf die arabische Omnibus-Halle in der Nähe des Hauptpostamtes in Jeru- Salem, anscheinend vom Dach eines Nachbarhauses, geworfen wurde, sind fünf Araber verletzt worden. Zwei Araber sind ihren Verletzungen erlegen. Ein junger Jude wurde später fcstgenommen. Auf eine Gruppe arabischer Arbeiter wurde unweit des Jerusalemer Bahnhofs ebenfalls eine Bombe geworfen, wobei jedoch niemand verletzt wurde. Jüdische Häuser in der Altstadt wurden abends mit Steinen beworfen, wobei mehrere Fensterscheiben eingeschlagen wurden. Im Zusammenhang mit dein gestrigen Angriff auf einen Jemeniten in der Jerusalemer Altstadt wurden beute zwei Araber verhaftet. Der Ausnahmezustand wurde heute wieder über ganz Jerusalem verhängt. Das Ausgehverbot erstreckt sich aui die Zeit von 5 Uhr nachmittags bis 5 Uhr früh. Straßenkämpfe Am Sonnabend abend wurde eine Bombe auf die Nissimback Synagoge in der Altstadt geworfen, die jedoch keinen Schaden anrichtete. Ferner kam es am Sonnabend erneut zu schweren Zusammenstößen, wobei vier Araber und ein Jude getötet und fünf Araber und fünf Juden verletzt wurden. Sonntag früh setzten sich die Unruhen auf den Straßen fort. Diese neuen Zusammenstöße forderten zwei Tote und zehn Verwundete. Die Täter konnten bisher noch nicht ermittelt werden, ln den gefährdeten Stadtteilen mußten die Autobusse umgcleitet werden. Da die Unsicherheit im Straßenverkehr wächst, ist der Schulbesuch der Kinder unmöglich gemacht. Die Straßen der Stadt werden ständig von Streifen in Panzerwagen durchfahren. Alle in die Stadt entfahrenden oder die Stadt verfassenden Autobusse werden überwacht. 111 der Nacht zum Sonntag wurde «in Araber, der im Verdacht des \X'affenschmug:’ds stand, von der Polizei erschossen, weil er einen Anruf der Poiizeibcamteii nicht beachtet hatte. Auf einen Autobus, der auf der Strecke Jaffa-— Jerusalem verkehrte, wurde von unbekannten Tätern geschossen; dabei kamen drei Araber ums Leben, Gegen Rache-Akte Jerusalem, 15. November (telegr.). Die hebräische Presse Palästinas verurteilt aufs schärfst? die Vorfälle am gestrigen Tage in Jerusalem. ״Haarez‘‘ erklärt, das Opfer unschuldiger Araber und Juden schreie aus dem Boden« Angriffe auf friedliche Araber schädigen nicht nur diese, sondern auch die jüdische Position im Lande. Da die Regierung drastische Maßnahmen getroffen hat, um den Terror, zu unterdrücken, seien die gestrigen Vorfälle eine Provokation, die nur die arabischen Terroristen erfreut. ״Dawar“ bezeichnet die Vorfälle als eine Schwächung des Jischuw. Das gleich erklärt die ״Palästine Post־‘. 32 Revisionisten verhaftet Ein Dutzend revisionistischer Führer wurde in Tel Aviv verhaftet, meistens Mitglieder des Betar. Unter ihnen Aba Achi-Meir, Dr. Fröhlich. Ericn Jabotinsky (der Sohn von Wladimir Jabotinsky). Acht wurden in Rechowoth verhaftet, ein Dutzend in Rischen le Zion und Nachlath .lehuda sowie anderen Gegenden. Diese Verhaftungen werden in Zusammenhang mit den Vorfällen in Jerusalem gebracht. Die Verhafteten haben zu gewärtigen, daß sic ins Gefängnis nach A k k r» gebracht werden. Nach einem weiteren Bericht wurden am Montag als Strafin aßsiahnie z w ei j u ti 1 s e h e W «linviertel mit je einer zcltnköpfigen Pol!/ei-Abteilung auf Kosten der Be- Volk e 1 u n g belegt. Zum ersten Male wird diese Maßnahme gegen Juden angewandt. Terroristen in der Omar-Moschee j er 11 s a 1 c m, <). November. (Palcor.) Einem Bericht zufolge ist der Terror im Bezirk Jerusalem in der Omar- Moschee zentralisiert und wird von mehreren Beamten des Obersten Moslemischen Rates, die dem Mufti ergeben sind, geleitet. In gewissen arabischen Kreisen nennt man auch die Namen dieser Beamten. Haifas neues Krankenhaus Das neue Haifaer Regierungskrankenhaus — eines der größten Haifaer Gebäude — ist soeben im Rohbau fertiggestellt worden und wird im Laufe der nächsten acht Monate seiner Vollendüng cntgegengehen. Das Photo vermittelt einen Begriff von den gewaltigen Dimensionen dieses Gebäudes, das das modernste und größte Krankenhaus Palästinas sein wird. Die Pläne stammen von Erich Mendelsolm und die Bauausführung erfolgt durch den Solei Boneh. Neben dem sechsstöckigen Hauptgebäude umfaßt die Krankenhausanlage noch zwölf weitere Blocks, die unter anderen] eine eigene Kraftstation, Schlächterei, Waschanstalt, Desinfektionsanstalt usw. enthalten werden. Außerdem werden in einiger Entfernung vom Hauptgebäude drei oder vier Einzclgebäude zur Unterbringung von Infektionskranken errichtet. Die Baukosten für alle Gebäude zusammen betragen zirka £P 100 000, und es ist beabsichtigt, bei der Ausstattung des Krankenhauses in großzügigster Weise die modernsten Apparate und Einrichtungsgegenstände zu, verwenden. Die Fertigstellung des Rohbaus ist mit bemerkenswerter Schnelligkeit in knapp vier Monaten vor sich gegangen. In dieser Zeit wurden täglich 300 Arbei- , , n . ter beschäftigt, die teilweise in zwei Schichten arbeiteten. Das Gelände, auf dem das Krankenhaus errichtet vnd, ist ein alter Park von 60000 qm, der zwischen iw Der Neubau des Krankenhauses! oto: \V, Locwenhftica, Haifa Haifa und Bat Galim in unmittelbarer Nähe des Meeres liegt. Dr. Ernst A sehn er. ״Man hat die Araber eingeladen.. Schertok auf der Konferenz der Histadrufli ' J e r u s a 1 e m, 12. November. (Palcor.) Am 8. 11. wurde I« Tel Aviv in Anwesenheit von 3000 Gästen aus dem ganzen Lande im Großen Saal des Messegebäudes die Konferenz der Arbeiterorganisation Palästinas eröffnet, an der 70 Vertreter der 100 000 Mitglieder der Histadruth teiinehmen. In seiner Eröffnungsansprache wies Remez aut die befriedigende Aenderung im Verhalten der Regierung dem Terror gegenüber hin. Er gedachte der Opfer der An- Schläge, unter denen sich zahlreiche Mitglieder der Histadruth befanden, und unterstrich sodann die große Leistung der Arbeiterschaft,der es gelungen ist, 18 neue Siedlungspunkte zu schaffen. Mosche Schertok gab eine Uebersicht über die jetzige Lage und beleuchtete auch die nächste Zukunft vor der Entscheidung der Frage des Judenstaates. Er erklärte, daß es die vornehmste Aufgabe sowohl der Jasager als auch der Neinsager sei, die Uebergangsperiode möglichst zu kürzen, da die Ungewißheit das Wirtschaftsleben lähme und die Einwanderung verlangsame. Was die Araber anbetrifft, so sei die Hand der Juden stets zu einem ehrenhaften Frieden, der die Interessen beider Teile gewährleistet, ausgestreckt. Man habe die Araber sowohl vor Veröffentlichung des Peel-Berichtes wie auch nachher zu Verhandlungen zwecks Erreichung einer Einigung auf Grundläge eines ungeteilten Palästina eingeladen, doch sei die Einladung wiederholt ahgelehnt worden. Schertok forderte die Regierung zur Inangriffnahme konstruktiver Arbeiten auf, die aus dem Budgetüberschuß zu finanzieren sein würden, und wandte sieh sodann der Frage der Sicherheit zu. Es sei nicht zu erkennen, bemerkte er, ob die vor kurzem eingetretenc verhältnismäßige Beruhigung Vorläuferin oder Abschluß einer Sturmperiode sei, es bestehe jedoch die Notwendigkeit, den jüdischen Anteil an den Verteidigungskräften zu erhöhen. Die Jerusalemer ״Oktober- Revolution“ habe bewiesen, daß die Juden mit ihrer seit April 1936 stets erneut vorgebrachten Forderung recht hatten. Der jüdische Anteil an der Polizei sei von 20 «0 auf 30 0״ gestiegen, während Tausende von bewaffneten Hilfspolizisten ln 200 Orten Tag und Nacht auf der Wacht stehen. Zum Schluß rief Schertok den Jischuw zur Wahrung von Ruhe und Disziplin auf. Weiterhin referierte H. Frumkin über die Wirtschaftliehe Lage. Er sagte, daß trotz ernster Schwierigkeiten kein Grund zur Verzweiflung vorhanden sei. Die Lage der Banken, sei gesichert, die Landwirtschaft sei im Prozeß der Expansion begriffen, während die kommende Zitrus-Saison sich als sehr aussichtsreich ankündige. Die Arbeitslosigkeit in den Städten betrage 3000, insbesondere im Baugewerbe, und die Histadruth bereite gerade ein Projekt vor, das die Beschäftigung von 2500 Mann bei öffentlichen Arbeiten gewährleisten soll. 3000 Leute seien bereits in Arbeiten, die von der Jewish Agency und dem Arbeitslosenfonds finanziert würden, beschäftigt; 1500 Arbeiter seien von den Städten aufs Land überführt worden, während Hunderte bei Marine-Bauten, Steinbruchwerken und beim Bau von 170 Häusern Arbeit gefunden hätten. Die Histadruth habe in den letzten Jahren nicht weniger als 3000 Gebäude errichtet, die £ 1 250 000 gekostet hätten. Nach diesem Bericht wurde die Debatte über politische Fragen, insbesondere über den Teilungsplan, fortgesetzt. Ben Gurion stellte fest, daß seit dem Kongreß in dieser Frage keine Aenderung eingetreten sei. Die Tagung wurde am 12. November geschlossen. Sie faßte eine Reihe von Beschlüssen, darunter, daß die endgültige Entscheidung über die Frage der Teilung beim nachsten Zionistenkongreß getroffen werden soll. Ferner wurde beschlossen, daß die Diskussionen über diese Frage in einer ,Weise geführt werden sollen, daß die Einigkeit innerhalb der. Bewegung aufrechterhalten bleibe. Ferner wurde ein energischer Protest gegen den neuen Eiriwanderungserlaß, der eine politische Höchstzahl der Einwanderung bestimmt, beschlossen. Der Arbeitslosenfonds soll vergrößert werden, und zwar sollen in Zukunft alle Mitglieder der Hitachduth, die mehr als £ i monatlich verdienen, einen Beitrag leisten. * Aus Schertoks Rede erfährt die Oeffentlichkeit zum ersten Male, daß von der Jewish Agency Bemühungen gemacht wurden, eine Verständigung mit den Arabern aut Grund eines ungeteilten Palästina herbeizuführen. Diese Mitteilung ist von höchstem Interesse schon darum, weil auch heute viele meinen, daß eine derartige Lösung anzustreben wäre. Es wäre wünschenswert, Einzelheiten darüber zu erfahren, insbesondere oh die Einladung bedingungslos oder bedingt abgelehnt wurde und von welchen arabischen Repräsentanten. Brand in Tel Aviv In Tel Aviv brach ein großer Brand aus, der zwei Fabriken und eine Garage der Gesellschaft ״Egged“ vernichtete. Arabische Feuerwehrleute kamen von Jaffa und halfen der jüdischen Feuerwehr bei den Löscharbeiten. Der Schaden wird auf ca. £ 10.000 geschätzt, -״׳ Der Ueberfall bei Kirjath Anawim Neue Siedlung geplant Die hebräische Presse verlangt nach dem Attentat bei Kirjath Anawim aufs nachdrücklichste die Bewaffnung des Jischuw zwecks Bekämpfung des Terrors. ״Pa lest ine Post“ führt in einem Leitartikel aus, daß die Opfer der jüngeren Generation von Kirjath Anawim angehürten. Sie wurden von arabischen Menschen jagen! wie Wild niedergeschossen. Die Mörder konnten sich jetzt mit dem grausigsten Verbrechen, brüsten, das im Verlauf des bereits 20 Monate dauernden Angriffes auf den Jischuw von ihnen begangen wurde. Die arabischen Gangster nennen dies Krieg, aber die Juden lassen sich nicht in eine solche Art von Kriegführung hinein/iehen. Das Blatt fordert dringliehst, daß den Juden erlaubt werde, die kindlichen Bezirke abz 11 patrouillieren, um die Terroristen zu verfolgen. Die Kwuzah Banra’aleh, der die fünf bei Kirjath Anawim erschossenen Chaluziin angehörten, faßte den Beschluß, eine neue Siedlung zu gründen, die zur Erinnerung an die Opfer Givath Hachamischa genannt werden soll. M. M. Ussischkin, Vorsitzender des Jüdischen Nationalfonds, wohnte der Sitzung der Kwuzah bei und versprach die Hilfe der Exekutive der Jewish Agency bei der Ausführung des Planes. Das Oberrabbinat bestimmte den 15. November als Tag der Andacht zum Andenken an die dem Terror zum Opfer gefallenen Märtyrer. -» ■ ־ ׳ ׳ - aui■ ' «wi■——