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Jüdische Rundschau · 1937-10-22 · Heft 84 (22.10.1937) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 84 (22.10.1937)
Date
1937-10-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 JODiSCHE RUNDSCHAU Nr. 84, 22. X.!937 Franz Kafkas Glaubensposition Von Max Brod Als Ergänzungsband zu der nunmehr abgeschlossenen Gesamtausgabe der Werke Kafkas in 6 Bänden erscheint demnächst seine Biographie unter dem Titel ״Franz Kafka. Erinnerungen und Dokumente. I'״;! Max Brod". Wir bringen aus dieser Biographie das folgende Kapitel zum Vorabdruck. (Red.) Absolute Wahrhaftigkeit war eines der wichtigsten Kenn- Zeichen seines Charakters. Ein anderes Kennzeichen war seine unvorstellbar präzise Gewissenhaftigkeit. Conscientia scrupulosa. Sie zeigte sieh in allen moralischen Fragen, in denen er auch noch den leichtesten Schatten eines Unrechts, das gescliah, niemals übersehen mochte. An Debatten im Talmud erinnert das von allem Anfang an, diese Denkinethode war gleichsam in ihm präformiert; dabei lernte er den Talmud selbst erst in viel späterem Lebensalter kennen. Viele seiner Werke haben diesen Zug. z. ß. ״Die Voriibcrlaufcndcn“ (l '3Q), wo die Möglichkeiten diskutiert werden, die dazu geführt haben, daß in der Nacht einer hinter dem andern!!erläuft, ihn aber nicht verfolgt — oder die große Szene im ״Prozeß‘•, in der die Legende ״Vor dem Gesetz״ verschiedenartig komincnticrt wird. — Manchmal konnte Franz selbst geringe Skrupel nicht überwinden, fürchtete, dies oder jenes falsch gemacht zu haben, bewunderte e contrario jeden Entschluß, vor allem 1 leiratsentscliiüsse, in übertriebener Weise. Dabei war er I ii r s c i n e Person kühn, ein guter Heiler, Schwimmer, Ruderer. Seine Gewissenhaftigkeit entsprang also nicht etwa einer Feigheit, sondern einem gesteigerten Verantwortungsgciülil. Doch neben dem tiefen Pessimismus darf seine Freude an allem Gesunden, Wichsenden, sein Interesse für alle Reformen, z. B. für die Natnrheilmcthode, für moderne Erzichungsniethoden, wie das Montcssorisystem, nicht übersehen werden. Für die Autoren der ״Nachtseite", der Dekadenz, hatte er nie das geringste Interesse. Machtvoll zog es ihn ־zu den einfachen positiven l.ebensgestaltungeii. Zu seinen liebsten Büchern gehörten Stifters ״Nachsommer" und Hebels ״Schätzt,,istkin". Ls war in ihm eine seltsame Mischung von 1 lolfimiigslosigkeit mul Aufbanwillen, die sieh hei ihm nicht aufheben, sondern zu unendlich komplizierten Gebilden steigerten. I 1■,יs künstlerische üegenbild seiner Ge« issensgenauigkeit ist die Ausliihrlieltkeit seiner Darstellung. Man kamt sie in jedem Seiner Werke studieren. Er liebte Details. Unter seinem Einllnß schrieb ich einen ganz ins Detail gellenden, großen, deskriptiven Roman ״Die tausend Vergnügungen“, manchmal von Franz und mir auch ״Die Glückliche!'" betitelt. Franz, freute sich unendlich, so oft ich ihm ein fertiges Kapitel vorlas, trieb mich zur Weiterarbeit (l'KH)). Ich vollendete das Buch, habe aber nur ein einziges Kapitel daraus in einer Zeitscrilitt publiziert (״Im Rausch der Bücher" - Beschreibung der Universpätsh!bliutlieh), da mir das Ganze zuletzt denn doch (unter lebhaftem Protest Kafkas) zu monströs erschien. — Kafkas Vorliebe fnr Gründlichkeit, langhin ausgreifende Darstellung zeigte sich auch ganz charakteristisch in seinem Leben. Er kam oft zti spät . aber nicht aus Unpünktlichkeit, Sendern weil er vorher anderes auf das allergeiiaueste zu erledigen das Bedürfnis empfand. Es gab nichts Unwichtiges. Nichts, was er bloß ,,abgetan“ hätte. Wie er keinem Mensehen unredit tun konnte, so auch keinem Dinge, keiner Beschäftigung aus dem Alltagskreise. Daher hatte man in seiner Gegenwart den starken Eindruck, daß es überhaupt nichts Gemeines und Gewöhnliches gebe. Von Heiligen und Religionsstifteru werden ähnliche Wirkungen berichtet — und der Verkeilr mit Kafka hat mich davon überzeugt, daß solche Berichte auf wahrer Empfindung beruhen. Die Kategorie der Heiligkeit (nicht etwa die der Literatur) ist überhaupt die einzig richtige, unter der Kafkas Leben und Schaffen betrachtet werden kann. Aber damit ist nicht etwa gesagt, daß er ein vollendeter Heiliger war, — auch in seinem eigenen Sinne wäre das eine durchaus unrichtige, ja frevelhafte Behauptung. Wohl aber darf man aus vielen Anzeichen und mit der gebührenden Vorsicht, die jeder Sehtitt auf diesrni äußersten Grat des Menschlichen sogar noch für den Betrachter erfordert, die These aufstellen, daß Franz Kalka sich auf dem Wege zu diesem Letzten hin befunden hat. Daraus, daß er auch sich selbst nie mit gcringen .Maßen maß, sondern schlechthin nur mit dem letzten Ziel des Mensehseins in Konfrontation setzte, ist seine bcsliirzend scharfe Selbstkritik, seine geradezu übernatürlich (und so natürlich);mrnutende Bescheidenheit und Zitrückhaitung zu erklären. Hier hegt auch eins der .Motive, das ihn von der Publikation seiner Werke zurückhielt. Eine Eigenschaft, die ihn der Kategorie des Heiligen einordnete, war sein unbedingter Glaube. Er glaubte an eine Welt «der Richtigkeit, an das ״Unzerslörbare", von dem so viele seiner Aphorismen sprechen. Wir sind zu schwach, diese Wahre Welt immerfort zu erkennen. Aber sie besteht. Uchtrali ist Wahrheit sichtbar. Sie blickt durch die Maschen der sogenannten ״Realität“. Daher Kafkas tiefes Interesse für jedes Detail, jedes Fältelten dieser Realität. In den Tagenticherti finden sieh seitenlange Notizen über das Aussehen, den Gesiclitssdumt tisw. gleichgültiger Menschen, Gegenübersitzentler in der Eisenbahn u. a. Innig־ vermischt mit diesem Interesse ist eine durchgängige Ironie. Selbst die grausigsten Szenen in Kafkas Werk (״Strafkolonie‘•, ״Prüglet“־ ע, a.) stelten im seltsamen Humor-Zwielicht zwischen prüfendem Interesse und zarler Ironie. Dieser Humor, ein wesentliebes Ingrediens Kafkasclier Dichtung (und Lebensführung), deutet eben zwischen tlie Maschen der Realität hindurch in höhere Wesenheit. Sein Glaube an diese Wesenheit, nienials in Formeln oder auch mir in einem groben pathetischen Wort ausgedrückt, lag in seinen! ganzen Tun, machte ihn im Kern innerlich sicher, wiewohl er sich und andern gern das Fliht äußerster Unsicherheit gab, ließ ihn vor allem eine süße Sicherheit rings um sich verbreiten, die ich sonst nur ganz selten verspürt habe. Itt allem, womit er in Berührung kam, suchte Kafka das Bedeutende, das aus dieser Welt der Wahrheit stammte. Daher war er der beste Zuhörer. Der beste Frager. Der beste Leser und Kritiker. Wie fern von seiner Betrachtungsweise war all das, was man ״Niveau“, ״literarische Marke“, ״Rangunterschied״ nennt. Ueberall stieß er auf das Wesentliche. Er konnte von einer Redewendung in einem Feuilleton entzückt sein, er stellte mit leidenschaftlicher Begeisterung die Lcbensfülle, die Szenenfreude aus dem Roman irgendeines Autors dar, den man im allgemeinen als Kitschautor zu verwerfen pflegt. Ich erinnere mich, daß er mir damals, als wir gemeinsam in Schclcsm in der Pension Stüdl wohnten, aus der Bibliothek dieser Pension einen Roman von Ohnet brachte und mit großer Begeisterung eine Szene, einen Dialog vorlas, dessen ungezwungene L.cbendigkeit er rühmte, — Gelungene und wie durch ein Wunder (die Muse hat die Feder des schlechten Autors zur Seite gestoßen und ein paar Zeilen seihst geschrieben) zu organischer Gestalt gediehene Einzelhcitcn in einer Operette, einem konventionellen Film konnten ihn zu Tränen rühren. Er war ein durchaus selbständiger Entdecker, der sich an die gefühllosen Klassifikationen der Literaturgeschichfe nicht iin leisesten gebunden wußte. Ganz ebenso beurteilte er auch Menschen, Lebensverhält- Bisse. Er hatte weder das Vorurteil, mit •der allgemeinen Meinung — noch das, unbedingt gegen sie gehen zu müssen. Das Erquicklichste: daß er vollständig unparadox, ja antiparadox war. Sein Urteil hatte etwas elementar Einfaches, Natürliches, auf der Hand Liegendes. Es rar leicht und sicher, obwohl er es vorsichtig abgab und Irrtum sehr gern, geradezu leidenschaftlich gern eingestand. Er sah auch an Mensch(■״, die man allgemein für verächtlich hielt, einzelne bewundernswerte Züge. Er verlor so- Zusagen nie die Geduld mit irgendeinem Menschen. Und an großen Menschen, die er selbst bewunderte, fand er lächerliehe Details. Niemals aber lag, wenn er solche komische Einzclziige hervorhoh, irgend etwas Verächtlichmachcndcs darin, eher ein leises Weinen und Bedauern oder das Feststellen von etwas Unbegreiflichem, das eben über unsere irdischen Einsichten hinausgeht. Di« Liebe, mit der er an iiiitiiiiniiiniiiiiiiiniiHiiMiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiniiimiiimiimiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiniiiimiiiiiiiiiiiiniiiiiiiHiiiiiiiiiiimi CH ALU Z (Der Pionier) / Von Melr Mohr Rabbiner Dr. S. Samuel, Berlin, der kürzlich seinen 70. Gehuristag feierte und sich demnächst zu seinen Kindern nach Palästina begibt, übersendet uns die von ihm angeferiigie Uebcrsetzung eines hebräischen Gedichtes. Wir haben, wie unsere Leser wissen, schon öfter Uehcrsctzungcn von Dr. Samuel veröjfentlieht und bringen nun dieses Gedicht als eine nachträgliche Ehrung des Siebzigjährigen und mit den besten Wünschen für eine glückliche Palästina - Fahrt. ln mir zielin hinauf und streben empor Zum Lande AHrordie, ein Gcbttrchor; Ihr Sehnen zu hüten wohl war icti bestellt — Nun folgen sie mir zu dem Gipfel der Welt. Ehrwürdig im Kaftan, die Mützen verbrämt. Die \V;1)1״on vom Eiend der Scfi’khina vergrämt, Die Herzen von Zions Trauer bedrückt — 111 meiner Alijati verklärt, verzückt! Mit pochenden Pulsen führ’ ick sie hinan, Mein Herz, es zu fassen, weit aufgetan; Du l1־׳ rn le Menge, dein Sehnen gestillt, Dein eogeader Jubel mein Inneres füllt. s.inil «ehrt, ihr Winde, gut trage midi, Meer, Myriaden;chveRcn hier um mich her; Weih א■ .t, mein Fahrzeug, zcrhrich mir nicht, Ob der heiligen Last, ob des Glückes Gewicht! (Uebertragen von Dr. S. Satnuel) ו1ווווו!!וו!וווויו1)1וווו!1)1ו1ו1ווווווווווווווווו:ווווו1)1ווווו!1(1וווו!1)1ווווווווווווווווווווווווווווווווו1!וווווווווווווו!וווו!!ווווווווווווווווווו!וווווווו Goethe und Flaubert dachte, war unveränderlich in all den zwciundzwaii/ig Jahren, in denen ich ihm nahestand. Bei einigen Autoren (wie Hebbel, Grillparzer) liebte Kafka mehr die Tagebücher als das Werk; zumindest schien es mir so. Respektlose Bemerkungen gegen die Großen habe ich nie von ihm gehört, nie die heute so beliebte Bluffmethod« einer verlauten, die ״Jugend“ und ״Jüngslheit“ effektvoll hervorkehrenden Verachtung. In dieser Hinsicht kann man wohl sagen, daß Kafka eine sehr klare Vorstellung von der ״Rang- Ordnung“ der Menschen besaß. Nur wußte er auch, wie leicht die göttlichen und auch die teuflischen Funken die Schranken solcher Rangeinteilungen überspringen. Und da er zu gewissenhaft war, um sich das Bild der Welt je zu vereinfachen, folgte er diesen ״Ueberspringungen“ mit einem geradezu fanatischen Erkenntniseifer. Seine Genauigkeit entsprang nie irgendeiner Feigheit, die sich hinter Begriffen decken muß, war auch nicht pedantisch wie die Genauigkeit Zolas. Es war eine ganz besondere geniale Genauigkeit, deren Eigensinn zunächst verblüffte, die einen Weg einschlug, der vordem verborgen gelegen war, den man am wenigsten erwartet hätte, und die dann diesen Weg mit erstaunlicher Folgerichtigkeit zu Ende ging, — so aber, daß man einsah: das ist nicht Willkür, es ist wirklich ein Weg von natürlicher Bedeutung. (Jedes Kapitel im ״Prozeß“, wie in den beiden andern Romanen ״Das Schloß“ und ״Amerika“, in den Eragmentnovcüen beweist diese erstaunliche Eigentümlichkeit von Kafkas Oestaltungsgabe.) Kain Ein Mysterium von Byron Uebertragen von Ernst Blaß Das nachstehende Stück stellt den Anfang einer Ueber■ tragung von Byrons ״Kain" ins Deutsche dar. Bvrons ״Kain", der bei seinem Erscheinen die Größten seiner Zeit zu Be■ geisterung hinriß, fetzt aber fast in Vergessenheit geraten ist, wirkt auch heute noch in seiner Problematik außer• ordentlich stark. Die neue I rbersrtzung von Ernst Blaß versucht, dem dichterischen Gehalt der ßyronschcn Diktion gerecht zu werden. (Red.) Personen: Adam, Kain, Abel. Eva, Adah, Zillab, Der Engel des Herrn, I.ucifer. I. AKT (Das Land jenseits vom Paradies. Die Sonne geht au!.) Adam: Der du «hn* End’ und über alle Maßen Voll Weisheit, bist und mit dem Wort das Lieht Erschaffen hast aus Dunkel über Wassern, Dich preist des Lichtes Wiederkehr mit uns. Eva: Der du dem Tag den Namen gabst, und Morgen Von Nacht gesondert hast, Jehovah, der Aus einem ungeschiedenen All sich Wellen Gestalten ließ und der erhabenen Veste Dasein und Namen gab, wir preisen dich! Abel: Der du hervorriefst Luft und Meer und Feuer Und deine Erde, Gott, und Wellcnkörpcr, Zu leuchten ihr und Dunkelheit 7,u spenden, Und, dich zu fühlen, dich zu liehen, Wesen, Du Allerschaffender, wir preisen dich. Adah: Du Vater und Erzeuger allen Lebens! Der du die Wesen schön und edel schufest, Daß wir sie lieben, fast so heiß wie dich, Z,u deinem Preis will sie und ich dich lieben. Z.iilah: O Gotf, du voller Liebe und voll Segen, Gewährtest selbst das Kriechen jener Schlange. Sie bracht’-um Edens Glück den Vater. Du Gib Schutz vor künftigem Unheil! Sei gepriesen! Adam: Und du, mein Erstgeborener? Kain, du schweigst? Kain: Weiß nichts zu sagen. Adam: Bete! Kain: Ach, ihr tatet’a. Nie wies er darauf hin: Seht, das ist der gute Weg, — oder auch nur: das ist auch ein Weg. — Er ging einfach mit rüstigem Schritt voran, sachlich, ganz mit dem Wege beschäftigt, ohne philosophische Termini (denn sein Denken ging, wie die wundervollen Tagebücher zeigen, meist in Bildem vor sich), nur Detailbeobachtungen hingegeben, die ihm die stets wechselnden Prospekte des Weges aufdrängten. Die Ausweglosigkeit seiner Visionen war vor allem eine Abfolge der Krankheit, die, aus den seelischen Krisen entstanden oder doch durch sie unheilvoll gefördert, ein selbständig wirkendes, Schaden stiftendes, ja verwüstendes Ucbel geworden war und der Franz schließlich erlag. — Franz ertrug die Leiden heroisch, meist sogar mit heiterem Gleichmut. Nur einmal, in späteren Jahren, habe ich ihn über Schmerzen klagen gehört. Ich besuchte ihn, nachdem er schwere Eieberanfälle erlitten hatte. Er lag zu Bett, im Sprechen verzerrte er das Gesicht: ״Das dauert so lange, che man ganz» klein zusammengedrückt und durch dieses letzte enge Loch durchgestopft wird.“ Dahci ballte er die Hand, als zerknülle er in ihr ein Taschentuch. Bis zum Sommer 1918 blieb Franz, mit kurzen Unterbrechungcn, in Zürau. Dann kam er nach Prag, arbeitete wieder eine Zeitlang als Beamter, die Nachmittage aber widmete er gärtnerischer Arbeit im Pomologischen Institut in Troja (einem Vorort Prags). Dort holte ich ihn oft zu langen Spaziergängen ab. Wir hatten zwei Hauptthemen: den Krieg, das Hebräischlernen. Damals nahm ich seinen Rat auch bei einer literarischen Affäre in Anspruch. Unübertrefflich war Kafkas Gerechtigkeitsgefühl, seine Wahrheitsliebe, seine schlichte, nie auch nur im geringsten posierende Redlichkeit. ״Man muß sich auf das beschränken, was man unbedingt bcherrscht“ — ist eines seiner Worte, das ich aus jener Zeit aufhewahre. Manchmal führte das freilich hei ihm zu einem Zustand, in dem er sich schmerzlich ganz und gar in sich zusammenkrümmte. Er wollte sich von allem zurückzichen, schließlich auch den Umgang mit mir aufgeben. Am 1. Juli IRIS notiere ich als seine Ansicht: ״Land gegen Stadt. Doch fühlt er sich in Prag besser, denn in Zürau faulenzte er. Hier betrachtet er Hebräisch und Gartenbau als Positiva seines Lebens. Will sich diese ganz rein erhalten, sie sind das ,Ländliche‘. Will sich von allem andern zurückziehen. 5'״. Juli. Schlaflose Nacht wegen Kafka. Fühle mich verlassen, aber respektiere seinen Entschluß. Es gab nie eine Trübung. Seine gute Art, an allen (auch an Gegnern) das Positive zu sehen, das, worin sie recht haben, worin sie nicht anders können, tröstete mich oft, gab mir Grundlagen. Sein Vertrauen darauf, daß eine reine Absicht, eine sachliche Arbeit niemals sinnlos bleibt, daß nichts Gutes verlöre« gehen kann, -- darauf stützte ich mich.“ Diesem ״Nachruf“ folgt aber sofort die Korrektur: ״Wenige Tage später kam er zu mir. Dann oft Sophieninsei, Badeanstalt mit ihm. Auch Troja.“ Von der Strenge, in der er damals lebte und alles beurteilte, gibt die nachfolgende Briefstelle einen Bericht. Ich hatte ihm die Bitte einer Schauspielerin übermittelt, die in Frankfurt aus seinen Büchern vortragen wollte. Er antwortete mir (aus Zürau): ״Nach Frankfurt st-hicke ich nichts, ich fühle es nicht als eine Sache, die mich zu kümmern hat Schicke ich es, tue ich es nur aus Eitelkeit, schicke ich es nicht, ist es auch Eitelkeit, aber nicht nur Eitelkeit, also etwas Besseres. Die Stücke, die ich schicken könnte, bedeuten für mich wesentlieh gar nichts, ich respektiere nur den Augenblick, in dem ich sie geschrieben habe, und nun soll sie eine Schauspielerin, die für ihren Vorteil viel Wirksameres finden wird, aus dem Nichts, in das sie schnell oder langsamer hinunterfallen, für einen Augenblick eines Abends hochlcbcn? Das ist sinnlose Mühe.“ Doch nicht von allen seinen dichterischen Arbeiten und nicht immer urteilte er so abfällig. Er begann, die zum Band ״Der Landarzt“ sich zusammenschlicßenden Erzählungen zu ordnen. Diesmal drängte er sogar auf Publikation. Das geht aus folgenden Zeilen hervor (gleichfalls aus Zürau an mich gerichtet): ״Dank für die Vermittlung bei Wolff. Seitdem ich mich entschlossen habe, das Buch meinem Vater zu widmen, liegt mir viel daran, daß es bald erscheint. Nicht als ob ich dadurch den Vater versöhnen könnte, die Wurzeln dieser Feind- Schaft sind hier unausreißbar, aber ich hätte doch etwas getan, wäre, wenn schon nicht nach Palästina übersiedelt, doch mit dem Finger auf der Landkarte hingefahren.“ Man sieht aus diesen Zeilen, wie stark bei Kafka die Sehnsucht nach richtiger Eingliederung in die Familie, nach Frieden mit dem Vater, Beziehung schlägt zu der Ein- Ordnung in die naturgemäße, sittlich richtige Lebensform des Volkes (Palästina) —, und in der Tat dringen diese Motive, die nichts anderes sind als Konkretisierungen von Kafkas Grundproblein (wie ist ein richtiges erfülltes Leben für alle, die ganze Menschheit möglich?), in seinen letzten Lebensjahren immer kräftiger durch. Adam: 0 und voll Inbrunst. Kain: Ja, gewiß, sehr laut. Und sehr vernehmlich. Adam: Gott erhör’ uns! Abel: Amen! Adam: Mein Erstgeborener, dauernd schweigt dein Mund. Kain: ’s ist besser so. Adam: Warum, mein Sohn? Kain: Ich weiß , Um nichts zu bitten. Adam: Und dein Dank? Kain: O nein! Adam: Für dieses Leben? Kain: Und das Sterben? Eva: Ach! Nun fällt die Frucht von dem verbotenen Baum. Adam: Nun müssen wir sic kosten. Ach, wozu, Mein Gott, erschufst den Baum du der Erkenntnis? Kain: Hättet vom Baum des Lebens ihr genossen, Ihr könntet Trotz ihm bieten. Adam: Lästere nicht, Mein Sohn! Es sind die Worte jener Schlange. Kain: Ja, ja und ja! Die Schlange sprach die Wahrheit Vom Baume der Erkenntnis und des Lebens; Gut ist Erkenntnis und das Leben gut. Warum ist dieses böse? Eva: Lieber Sohn, Was wiederholst Du Sünden, die ich sprach, Bevor ich Dich gebar? Erneue nicht Mein L.eid, indem ich dein Leid miterlebe! Mich fraß die Reue. Und nun soll ich seh’n, Wie sich mein Kind jenseits vom Paradies In jenen Schlingen fängt, die uns verderbten Im Garten selbst? Laß es genug sein! Ach Wie wärest Du gestillt, wenn wir es hätten Genug sein lassen! Kain, mein erster Sohn! Adam: Vollbracht ist das Gebet — ein jeder geht nun An seines Tages Arbeit, die nicht schwer, Doch unvermeidlich ist. Die junge Erde Gibt freundlich Frucht. Die Mühe ist gering. Eva: Den Vater sieh, o Kain, mein erster Sohn, Wie er ergeben ist, getrosten Sinns! Und tue so wie er! (Adam und Ern ab.)

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