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Jüdische Rundschau · 1937-11-12 · Heft 90 (12.11.1937) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 90 (12.11.1937)
Date
1937-11-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 90, 12. XI. 1937 cALmmÄMu Die Memoirenliteratur stellt heute ein besonders ״motiernes“ Gebiet der Gesamtlitcratur dar. Unsere Zeit hat sehr viel Interesse für das Biographische und sicht gern die Ereignisse und die Strömungen einer Zeit sich im Wesen einer bestimmten Persönlichkeit spiegeln. Wir kennen diese Art der Literatur im Judentum von jeher, finden wir doch ihre ersten Wurzeln schon in der Bibel und können wir z. B, in den Erinnerungen des Flavins Josephus ein Standardwerk der Memoirenlitcratur aus antiker Zeit zur Weltliteratur beisteuern. Als ein besonderes Werk von biographischem Charakter, wenn es auch weit über das ,Biographische hinausgeht, nennen Wir noch ,,Franz Rosenzweigs Briefe‘‘ (Schocken Verlag). Auch für die Periode der jüdischen Renaissance sind einige derartige Memoirenwerke besonders wichtig geworden. Wir erwälmen z. B. Slimar ja Levins ״Kindheit iin Exil“ (Verlag Erwin Loewe), der sich demnächst eine Neuausgabe des zweiten Bandes unter dem Titel ״Jugend im Aufruhr“ anschliellcn wird. Sehr bedeutsam sind weiterhin die Lebensermnerungcii Dubnows (Verlag Erwin Loewe) und als Dokument der Vergangenheit die berühmten ״Denkwürdigkeiten“ der Glück ei von Hameln (Jüdischer Verlag), die ein eigenartiges Fraucnlcben aus dem Zeitalter des Ghettos in Deutschland beschreiben. Schließlich erwähnen wir die Memoiren einer Großmutter von Wengcroff (Verlag M. Poppelauer) und das Buch von Meyer ״Ein jüdischer Kaufmann“ (Verlag Benjamin. Harz). —rt. 111 der Renaissaiiccbewcgting des jüdischen Volkes spielt die Musik eine erhebliche Rolle. Wir meinen hiermit nicht den Streit um das Problem der jüdischen Musik an sich, wie er itt Fachkreisen aiisgctragen wird und die Frage nach einer spezifisch-jüdischcn Musik stellt. Hier denken wir vielmehr in er־.ter Linie an d>e große Rolle, die das jüdische Lied in unserer Bewegung von jeher spielte, von den ersten Tagen der Bewegung der ״Zionsliebe" an bis in unsere Zeit. Heute i>t es besonders das hebräische Lied Palästinas, das für uns von großem inneren Wert geworde» ist, spiegelt sich doch in ihm wie vielleicht in keiner anderen Erscheinung am Ire;• len das Lehen und die Sehnsucht der Menschen, die den Boden des Landes zu neuer Fruchtbarkeit erwecken. In diesem Zusammenhänge ervvähnen wir zunächst ״Das hebräische Liederbuch“, das im Jüdischen Verlag erschienen ist (herausgegeben von Dr. lacob Schönberg) und das in einer besonderen Ausgabe als Makkabi-LIederbuch erschien. Ferner nennen wir ״Die schönsten Lieder der Ostjmlen“ von Fritz Mordechai Kaufmann (JüdischerVerlag), jene Interpretation jüdischen Volkstums, die dem westlichen Judentum zum ersten Male den Zugang zu diesem Schatz ei öffnete. Aber auch das musikalische Gut unserer Feiertage soll hier nicht übergangen werden. Wir erwähnen ferner John Jacobsohn ״Sabhathklang und Festessang“ (Philo-Verlag) und die ״Sabbathlieder“ von Roth« echild-Levy (Verlag J. Kauffmann). —n. tt&WBttflI m «1 ffciwr/titiiti* *uiatiil hjähjMT ich stand — mit glücklichen Augen und leicht schmerzen• dem Genick— in der Cappella Sistina in Rom. •Gerade hatte mein staunender Blick die Menschwerdung Adams zu ergreifen versucht: wie aus dem ungefügen Golem, der in dumpfer Betäubung vor ihm liegt, Gottes Finger Leben und Be• wegung erweckt.,.. Ermüdet von der Wucht des Bildes schweift der Blick nach der Seite; da sah ich sie zum ersten Male mit Bewußtsein. Frauen, alte und junge, runzliges Mütterchen und leuchtende Jugend nebeneinander. Aber eins haben sie alle gemeinsam: jede von ihnen hat es mit Büchern — oder mit Schriftrollen, den ältesten Formen der Bücher — zu tun. Eine studiert, vergleicht und prüft — das tut das Alter; die andere wirft die beschriebene Rolle halb unwillig beiseite ־— und schaut mit flammenden Augen in di« Ferne. Jüdinnen stellen diese Frauen dar, die man als di« Sibyllen kennt; Jüdinnen wären es, auch wenn die For• schling nicht nachgewiesen hätte, daß das geheimnisvoll« Buch, das ihren Namen trägt, die Sibyilinischen Weissagungen, von jüdischer Hand stammte. Denn neben allen den anderen Erkenntnissen, die uns Michelangelos unerschöpfliches Decken• wunder zu vermitteln vermag, hat die Weisheit seines Werkes auch die besondere Stellung der Jüdin zu Schrift und Buch in diesen Frauengestaltcn festgehalten. * Hier aber stocke ich schon .., und höre Widerspruch, ״Weisheit der Frauen liegt irn Spinnrocken“ — klang es nicht so? Und manch derberes Wort unserer Alton ,.au-s einer Stunde des Zornes“ wird mir cntgegcngeschlcudert, Gewiß; aber gerade diese Antinomie bezeichnet, wie so vieles im Wesen der Jüdin und ihrer Geschichte, auch ihre Stellung zum Buch. Vom ״Lernen“ scheint sie durch Sitte und Brauch ausgeschlossen; ,,kostbare Perlen gingen uns verloren, seit die Tore der Lehre sich schlossen vor den Töchtern Israels“, so klagt in den kürzlich erschienenen Erinnerungen des Moskauer Raws Mase sein alter Lehrer R, Zwi Hakohcn, Den noch: als nach dem Fall des Tempels das Lehrhaus an Stelle des Heiligtums trat, da scheint es, als ob an der Schwelle eben dieses Lehrhauses auch schon die Jüdin wartete. B e r u r i a und Imma Schalom stehen nicht vereinzelt unter ihren Schwestern. Es fehlt ihnen nicht an der ״Einsicht“ (בינה) die dazu gehört, tun den Sinn der Bücher zu erfassen; der Talmud spricht sie der Frau sogar in höherem Grade zu als dem Manne; aber ihr Hauptmerkmal ist: daß sie, wie jene junge Sibylle in der Sixtinischen Kapelle, es fertig bringen, die Bücher mit rascher Gebärde hinter sich zu werfen 11n<l aus der Fülle des eigenen Herzens der Weisheit letzten Schluß zu finden. So sicht neben den vielgefeierten und viclg «schmähten ״Oelehrten Frauen“ schon zu jener Zeit eine liebliche Mädchenestalt, die junge Tochter des reichen Kalba Sau a, deren Runin sie alle überstrahlt: sie ■opfert ihr Leben nicht dem Lernen, sondern dem Manne des Lernens, dem Hirten Akiba, der vom Felde weg erst im reifen Alter zuin Lehrhaus findet. ״Alles, was ich weiß und was ihr wißt, verdankt ihr dieser Frau!“ hat ihr berühmter Gatte später von ihr gesagt, als die Schüler die unscheinbare Frau aus seinem Wege fortweisen wollten. * Hier soll nicht die Rede von den Forscherinnen wie der geheimnisvollen Bath Levi sein, die der vielgereiste Petachia aus Regensburg hinter dunklem Glas ihre Weisheit Vorträgen hörte, noch von Mirjam Schapi Ta hinter ihrem dichten Schleier, der den Augen der Schüler ihre weiblichen Reize verbergen sollte; sie mögen wohl meist jene den Frauen besonders wichtigen Vorschriften und Bräuche, die sich auf Haus und Ehe bezogen, ihren Zu- Hörern und Ziihörermnen vorgctrjgen haben. Aber verwunderlich bleibt es doch, daß, sobald das Jahrhundert der Entdeckungen das gedruckte Buch den Menschen brachte, Jüdinnen unter den Ersten sind, die sich am Setzerkasten, einstellen. Setzerinnen wie Estcllina Konat in Mantua und Reichel Jiidels in Fürtli sind keine Seltenheit; und die fromme Gela aus Nikolsburg hat uns selbst bezeugt, daß sie ״diese schöne neue Tefilloh von Anfang bis zum Ende“ hat gesetzt ״alle Aussijaus mit ihre eignen Hände“. Fast als ein Lohn für die tätige Mitarbeit bei der Herstellung der Bücher erscheint dann in jener Zeit die eigene Literaturgattung, die der Frau vor allem gewidmet ist: die jüdisch-deutschen Frauenbiichef. Vor allem die ״Zcnne Renn c“, die sich ja schon in den Titelworten an die Frauen wendet (״Zieht hinaus und schauet, ihr Töchter Jerusalems 1“ (באנה וראנה בנוח ירושלים) Unter diesem von vielen Generationen umgeformten, fast ־:״.ersuiigcnen“ Namen stand dies Buch noch bis ins 19. Jahr* hundert hinein bei den jüdischen Müttern und Großmüttern hoch in Ansehen. Ein Buch, das dem raschen und lebenszugewandten Wesen der Jüdin trefflich angepaßt wir; keine Predigt und keine Abhandlung, sondern ein lebendiges Frage- und Antwortspid zwischen Lehrer lind Schüler, wie es das Lernen noch heute ist. Die Zenne Renne ist wohl auch das Liebiingsbuch, ja neben einigen anderen Musar-Biichlein fast das einzige Buch gewesen, das der ersten Jüdin vertraut war, die ihren Mund selbst auftat und uns von ihrem Leben erzählt hat: ü I üc k e 1 von Hameln. « Kaum ein halbes Jahrhundert später: da liest die schlanke Fromet Gugen heim in Hamburg, die Braut Moses Mendelssohns, schon nicht mehr allein die Zenne Renne, sondern mit viel heißerem Bemühen die neuen Bücher, die ihr philosophischer Freier ihr schickt, Rousseau etwa und die Briete der Catesby. Und so beflissen ist die eifrige Braut dieses Studiums, daß der Bräutigam warnt und das Lernen der Frauen mit Medizin vergleicht ,,und zuviel Medizin verdirbt den Magen...“ Die Tochter Fromcts, Dorothea, hat das Rezept des klugen Vaters nicht befolgt, konnte es nicht beioigen. Ihr waren Bücher nicht mehr mir Zeitvertreib und Bildungsmittel; fast zum ersten Male tritt uns in Dorothea Schlegel die Brotarbeiterin unter ihren Büchern entgegen, ihre Ritterromane Merlin, Lothar IV Maller u. a. liest und übersetzt sie, um dem Manne Freiheit zum eigenen Schaffen zu gewähren. — Es ist eine Art Emanzipation vom eigentlichen Zwecke des Buches, die sich hier vorbereitet; die Sibylle wirft die Rolle achtlos hinter sich, nachdem sie ihren Zweck erfüllte... Rahel Lev in, die mit «lern Herzen las und mit dem Kopfe wie keine ihrer Zeitgenossinnen, weiß doch um XßOCHLEBlWm״A Natürlich ist jeder Jude ein Stückchen Büchernarr und sieht in seiner Narrheit die Rücher fast wie lebende Wesen an. Die ITiorarollen und die Megillot aus alten Zeiten, aus den kunstvollen Schreinen und winzigen Schränkchen in aller Welt rollen sich in seiner Vorstellung auf und bilden einen .seltsamen, heiligen Reigen, und legte man alle die Pergamente and!1,ander, wer weiß, wie viele Male sie den Aequator umspannen könnten. Und dann die Handschriften in den Museen der WelMädte. die frühen [)rucke in den Bibiiotheken, die verborgenen Schatze in den Vitrinen der Sammler und allnung.Tocen Erben, all das Verschollene und Unbekannte aus den Jahrhunderten. Aber dann steht ein Buchverzauberter vor uns, ein reicher, alter Mann ans Amerika, der italische Seltenheiten sammelt, in seine Bischer und Autographen verliebt, von seinem Besitz besessen ist: er hat noch unbekannte Manuskripte von Gabirol, Bia!ik will sie sehen, ahschruben, veröl'feiitlichcn, aber der Sammler ist eifersüchtig, er zeigt sie nicht, er gibt sie nicht heraus, und B i a 1 i k, der nur dazu die lange Reise gemacht hat, muß unverrichteter Dinge zurück und tobt vor ohnmächtiger Wut und schlittet eine!!! Freund da״ Herz aus. Und der Freund versucht zu begütigen und zu entschuldigen, der steinreiche Sammler sei ja ein armer Mann, he.be nichts als seine Bücher und 1 lamlM liril'ten, ein seluuiliger Junggeselle, ohne Frau, ohne Kinder... da schreit auf: ,,(iibt's denn nicht genug jüdische Kinder aut der Welt — arme — hungernde — Waisen —?“ ja, mm ist auf ein mal alles verkehrt in unserer schönett, zauberhaften Buchcrwr-It, alle Handschriften werden maßlos kostbar, werden gehütet wie der Augapfel und gehätschclt und verborgen, mit Pomp und Geheimnis und ÄJillionen umgeben, und Kinder hungern; wie merkwürdig sind W'ir, das Volk des Buches, wenn der Millionär zum besessenen Kerkermeister der Schriften und der Dichter fast zum Feind des Buches und zum Fürsprech der Kinder werden muß! Die Rollen werden manchmal grausig vertauscht, und cs ist tragisch, wenn einmal der Mann des Buches sagen muß, daß Bücher etwas Totes lind Menschen etwas Lebendiges sind. Aber ist es denn so, sind denn unsere Bücher tot, sind denn wir lebendig, oder ist das Leben nicht viel unheimlicher verteilt, gerade bei uns, deren Leben Jahrhunderte lang immer nur Literatur, Leben vom Buch, fürs Buch, am Buch, gespenstiges Bildlichen ist? ln unseren Vor- Stellungen hat jeder Buchstahe einen Engel, und wenn unser Schaffen und Leiden in aller Herren Ländern und Zeiten recht und gut war, so ist vielleicht aus jedem von uns ein Buchstabenengel geworden, mit nichts als Kopf wie das kleine lod oder mit einem krummen Buchstabenbuckel wie das Mem oder mit einem hohen Aufschwung über die Linie weg wie das Lamed. Es hat immer wieder ein Aufbegehren gegen die ״Buchlebigkeil“, gegen die Krummhcit unseres Rücken gegeben, und die zionistische Bewegung schließlich Ist der große, fruefitbare, fruchtbringende Strom, in den alles Aufbegehren um des jüdischen Lebens willen mündet. Junge, scharfe Geister besonders im Osten kamen zum Schluß: das Buchleben versperrt uns das wahre Leben, und trieben ihn fast in die absurde Alternative: das Buch oder das Leben! Unter solchem Aspekt nimmt sielt die Geschichte unserer Diaspora um so erschütternder aus. Sie beginnt dann, das groteske Bild ist bezeichnend genug, mit einem Sarg, in d׳«m sich Rabbi Joch an an ben Sakkai aus dem belagerten lerusalem herausschaffen ließ, uni dem Titus zu erklären: Wir wollen kein Volk mehr sein, wir wollen keine Politik mehr machen, erlaube uns nur, Buchstaben zu werden. Natürlich erlaubte das der Römer, und wir wurden Literatur. Nicht alle, und nicht ganz willig, es gab noch Männer wie Bar Kochba und Rabbi Akiba, die nicht nur im. Buch und ins Buch lebten. Es gab immer neue, und nicht zuletzt war der Chassidismus ein grandioses Aufbegehren gegen unsere Buchlebigkeit. Und doch hatte alles mit einem Sarg angefangen, der Sarg wurde größer und größer und war in chassidischcr Zeit ein Zimmer in Wilna mit stets verschlössenen Fenstern, darin gab es Tag und Nacht nur künstliches Licht, und vor diesem Licht über den Büchern saß der Wilnaer Gaon und sah nur Buch und hörte nur Buch und spürte nur Buch und atmete nur Buch und verdammte die Chassklim. Und doch ist unser Schicksal von jeher viel komplizierter gewesen, als daß es je wirklich zu der Alternative ״Buch oder Leben“ hätte kommen können, sondern man kämpfte auch immer mit dem ganzen Leben für und um das Buch und mit Buch und Büchern für und 11m das Leben. Und wieder eine der groteskesten Formen dieser Kampfe zeigt sich in der oft maßlosen Ueberschiitzung des Buches und aller, die damit zu schaffen haben, wie in ihrer maßlosen Nichtbeachtung. Ein erstaunliches Zeichen aus neuerer Zeit, seit der Assimilation, aber durchaus nicht auf sie beschränkt ist der Mangel an Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit: Spi- Tioza wird von Juden für uns reklamiert, nachdem ihn Nichtjuden entdeckt haben, und ähnlich geht’s noch heute im Osten und Westen zu. Ein anderes Zeichen: wenn ein Siddur zu Boden fällt, küßt man ihn wie zur Abbitte der Sünde, und wieviele Tausende tun es ebenso mit jedem Buch, wenn es nur in hebräischen Lettern gedruckt ist; aber was geben die gleichen Tausende für Bücher aus, und wie lassen sie den leben, der von Büchern leben muß, also für sic eine etwas geheiligte Person ist? Mendelc Mo eher Sforiin hat seinen Namen ״der Buchhändler“ mit der sarkastischen Beschreibung der Sorgen und Leiden dieses Berufes legalisicrt, und die Tatsache, daß die meisten jiddischen und hebr,fischen Autoren seihst in den USA. noch heute ihre eigenen Buchhändler sein müssen, sagt genug, und was das Auskommen angcht, so meint Sc 11 0 1 e m Ale j che m: ״Sattessen? Mit vollem Munde, wenn er nur Zeit hat und außer Schriftsteller noch dazu Lehrer sein kann, Krämer, Makler, Heiratsvermittler oder sonst so ein Kabbalist, der von Haus zu Haus für sein Buch sammeln geht... Ein jüdischer Verfasser ist ein verschonter Mensch, er ist von beiden Welten verschont, von dieser und jener, er ist verschont von Brot und Gesundheit, von guten Freunden, Weib und Kind und Leib und Leben ...“ Mag man sagen, das gilt oder galt für den Osten, nicht für Westjuden. Aber wir haben nur noch nicht genug Gelegenheit gehabt, 11m entsprechende Erfahrungen zu sammeln, da die westjüdischen Autoren nie allein vom jüdischen Verleger, Buchhändler und Leser ,,konsumiert“ werden mußten. Das Ein- und Auskommen eines vornehmlich auf uns an.gewiesenen Mannes wie Leopold Z11 n z schon spricht eine andere Sprache und das mancher Zeitgenossen eine dringliebere. Anderseits ist der Osten unendlich ärmer als unser Westen, und während hier in der jüdischen Buchökonomie und Buchfinanzierung und Konsumierung so wenig getan ist, daß eben jetzt die offizielle ״Förderung“ eingreif eil muß, hat man etwa im Wilnaer Jüdischen Wissenschaftlichen Institut seit zehn Jahren mit mehr Arbeitsleistung ah in unseren sämtlichen Instituten und Akademien seit fünfzig Jabren und mit weniger Mitteln, als hier oft nur einen! Institut zur Verfügung standen, einen viclgehietigcn Wissenschaftliehen Apparat und eine Fülle gediegenster Werke zustande, zum Druck und vor den Leser gebrncht. Wie reimt sich das alles zusammen? Gar nicht, und damit nagen wir nun am Kern des Problems. Das jüdische Buch, das Buch überhaupt wie jedes geistige und künstlerische Produkt, unterliegt als Ware nicht nur und häufig überhaupt nicht den Gesetzen der Warenproduktion und des Warciikonsums. Innerhalb der ökonomischen Verhältnisse unserer Zeit ist also jedes Buch zunächst ein Lotterielos, und das Zufällige seiner Erscheinung in unserer Welt greift noch weit über das Wirtschaftliche hinaus. Gibt es eine Möglichkeit, das Buch und mit ihm alle, die daran zu schaffen haben, trotzdem so zu fördern, daß es kulturelle Aufgaben besser als jetzt und bei uns hier erfüllt? Ja, aber da dies« Förderung aus privater Initiative bislang nicht oder zu wenig erfolgt ist, bleibt nur die plan* mäßige, allgemeine. Wie produktiv und erfolgreich eine solche noch unter den widrigsten Umständen werden kann, beweist man 1ms in Wilna Tag für Tag. Aber ob man bei uns je etwas Aehnliches zustande bradite, ist kaum wahrscheinlich, wir haben keine armen Arbeiter, Schuster und Schneiderinnen, die jeden Monat einen schwer erschufteten Groschen opfern würden, bloß damit «ine jüdische Kultur entstehe, damit die klassischen Werke der Philosophie, Psychologie, Oekonomie in unserer Sprache für uns zugänglich erscheine״, bloß damit ein jüdisches Theaterarcliiv, ein Zeitungsarchiv, eine jüdische Pädagogik geschaffen und Judenstatistiken einwandfreier Bearbeitung publiziert werden. Und doch könnte man bei einigem guten Willen viel auch bei uns schaffen. Das Buch kann imd soll ein Retfungsmittel der Vegetierenden zum Leben sein, das Leben kann durch das ״Buch hundertmal mehr Leben werden. Aber uns fehlen die rechten Bücher? Keineswegs, die alten sind da, die neuen warten; wo sind die Leser, wo sind die Helfer? Leo Ffirsch o Jüdischer Buchvertrieb Gerhard Fuchs Große und schöne Auswahl f&disdicr Bücher Vollständiges Lager aller Neuerscheinungen Versand überallhin Berlin W 30, Nürnberger Sfr. 64 (an der Tauentzlensfraße) Telefon 24 70 22

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