Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1937-11-02 · Heft 87 (2.11.1937) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 87 (2.11.1937)
Date
1937-11-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2651273-2653625-2653707--31453-2686064
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 87. 2. XI. 1937 S Kongreß der polnischen Juden Innerpolitisclte Wandlungen in Polen Von unserem Berichterstatter Die Barmat ״Affäre Von unserem belgischen Mitarbeiter r., Brüssel, Ende Oktober Der Rücktritt des Ministeriums Van Zeelard, dem Belgien unbestritten den großen wirtschaftlichen Aufschwung der letzten Jahre sowie erhebliche außenpolitische Erfolge verdankt, ist auf einen f inanzskandal zurückzuführen, der auch von jüdischer Seite Beachtung verdient. Er trägt als Marke den Namen Barmats, jenes international bekannten Schiebers, dessen Strafprozeß seinerzeit in Deutschland zusammen mit den Affären Hoi/mann und Kutisker dem jiidisehen Namen unermeßlichen Schade!; zugefügt hat (obwohl alle diese Leute alles andere waren als repräsentative Juden). Die Bank, deren sich Barmat zur Dtirclifi'ihrung seiner ״Operationell“ bedient hat, Penso und öoldziehcr, war ebenfalls in jüdischen Händen, und die Haujithelfer Julius Barmats sind sein Bruder Henri, ein gewisser Löwenstein, gewesen. — Aber mich der Mann, der als Gouverneur der Banque Nationalc letzten Endes die־ Verantwortung für die von ihr an Ooklzieiier und Penso gegebenen Kredite trägt, Louis Franck, ist jüdischer Abstammung, wenn auch getauft. Ministerpräsident Van Zeeland war in der fraglicher! Zeit Vizcgotiverncur. So verwickelt die ganze Angelegenheit, die schon seit 1033 die belgische Staatsanwaltschaft beschäftigt, sich in den parlamentarischen Debatten und Gerichtsverhandlungen ausnimmt, so einfach ist itir Kern. Die Banque Penso und Goldzieher, die bis 1029 sich des besten Rufes erfreute und in engen Beziehungen zur Nationalbank stand, wurde nach dein Tode des einen Inhabers, Goldziehers, in eine Aktiengesellschaft uingewan׳'elt und ihr Knpital auf 50 Millionen Francs erhöht, uni bestimmte Börsentransaktionen elurch/uiuhren. Die Bank war aber nicht in der Lage, die gesetzlieh erforderlichen Einschüsse zu machen. Diese Situation benutzte Barmat, den besonders die V'erbindüngen von Penso und Ooklzieiier mit der Nationalbatik reizten. Er erwarb das Aktienpaket und begann, da auch ,er die Betrage nicht nufbiiiigen konnte und wollte, sie mit undurchsichtigen Methoden zu ״decken“. Ein Schachteisystem von Banken und Instituten (die Xordcrnbauk in Belgien, die Genta in Holland, eine Kieme Scliwei/erbank und andere) diente dein Zweck, sich die gegenseitige Indossierung von Wechseln zu ermöglichen. Deckungen für Kredite der Nationalbank wurden gegeben, bei denen einige sichere Werte mit fingierten klüglich gemischt wurden. Tratten rnit der Unterschrift gekauft er Beamter wurden in Umlauf gesetzt. So gelang es Barmat, die Leitung der Nationalbank zu täuschen und Kredite zu erhalten, die sich schließlich auf iS1.׳ Millionen Francs beliefen. Dabei scheinen die ״politischen"‘ Verbindungen, deren Barmat sich rühmte, kaum bestanden zu haben, l'esf stellt jedenfalls, daß L. F'nsiuk, der Gouverneur der Bank, Barmat überhaupt nicht empfangen hat. Van Zeeland ist ein einziges Mal mit ihm ziisaimTiengetroffeii. Und es ist reiner Zufall, daß l'cthjcan, der Anwalt von Pensa und üold/ieher, in der kritischen Zeit Minister wurde. Die Opposition, zumal die Rex-Bewegung, hat natürlich das Strafverfahren weitgehend für ihre Zwecke zum Kampf gegen die Regierung benutzt. Der Rücktritt Van Zeelands und die Beurlaubung Francks mußten erfolgen, als in dem vorgeschrittenen Verfahren des Prozesses Durchsuchungen bei der Nationalbank erforderlich wurden und die Zeugenvernehmung beider Männer bevorstand. Zumal Van Zeeland hätte sich als Ministerpräsident nicht mit der erforderlichen Freiheit äußern können und wäre in der Wahrnehmung seiner Interessen schwer gehemmt gewesen. Ls muß hervörgclioben" werrlen, daß die beiß־! sehe Presse nur gelegentlich die jüdische Herkunft Barinats gestreift hat. Lediglich ״Le Pays Reel‘‘ mul andere Organe der Rcx-Bewegung haben immer wieder in fetten Uebe!Schriften von dem ״jüdischen Hochstapler Barmat“ und dem ״Israeliten Franck“ gesprochen. Aber selbst, als der Wahlkampf zwischen Van Zeeland und Degreße auf der Höhe war, haben die Rexisten niemals den Antisemitismus zur Wahlparole erhoben. Nach der schweren Niederlage Degrdles ist die Rcx-Bewegung zur Bedeutungslosigkeit heralägestmken. Welchen Ausang auch die Barinat-Aflare nehmen mag, es ist kaum denkar, daß sie in Belgien, in dem noch vor wenigen Jahren Antisemitismus kaum dem Namen nach bekannt war, den Stoff zu einer wirkungsvollen antisemitischen Propaganda abgehen könnte. Trotzdem wäre es ganz verfehlt, diese Vorgänge von jüdischer Seite mit Schweigen zu übergehen, ebenso töricht natürlich, wie es zuweilen bei solcher Gelegenheit geschieht, ein ״Recht auf den jüdischen Verbrecher" zu proklamieren. Die einfache Wahrheit, die wir nicht oft genug wiederholen können, ist, daß gleich jedem Volk auch das jüdische schädliehe und asoziale Llniunte mitumfaßt, an deren Bestr a* fung und Ausmerzung das jüdische Volk das gleiche Interesse hat wie alle Mitglieder der großen Völkerfamilie. Lind ebenso müssen wir uns gegen das Verfahren wenden, das keinen! anderen Volk gegenüber angewendet wird: uns mit jenen Schädlingen zu identifizieren und uns nach ihnen zu beurteilen. Wer halte daran gedacht, das schwedische Volk für die Straftaten eines Kreuger, deren Summe den Umfang aller Skaiidalaff.iren der letzten 20 Jahre zusammen übersteigt, verantwortlich zu machen? Das ist an sich eine Selbst- Verständlichkeit, und daß sie in einer Affäre, in die Juden verwickelt sind, betont werden muß, zeugt mir von der Anormalität der jüdischen Lage. Historische Statistik der Judentaufen Die Vorarbeiten zu einer historischen Statistik der Jjidentaufen und Mischehen in Deutschland sind von der Forschungsabteilung Judenfrage des Reichsinstituts für die Gcschichte des neuen Deutschlands begonnen worden. Gegenstand der Untersuchung ist eine systematische historischgenealogische Bearbeitung aller v o r g e k om m e n e n Uebertritte von Juden zu einer christlichen Konfession oder Sekte sowie Feststellung der Verheiratung und Nachkommenschaft dieser Täuflinge, terncr die Feststellung aller Mischehen von ungetaiiften Juden und Jüdinnen. Das Ziel der Untersuchung' ist eine Darstellung der rassischen Assimilation des Judentums und des OeSanitproblems der Judentaufc. Zeitlich soll die Arbeit so weit zurückreiclien, als di« Quellen cs gestatten. Berücksichtigt sollen werden die Missionstätigkeit unter den Juden in der Spätkarolingerzeit, die Zxvangstaiifperiode zur Zeit der Kreuzzuge, die Taufbcwegungen im 11 und 1(1. Jahrhundert zur Zeit der Jiulcnaiistrei billigen, sodann zur Zeit der Rct'orm.1tion und Gegenreformation, des Pietismus, der Aufklärung und der Judeiiemaii/ipiitioii. Auch die erkennbaren Motive der Täuflinge und die allgemeinen zeitgeschichtlichen Hintergründe sollen dargestellt werden. Besondere Aufmerksamkeit soll dem Problem der Rückkreuzung, dm! Eindringen jüdischen Blutes in den historischen Adel, sowie in Kreise der Wissenschaft, der Wirtschaftsführung und Politik gewidmet werden. Wesentliche Charakter zi'ige, Begabungen und etwaige rassische Merkmale der Nachkommen aus Mischehen sollen durch eine Sammlung von biographischen Ausarbeitungen lind durch Lichtbildsammlungeii fcstgchalten werden. Eine na me 11t־ liehe Veröffentlichung der erfaßten Nachkommenschaft aus lÄischchen ist in der Regel nicht beabsichtigt. Warschau, den 29. Oktober Wirkungen des Proteststreiks Der am 19, Oktober erfolgreich durcligeführte Proteststreik der polnischen Jiidenheit gegen das Hochscliulghetto und die soeben mit gutem Resultate beendete Hilfsaktion für die jüdischen Hochschäter blieben nicht ohne starke Wirkung sowohl nach außen wie nach innen. Der Widerstand der jüdischen Ilochschüler und die imposante Solidaritätskundgebung der gesamten Jiidenheit bewirkten, daß die unter den polnischen Professoren und Studenten der Hochschulen vorhandenen liberalen Eie-!11 e 111 e ihre bisherige Apathie und Passivität verließen und öffentlich ebenfalls gegen die Verordnungen auftrateu. Es vergeht jetzt kein Tag, ohne daß man neue mutige polnische Stimmen verdienstvoller, bekannter Professoren in Warschau, Krakau und Lemberg vernimmt. Diese Hochschullehrer setzen sich dadurch Vorwürfen, Drohungen und nicht selten Terrorakten seitens der antisemitischen Presse und Jugend aus. Andererseits wecken sie das Gewissen eines Teiles der polnisclien Gesellschaft, der ihnen mit Solidaritätserklärungen ant- •wartet. Um diese freisinnigen Professoren scharen sich immer zahlreichere Kreise der demokratischen polnischen Hochsclüs-!erschaff, die es miiimelir wagt, aktiv und energisch gegen ihre judenfeindliche Kommilitonen aufzutreten. Das Charakteristische und Symptomatische an den Ereignissen der letzten Tage ist die immer wachsende Aktivjtät derjenigen polnischen Elemente, die sieh mit der autijüdischen Politik nicht identifizieren wollen und bereit sind, für die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden im Einklang mit ihren demokratischen Anschauungen aktiv ein/utreten. Die dazu gehörenden Professoren und Dozenten sämtlicher polnischcn Hochschulen in Warschau haben heute eine Beratung abgchalten, an welcher beschlossen wurde, die 7.1! r i! c k - Ziehung der G 11 <ett o vero r d 11 1! n g e 11 zu fordern, Der Rektor der Universität in Lemberg, welcher von den nationaldemokratischen Studenten angegriffen wurde, nachdem er ihre Forderung auf FinlTilmi!!״ der Ghetfobäiike auch in Lemborg abwies, hat seine Demission eiugcreiclit. Auf der g y näkologischcn Klinik der Wars c h a u e r Universität wurde die Anordnung über die Einfüllrung besonderer Sitzplätze für die jüdischen Studenten von Prof. C/vzewicz verlesen. Der Professor fügte hinzu, er erfülle damit blofi formell einen Auftrag, müsse aber als Mann der Wissenschaft erklären, daß er ein entschiedener Gegner dieser Maßnahmen sei. Er wünsche sich und der polnischen Kultur, daß dieses Spiel mit den Ghcttobnnken möglichst bald sein Ende finde. Die jüdischen Studenten dankten dem Professor für seine Erklärung, sie wohnten der Vorlesung stehend bei. Der pädagogische Rat der humanistischen Abteilung der Warschauer Universität hat den Rektor aufgefordert, die Ver- Ordnung über die Einführung der Ghcttobänke zurückzu ziehen, da diese Verordnung der Verfassung widerspree 11 e und vom sittlichen und pädagogischen Standpunkt zu ernsten Bedenken Anlaß gebe. Fünfzig Professoren und Dozenten der Warschauer Hochschulen, unter ihnen •־eine große Zahl hervorragender Gelehrter, haben eine Protest Versammlung gegen das Hochscliulghetto abgchalten. Viele Professoren haben außerdem schriftlich ihre Zustimmung gegeben. Es wurde eine Resolution gefa ßt, die sich entschieden gegen die Ghetto Verordnung ausspricM. Die versammelten Professoren erklärten sich solidarisch mit der von Prof. Michalowiez in der Frage eingenommenen Haltung und besprachen die Mittel, zur Beseitigung des jetzigen Zustandes an den Hochschulen. Fast auf sämtlichen Warschauer Hochschulen wurde ein Aufruf der n a t i o 11 a 1 d e 111 o k r a t i s c 11 e n S t u d e 11 - ten gegen die fortschrittlich gesinnten Professoren und die jüdischen Studenten, die das Hochscliulghetto nicht akzepticren wollen, verteilt. Vielfach kam es dabei zu Zusammen stoßen mit andersgesinnten Akademikern. Zwei Hochschüler wurden verwundet. Vor neuen Entsciieiduiigen in der Innenpolitik Diese Ereignisse fallen zusammen mit wichtigen Ent- Scheidungen, die in der polnischen Innenpolitik vorbereitet werden. Seit Wochen merkte man in vielen Kreisen des sogenannten Pilsudskischen Lagers immer stärkere Unzufriedenheit mit der unter Leitung des Obersten Koc geführten Politik des Lagers der Nationalen Konsolidation. Oberst Koc hatte die Absicht, für das gegenwärtige Regime der Nachfolgcr Pilsudskis, Parteien und Gruppen zu gewinnen, welche bisher dem Lager Pilsudskis feidlich gegenübersfanden. Um dieses Ziel zu erreichen, paßte sich Oberst Koc der nationalistisclien Ideologie der polnischen Rechtsparteien an, suchte Verständigung mit den nationalistischen Jugendverbänden und opferte ihnen — die Juden. Das Resultat dieser über ein Jahr dauernden Bestrebungen ist aber sehr gering. Es gelang nicht, größere Kreise für die neue Organisation zu gewinnen, dagegen stärkte man die Position der polnischen linken Parteien, verschärfte die innenpolitischen Antagonismen, weckte manche Zentrumsparteien zu neuem Leben und — was entscheidend ist — man schuf eine immer mutigere Opposition in den Reihen BeruSungfsarteit in Bern Bern, 1. November 1937. (JTA.) Das Berner Obergericht hat in dem Berufungsprozeß um die ״Protokolle der Welsen von Zion“ am Montag nachmittag das Urteil verkündet. Die von der ersten Instanz, über die Angeklagten Silvio Schnell und Theodor Fischer verhängte Geldstrafe wurde vom Berufungsgericht aufgehoben. Ein Anspruch auf Entschädigung oder Erstattung der Kosten durch die K'ager — den Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund und die Israelitische Kultusgemcinde Bern — wurde ihnen jedoch nicht zuerkannt, mit der Begründurij», daß ihre Schuld, die ״Protokolle“ vertrieben zu haben, festgestellt sei. Diese Schrift sei als Fälschung und Schundllteratur anzusehen. Eine Verletzung des Artikels 14 des Kantonalgesetzes liege jedoch nicht vor, weil dieses Gesetz nur dazu bestimmt sei, die Jugend vor den schädliehen Einflüssen pornographischer Literatur zu schlitzen, dagegen auf Schriften, die politisch verhetzenden Charakter haben, nicht angewandt werden könne. Die Kosten des Verfahrens wurden zum Teil dem Angeklagten Fischer auferlegt, den Rest trügt der Staat. In der Begründung des Urteils wird erklärt, daß nicht die Gerichte, sondern andere staatliche Stellen berufen seien, den Staat vor politischer Verhetzung solcher Art zu schützen. der ehemaligen Legionäre und Anhänger des Marschalls Pilsudski. Es _ mehrten sich letztens verschiedene Kundgebungen dieser Kreise, und Oberst h,oc sah sich veranlaßt, in einem vor einigen Tagen veröffSMlichten Interview Öffentlich zu estehen, daß manche Fehler seitens seiner Organisation egangen worden seien, und insbesondere erklärte er kategorisch, daß der unter seinem Patronat stehende Verband Jungpolens (antisemitisch gesinnt) keineswegs als Repräsentant der Jugendbewegung seines Lagers anzusehen sei. Diese Kundgebung des Obersten Koc scheint eine Vorbereitiuig zu der am 30. Oktober unter Beteiligung des Marschalls Smigly-Rvdz zusanimentretenden Tagung der Verbände der Pilsudskischen Kombattanten gewesen zu sein. Diese Beraturigcn werden wahrscheinlich politische Entscheidungen bringen, die nicht ohne Einfluß auf die Lage der Juden sein könnten. (Inzwischen wurde durch die Tagespresse bekannt, daß Sitiigly-Rydz sich entschieden zu Ko« bekannte. —A. d. R.) Die polnischen Arbeiterparteien verlangen die DurcFiführung von P a r I a m e 111 s w a 111 e n, um auf diese Weise festzustellen, welche Richtung für sich die Mehrheit in der Republik habe. Es ist aber höchst unwahrscheinlich, daß die Regierung in der nächsten Zeit sich dazu entschließen wird. Es gibt auch manche polnische Parteien, die für demokratische Wahlen cintrcteii, aber unter Ausschluß der Juden, denen höchstens eine separate Wahlkurie in manchen Gegenden zugebilligt wird. Kongreß der polnischen Juden in jüdischen Kreisen gibt man sich daher keiner Täuschling hin, daß auch bei einem mehr liberalen Kurs die Lage der Juden sich radikal ändern könnte. Trotz einer Erleichtcrnng und Sicherung der formellen Gleichberechtigung bliebe der Kampf insbesondere auf wirtschaftlichem Gebiete zweifellos bestehen. Aus dieser Erkenntnis heraus und in erster Linie um den immensen Aufgaben der Gegenwart gerecht zu werden, haben die Anhänger des jüdischen Weltkongresses in Polen, der Initiative des Weltkongresses folgend, schon seit mehreren Monaten unter Anführung Baruch Zuckermanns zwischenparteiische Verhandlungen eingeleitet, um einen Kongreß der polnischen Juden, zusammengesetzt aus gewählten Delegierten, ehestens einzuberufen. Die erste Aufgabe dieses Kongresses wäre, eine autoritative Repräsentanz der polnischen Juden zu wählen, die berufen und imstande wäre, nach außen und nach innen als legitime Vertreterschaft die Rechte und Lebensintcressen der polnischen Judcnlieit zu bewachen und zu verteidigen. Der heutige Zustand der inneren Zerrissenheit der jiidenheit und dauernder Parteikämpie ist unhaltbar lind kann nicht mehr geduldet werden. Diese Zersplitterung, dieses Fehlen einer einheitlichen Repräsentanz verurteilt das polnische Judentum zur Machtlosigkeit und macht ihm keine Ehre. Leider sind die jüdischen Gemeinden in Polen gegenwärtig in einer solchen desolaten politischen, finanziellen und organisationcllen Lage, daß niemand daran denkt, diesen Gemeinden die Vertretung anzuvcrtraucn. Audi der jüdische Parlamentski u b, wenn auch sei ne Mitglieder, klei n an Zahl, meistens mutig auf ihrem Posten stehen, kann bei den herrschenden politischen Verhältnissen nicht als der wirk־ liehe Vertreter des gesamten polnischen Judentums angcsehen werden. Es bleiben nun die Parteien und die Wirtschaftsverbände. Ihr gegenwärtiger Zustand, ihr innerer Aufbau und ihre Mentalität sind aber solcher Art, daß sie mit ihrem Programm und ihren bisherigen Arbeitsmethoden, jede für sich und sogar alle zusammen (auch wenn ein Zusammengelien möglich wäre), die großen Aufgaben der neuen Zeit nicht bewältigen können. Es muß eine neue Organisation ins Leben gerufen werden, und diese soll der Kongreß der polnischen Juden schaffen. Nach langwierigen Verhandlungen gelang es endlich vor einigen Tagen, die Zustimmung sämtlicher Parteien, mit Ausnahme der ״Ägudah“ und des ,,Bund“, für diesen Plan zu erlangen. Die Agudah hat die Idee des Zusammenschlusses im Prinzip wohl angenommen, äußert aber Bedenken religiöser Natur gegen Kongreßwahlen, an denen sich Frauen beteiligen würden. Die Agudah wäre für einen jüdischen Kongreß ohne Wahlen, d. h. zusammengesetzt aus den von Parteien bestimmten Delegierten. Der ״Bund“ wiederum klammert sich noch immer an sein altes Klassendogma und lehnt jede politische Kooperation mit den ״bürgerlichen“ Elementen (in Wahrheit auch mit anderen jüdischen Arbeiterparteien) entschieden ab, obzwar der ״Bund“ an allgemein-jüdischen Wirtschaftsaktionen in Polen faktisch teilnimmt und in seiner Propaganda und Agitation auch Teile des jüdischen Bürgertums umfaßt. Soeben hat der Organisationsausschuß des Kongresses einen Aut ruf an die jüdische Bevölkerung in Polen verlauthart, in welchem die polnischen Juden aufgefordert werden, nicht zu verzagen, sieh zusammeimischließen, eine Reprisentanz zu wählen und eine Organisation zum Kampfe für bürgerliche und nationale G'e'vhbcrcchtigung, zum Widerstand gegen den Antisemitismus, für wirtschaftliche Selbsthilfe una Aufbau, zu schaffen. Der Kongreß soll spätestens Im Januar 1938 einberufen werden. Wahlberechtigt ist jeder Jude über 18 Jahre. Vorsicht hei Bildberichten! Eine Verordnung des Koloniemnimsters Ormsby-Gore weist die englischen Zeitungen an, bei der Bildberichterstat־ tung über die Unruhen in Palästina größte Sorgfalt und Zurückhaltung zu zeigen. In der letzten Zeit seien häufig von der englischen Presse Bilder aus Palästina veröffentlicht worden, die die Zustände i!1 den Unruhegebieten hätten viel schlimmer erscheinen lassen, als sie tatsächlich seien. Das Kolonienininisterium habe festgestellt, daß es sich bei zahlreichen jetzt veröffentlichten Aufnahmen um Bildberichte der Unruhen in Palästina aus dem J ah re 1933 gehandelt habe. (Ir! der Tat haben viele Zeitungen in den letzten zwei Wochen Bilder veröffentlicht, die nicht die letzten Vorgänge in Palästina betrafen, sondern teils die Straßcnkämptc in Jaffa zwischen Polizei und Demonstranten im Oktober 1933, teils die Sprengung der Jaffaer Altstadt während der U11ruhen im Frühjahr 1936. Diese Bilder gaben jetzt vcrschiedeutlich Anlaß zu falschen Kommentaren. — A. d. R.) In der Ortschaft Mlawc im Kreis Warschau ist es am Markttag zu blutigen Ausschreitungen gegen die jüdischen Händjer gekommen. Fünf jüdische Markthändler wurden schwer verwundet. Fünfzehn Nationaldemokraten und drei Juden wurden verhaftet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.