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Jüdische Rundschau · 1937-11-12 · Heft 90 (12.11.1937) · page 15

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 90 (12.11.1937)
Date
1937-11-12
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 90, 12. Kl. 1937 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 15 Die ״Ghetto-Bänke“ in Polen In der Technischen Hochschule in Posen, an der nur wenige Juden studieren, sind auf Grund einer Verfügung des Rektors besondere Bänke für die jüdischen Hörer eingeführt worden. Die jüdischen Studenten haben beschlossen, zum Zeichen des Protestes den Vorlesungen stehend beizuwohnen. י Eine Abordnung der antisemitischen Studenten an der Krakauer Universität hat dem Rektor der Universität, Prof. Szafer, ein Memorandum überreicht, in dem die offizielJe Einführung von Ghettobänken für die jüdischen Hörer gefordert wird. Eine Delegation der jüdischen Studentenschaft an der Wilnaer Universität hat angesichts der drohenden Einführung von Ghettobänken bei dem Rektor vorgesprochen. Der Rektor erwiderte, er selbst halte es für moralisch unzulässig, Ghettobänke einzufiihren, man übe aber von allen Seiten einen Druck in dieser Richtung aus; sollte er zur Einführung des Hochschulgliettos gezwungen werden, so würde er seine Demission geben. Obwohl die Einführung von Ghettobänken an den War• schauerHochschulen verfügt wurde, um — wie es in den Erlassen des Rektors heilst — ״die Ordnung an den Hochschulen aufrechtzuerhalten“, kommt es dauernd zu Zusammenstößett. Nicht nur die der nationaldemokratischen und der nationalradikalen Partei angehörenden Studenten, sondem auch Mitglieder der Jugeridverbände unternehmen Angriffe auf jüdische Studenten und diejenigen Professoren, die öffentlich die Einführung der Ghettobänke mißbilligt haben. An der Warschauer Universität kam es zu schweren Ausschreitungen; mehrere jüdische Hörer wurden blutig mißhandelt. Auf der Pharmazeutischen Fakultät kamen polnische Studenten ihren jüdischen Kollegen zu Hilfe, Infolge antijüdischer Ausschreitungen an der Handelsmittelschule in Warschau ist der Unterricht vorübergehend eingestellt worden. Neue Ausschreitungen Warschau, 10. November ' Wie vorauszusehen war, haben die Nationaldemokraten heute am Jahrestage des Todes des in Wilna während antijüdischer Ausschreitungen umgekommenen polnischen Studenten Waciawski, in den Universitätsstädten grobe Demonstrationen gegen Juden organisiert. Sowohl in Warschau, als auch in Lemberg, Krakau und Wilna hielten die Nationaldemokraten Versammlungen ab, und nachher begannen Exzesse und Krawalle. Nach den ersten Meldungen haben die Unruhen rrnsten Charakter angenommen. Viele Juden wurden aut den Straßen überfallen, jüdische Geschäfte und Lokale geplündert. Südafrikanische Notizen Von unserem Berichterstatter Johannesburg, Ende Oktober Zum Neujahrsfest 5698 sprach eine Anzahl führender Persönlichkeiten des südafrikanischen politischen Lebens der jüdischen Bevölkerung der Union ihre Gückwünsche aus. Neujahrshotschaften, die in der alljährlich erscheinenden Zeitschrift ״South African Rosh Hashana Annual and Jewish •Year Book‘* veröffentlicht wurden, gingen ein von dem ustizminister General Smuts, dem Erziehung«- und Wohlahrtsminister Hofmeyr, dem Land- und Forstwirtschaftsminister Oberst Reitz, dem Eingeborenenmitiister Grobler, und dein Minister ohne Portefeuille Sturiock. Glückwünsche sandten ferner die Oberpräsidenten der Transvaal- und Natal-Provinz. Die Gouverneure von Nord- und Südrhodesien waren ebenfalls mit Botschaften vertreten. In einer Rede in Stellenbosch, einer der Hochburgen der südafrikanischen Nationalisten, warnte der Erziehungs- und Wohlfahrtsminister Hofmeyr die Bevölkerung davor, antisemitischen Parolen Folge zu leisten. Er sagte, daß eine Stel- Iungnahme gegen den Antisemitismus weniger der Juden wegen, sondern deshalb notwendig sei, weil religiöse und rassenmäßige Agitation eines der Mittel sei, mit dem die Gegner der in Südafrika herrschenden Staatsform das demokratisch-libcrale Regierungssystem zu untergraben suchten. Zeitungsmeldungen zufolge beabsichtigt das Südafrikanische Arbeitsministerium eine Untersuchung gewisser Schwierigkeiten anzustellen, die sich in der Änwendüng allgemeinverbindlicher Tarifverträge bei der Anstellung von Einwanderern ergeben haben. Es wird behauptet, daß zahl- Teiche Einwanderer bei der Stellensuche ihre überseeische Ausbildung, teils aus Unkenntnis, teils deswegen verschweigen, um überhaupt eine, wenn auch nur gering bezahlte, Stellung zu erhalten. Sie werden auf diese Weise in eine n i e d r i ־ gere Tarifklasse eingereiht, als es ihrer Ausbildung entspricht, und spätere Inspektionen fördern dann Verstöße gegen Tarifverträge zutage, die zu Unzuträglichkeiten für die Arbeitgeber führen. Unter den Fällen befinden sich anscheinend auch Einwanderer aus Deutschland. In ähnlichem Zusammenhänge wurde kürzlich ein Prozeß entschieden, in dem ein Kaufhauskonzern wegen Ver- Stoßes gegen einen Tarifvertrag verklagt war. Der Konzern hatte sich auf den Standpunkt gestellt, daß überseeische Praxis für die in dem betreffenden Tarifvertrag vorgeschriebenen Gehaltsstufen nicht anzurechnen sei. Außerdem machte die Firma bezüglich einer Reihe von ihr beschäftigter Ein- Wanderer aus Deutschland auch geltend, daß sie vorwiegend nur ״aus Mitleid“ eingestellt worden seien. Das Gericht erkannte diesen Einwand aber nicht an, sondern verurteilte sie zu tariflicher Oehaltsnachzahlurig. * Nach mehr als dreijährigen unermüdlichen Vorarbeiten elang Joseph Trau neck, früherem Dirigenten in Saarrücken, die Gründung eines großen Johannesburger Symphonie-Orchestcrs. Die Veranstaltungen des Orchesters stehen unter dem Protektorat des südafrikanischen Oeperalgotiverneurs Sir Patrick D u n c a n, des Bürgermeisters von Johannesburg und des jüdischen Industriellen I. W, Schlesinger. Unter den 76 Mitgliedern des Orchesters befinden sich eine Anzahl von Amateuren, darunter einige Einwanderer aus Deutschland. Die erste Veranstaltung des Trauneckschen Orchesters, bei der der jüdische Pianist Mark Hainbourg als Solist mitvvirkte, war ein außerordentlich starker künstlerischer und gesellschaftlicher Erfolg. Das Pioneer Theatre 1937 führte ״Beggare’ Opera“ (Dreigroschenoper) in neuer englischer Bearbeitung auf. Die Zahl der Aufführungen eines und desselben Stückes stellt für die noch in den Anfängen begriffenen Theaterverhältnisse Südafrikas einen Rekord dar. Die künstlerische Leitung lag in den Händen von Marianne Cassirer und Leo Kerz, der auch Regie führte und die Bühnenbilder entwarf. Hermann Herz hatte die musikalische Leitung und Hans Weiß zeichnete als Dramaturg. Eine Ausstellung von Werken eingewanderter Künstler und Kunstgewerbler wird Ende Oktober in Johannesburg unter dem Protektorat des Bürgermeisters und anderer führender Persönlichkeiten stattfinden. Die Aussteller bestehen überwiegend aus jüdischen Einwanderern aus Deutschland. Dr. F. P. In Warschau bewegte sich heute ein riesiger Demonstrationszug durch die belebtesten Straßen. Vor vielen hekannten jüdischen Geschäften standen nationaldemokratische Wachtposten. Die Teilnehmer am Demonstrations/.ug riefen an vielen Punkten ernste Ausschreitungen hervor. Die Polizei hat mehrere Verhaftungen vorgenomimm. Sämtliche Hochschulen sind heute von den Senatsbehörden gcschloss«n worden, da man schon seit einigen Tagen infolge der rationaldemokratischen Agitation größere Zusammenstöße befürchtete. In Lemberg dauern die Unruhen an der Universität ununterbrochen fort. Der Aufruf des Rektors Kulqzyiiski an die Studenten, über den wir berichtet haben, brachte nicht nur keine Beruhigung, sondern verschallte noch die Situation. Die Nationaldemokraten erklären den Schritt des Rektors als ihren Sieg, die Juden und die demokratischen Kreise kommentieren ebenfalls den Beschluß des Rektors als einen Versuch, Ghettobänke auch in Lemberg einzuführen. Es wird dem Rektor vorgeworfen, daß er im voraus Ghettobänke eingeführt und die Anfrage an die Studenten so formuliert habe, daß man nicht die Möglichkeit habe zu antworten, ob man für oder gegen die Ghettobänke überhaupt sei, nur in welchem ״Ghetto“ man sitzen möchte. Durch das Plebiszit wurde zwar der Schein einer freien Entscheidung gewahrt, in Wirklichkeit aber ist man durch den prinzipiellen Beschluß des Rektors gebunden. Dazu kam, daß die Nationaldciriokraten an der Leinberger Universität, um den Ausgang des Plebiszits in ihrem Sinne zu erzwinge n, c ine T error pro paganda entwickelt haben. Kein polnischer Student, der ein Gegner der Nationaldcmokraten ist, wurde zur schriftlichen Abgabe der Deklaration zugelassen. Es kam zu mehrmaligen Zusammenstößen, und gestern sah sich Rektor Kulczynski gezwungen, anzuordnen, daß die schriftliche Antwort der Studenten nur durch die Post erteilt werden könne. Inzwischen aber meldeten sich beim Rektor Vertreter der jüdisehen Studentenschaft und protestierten feierlich auch gegen diese Form des Hochschulghettos. Es erschien auch vor dem Rektor eine Delegation polnischer Bürger mit dem ehemaligen Wojewodcn von Leinberg Graten Dun i n״ Borkowski an der Spitze, welche ebenfalls ihre negative Stellung zum Rektoratsbeschluß darlegten. Auch Vertreter der Ukrainer in Ostgalizien haben ein Manifest gegen die Ghettobänke erlassen. Bei mehreren gemeinsamen Kundgebungen in Lemberg haben sowohl Juden als auch Ukrainer und Polen einen energischen Kamp! für die Glciehberechti- |11ng an der Universität proklamiert. Die Situation in Lemberg Ist noch heikler als in Warschau, weil die nationaldcmokratische Agitation sich hier nicht nur gegen die Juden, sondern auch gegen die ukrainische Minderheit wendet. aus Ue&eAsce Die ״Jüdische Rundschau״ bringt fortlaufend neben ihrem ausgedehnten Palästina-Nachrichtendienst Berichte aus den anderen wichtigsten von Juden bewohnten Ländern und vor allem über die Lage und die Ereignisse fn den wichtigsten lleberseeländern, die für die jüdische Auswanderung aus Deutschland in Frage kommen. Diese Berichte haben nicht nur hei den Lesern starkes Interesse gefunden, die selbst in diese Länder ausz.uwandern beabsichtigen, sondern vom allgemein jüdischen Standpunkt ist heute mehr denn je das Wissen um die Lage und das Denken der Juden in allen Teilen der Welt wichtig. So wurden z. B. di« ersten ausführlichen Informationen über die jüdische Lage in Südamerika den Juden in Deutschland durch die Artikelserie übermittelt, die Dr. Arthur R u p p i n, der zionistische Kolonisator und Verfasser der ״Soziologie der Juden“, Anfang 1936 in der ״Jüdischen Rundschau“ veröffentlicht hat. Seit dieser Gesamtdarstellung sind viele Einzelberichte erschienen• Um das Nachschlagen für diejenigen zu erleichtern, die die ״Jüdische Rundschau“ sammeln, geben wir nachstehend ein Verzeichnis der hauptsächlichsten im Jahre 1937 erschienenen Artikel und Berichte aus den Uebers«eländern. Wir werden auch in Zukunft wie bisher diesem Teil unseres Inforrnationsdienstes größte Sorgfalt zuwenden. (Red.) Nordamerika■. USA.: Jüdische Musiker in USA. (Nr. 1) — Was die amen- Iranische Judenbeit ausgibt (Nr. (!) — Uraufführung des ״Weg der Verheißung“ (Nr. 7) — Ein Fünf-Miilionen-Drive (Nr. 10) — Die Washingtoner Konferenz (Nr. 11) —■ Rcalitäten und Hirngespinste in USA. (Nr. 12) — Rooscvelts Botschaft (Nr. 14) — Das Jubiläum der Hadassah (Nr. 17) — Führer-Nachwuchs in USA. (Nr. 21) - - Eindrücke eines Kalifornicn-Einwandcres (Nr. 26 u, 50) — Jiddisches Theater in Amerika (Nr. 33) — Amerikas Interesse für Palästina (Nr. 42) — Lord Melchett in USA. (Nr. 45) — Musikleben in USA. (Nr. 51) — Amerikanisches Allerlei (Nr. 55) — Zur Frage der gemischten Agency (Nr. 60) — KKL-Konferenz in Amerika (Nr. 82) — Um die amerikanische Konstitution (Nr. 83) — Um den Judenstaat (Nr. 84) — Amerikanischer Zionismus (Nr. 86). Südamerika Argentinien: Südamerikanische Agcncy-Sektion (Nr. 42) — Argentinisches Judentum und Palästina (Nr. 45) — Siedler in Argentinien (Nr. 47) — Präsidentenwahl in Argentinien (Nr. 79). Brasilien: Jüdisches aus Brasilien (Nr. 5) — Vor dem neuen Einwanderungsgesetz in Brasilien? (Nr. 24 25) — Einwanderung nach Brasilien vorläufig gesperrt (Nr. 58) — fn einer brasilianischen Kleinstadt (Nr. 70'71) — Präsidenten- Wahlkampf in Brasilien (Nr. 73) — Gemeindeprobleme in Sao Paulo (Nr. 88). Chile: 50 Familien nach Chile (Nr. 45) — Jüdisches aus Chile (Nr. 47) — Bericht aus Chile (Nr. 62). Columbien: Keine Kaufleute nach Columbien (Nr. 42). Uruguay: Jüdisches Lcbeii in Uruguay (Nr. 6 u. 26). Afrika Südafrika: Einwanderung nach Südafrika (Nr. 1) —• Die Lage der Juden in Südafrika (Nr. 1) — An die Bürger Südafrikas (Nr. 2) — Die Einwanderung nach Südafrika (Nr. 5) — Erschwerte Einwanderung (Nr. 7) — Einwanderungsgesetz angenommen (Nr. 8) — Immigrationsgesctz in Kraft (Nr. 10) — Jahotinsky in Südafrika (Nr. 30) Südafrikas Absperrung (Nr, 36) — Mit Ausweisung bedroht (Nr. 53) — Die Anwendung der südafrikanischen Einwanderungsgesetze (Nr. 61) — Jüdisches aus Südafrika (Nr. 63) — Wahl im Zeichen der Judenfrage (Nr. 89). Madagaskar: Das Madagaskar-Projekt (Nr. 38/39) — Zum Problem jüdischer Siedlung (Nr. 45) — Madagaskar als Siedlungsland (Nr. 50) — Widerstände und Möglichkeiten (Nr. 56) — Untersuchung auf Madagaskar (Nr, 63) — Die Ansiedlungsmöglichkeiten auf Madagaskar (Nr. 78). Australien Australien: Von australischen Juden (Nr. 24/25) — Einwanderung nach Australien (Nr, 70/71), Oppenheim I Dos bekannte Spetialhaus für Kleiderstoffe I Ctiarlottenburg, Wilmersdorf er Str. 115-116 I Wollstoffe — Samt — Seidenstoffe | Das Kammergfericht zur Frage der Staatsangehörigkeit Für die in Deutschland lebenden Ausländer ist es von lebenswichtiger Bedeutung zu wissen, welchen Einfluß die Friedensverträge auf ihre Staatsangehörigkeit gehabt haben. Dies gilt namentlich für die Personen russischpolnischer Herkunft. Es kann zweifelhaft sein, ob sie Russen, Polen oder Staatenlose sind. Di« Frage ist in mannigfacher Hinsicht von großem praktischem Interesse, so z. B. bezüglich des Armenrechts, das infolge Verbürgung der Gegenseitigkeit polnischen und sowjetrussischen Staatsangehörigen gewährt, staatenlosen Juden aber regelmäßig verweigert wird; ferner für die öffentlichrechtliche soziale Fürsorge. Audi für das nach deutschem internationalem Privatrcrht anzuwendende ausländische Recht und die Frage der Zuständigkeit ist ihre staatsrechtliche Stellung von Wichtigkeit, Da ihr Pe! sonen kr eis in Deutschland nicht klein ist, soll die Frage kurz beleuchtet werden. Maßgebend für ihre Staatsangehörigkeit ist der Rigaer Friedens vertrag. Dieser stellt die außerhalb Polens lebenden Bürger des ehemaligen russischen Kaiserreichs den Bewohnern Polens gleich und bestimmt für beide, daß sie bei Eintragung oder flintragimgsherechtigung in die polnischen Heimatrcgister ein Optionsrecht für Polen haben sollen. Als Stichtag der verwaluingsrcchtlichen Zugehörigkeit ist der Kriegsheginn (also der 1. August 1914), als Stichtag des Aufenthalts im Auslande der Gcluingsbeginn des Rigaer Verträges (der 30. April 1921) maßgebend. Diese Bestimmungen des Rigaer Vertrages sind vcrschie* den ausgelegt worden. In keinem Fall sind solche Personen, wie jetzt übereinstimmend von der sowjetrussischen und polnischen Praxis angenommen wird, Russen geblieben; denn Rußland wollte gerade durch den Vertrag zum Ausdruck bringen. daß es auf die Personalhobeit über diese Staatsangehörigen verzichtet und sie nunmehr als Polen befrachtet. Auch das polnische Obcrvcrwahungsgericht hat sich dieser Auffassung angeschlossen — im Gegensatz nim polnischen Außen• und Innenministerium ~~ und erkennt ihnen die polnische Staatsangehörigkeit zu. Das hiesige Fremden amt betrachtet häufig solche Personen, da sie die russische Staatsangehörigkeit verloren, die polnische aber nach seiner Ansicht nicht erlangt haben, als staatenlos und stellt ilinen einen Fremdenpaß aus. Ungeachtet des Passes aber haben sich die deutschen Gerichte auf denselben Standpunkt gestellt, den die sovjctrussischc und polnische Praxis vertreten hat, und den Paßinliaber als Polen erklärt. Das Kammergericht hat in ständiger, vom Reichsgericht gebilligter Rechtsprechung entschieden, daß diese Personen Polen sind und auf die Rechtswohlfahrten für Polen Anspruch haben. In einer neuen Entscheidung vom 14. Dezember 1936 hat es diese Rechtsprechung bekräftigt. Staatenlose dürfen daher ein Interesse daran haben, ihren Paß unter dem obigen Gesichtspunkte zu prüfen und ihn — auch ohne daß ein Rechtsstreit vorlicgt — im Vcrwaltungswege berichtigen zu lassen, und zwar durch Eingabe beim Fremdenamt, evtl, durch Beschwerde heim Ministerium. Justizrat L i s s n e r, Berlin Razzia im Budapester Juden-Viertel ln der Nacht zum Sonntag hat das Fremdenkontrollamt Im Budapester judenviertel eine große Razzia durchgeführt. Geheimpolizisten ließen die bereits geschlossenen Haustore öffnen, drangen in die Wohnungen der Mieter ein und forderten sie auf, ihre Dokumente bzw, Aufenthaltsbewilligungen vorzuzeigen. Wer sich nicht sofort atisweisen konnte, wurde in das Schuhhaus (Zwangsarbeitshaus) gebracht. Insgesamt wurden 503 Personen f e s t g e n o in m e n. Während des ganzen Sonntags fanden Verhöre statt. Die Reichstagsabgeordneten Rupert und Fabian haben bei der Uberstadthauptniannschaft (Polizeipräsidium) vorgesproeben, um die schnelle Freilassung der Verhafteten zu veranlassen. Es wurden schließlich nur 29 Personen i!1 Haft behalten, weil sie keine Aufenthaltsgenehmigungen vorweisen konnten. Sie sollen des Landes verwiesen werden, Aelmliciie Razzien haben in A 11 o f e n und B 0 n y h a 11 i stattgefumlen. 111 eiern amtlichen Con1!mmi(jue, das das Ungarische Telegraphen-Biiro zu diesen Vorfällen ausgegeben hat, heißt es, daß die Eiemdenkotitrollr in Zukunft noch strenger ge handhabt werden soll. Obwohl es sieh herausgestellt hat, daß zu der Festnahme des weitaus größten Teils der Beanstandeten kein Grund vorlag, schreibt das judenfeindliche Blatt ״Virradat“, die Maßnahmen der Polizei seien dadurch gerechtfertigt, daß der Zustrom von Galizianern zu einer Gefahr für Ungarn geworden sei. Demgegenüber wird von jüdischer Seite darauf hingewiesen, daß Ministerpräsident Daränyi vor kurzem selbst erklärt hat, in den letzten Jahren sei infolge der strengen Grenzkontrolle keine Einwanderung aus Galizien mehr erfolgt, Hubermans Befinden. In Wien ist Anfang dieser Woche ein Flugpostbrief des verunglückten B r o n i s I a v H überman eingetroffen, wonach dieser sich auf dem Wege zur vollkommenen G enesu n g befinde. Er halte sich noch in einem Krankenhaus auf Sumatra auf. Die Aerzte hätten ihm die Garantie gegeben, daß er seine Spielfähigkeit restlos wiedercrhalte. Schon jetzt mache er bereits täglich Fingergelenksübuiigen. Aus der ״JÜDISCHEN RUNDSCHAU־' v. 8.11.19121 Der überlegene Sieg den Präsidcntscbaftskandi• daten Wilson hat leider sein Gegenstück in der Niederlage des Herrn Oscar Strauß im Kampfe um den Gouverneurspmtcn des Staates New York gefunden. Strauß ist bekanntlich Parteigänger Raosevelts. Zum Gouverneur wurde derselbe Salzer gewählt, der im IJnterhausc die bekannte ״Resolution Stiher" einbrachte, die die Kündigung des Handelsvertrages mit Rußland verlangte. Der ״Rund Jüdischer Korporationen" hat als einen Sondcrdruck aus seiner Zeitschrift eine Broschüre von M. Calvarp: ״Die Aufgaben des deutschen Zionismus" erscheinen lassen. Wir empfehlen diese Arbeit als ein hervorragendes Hilfsmittel bei der Propaganda in den gebildeten, speziell akademischen, Kreisen.

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