Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 86 (29.10.1937)
- Date
- 1937-10-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit» 4 JOD t SC H E RUNDSCHAU Nr. 86, 29.X. 1937 Stimmen der Selbstkritik Die Frage der Reaktion der Judenheit Deutschlands auf die Veränderung ihrer Lage ist immer erneut Gegenstand der Erörterungen im jüdischen Kreise. Dabei muß es begrüßt werden, wenn eine umche Selbstkritik geübt wird, die nicht um ihrer selbst willen da ist, sondern dem Ziele dient, die Entwicklung unseres Lebens zu größerer innerer Fülle tu beschleunigen und dann, wenn ein Machlassen unserer seelischen Energien spürbar ist, diese neu zu erwecken, Die beiden nachfolgenden Aufsätze sind in diesem Sinn als Beiträge zur Diskussion 2u verstehen. (Red.) Der Traum der Erlösung Zur Golem - Abführung des Kulturbundes Von Dr, Max Nußbaum Seit den Forschungsergebnissen der modernen Psychoaaialyse wissen wir, wie Träume entstehen. Sie sind Verlängerungen der Wirklichkeit und stellten eine Weiteratbeit des Unterbewußtseins ohne die Kontrolle des Bewußt- »eins dar. Wir träumen meist von dem» wovon wir tagsüber gesprochen, oder woran wir tagsüber gedacht haben. So ist jeder Traum eine verlängerte Pseuuo-Wirkliehkeit. Das zweitausendj,ihrige Leben der Juden in der üaluth lat die Widerlegung dieser Traumerklärung. Einer der markantesten Unterschiede zwischen dem iüdisehen Volk und der übrigen Welt besteht wahrscheinlich in der vertauschten Rollenbesetzung von ״Traum“ und ״Wirkliehkcit“. Bei uns Juden war der Traum nie eine verlängerte Realität, sondern das ganze Gegenteil. Seit zweitausend Jahren spinnen wir einen Traum in den verschieden- *ien Formen, in den mannigfachsten Arten, schmücken ihn mit tausend historischen Arabesken, und kraft dieses Traumes leben wir in der W i r kl i c h k e i t. E3 ist eine Existenz mit umgekehrtem Vorzeichen. Bei uns ist die Wirklichkeit des Lebens die Verlängerung eines historischen Traums. Wir Juden träumen nicht von dem, was wir tagsüber erleben, sondern wir leben seit zweitausend Jahren von dem, was wir nachts erträumen . .. Dies ist vielleicht mit ein Schlüsse! zum Geheimnis unserer Existenz. Und der große Traum, von dem wir hier sprechen und dem wir unser Leben als Volk zu verdanken haben, heißt Geuia — Erlösung. I. Seitdem es eine Oaluth gibt, besagt dieser Traum, daß eines Tages das autonome jüdische Leben in den Grenzen der eigenen Heimat wiederhergestellt werden wird. Sagt man aber ״jüdisches Leben“, so meint man dies natürlieh in seiner vollendeten Fülle und Vielfältigkeit. Erst späterhin, als die Wirklichkeit von dieser« Traum unendlich weit entfernt war, verdichtete sich dies«; Bild zu einem Wunder und wurde einseitig. Aber der Begriff der Erlösung als solcher meinte immer die Totalität des Lebens. Und sogar der Messias, der die Wunder vollbringen sollte, ist in der naiven Volks-Phantasie der Juden nicht als ein Engel, sondern noch als ein Mensch, sogar als ein Bettler aut einem Esel dahergeritten kommend, betrachtet worden. Der gesunde Urinstinkt des jüdischen Volkes sträubte sich immer gegen Halbheiten der Erlösung und forderte sowohl im Mittel als auch im Ziel stets die Ganzheit des Lebens. Daher blieb die Messias-Gestalt eine menschliche Figur, zusammengesetzt aus natürlicher Verbindung von Kraft und Geist, ein organischer Wuchs, ohne jede Ueberwucherung ins Akrobatisch-Massive oder Mystisch-Spekulative. So war der Traum: total und das ganze Leben umfassend. Diesen Traum trugen wir in die anders geartete Wirklichkeit unserer Oaluth hinein und verengten, von ihm und durch ihn zu leben. Da aber die Realität der Fremde hart war, unsere Menschen oft in der Verzweigung ungeduldig wurden und die Verwirklichung des totalen Traumes nicht erwarten konnten, versuchten sie es mit kompromißhaften Teillösungen einseitiger Natur, ln solchen kritischen Stunden unserer Geschichte warf die jüdische Volksseele entweder den Golem, d. h. die eine Lebenshemisphäre asgehäufter, massiver Kraft, oder den falschen Mes- Sias, die andere Lebenshcmisnhäre konzentrierter, mystischer Spekulation auf die Tribüne des historischen Geschehens. Mit der Axt in der Hand wollte .der Golem die Erlösung im 16., mit einer Beschwörungsformel Sabbatai Zwi sie im 17. Jahrhundert erzwingen. Beide Versuche sind gescheitert. Denn noch nie ist eine Erlösung gelungen, die nur aut die eine Hälfte unseres Lebens hin tendierte. Und auch in Zukunft wird keine Erlösung gelingen, die einen einseitigen Charakter aufweist und nur die eine Hemisphäre unseres Lebens — lind sei es auch nur in bezug aut die Mittel — in Ansnrtich nimmt. Unser historischer Traum stellte eine tolale Welt ans Erde und Himmel dar. Also kann man in der Wirklichkeit nicht mit irdischer, oder mystischer Kraft allein die Erlösung zustande bringen, weil sie unserem Wesen inadäquat, der jüdischen Mentalität fremd Ist, und weil eine solche Energienverschiebung zwischen Kraft und Geist die besondere Art unseres ״hebräischen Humanismus“, von dem man vor kurzem mit Recht in diesen Blättern sprach., in Frage stellen würde. H. Eigentlich will der Autor des Ool e m Dr a m as, das der Kulturbund in dieser Woche zeigt — auf eine kurze Formel gebracht — nichts anderes sagen, als daß Rabbi Low durch die Schöpfung des Golem, also einer Figur ausschließlich zusammengeballter Macht, von den Wegen seines Volkes abgewichen war. Rabbi Löw erhält deshalb auch seine Strafe, inaetn der Golem in seiner überschüssigen Körperlichkeit und Kraft seine Axt schließlich auch gegen Juden erhebt, sich also de facto auch gegen seinen Schöpfer wendet. Würde man zu diesem Stück einen Midrasch schreiben, so müßte er eine Art von memento mori werden: Juden, vergeßt die Ganzheit nicht! Laßt euch nicht in Einseitigkeiten drängen! Macht keine Kompromisse! Bleibt und werdet, die ihr seid!... Man müßte meinen, daß dieses Stück unseren Menschen In diesen Tagen viel zu sagen hätte, aber wie wir Jetzt bereits wissen, ist diese Aufführung — trotz ihrer wunderbaren Regie und einer ebensolchen Inszenierung und trotz zum Teil großartiger schauspielerischer Leistungen — kein Publikumserfolg geworden. Das Problem läßt unsere Menschen kalt. Das Sujet interessiert sie nicht. Die Draraatik hat sie nicht gepackt. Das Stück zwingt sie nicht in seinen Bann. Sie kamen nicht zusammen, der Golem und das Publikum. Fs gal) keinen Kontakt, und — wir gestehen es offen — die Schuld hierfür ist in der Hauptsache im Parkett zu suchen. Es ist ein doppeltes Golem-Problem» das hier vorliegt: Aut der Bühne una im Zuschauerraum, Hier wie dort eine Einseitigkeit und eine unfertige Masse... Ich habe vor einigen Monaten in einem Aufsatz in der ,Jüdischen Rundschau“ (.Judentum als Erlebnis einer großen 1 :ehe“) die Behauptung gewagt, daß trotz des grollen Lärms um die Rückkehr zum Judentum unsere Menschen den wahren Zugang zu unseren geistigen Werten nicht gefunden haben,!amals liefen bei mir Dutzende von Briefen ein! die gegen dieses Urteil Protest erhoben. Wenn es noch eines Beweises bedurfte, wie sehr wir damals recht hatten, so •erbringen ihn allabendlich die Aufführungen des Kulturbundes. Wir stehen vor dem sehr ernsten Problem einer beginnenden geistigen Niveaulosigkeit eines großen Teiles unserer Menschen. Wenn man die Besucherzahl und den Erfolg von Aufführungen, wie ״Menschen in Weiß“ und ״Czardasfiirstin“ mit ״Goldene Kette״, .,Sabbatai Zwi“ und ״Golem“ vergleicht, so sprechen hier Zahlen die deutlichste Sprache. Wenn man unsere Menschen deswegen stellt, dann antworten sin, daß der Theaterbesuch sie von ihren täglichen Sorgen a b 1 e n k e n müsse. Wir kennen die Sorgen unserer Menschen viel zu sehr, um dies nicht berechtigt zu finden. Aber wir glauben, daß Ablenkung auch darin bestehen könne, daß man sein durch viele Umstände leer gewordenes seelisches Gefäß mit geistigen Werten des eigenen Volkes autfülit und also vom Tagtäglichen in eine andere Sphäre gehoben wird. Unsere Hoffnung auf diesem Gehict hat sich aber nicht erfüllt, und alle Begriffe, die wir geprägt haben — ״Bekennen und Erlehen“, ״Geistige Ablenkung“, ״See'ische Aufrichtung“ — verzerren sich zu einem einfachen Faktum des Totschlagcn-wollens eines Abends und des Ausfüllens einer leeren Stunde. Zu dem Herabsinken des Niveaus tritt noch ein Zweiles hinzu: Die Unsicherheit im jüdischen Standort. Ein Teil unserer Menschen wird böse und schämt sich, wenn er die Bettler-Szene auf der Bühne sieht, weil er die innere Angst verspürt, mit diesen Figuren identifiziert werden zu können. Es ist ihnen unangenehm, daß irgendein Urahn unseres Volkes so durch die Welt gegangen sein könnte. Es gibt da noch keine seelische Bodenständigkeit unserer Menschen in der jüdischen Welt. Sie sind bei uns ],och Geht beheimatet. Es ist die Unsicherheit eines ״Emporkömmiings“, der ungern an den Ursprung erinnert wird, und noch nicht die großzügige Liebe des Autochthon- Angestammten zu gewissen historischen Erscheinungsformen seines Volkes ... Bei manchen unserer Menschen hat die letzte Entwlcklung dazu geführt, daß sie im besten Falle in die Tasche greifen und unseren Institutionen die verlangten Mittel zur Verfügung stellen. Dies alles ist gewiß sehr wichtig» und die Bedeutung soll hier nicht vermindert werden. Aber alles, was wir in unserem Leben tun? ist doch für das jüdische Volk ein kleines Stück Erlösu ugsarbeit. Das Opferbringen an Geld allein ist doch nur eine halbe Arbeit und bleibt im Irdisch-Materiellen stecken. Es gibt aber keine Rückkehr zum Judentum ohne die Einbeziehung seiner geistigen Werte und die Konfrontierung mit ihnen. Man kann nicht jahrelang vom ״Bekenntnis zum Judentum“ und ״Jüdischer Kultur“ reden, um dann nur Czardasfürstin-Auffülirungen zu besuchen und zu glauben, man litte der jüdischen Kultur seinen Tribut gezollt Alle jüdischen Stoffe, die der Kulturbund bisher gebracht hat, waren — trotz Qualität an Inhalt, Schauspielkunst und Form — kein Publikumserfolg. Ein Zeichen dafür, wie sehr wir seit fünf Jahren eine einseitige und halbe ״Erlösungsarbeit״ treiben. Wir haben in dieser Zeit unter starker Nervenanstrengun״ in materiellen Dingen gewiß große Leistungen hervorgebracht. Und es ist uns auch gelungen, vielen Menschen den Boden unter den Füßen wiederzugeben. Hand in Hand damit haben sie aber die Bläue des Himmels vergessen, ... und der Geist des Judentums wartet immer noch auf seinen Entdecker. Im Golem-Drama gibt cs eine erschütternde Szene, die In ihrer Grandiosität unser Problem auf eine kurze Formel bringt: Im Prager Fiinferturm, in dem sielt die jüdischen Bettler aufzuhalten pflegten, herrscht große Unruhe. Taddäus will die Juden austreihen. Man kündigt das Kommen des Widersachers an. Und diese Menschen, die in de» Ruinen hausen, die nichts mehr haben, als ihren Bettelsack, sitzen erstarrt, beklommen und versteinert da. Sie fühlen, daß man ihnen den letzten Halt ihrer kärglichen Existenz nimmt. Plötzlich steht ein blinder Bettler auf, tastet sich an seinem Stock hoch wendet sich gegen Osten und sagt: ״Mein Gott, ich vergaß ja fast das Abend gebet“.... Wir wissen, was unsere Menschen alles in den letzten Jahren verloren haben, und wie sehr jeder von uns utn seine Existenz kämpfen muß. Schon deshalb allein sind alle Aufbringimgsvverke von ungeheurer Bedeutung. Um so wichtiger ist es, sich an der Stütze des Judentums hochzutasten und über die Materie nicht den Geist, über die Erde nicht den Himmel zu vergessen. Nur so w׳erden wir allem Einseitigen und Halben entgehen und uns einer Wirklichkeit nähern, die — unserem Lrlösuugstraum ähnlich — Lcbenstotalität wird aufweisen können. Nachlassen der Spannkraft Eindrücke von einer Reise durch Deutschland Von Dr. Erich Rosenblüth, Kibbuz Rodges Drei Jahre lang sah ich nicht die Juden Deutschlands. Und als ich ihnen jetzt wieder begeirnete, bemerkte ich an ihnen eine viel größere Veränderung, als eigentlich nach jenem Zeitabschnitt zu erwarten gewesen wäre. In erster Linie betrifft diese Veränderung ihr Verhältnis zu Palästina und zum Zionismus. Vor drei Jahren beherrschte Palästina den weitaus größeren Teil der jüdischen Jugend in Deutschland; sehr viele, Aeltere und Jüngere bereiteten sich vor auf das Land, sie erwählten sich einen passenden Beruf, erlernten eifrig die hebräische Sprache und beschäftigten sich überhaupt intensiv mit jüdischen Werten. Andere, besonders die Alten, bedauerten, nicht selber mehr himibergehen zu können. Oft genug bemühten sie sich, im theoretischen Studium des Hebräischeii und Jüdischen einen Ersatz dafür zu finden, ln dieser Ausgerichtetheit auf Palästina und das Judentum fand man auch in schweren Augenblicken die Kraft, innerlich stand/uhalten. Warum ist dies heute in sehr vielen Kreisen des Judentums in Deutschland anders geworden? Es scheint mir, •daß die Veränderung, die Platz gegriffen hat, vor allem darauf zuriiekzuführen ist, daß man vielfach den Glauben an Palästina verloren hat. Eine tiefe Resignation beherrscht das Judentum in Deutschland heute, sie ergreift alle Gebiete, im besonderen aber kommt sie Palästina gegenüber zum Ausdruck. Und sie beherrscht nicht nur etwa die sogenannten Neuzionisten, sie dringt auch in die Bünde und ergreift die Führer und gelegentlich auch leitende Menschen der zionistischen Arbeit. Gewiß werden gerade in Palästina heute die Schwierigkeiten der politischen und wirtschaftlichen Situation gefühlt, — sei es die mangelnde Sicherheit oder die politische Ungewißheit, die das wirtschaftliche Leben lähmt oder die Arbeitslosigkeit in der Stadt und stellenweise aul dem Land. Und doch habe ich paradoxerweise die palästinensische Krise am stärksten in Deutschland gefühlt. Während gerade in Palästina die Unruhen und die auf sie folgende Krise eine viel schnellere seelische Einwurzelung eines großen Teiles der Juden aus Deutschland herbeiführte, begannen die Juden in Deutschland, am Oaiizen irre zu werden. Vielleicht waren sie nicht genügend auf die Schwierigkeiten unserer Situation in Palästina vorbereitet, vielleicht treiben der Zwang, sich eine Existenz im Auslande zu suchen, und der Glaube, sie in Palästina heute nicht finden zu können, viele von Palästina weg. Aber der äußere Druck, die materielle Situation für jung und alt, ist in Polen noch viel schwieriger, weniger Zertifikate und geringere Summen stehen für die IEECTA strompie.stricRuiaren /«חס״»-.״•». TCölH Uä» HanDscMe / “It״ Hachscharah und die Einordnung im Lande zur Verfügung. Und. doch ist die Einstellung der breiten Massen mehr oder weniger unerschüttert geblieben, man ist brennend interessiert an allen Fragen Palästinas und an der Ausnutzung aller Möglichkeiten, die Alijah nach Erez Israel zu vergrößern. Letzten Endes scheint mir diese Erscheinung auf einer Resignation an sich selbst zu beruhen. Auf Grund verschiedener Faktoren hat das Judentum den inneren Halt und den Glauben an sich verloren, und damit auch den Mut, sich für eine Idee einzusetzen, deren Verwirklichung eine längere Zeitspanne erfordert und an die Ueberwindung großer Schwierigkeiten gebunden ist Und auch dem Gedanken der Auswanderung In andere überseeische Länder, der heute viele Kreise beherrscht, liegt weniger eine reale Basis zugrunde, als die Flucht vor sidi selbst und die daraus entstehende Bereit- Schaft, jeder neu sich ergebenden Möglichkeit sich hinzugeben. Viele Konflikte entstehen daraus. Eltern, die mit ihren Kindem sich für Erez Israel vorbereiteten, spähen nun nach Amerika aus und glauben, auf ihre Kinder angewiesen zu sein, Die Kinder aber sind mit ihrer ganzen Seele mit Erez Israel verbunden und nicht bereit, in ein fernes ümd zu gehen, wo möglicherweise dieselben Schwierigkeiten — schon heute erkennbar — vor ihnen stehen werden. Und es scheint mir, daß die Zionisten, die Führer der Jugend, gelbst nicht immer die innere Kraft und Bereitschaft in sich spüren, diesen Kampf, der ausgefochten werden muß, zu führen. Das Judentum in Deutschland muß den Glauben an sich wiedergewinnen. Reiche innere Kräfte sind noch heute in ihm, weil trotz der Abwanderung gerade der Besten neue Menschen herangewachsen sind, Kreise sich erschlossen haben, die in der Lage wären, die Juden und besonders die Jugend zu einer selbstbewußten Haltung zu erziehen, ihnen Achtung vor sich und dem Judentum einzuflößen und ihnen einen Weg und eine Lebensform zu weisen, die Bestand haben und eine Grundlage auch für ihre Kinder innerhalb der jüdischen Gemeinschaft abgeben können. Soweit man in der Lage und berechtigt ist, von der Ferne aus zu dieser Situation sich zu äußern, sehe ich zwei Punkte, von denen aus diese Leere auszufüllen wäre. Mau müßte an eine systematische Erneuerung der jüdisehen Erziehungsarbeit Jierangehen, die auch die Erwachsenen soweit wie möglich, vor allem aber die Jugendliehen zu erfassen und tiefer anzupacken hätte. Nötigenfalls wäre das Schwergewicht einer intensiveren Arbeit auf engere Kreise zu legen, ohne deswegen auf die Erfassung breiterer Kreise ganz verzichten zu wollen. Aber die erzieherische Arbeit und die tiefere Erfassung der Menschen sollte viel mehr als früher im Vordergründe stehen. Ferner fehlt vor allem das Gefühl und die Erkenntnis der Bedeutung des historischen Augenblicks, in dem wir leben. Man sagt, daß innerhalb der Judenheit in Deutschland nach der Veröffenficliung des Peel-ßrrlch'es so etwas wie «in Aufschwung, wahrscheinlich auf Grund der Anziehungskraft des Staatsgcaankeiis, zu spüren gewesen wäre, aber auch er verschwand baid. Hier gilt es, die Eigenart und Besonderheit unserer Situation zu erkennen und begreiflich zu machen. Wie immer in schweren Augenblicken unserer Geschichte, sehen wir auch heute in der Krisenzeit in Erez Israel, die uns gerade nach ihrer politischen Seite manchmal auswegslos schien, die Geburtswehen einer neuen größeren Epoche. Die Zeit des Auf und Ab in der Entwicklung des Aufbaus, der trotz allen Rückschlägen langsamen Weiteren(Wicklung auf Grund des Balfour-Mandates ist beendet und heule ist unser Kampf aufs Ganze gerichtet. Zu stark ist unser Werk materiell basiert, zu tief der Glaube an die Verankerung des Zionsgedankens in den Grundkräften des Volkes und der Geschichte, als daß ein Scheitern denkbar wäre. Das arabische Volk in Erez Israel hat eine ungeheure Veränderung in den letzten zwei Jahren erfahren, die uninteressierten Massen sind zum großen Teil vom politischen Kampf erfaßt, und besonders die Jugend hat sich in nationalen Bewegungen nach dem Muster der anderen Völker organisiert. Eine ungeheure Gärung, die früher nur in den Nachbarländern Palästinas zu spüren gewesen war, hat auf die Araber Pa'ästinas besonders in den Städten übergegriffera, Unsere zionistische Bewegung dagegen, noch immer mehr auf Logik und Argumenten aüfgebaut, a!s aus der Grundtiefe der Person und der geschiehtliehen Gemeinschaft quellend, isrt unberührt geblieben von dieser Revolutionierung, die eine ganz andere Dynamik in das Geschehen des Vorderen Orients hineingebracht hat, aus der wir uns sicht lösen können. Der Plan eines jüdischen Staates ist nur ein anderer Ausdruck derselben Erscheinung. Nicht um eine Begeisterung für den Gedanken als solchen, der uns stets ferngeiegen hat, geht es hier, sondern heute, da er als reale Möglich keit und anscheinend — mangels eines anderen Weges — als reale Notwendigkeit uns aufgegeben ist, haben wir die konkreten Fragen, die mit seiner Gründung und seiner tieferen Fundierung Zusammenhängen, zu erkennen. Wir haben die Grö ß e dieser neuen Aufgaben, die vor allem eine viel tiefere Erziehung auf menschlichem und jüdischem Gebiete bedingen, zu begreifen und auszuwerten. Zu ihnen gehören die Fragen nach der Ausgestaltung des jüdischen Staates, seiner Kultur^ die Lösung der sozialen uni religiösen Fragen, die bisher völlig unverbindlich und gleichsam Tn messianiseher Höhe schwebten, das Verhältnis der beiden Staaten Palästinas zueinander, und zu ihren Minderheiten, aber auch die ganz eiementaren Fragen der Sicherheit und der Wirtschaft, die nun in ganz anderem Ausmaße sich vor uns erheben, ln dem Begreifen der besonderen Größe dieser Epoche, dem Ahnen des Neuen, das im Entstehen begriffen ist, werden wir den Olauben und den Mut zu neuem stärkeren Tun finden.