Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 91 (16.11.1937)
- Date
- 1937-11-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 91,16. XI. 1937 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Palästina-Bekenntnis der Juden Deutschlands Tagung der Jewish Agency und des Heren Hajessod — Berliner Veranstaltungen zur Feier des zwanzigjährigen Jubiläums der Ralfour-Deklaration Zwanzig Jahre nach Veröffentlichung der Balfour-Deklaration (und vierzig nach dem I. Zionistenkongreß zu Basel) ist für die Gemeinschaft aller Juden der Welt eine Zeit der Prüfung und Bewährung gekommen. Allen ist eine roße Aufgabe vor die Augen und vor die Seele gestellt: er Judenstaat! Aus diesem Traum der Väter soll Wirklichkeit werden, vor der wir uns zu prüfen und zu bewähren haben. Dies ist der tiefere Anlaß dafür, den Zeiteinschnitt von zwanzig Jahren zu markieren. Denn er markiert selbst eine Zeitwende im Schicksal und in der Geschichte des jüdischen Volkes. Von diesem Bewußtsein war die Stimmung des am Donnerstag den Leon-Saal in Berlin bis auf den letzten Platz füllenden Publikums beim Teeabend der Jewish Agency und des Keren Hajessod getragen, und dieses Bewußtsein klang auch aus allen Ansprachen der zionistischen und nichtzionistischen Redner über das Thema ״Juden Staat“ heraus, ln der Wechselwirkung des Redens und Hörens wurde eindeutig klar, welch weiten Weg der Werbung, Eroberung und Verwirklicnung die zionistische Idee in diesen zwanzig Jahren zurückgelegt hat, und daß es ein Weg von der Auseinander- Setzung zur Klärung gewesen ist, somit auch ein Weg aus dem Kampf der Anschauungen zum Sieg jener Idee und schließlich auch der Weg von einein peripherischen zum zentralen Judentum. Das Bewußtsein von alledem war es, das dieser Veranstaltung eine wahrhaft festliche Atmosphäre gegeben hat. Rabbiner Dr. Leo Baecks Begrüßungsansprache sammelte die Gefühle der Erschienenen in einem würdigen und hohen Pathos. Sein erstes Wort galt den Helden des Aufbauwerks in Palästina, den lebenden und, in herzbewegender Weise, vor allem auch den toten, zu deren ehrendem Gedenken sich die Versammlung von den Plätzen erhob. Auch des verstorbenen Felix Warburg wurde so gedacht. Der Judenstaat — eine werdende Tatsache das wurde das Leitmotiv seiner Rede. Es solle ein nicht nur von Juden bewohnter, sondern ein wahrhaft jüdischer Staat entstehen. Jüdischer Heroismus habe die Voraussetzungen für ihn geschaffen und werde ihn auch verwirklichen. Arbeit und Opfer, die den Sinn des heroischen Verhaltens jener Pioniere ausniachten, sei auch für Uns — für alle Juden! — die Devise und Pflicht zu sehen, was über und was vor uns ist, und danach, zugleich als Idealisten und als Realisten, zu handeln. Dem Realistischen wandte sich sodann der zweite Redner Dr. Herzfeld, Essen, Vorsitzender des Central - Vereins, zu, indem er sein starkes und überzeugendes Bekenntnis zum Aufbauwerk in Erez Israel an den Bericht über eine kürzlich unternommene Paläsiinareise anknüpfte. Sein tiefster Eindruck war der vom starken Motor des Aufbauwillens, und er erläuterte ihn an der beispiellosen Kühnheit und Raschheit, mit der an den (völlig unvorbereiteten) Bau des Hafens von Tel Aviv gegangen worden sei. Dies aber, so stellte er fest, sei kennzeichnend für das ganze Aufbauwerk — der entschlossene Wille, das Unmögliche möglich zu machen. Bei der Notlage, die ohne Verschulden des Jischuw entstanden sei, müßten alle Juden in die Bresche springen, müsse die jüdische Front unerschütterlich stehen. Nach ihren besten Kräften zu helfen, sei auch die selbstverständliche Pflicht der Juden in Deutschland. R.-A. Benno Cohn betonte, daß man bei einer solchen Ziisamenkunft von Zionisten und Nichtzionisten verbindlieh sprechen müsse — verpflichtet und verpflichtend. Dem Absinken der Prosperität dürfe kein Absinken der Stimmung für das Aufbauwerk folgen. Dies wäre, stellte er fest, ein Geist der Treulosigkeit gegenüber dem notvvendigen Geist der Solidarität. Die zionistische Idee wolle mehr und Größeres als nur die Besiedlung von Land, sie wolle die Erneuerung des Judentums, die Wiederbelebung der toten jüdischen Seelen in der ganzen Welt. Noch immer zerfalle das Judentum in Gruppen und Parteien. Werden wir, so fragte der Redner, auch jetzt noch in dem Schema Zionisten —־ Nichtzionisten stecken bleiben, das bereits antiquarisch Wirkt? Der Zionismus kann die Heimat des ganzen Volkes werden, er hat Raum für alle Juden, die an die Erneuerung des Volkes aus dem Geist des Judentums glauben. Der folgende Redner, Dr. Alfred Hirschberg, Chefredakteur der C.-V.-Zcitung, stellte fest, daß in die Arbeit der verschiedenen Gruppierungen der gleiche Sinn hineingekommen sei. Die Schaffung des Judenstaates habe für alle eine stärkere Verpflichtung und Verant• Wortung zur Folge. Wir teilen, so sagte Dr. Hirschberg, die Verantwortung, wir teilen die Arbeit, und wir teilen die Zukunft. Geschichte sei ein Vorgang, der einen Zwang für uns darsteilt. Und er schloß: ״Wir warten auf das Unervvartele, und wir wollen arbeiten, daß es uns nicht überrascht.“ Dr. Michael Traub schloß die Reihe der Redner. Er schilderte in großen, farbigen Umrissen die kühne Pio- 1t i erarbeit des jischuw, insbesondere soweit sie die politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten der beiden letzten Jahre zu einer wirtschaftlichen Offensive großen Stils benützt habe. 19 Gruppen seien hinausgezogen, um Stützpunkte an der Ostgrenze zu errichten. In diesen Menschen, die ihr Lehen für die Erschließung jüdischen Landes cinsetzen, lebt der Geist der ersten Bilupioniere. Aus den bedrohten Stützpunkten müssen aber Siedlungen werden. Vielleicht werden diese Sied- ..um.......mini.......!1.. Weizmantis Begrüßungsschreiben Das Begrüßungsschreiben, das Dr. Weismann an die Konferenz sandle, hat folgenden Wortlaut: London WCt, z. Zt. Paris, 10. November Ich habe den Juden ln Deutschland schon öfters eine besondere Botschaft geschickt und in früheren Jahren bisweilen auch selbst an ihren Tagungen teilgenommen; ich weiß, daß meine Worte auch diesmal Gehör bei ihnen linden werden. Das Werk, das in Palästina geschaffen wurde, hat in den letzten Jahren auch den Juden Deutschlands Stütze und Hoffmung bedeutet! die Verbindung zwischen ihnen und Erez Israel ist immer inniger geworden. Die Jugend, die Sie uns geschickt haben und die heute in den Reiben des schaffenden und ringenden Erez Israel steht, ist unser Stolz wie der Ihre. Unser Werk steht fest und unerschüttert; wir sind nicht gewohnt, seine Bedeutung für Judentum und Judenheit nur nach quantitativen Maßstäben zu messen. Aber wir stehen in einer Schicksalsstunde und durchleben eine schwere Zeit; wir dürfen unsere Jugend, unseren Jischuw, unser Werk nicht allein lassen; die heiligen Opfer, die das jüdische Volk in Palästina bringt, dürfen nicht vergeblich sein. Die Grundlagen des Werkes sind in jahrzehntelanger Arbeit von Pionieren errichtet worden, die die Gesamtheit der Juden nicht immer ausreichend unterstützt hat. Das Werk im Vertrauen auf die Zukunft zu behaupten und weiter auszubauen, ist die Aufgabe, die unsere Generation zu erfüllen hat, eine Aufgabe, die den Einsatz aller Kräfte der Judenheit, der geistigen, wie der materiellen, verlangt. Ich bin sicher, daß die Juden Deutschlands in vorbildlicher Weise zu ihrer Erfüllung beitragen werden. Ich begrüße Ihre Konferenz aufs herzlichste; möge Ihre Arbeit den Juden der ganzen Welt und unseren Brüdern in Erez Israel zum Segen sein. Ch. Wcizmann lllllllllllllllllllllll!IIIH1m1llllllll!MIIIIIIIIIIII!!n1!lllllllllllllllllll[!Hlillllllll!llllllilllHIIIII!llllll!llllllllll!IIM!mnllfllllMfll(ll Jungen Grenzpfähle des kommenden Judenstaats sein. Noch sie war nationales Kapital so staatsbildend wie in unseren Tagen. Darum ruft der Keren Hajessod. jeden Einzelnen zu äußerster Pflichterfüllung auf. Der Gemeinde - Abend in der Synagoge Prinzregentenstraße, den am Sonnabend die J e w i s h Agency, das Präsidium des Keren Hajessod und der Vorstand der Berliner Jüdischen Oeneinde unter dem Zeichen ״Von der B a I f 0 u r - D e - klaration zum Judenstaat“ veranstaltete, sah ebenfalls ein übervolles Haus und, nun in breiterem Rahmen, ein ebenfalls festlich gestimmtes Publikum. Die Veranstaltung war von etwa 3500 Personen besucht; Hunderte fanden keinen Einlaß mehr. Rabbiner Dr, Leo Baeck sprach wiederum die Begriißungsworte. Wiederum fand durch ihn und die sich erhebenden Zuhörer eine feierliche Ehrung der Toten in Erez Israel statt. Dr. Baeck meinte, man solle nicht von ״Teilung“ des Landes der Väter sprechen, sondern von einem n c u e n Anfang und Beginn, nicht von dem geteilten Palüstina, sondern Von dem erneuerten jüdischen Erez Israel. Jeder von uns müsse wissen: Auch für dich beginnt dort etwas, und auch du sollst beginnen mit dem Opfer! Unserer Pflicht und unserni Opfer ist das Land anvertraut. Sodann sprach der Gemeindevorsitzende Direktor Heinrich Stahl und setzte sich zuerst mit einigen Berliner Juden auseinander, die ihm in Briefen vorgeworfen hätten, daß er, ohwohl von den liberalen Juden gewählt, sich in den ״Dienst der zionistischen Propaganda“ stelle und für diese ״sogar“ ■einen üemeindeabena veranstalte! Sodann stellte er fest, daß die Bedeutung der Balfour-Deklaration von den Juden in Deutschland erst im Jahre 1933 erkannt worden sei. Durch die Deklaration sei den Juden die Möglichkeit gegeben m zeigen, daß sie Heimstätten hauen könnten. Für das Werk in Palästina müßten wir dankbar sein. Es sei «ine Angelegenheit aller Juden in der Welt geworden, und auch uns obliegt die Pflicht, durch Opfer von unserer Verbunden- Leit mit dem Aufbauwerk Zeugnis abzulegen. Nach dieser Stellungnahme des Vorsitzenden der Ber* liner Jüdischen Gemeinde entwarf Dr. Michael Traub von dieser eine eingehende Schilderung des Palästina-Aufhaus, wobei er bis /.um I. Zionistenkongreß /«rückging, um den harten Werdegang der zionistischen Piori i erarbeit zu beleuchten. Schließlich stellte er die Kardinalfrage: Wie können wir Juden in der ganzen Welt unsere Kräfte so vereinigen, damit die Nachteile der Kleinheit und der Teilung herabgenündert werden? (Wir werden über den Vortrag von Dr. Traub in der nächsten Ausgabe eingehender berichten.) Zum Schluß kamen zwei Vertreter der jüdischen Gemeindeverbände zum Wort. Dr. Alfred Klee sprach für den Preußischen Landesverband und stellte lest, daß die jüdischen Gemeinden dem Palästinawerk sich eng verbunden fühlten. Die Gemeinde sei ja nicht Selbstzweck, sie sei das Iluchste, was wir haben, wenn sie ihre höheren Zwecke erkenne und erfülle. Dann sei auch die gemeindliehe Verwaltung die beste Vorbereitung für die Selbst- Verwaltung in Palästina. Am wichtigsten aber sei: Die Gemeinden müssen durch ihre Lehrer und Rabbiner den echten Geist für Palästina in die Jugend ei1q1flanz.cn, die echte Zionsliebe. In bewegenden Worten bekannte sich sodann Oberstlandesgerichtsrat a. D. Dr. Neumayer (München) für die jüdischen Gemeimieverbände Suddeutschlands zu Erez. Israel und der Pflicht eines jeden Juden, am Aufbau des Landes tcilzunehmen. Beiden Abenden gab das «chön spielende Kulturbund- Orchester unter der ausgezeichneten Leitung von Rudolf Schwarz einen künstlerischen Rahmen. Mit der Hatikwah fanden beide Abende ihren Abschluß. hs• Die Agency ־ Tagung Die Tagung des Beirats der Jewish Agency in Deutschland wurde durch ein Referat von Dr. Leo Baeck eingeleitet, der einen l/'eberhliek über die Verhandlungen in Zürich gab, nachdem er zuvor ein Begnißimgstelegramm der Jerusalemer Exekutive und der Abteilung für Ansiedlung von Juden aus Deutschland verlesen hatte, l ernet lag eine Begrüßung seitens Dr. W e i 1111 n 1111 s vor. Dr. Baeck schileierte die Fronten, die sich in Zürich gcgemibergestandeti hatten. Er wies auf die großen Schwierigkeiten hin, die mit der Gründung eines jüdischen Staates Zusammenhängen, aber auch auf die Möglichkeiten, die sich uns eröffnen. Schließlich wandte sich der Redner dem Araherproblcm ZU und charakterisierte die in Zürich zutage getretenen Auffassungen. Wenn man mit den Arabern zu einem Einverständnis gelangen wolle, so müsse man — dies war die Ansicht der Amerikaner in Zürich — ein positives Programm haben. Wenn auch der Zeitpunkt hierfür jetzt nicht gerade günstig sei, so könne man sich doch dieser Aufgabe nicht entziehen, ln diesem Zusammenhang widmete Dr. Baeck dem verstorbenen Felix Warburg einen warm empfundenen Nachruf. Die Jewish Agency, so schloß er sein Referat, habe in Zürich ihre Feuerprobe bestanden; in der Agency haben sich die Juden Europas und Amerikas zu gemeinsamer Arbeit zusamtnengef linden. Das zweite Referat wurde von Dr. Michael Traub er* stattet, der eine kritische Analyse des Peel-Ber ichtes gab. Er griff drei Fragenkomplexe heraus: die Völkerrechtliche Argumentation des Berichtes in Zusammenhang mit der Schilderung der während des Krieges abgegebenen Verspreclumgcn und der während des Krieges und danach abgeschlossenen Verträge; die Schilderung der jüdisch-arabischen Beziehungen und der Beziehungen des arabischen Volkes zur englischen Mamlatarmacht von 1920 bis 193(1; sowie die gegenwärtige Lage im Zusammenhänge mit den Empfehlungen des Berichts. Hinsichtlich der juristischen Argumentation des Pecl-Bericbts warnte Dr. Traub davor, unseren Anspruch auf Palästina allein aus den dort zitierten Dokumenten abzuleiten, da er schon vor der Baifour-Deklaration und dem Mandat bestand zu einer Zeit, als wir uns noch nicht auf völkerbundsrechtliche Zusagen berufen konnten. Nach der Auf/eigung mancher Lucken in der Beurteilung der Entwichhing der Araberfrage durch den Peel-Bericht: unterzog Dr. Traub schließlich noch die Kritik des Peel-Berichts an der Jewish Agency einer Anti-Kritik und wies in diesem Zusammenhange auf die imentschlossene Politik der Mandatarmacht hin. I)r. Traub schloß mit der Feststellung: ״Lntsclieidem! bleibt der vom Peel-Bericht festgcstellte Grundsatz, daß das britische Interesse mit dem britischen Gefühl parallel geht, und daß der Konflikt zwischen den Verpflichtungen dem jüdischen 1111d dem arabischen Volke gegen über um so schlimmer ist, als jede dieser Verpflichtungen für sich genommen mit den britischen Gefühlen und Interessen übereinstimmt. Aufgabe jüdischer Politik wird es daher sein müssen, eine Svnthese zwischen unseren Forderungen lind den britischen "Interessen zu finden. Die richtige Formel für die Uebereinstimiming von Interessen und Gefühlen wird dann auch britisclierseits zu gegebener Zeit gefunden werden.“ In der Aussprache ergriff als erster Dr. Hans Friedenthal (Berlin) das Wort, der betonte, daß der Erfüllung Auf dem Podium beim Teeabend im Cali Leon; von links nach rechts: Dr. Otto Hirsch, Frau Lola llahn-Warburg, Dr. Siegmund Wassermann, Dr. Leo Baeck, Dr. Merzfeld (Essen), Dr. Michael Traub, Dr. Alfred Hirschberg, Rechtsanwalt Benno Cohn. — Rechts Gemeindekundgebung in der Syn. Prinzregentenstraße; Direktor Heinrich Stahl spricht Fotos: Herbert Sonneofeld fhft V! .; <• ' m יג-