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Jüdische Rundschau · 1937-10-26 · Heft 85 (26.10.1937) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 85 (26.10.1937)
Date
1937-10-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 85, 26 X. 1937 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 3 Salmann Schocken / Zu seinem 60. Geburtstag Bei einem Volk wie dem jüdischen, das in einer unablässigen Bewegung und Aufbauarbeit — zudem noch an mehreren geographischen und sachlichen ״Fronten“ — steht, und bei einer Bewegung wie der zionistischen, die eine noch nie dagewesene Aufgabe auf sich nimmt, in einem Strome von Sorgen und Hoffnungen, ist es kaum verwunderlich, daß sich die bunte Eigenart der Persönlichkeiten, die hier wirken, der Gesamtheit nicht immer zum Bewußtsein kommt, Kann doch jeder nur Isoliertes beobachten und nicht die Gesamtleistung überschauen. Es bedarf häufig eines äußeren Anlasses, um einen Mann zu würdigen, der in der täglichen Bewahrung dieser Dienste steht und dem die Sache viel zu danken hat. Dieses Bedürfnis rechtfertigt es, daß an einem Abschnitt, wie es der 60. Jahrestag eines tatenreichen Lehens ist, ein Mann ans unseren Reihen nicht nur beglückwünscht, sondern sein Wirken dargestellt wird. Bei Salmann Schocken kann eine solche Darstellung notwendigerweise nur summarisch sein; zu vielseitig und umfangreich ist das Wirken des Mannes, der ein großer Kaufmann und Wirtschaftsführer, ein kultureller Organisator, Sammler und Verleger, Nationalpolitiker und Philanthrop zugleich ist Er ist für uns nicht nur eine führende Figur der Zionistisehen Weltorganisation und insbesondere des Zionismus in Deutschland, er ist auch ein Mann, dern das geistige Leben der Juden i!1 Deutschland und die jüdisch-geistigen Bestrebungen überhaupt besonders viel zu danken haben. Salmann Schocken wurde am 20. Oktober 1877 in Margonin, einem kleinen Orte der Provinz Posen, geboren. Es wird viele erstaunen zu hören, daß dieser Mann, dessen Wissen und umfassende Bildung jeden, der mit ihm in Berührung kommt, verblüfft, in seiner Kindheit nur vier Volks- Schulklassen und den Cheder absolviert hat. Sein Wunsch, ein Gymnasium zu besuchen, konnte wegen der Familien- Verhältnisse nicht erfüllt werden; so blieb ihm nichts anderes übrig, als sich autodidaktisch zu bilden, und später hat er in Berlin und Leipzig neben seiner Berufstätigkeit Abend- Vorlesungen besucht. Eigentlich gegen seinen Willen wurde er Kaufmann. Er bat jedoch auf diesem Gebiet durch seine organisatorische und kaufmännische Begabung, durch den weiten Blick und das Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhängc große Erfolge erreicht. Der von ihm gemeinsam mit seinem Bruder begründete Schocken-Konzern nahm einen immer größeren Aufschwung und gehörte im Jahre 1033, als Schocken Deutschland verließ, zu den fünf größten Warenhauskonzernen in Deutschland. Salmann Schocken erfreute sich in Wirtschaftskreisen der größten Hochachtung und Wert- Schätzung und wurde wiederholt zu Ehrenämtern in große Wirtschaftsorganisationen seines Faches berufen. Er trat auch bei verschiedenen Gelegenheiten mit Referaten über die Probleme seines Wirtschaftszweiges hervor, die sich durch klare Gliederung und Durchleuchten der wirklichen Probleme auszeichneten. Schocken ist aber niemals in seiner wirtschaftlichen Tätigkeit aufgegangen. Immer beschäftigte er sich intensiv mit geistigen Interessen, und schon frühzeitig drang die jüdische Kulturbewegung in seinen Gesichtskreis. Als ein Bibliophile und Sammler widmete er sein Interesse auch dem hebräischen Buch, er war sich dabei bewußt, daß es darauf ankommt, den echten jüdischen Geist wieder mit dem Leben zu verbinden. Etwa um das Jahr 1010 kam er mit dem Zionismus in nähere Berührung. Er beteiligte sich innerhalb der Zionistisehen Vereinigung für Deutschland hauptsächlich an der Kulturarbeit, und in der Folge nahm er an allen Gründungen von jüdisch-kulturellen Institutionen in Deutschland aktiven Anteil. Nach dem Weltkrieg trat Salmann Schocken innerhalb der Zionistischen Weltorganisation hervor. Er wurde 1921 bei dem XII. Kongreß in den ״Finanz- und Wirtschaftsrat“ der Zionistischen Organisation gewählt. Später unternahm er eine Studienreise nach Palästina, über die er in einem Referat auf der Karlsbader Jahreskonferenz im August 1922 ausführlich berichtete. Die ״Jüdische Rundschau“ hat damals geschrieben: ״Schocken, der bis dahin der weiteren zionistischen Oeffentlichkeit fast unbekannt gewesen ist, war mit einem Male die populärste Figur der Konferenz.“ Es war, nach den die Bewegung erschütternden Brandeis-Kontroversen, ein Muster konstruktiver Kritik. Schocken legte damals den Fing«■ auf eine entscheidende Wunde der Palästina-Arbeit, indem er eine Trennung in der Leitung von Politik, Verwaliung und Wirtschaft forderte. Für dieses Prinzip hat er auch bei den darauffolgenden Kongressen gekämpft. Inzwischen ist er 1923 in das Direktorium des Jüdischen Nationalfonds gewählt worden. Alle großen Projekte des Keren Kajcmeth haben in den folgenden Jahren seine sachliche Mitarbeit gefunden; als ein selbständig und unabhängig denkender Mensch war er nicht immer in vollem Einklang mit der offiziellen Meinung, aber oft mußten auch die andern später zugeben, daß er recht gehabt hatte. Nur ein Kapitel aus Schockens Tätigkeit im Keren Kajcmeth sei besonders 11ervorgehoben: ihm ist die Uebcrnalnne der Böden der Haifa- Bay durch den Keren Kajcmeth zu danken. Er bat diese Er- Werbung, gegen die sich gewichtige Stimmen erhoben, sogar durch persönliche Vorschüsse erst möglich gemacht, und so ist es Schockens Verdienst, daß die Haifa-Bay heute nationaler Besiiz ist. Ein besonderes Interesse Schockens galt stets der Berufsausbildung der jüdischen Jugend. In seiner vorsichtigen Art hat er dieses komplizierte Problem behandelt, aber wenn er zum Ergebnis der Richtigkeit des Weges kam, hat er alle dahinzielenden Bestrebungen mit größter Tatkraft unterstützt. So ist der Initiative Schockens eine der wichtigsten und schönste» Hachscharah-Farmen zu danken, das von seinem verstorbenen Bruder Simon Schocken erworbene und eingerichtete Gut Winkel, auf dem Hunderte von jüdischen Jugendlichen aus Deutschland eine erstklassige landwirtschaftliche und gärtnerische Ausbildung erhielten. Wir haben in der ״Jüdischen Rundschau“ über die Einrichtungen von Gut Winkel, das zum Andenken an Schockens verstorbenen Bruder als Sim*n-Schocke11-Stiftung weitergeführt wird, wiederholt berichtet. Es ist eine vorbildliche Art der Hachscharah-Förderung. Seine besondere Fürsorge wandte er stets allen seinen Mitarbeitern und Angestellten zu, und als infolge der veränderten Verhältnisse zahlreiche jüdische Angestellte des Schocken-Konzerns ihre Arbeitsplätze verlassen mußten, hat Schocken sich darum bemüht, daß diesen Menschen ein Weg zu einer neuen Existenz geebnet wird, insbesondere durch Beihilfen zur Vorbereitung bzw. Durchführung der Aus- Wanderung. Dank dieser Maßnahmen konnten zahlreiche trübere Angestellte der Firma Schocken umschichtcn und leben heute in Palästina und in anderen Auswanderung»• ländern. Wie schon erwähnt, gilt Schockens persönliche Liebhaberei vor allem dem Buche und insbesondere dem jüdischen Buche. Er hat eine einzigartige Sammlung seltener Bücher, darunter Judaica und Hcbraica, seltene schöne alte Drucke, Inkunabeln und wichtige Originalhandschriften hebräischer Werke. Ucber den persönlichen Beweggrund dieser Sammlung äußerte sich ihr Schöpfer im Jahre 1933 in folgenden Worten: ,.Aus dein Wuns.-he des Juden, in seinem Haine je ein wohlerhaltenes Exemplar der Grundbücher der jüdischen Tradition und Literatur zu haben, entstand nach und nach eine Sammlung, die zeitweise ihren Schwerpunkt auf Erstausgaben, seltene I »rucke, frühe Drucke und Inkunabeln legte. Die Geschichte des jüdischen Volkes in seinen Büchern, aber auch an seinen Büchern zu verfolgen, war dann lange Zeit der Leitgedanke des Sammlers.“ Zur Bearbeitung der von ihm oft linier größten Mühen in irgendeinem Teile tler Welt erworbenen hebräischen Hand- Salmann Schocken Foto.■ Jeru.iUmer Schriften, die kostbares Kulturgut enthalten und der wissenschaftlichen Welt sowie der Oeffentlichkeit erst allmählich zugänglich gemacht werden können, hat Schocken im Jahre 1930 ein eigenes Institut gegründet, das ״Forschungsijistitut für hebräische Dichtun g“, zu dessen Leiter er einen der bedeutendsten Fachmänner dieses Gebietes, den früheren Oberrabbiner Dr. Brody aus Prag, berief. Dieses Institut, das 1933 nach Jerusalem verlegt wurde, befaßt sich mit der Herausgabe der Werke der grollen hebräischen Dichter des Mittelalters nach den erwähnten, durch Schocken neu aufgefundenen Manuskripten, sowie nach anderen Originalmanuskriptcn, die dem Institut photokopiert aus den großen Sammlungen der Welt zur Verfügung gestellt werden. Ein entscheidender Schritt erfolgte 1932 durch die Gründüng des Schocken-Veriages, der jedem Leser unserer Zeitung bekannt ist. Dieser Verlag ist seit 1933 in einem unvorsehbaren Ausmaß eine Institution des Judentums in Deutschland geworden. Der Scliockcn-Verlag hat allmählich die wichtigsten jüdischen geistigen Werke bei sich vereinigt, sei es durch eigene Ausgaben, sei es als Erbe von anderen Verlagen; so das Gesamtwerk Martin Bubers, die Werke Franz Rosenzweigs, Hermann Cohens, Leo Baecks und eine große Anzahl anderer Autoren. Durch die Gründung dieses Verlages ist die Fortführung so bedeutsamer Werke wie der Bibelübersetzung von Bubcr ermöglicht. Vor allem aber ist durch den Schocken-Verlag das billige und gesell mackvolle jüdische Buch Gemeingut der Juden in Deutschland geworden. Die ״S c h o c k « 11 - B ii c h c r c i“ (vorzüglich geleitet von Moritz Spitzer) entspricht einem lange gehegten Plan Salmann Schockens, in Anlehnung an derartige Sammhingen bei anderen Völkern den kulturellen Standard des jüdischen Buches zu heben. Mit seiner Uebcrsiedlung nach Palästina im Jahre 1933 beginnt für Schocken ein neues entscheidendes Kapitel seines Wirkens. Nichts war natürlicher, als daß dieser Mann, der in der kulturellen Arbeit und geistigen Erneuerung das Wesentliehe der jüdischen Renaissance sieht, sein Interesse dem zentralen jüdischen Bildungsinstitut zuwemlet, das mitten im Aufbau steht: der El c b r ä i s c h e 11 U n i v e r s i t ä t. Er wurde 1931 ehrenamtlicher Schatzmeister der Universität, und 1935, nach der Reorganisation der UniversitäUbeliörden, wurde er zum Vorsitzenden des damals «icugebildeten Exekutivrates der Universität gewählt, ln dieser Funktion übt er heute einen bestimmenden Einfluß auf die Entwicklung der Universität aus. Eine seiner ersten Taten war die Errichtung einer Abteilung für Organisation und Information, die dazu dienen soll, die Hebräische Universität mit den jüdischen Volkskreisen in der ganzen Welt zu verbinden, aus der Erkenntnis heraus, daß die Universität ein wahres Volksinstitut werden müsse. Nur wenn ein Abglanz der geistigen Leistungen, die in Jerusalem vollbracht werden, in alle Teile der Galuth dringt — und dazu bedarf es geeigneter Instrumente — wird die Universität auch das Quantum von Sympathie und Hilfe zurückcrhaltcn, dessen sie für ihre Existenz bedarf. Es wurde hier versucht, in großen Zügen und in aller Kürze einen Abriß der Wirksamkeit von Salmann Schocken zu geben. Natürlich konnte dies nur andeutungsweise gescheiien, denn in Wahrheit würde jedes einzelne Gebiet, das hier erwähnt wurde, einer besonderen lind ausführlichen Darstellung bedürfen. Es wäre auch noch so manches über den Mäzen und den Philanthropen zu sagen, den hilfsbereiten Menschen, dem z. B. viele junge Menschen die Möglichkeit ihres Studiums zu danken haben. Aber wir glauben, schon aus der Aufzählung ist klar geworden, wie sich die Ströme der heutigen jüdischen Bewegungen und Bestrebungen in der Person von Salmann Schocken begegnen. Es wird selten eine Persönlichkeit geben, die gleichzeitig auf wirtschaftlichem und geistigem Gebiet so starke Interessen bat und so produktive Tätigkeit entfaltet. Salmann Schocken steht in Palästina an seinem 60. Geburtstage als Millebender und Mitbauender vor dem Beginn einer neuen jüdischen Epoche. Ein reiches Leben hat er schon hinter sich; wir erhoffen noch viel von seiner Tatkraft und seinem aktiven jüdischen Interesse. Zu seinem. 60. Geburtslage wird Schocken der Gegenstand zahlreicher Ehrungen und Sympalhiekundgebungen sein. Die Juden Deutschlands und insbesondere die Zionisten Deutschlands, ihm seit Jahren aus gemeinsamer Arbeit verbunden, sind nicht die letzten in der Reihe dieser Gratulanten. Die Glückwünsche, die Salmann Schocken heute mit Recht zuteil werden, sind verbunden mit Wünschen für ein glückliches und produktives Leben in Erez Israel. ...........ui.............. Kein Kriegsrecht in Palästina Die Unterhaus -Erklärungen Auf die Frage des Abgeordneten W e d g w o od, warum in Palästina nicht das Kriegsrecht verkündet worden sei, und ob der Kolonicmninister die britischen Truppen in Palästina benutzen werde, um weitere Morde und Brandstiftungen zu verhüten, hat Minister Ormsby-Gore folgende schrittliehe Antwort erteilt: Der Abgeordnete nimmt zweifellos auf die Uebertragung von Vollmachten an den kommandierenden General Bezug, wie Eine neue Arbeit von Jacob Epstein ln der Leicester Galleries in London wurde vor einigen Ta• gen eine Ausstellung eröffnet, bei der u. a. zwei neue Arbeiten des Bildhauers Jacob Epstein ausgestellt wurden. Wir geben hier eine Bronzebästc, die den Namen ״Morna" trägt, wieder. Epstein ist bekenntlich ein sehr cigenwilliger Künstler, dessen Arbeiten zum Teil stark umstritten sind. &atl«ndafote dies in der Paiestine (Dcfcncc) Order in Council 1937 vorgesehen ist. ״Kriegsrecht“ im eigentlichen Sinn bedeutet ein esetzlich nicht sanktioniertes Militär-Regime, wie es nur im alle des Zusammenbruchs der Zivilvcrwaltung eintreten könnte. Auf Grund der Paiestine (Defence) Order in Council besitzt der High Commissioner a u ß e r o r d e ri t f ich weit* gehende Vollmachten zum Erlaß von Notver« Ordnungen, und er kann diese Vollmachten durch Proklamation dem in Palästina kommandierenden General übertragen, Die Art, wie das amtsführende Oberkommissariat seine Vollmachten auf Grund der Defence Order in Council ausübt, stellt mich durchaus zufrieden; ich glaube nicht, daß es schon an der Zeit ist, diese Vollmachten dem. kommandierenden General zu übertragen. Diese Ansicht wird von den Militärbehörden geteilt. Bezüglich des zweiten Teiles der Frage kann ich dem Abgeordneten versichern, daß der stellvertretende High Commissioner und der kommandierende General in voller Einmütigkeit bei der Unterdrückung von Mord, Brandstiftung und anderen Formen der Gewalttat und Sabotage Zusammenwirken, und daß die zur Verfügung stehenden britischen Trup« pen voll eingesetzt werden. * Sir Charles Tegart ist 56 Jahre alt. Dreißig Jahre lang stand er in den Diensten der Polizeiverwaltung von Bengalen, Als er Ende 1931 die Leitung des Polizcikomniissariats in Kalkutta trotz wiederholter kühner Anschläge der benga* lischen Revolutionäre aut sein Leben wieder übernehmen wollte, wurde er in den Rat des Staatssekretariats für Indien berufen. Er war das erste Mitglied der indischen Polizei- Verwaltung, das dem Rat angehörte. Di© ״Protokolle der Weisen von Zion“ Vor dem Berner Obergericht wird am 27. Oktober i n zweiter Instanz der Prozeß verhandelt, bei dem es sich um die Protokolle der Weisen von Zion׳ handelt, und der im Mai 1935 das Gericht zum ersten Male beschäftigt hat.

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