Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1937-10-26 · Heft 85 (26.10.1937) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 85 (26.10.1937)
Date
1937-10-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2653625-2653705--31427-2686036
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 85, 26. X. 1937 Der Kampf an den polnischen Hochschulen Ein Freund Pilsudskis gegen die Ghetto-Bänke Dem Parlament entgegen Zur Judunfrug• in Ungnrn Von unserem Berichtcrslatter Bud ap es t, 21. Oktober In einigem Tagen soll das Parlamentsgebäude an der Donau seine Pforten öffnen. Schicksalsschwere, verfassungsändernde Gesetzcsvorlagen sollen in der neuen Session erledig( werden, vor altem die Frage der W a h 1 r e f o r m und der damit zusammenhängenden Rechts v er st ärk ur. g des Oberhauses. Vor allem sind es die cxtrcmradikalen rechtssteh c 1! d e n Parteien und Fraktionen, die unter verschiedenen Führern und Farben bisher getrennt marschierten, einheitlich aber auf Aenderung der Verfassung hinarbeiteten, und in einer jüngst i!1 der Ofener Rcdoute abgebaltencn Werbeversammlung sich zu einer ״Nationalfront Ungarisch- Sozialistischer Vereinigungen“ zu- *ammensehlossen. Ihre Redner, unter ihnen der Reichstagsabgeordiietc. Redakteur Dr. Franz Rajniss forderten eine radikale Lösung der Juden frage, namentlich die Zuriickdrängung des jüdischen Einflusses im Wirtschaftsleben und in der Presse, einen gründlichen Regimewcchsci, die Ausschaltung aller Bekeiintniskirchen aus der politischen Be- •wcgting. Einzelne Gruppen, wie der ,,Führerresident“ der ״Nationalsozialistischen ungarischen Arbeiterpartei“, Zoltan Böszörmcnyi, gegen den und seine 88 Genossen gerade jetzt vor dem Budapest er Gerichtshof ein Prozeß wegen!evolutionärer Organisation und Propaganda verhandelt wurde, gehen noch weiter (siehe ״Jüdische Rundschau“ Nr. 84. Red.). Die liberale Presse ruft schon seit Monaten gegen Auswüchse der Vereins- und Pressefreiheit, die sich in der Provinz noch ungehemmter äußern, nach dem Staatsanwalt. IHe Gerichte jedoch, denen es wohl hier und da auch an den den!liehen gesetzlichen Unterlagen mangeln dürfte, gingen bisher meist mit sanfter Hand vor. Gewalttätige Ausschrei* tungen wurden ais ״!'ergehen gegen die öffentliche Ordnung“ (lualilizirrt und mit Utlcl- und Ordnungsstrafen bestraft. Der Lehramtskandidat Enterich K e 111 e r i - N a g y, der am 6. Oktoher eine pietatsvolle .Nationalfeier der Universitätsjugend störte und dabei deren Fahne in den Staub zerrte, konnte sich nach der Verhandlung, bei der er mit verbundenem Haupt erschien, als Märtyrer der Tat brüsten. Die Erregung, die sieh weiter Kreise ob dieser Vorgänge bemächtigte, hat mm zu einer Gegenaktion geführt, deren Bedeutung vorläufig noch nicht alvuschät/en ist. Der einfiullrciclie F!ihrer der - jederzeit jtidenfreicn -- Partei der kleinen Landwirte, Abg. I)r. Tihor F c k h a r d t, hat vorige Woche in Könnend in Gemeinschaft mit mehreren exponierlcn Vertretern verschiedener oppositioneller Parteien die Fahne des königstreuen Legitinusnius entfaltet. Wie er selbst bekannte, halten ihn ehe im l ande iibcrhandnciimctiden Be- Strebungen um die Diktatur sowie eine Aussprache mit dem I'ihkbni־״ Otto zur Einsicht gebracht, (laß Ruhe und Beruhigung nur durch Restaurierung' der königlichen Gewalt gesichert sei, wobei der Redner dem gegenwärtigen Staats- Oberhaupt volle Loyalität zusagte. In einer späteren Volks- Versammlung j!! ,Mako sagte Dr. Eckhardt, daß eine weitere Gefahr der Antisemitismus sei. 1111 Weltkrieg wurde dieser .,berechtigte Judenhaß“ durch das Vorgehen derjenigen ausgelöst, die Kommittsclntlic aus Papier geliefert haben. Heute aber lassen sich viele durch das Vorgehen gewisser V’olkswirtschaltler in .gewalttätige Richtungen verleiten. Es ■ scheint sich hier also etwas •wie ein konservatives Zentrum vorzubereiten. Das hoclikonservative Organ des katholischen Klerus: ״Nemzeti U j s ä g“, führte hierzu in einem redaktionellen Sonntagsleitartikel, der viel Aufsehen .erregte, folgendes aus: Die immer kräftigere Agitation der rechtsradikalen Gruppen bedeute einen gefährlichen und bedrohiicheii Angriff nicht bloß gegen die ungarische Verfassung, sondern auch gegen die bürgerliche und christliche Struktur des Landes. Das Blatt richtet an die Regierung die Frage, ■wie lange sie noch diese Aufwiegelungskampagne dulden wolle, (Iic vor einem halben Jahre nur gegen die Juden gerichtet war, jetzt aber schon gegen die katholische Kirche, gegen die parlamentarische Lebensform des Ungartums und gegen Ansehen und Würde der Gesetzgebung sich richte. Das Problem der Juderilrngc müsse ebenfalls auf verfas- 5 u n g s m a 11 i g e m V ege gelöst werden, denn welchen Wert könnten einzelne gewaltsame Maßnahmen besitzen, wenn glelclt/eilig die Verfassung des 1000jährigen Ungarns dar- Über in Trümmer ginge? Wie s״ oft in der Geschichte, spielt die Juden frage ,111111־ hier ihre s\mptninafisiTic, fast symbolische Rolle im politischen Leben. Gleich einer niemals ruhenden Barometer- ■Satde zeigt ihr Stand den jeweiligen Grad von Druck und Gcgmdrmi:, von Ruhe- und Dnruheelementc’t! in der Struktur des Staates an. [)11■ |udenfrage gilt aber auch als imaginäre ZtcDdieibe, an der die!’1feile des Angriffes erprobt werden, während ihre Tendenz weit ober sie h in ausweist. Aus den Reiher! der H! x'hsehiiljugend — dem anderen empfindlichen Seismograph der Gesellschaft —• erklingt sehort der Ruf: Kämpft nicht allein gegen die Juden, jeder ist unser Feind, der auf ungarischem Boden einen Habsburger krönen will. Fs regnet Pamphlete auf Pamphlete, die Spannung wächst in allen Lagern. In den letzten Tagen gab der Innenminister Josef S/eil eine Erklärung ab: er sei niemals von irgendeiner Seite in seinen Entschlüssen beeinflußt oder gehemmt worden, werde es auch auf keinen Fall dulden. Die Front der Winkelprcsse und illegitimen Flugschriftliteratur wolle er in kürzester Zeit aufrolk-n, wenn notwendig, mit Zuhilfenahme neuer gesetzlicher Maßregeln. Dr. A. F. Gestalten jüdischer Vergangenheit ln der heutigen Ausgabe beginnen wir mit der bereits angekündigten Veröffentlichung unserer neuen belehrenden Rubrik, die unter dem 7 Ifel ״Gestalten jüdischer Vergangenheit>f zunächst eine Serie von Persönlichkeiten der Jüdischen Geschichte von Ihren Anfängen bis an die Schwelle der Neuzeit behandeln wird, um die betreffende Epoche der jüdischen Ge• schichte, die durch die einzelnen Persönlich• keiten charakterisiert wird, kurz darzustellen und so besonders für den, der sich mit den Dingen intensiver beschäftigen möchte, eine Anregung zu bieten. Als erstes wird In dieser mit Illustrationen versehenen Rubrik heute die Gestalt Moses behandelt. Unsere Leser finden sie auf Seite 8 der heutigen Nummer. Prof. Mieczyslaw Michalowicz, der Leiter der Kinderklinik an der P i I s u d s k i - U n i v e r s i t ä t i n Warschau, der als eine der bedeutendsten medizinischen Autoritäten Polens und persönlicher Freund des verstorbenen Marschalls Pilsudski hohes Ansehen genießt, hat sich in einer öffentlichen Erklärung gegen jede Zurücksetzung der Juden an den Hochschulen gewandt. Der Vorlesungssaal an der Kinderklinik ist der einzige innerhalb der Warschauer Universität, in dem die Ghettositzordnung nicht eingeführt worden ist. Auf die Anfrage des Vorsitzenden der ausschließlich aus Nichtjuden bestehenden Medizinervereinigung, warum Prof. Michalowicz es ablehne, die neue Sitzordnung einzuführen, gab dieser vor Beginn der Vorlesung folgende Erklärung ab: ״Der von uns Professoren zum Leiter der Universität gewählte Rektor kann seine eigene Ansicht in dieser Angelegenhcit haben. Ich jedoch muß als Senator der Polnischen Republik, aut deren Verfassung ich den Eid geleistet habe, es abiehnen, die Verfassung zu verletzen.“ Prof. Michalowicz wies auf die religiösen Zusammenhänge zwischen dem Judentum und dem aus ihm hervorgegangenen Christentum hin und fuhr dann weiter fort: ״Die Semiten sind wie eine Pflanze, die aus ihrem Boden ausgerissen und aut den Weg geworfen worden ist. Ich glaube, daß sie in Palästina, wo sie mit Blutopfern um ihr Recht kämpfen, ihre Wiedergeburt finden werden. Solange die polnische Verfassung nicht aufgehoben worden ist, werde ich sie nicht verletzen. Ich sage dies als treuer Staatsbürger; mein Gewissen ist vollkommen rein.“_ Die Erklärung des Professors Michalowicz hat in judenfeindlichen Kreisen einen Sturm der Empörung hervorgerufen. Die nationaldemokratischen Zeitungen beschuldigen Prof. Michalowicz, daß sich seine Herausforderung nicht allein gegen den Rektor richte; denn die Rektoren seien von der Regierung ermächtigt worden, die neue Sitzordnung einzuführen, Auf der Warschauer Zahnärztlichen Hochschule hat Prol. N i c z, als er bemerkte, daß die jüdischen Hörer stehen, diese aulgefordert, Platz zu nehmen. Die jüdischen Studenten erklärten, sie könnten dies nicht tun, weil für sie nur abgesonderte Plätze bestimmt sind. Daraufhin erhob sich der Pro- Statistik der Kriminalität Seit 191t) war die Kriminalität der Glaubensjuden im Deutschen Reich nicht mehr zahlenmäßig nachgewiesen. Ucbcr die Beteiligung der Glaubensjuden an der Kriminalität im ersten Vierteljahr 1936 wurde in Nr. 104 5 (1936) der ״Jüdischen Rundschau“ berichtet. Nunmehr liegen die Ergehnisse der deutschen Kriminalstatistik für das ganze Jahr 1936 vor. Insgesamt sind 385 400 Personen rechtskräftig verurteilt worden, darunter 4104 Glaubensjuden. Im Jahre 1936 waren von 100 Verurteilten 1,06 Juden. Dieser Satz, dürfte etwas über dem Anteil der strafmündigen Juden an der Reichsbevölkerung liegen, da für 1936 damit gerechnet werden kann, daß aut 100 straf mündige Personen der gesamten Bevölkerung Deutschlands nur etwa 0,6 Juden kamen. Die amtliche Kriminalstatistik unterscheidet zwei Hauptgruppen: Verurteilungen wegen Delikten gegen das Strafgesetzbuch und wegen Verbrechen und Vergehen gegen andere reichsgesetzliche Bestimmungen. Von den 4104 verurteilten Juden hatten sich weniger als die Hälfte, 1756, gegen Bestimmungen des Strafgesetzbuches vergangen. Hier betrug der Anteil der Juden an der Gesamtzahl der Verurteilungen 0,61, entsprach also genau dem Anteil der Glaubensjuden an der Bevölkerung Deutschlands. Der größere Teil der jiidischen Verurteilten kam wegen Verbrechen und Vergehen gegen andere Reichsgesetze zur Bestrafung, nämlich 2348 Personen oder 2,42 v.'H., also ein Prozentsatz, der weit über der jüdischen Bevölkerungsquote liegt. In diese Deliktsgruppe gehören insbesondere die Verfehlungen gegen Paßvorschriften. Hierin bestand die Straftat bei einem Fünftel aller bestraften Glaubensjuden, 862. Ein weiteres Zehntel, 411 — vermutlich überwiegend kraftfahrende Berufstätige — wurde wegen fahrlässiger Körperverletzung nach dem Strafgesetzbuch zur Verantwortung gezogen. Wegen Uebertretungcn des Gesetzes zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre wurden insgesamt 358 Personen — darunter 6 Jugendliche, 127 Vorbestrafte — verurteilt, von denen 262 Glaubensjuden waren. Besonders bemerkenswert ist, daß kriminell belastete Elemente einen so großen Teil der wegen Rassenschande Verurteilten stellten. Je 116 Juden haben gegen die Gewerbeordnung und das Gesetz über die Devisenbewirtschaftung verstoßen, 1,74 bzw. 7,21 0״ aller wegen solcher Straftaten Bestraften. Bei diesen Delikten waren die Juden also, was mit ihrer besonderen berufliehen und sozialen Struktur Zusammenhängen mag, stärker beteiligt, als ihrem Anteil an der Bevölkerung entsprach. Dagegen blieb ihr Anteil an der Zahl der Verurteilungen wegen Abtreibung, Sittlichkeitsverbrechen und -vergehen, Diebstahl, Unterschlagung und Hehlerei hinter der jüdischen Bevölkerungsquote zurück. Albert Phiebig Vom hollättdisciten Zionismus Von unserem Berichterstatter 1 RL., den Haag, 22, Oktober Die Auseinandersetzungen im Niederländischen Zionistenbtind dauern fort. Prof. Dr. D. Cohen, der aktivste Vertreter der Opposition gegen die Haltung des Bundesvorstandes, setzt in einem Leitartikel im Bundesorgan ausführlich auseinander, in welcher Richtung sich die Bundespotitik bewegen müsse, um die allgemeine zionistische Arbeit, vor allem die Propaganda und die eng damit zusammenhängende Fondsarheit, trotz der Auseinandersetzungen um die Frage der Teilung fortzusetzen, wobei er sich mehrfach auf die ״Jüdische Rundschau“ bezieht, ln der gleichen Nummer des Bundesorgans findet sich eine Erwiderung auf die redaktionellen Bemerkungen in Nr. 82 der ״Jüdischen Rundschau“, in der ihr mangelnde Würdigung des besonderen Charakters des holländischen Zionismus vorgeworfen wird. (Die ״Jüdische Rundschau“ hat seit Jahren die Bestrebungen der kleinen aber aktiven Gruppe der holländischen Zionisten mit Interesse verfolgt und trotz weitgehender Meinungsverschiedenheit auch respektiert. Es ist also u. E. kein Anlaß zur Gereiztheit, obwonl durch die objektiv schwierige Lage der Palästina-Politik gewiß unser aller Nerven sehr angespannt sind. — Anm. d. Red.) Die Poale Zion, deren beide Vertreter im Bundes- Vorstand gegen den bekannten Beschluß gestimmt hatten, veranstalten im Lande eine große Propaganda-Aktion. Dieser Tage findet in Amsterdam eine Sitzung des• Rimdesrats statt, in der die politische Situation behandelt und die Jahres- Versammlung, die am 25. und 26. Dezember in Amsterdam stattfinden soll, vorbereitet werden soll. fessor mit den Worten: Wenn meine Zuhörer stehen, dann kann ich nicht sitzen. Prof. Nicz, der bereits im vorgerückten Alter steht, hielt die ganze Vorlesung stehend. — Im dritten Jahrgang der (von Juden gestifteten) Wawelbergschen Hochschule kam es zu Auseinandersetzungen zwischen nationaldemokratischen und jüdischen Hörern. Während der Vor-!esnngen verlangten nationaldemokratische Studenten, daß die Professoren die jüdischen Studenten auffordern mögen, die für sie bestimmten Plätze einzunehmen. Prof. Kawel erwiderte, man könne Menschen nicht zwingen, sich auf abgesonderte Bänke zu setzen. An der Universität Lemberg fand die feierliche Eröffnung des neuen Studienjahres statt. Der Rektor, Prof. Kulczynski, verurteilte in seiner Ansprache entschieden die judenfeindlichen Ausschreitungen. Er erklärte, _ daß durch Exzesse, Terror und Mißbräuche das Universitätsleben in einen! trüben Licht erscheine. Es werde dadurch moralisch und wissenschaftlich großer Schaden angerichtet, wie die ersten Monate des vergangenen Jahres dies gezeigt hätten. Zum Schluß sprach der Rektor die Hoffnung aus, daß die Alma matcr sich von Hetzerei freimachen werde, Die Lemberger nationaldemokratischen Studenten haben egen den Rektor gerichtete Aufrufe verbreitet und auf den trafien juden- und ukrainerfcindlichc Rufe ausgestoßen. Eine Abordnung der judenfeindliclien Studenten hat sich an den Rektor mit der Forderung gewandt, daß an der Lemberger Universität ebenso wie in Warschau für die jüdischen Hörer abgesonderte Sitzplätze bestimmt werden. Oer Rektor hat diese Forderung bedingungslos zurückgcwicscn. Im Laufe des Proteststreiks gegen das Hochschulghetto sind in verschiedenen Städten Polens rund 2 0 6 jüdische Jugendliche fest genora men worden. Die Mehrzahl der Verhafteten wurde später freigelassen. In Lodz wurden vier jüdische Jugendliche aut administrativem Wege zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt, in Lublin hat der Distriktsgouverneur die Jüdische Gemeinde wegen der von ihr getaßten Protestresolution verwarnt. Er erklärte, die Jüdische Gemeinde habe damit ihre Befugnisse überschritten, da sie sich ausschließlich mit der Verwaltung religiöser Angelegen-!leiten zu befassen habe und sich in politische Dinge nicht cininischen dürfe. Ver lag sv er träge mit Judex! Die Rechtsprechung hat sich in den Jahren 1934 und 1935 mehrfach mit der Frage beschäftigt, ob Vcrlagsvcrträge mit juden aus der Zeit vor der nationalsozialistischen Revolution noch rechts wirksam sjüen. Ein in der ״lüdisehen Rundschau“ vom 13. August 1935 initgetciltcs Urteil des Oberlandesgerichts München vom 4. Februar 1935 hat ausgesprochen, daß einem Verleger infolge der völlig veränderten politischen Verhältnisse nicht zu gemutet werden kann, das Werk eines jüdischen Urhebers weiterhin zu verlegen. In der Begründung dieser Entscheidung ist davon ausgegangen worden, daß einem Verleger die Erfüllung der in einem Verlagsvertrage von 1920 übernommenen Verpflichtung, das Werk des betreffenden jüdischen Autors zu vervielfältigen und zu verbreiten, unmöglich geworden und er dadurch von der Verpflichtung zu dieser Leistung־-he*׳ freit worden ist. Im Gegensatz hierzu ist von anderen Gerichten die Unmöglichkeit der Ausführung solcher alten Verlagsverträge verneint worden. f!1 einer Abhandlung, die in einer führenden juristischeu Zeitschrift veröffentlicht wird, weist der Verfasser auf die Veränderung bin, die durch die Nürnberger Gesetze für die Beurteilung dieser Frage geschaffen ist. Der durch das Reichsbürgergesetz rechtlich zum Ausdruck gekommene existentielle Unterschied zwischen Deutschen und Juden hat, wie näher ausgeführt wird, die objektive und absolute Unmöglichkeit der Ausführung alter Verlagsvertrage mit jüdischen Autoren zur Folge. Von Interesse ist die Stellungnahme zu der Frage, wie es sich mit denjenigen Fällen verhält, in denen vor Erlaß der Nürnberger Gesetze ein Urteil ergangen war. Hierzu wird bemerkt, daß die Wirkungen rechtskräftiger Leistung*- urteile gegen Verleger nicht beseitigt werden können. Bei Feststellungsurteilen liegt es dagegen anders. Ist zunächst in einem solchen Urteil nur ausgesprochen, daß der Verleger Umsatzbeteiligung eines in Lieferungen!erscheinenden Werkes zu gewähren hat, und verweigert er dies, so wird gegenüber der neuen Klage des jüdischen Autors auf Zahlung ein Hinweis auf die durch die Nürnberger Gesetze veränderte Rechtslage und die daraus gefolgerte Unmöglichkeit der Vertragserfüllung für zulässig gehalten, so daß die Wirkungen des Feststellungsurtciis praktisch damit entfallen. Kleine Nachrichten Auf den Märkten in Danzig und seinen Vororten sind den jüdischen Händlern von ־’׳,r Polizei besondere Stände angewiesen worden. Am Sonnabend kam es in der Nähe des Danziger Wochenmarktes zu Menschenansammlungen, wobei Schaufenster jüdischer Geschäfte ein• geworfen wurden. Zu der feierlichen Verleihung des juristischen Ehrendoktors an den Duke of Kent durch Lord Cecil war, wie uns gemeldet wird, auch Professor Dr. David Baumgardt (früher Professoc an der Universität Berlin) als Visiting-Professor der Universität Birmingham geladen. Mit Rücksicht auf ihre gute Führung sind der 70jährige Leiser F e I d b e r g und der 50jährige Abraham Hochberg, die im Przytyk-Prozeß verurteilt worden waren, von der Gefängnisverwaltung in Radom fünf Monate vor Verbüßung der Strafe entlassen worden. Feldberg und Hochberg haben 18 Monate im Gefängnis verbracht. ln der Sitzung der Ratsherren in P1 a u (Mecklenburg) wurde beschlossen, den Kauf in jüdischen Geschäften zu bestrafen. Für städtische Arbeiter und Angestellte zieht der Kauf bei Juden sofortige Entlassung nach sich, während Lhtterstützungen aus öffentlichen Mitteln bei einer Feststellung eines Verstoßes sofort gestrichen werden. Bergson ist nicht Katholik Vor kurzem ging durch die Presse die Nachricht, Henry Bcrgson sei unter dem Einfluß von P. Mathieu Gorce Katholik geworden. In Nr. 3 der Wiener Katholischen Zeitschrift ״Die Erfüllung“ erklärt P. Gorce diese Meldung als unwahr. Er legte dar, daß sich seiner Meinung nach die Philosophie Bergsons zum Thomismus hin entwickelt und Bergson viele Beweise seiner Hinneigung zu christlichen Mystikern und zu Christus gegeben habe, er sei aber nicht zum Katholizisinus übergetreten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.