Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 83 (19.10.1937)
- Date
- 1937-10-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 83, קן. OKTOBER 1937 Der Dichter Leiwik in Palästina OFFICE י Der Verfasser des ״Golem“, llalpcr Lciwih, hal eine Palästina-Reise unternommen. Unser Hihi zeigt ihn (I. Reihe Milte) zusammen mit den Schauspielern des ״Ohcl“ nach der Aufführung seines Stückes ,,Shop". Links von [jriivik der Regisseur llalevp, rechts der Uebersetzer des Stückes ins Hebräische Schlonshp. 1״!״. pjitiiu, Tel A*i» Rückkehr in kritischer Zeit Von unserem palästinensischen Korrespondenten Unser palästinensischer gl.-Korrespondent nimmt mit dem folgenden, vor den letzten Ereignissen geschriebenen Artikel seine Berichterstattung, die durch eine längere Europa-Reise unterbrochen war, wieder auf. (Red.) T e 1 A v i v, im Oktober Ein neuartiges Relsepubllkum Die ״Galilea“ der ״Adriatica“-Linie, die von Triest nach Palästina fährt, ist bis zum letzten Platz gelullt. Nur wenige haben Syrien als Reiseziel, alles andere geht nach Haifa. Es ist der Strom der ״Sommerauswanderer“, dessen Reste jetzt ins Land zurückfiutcn. Es gibt auch eine Anzahl von neuen Einwanderern auf dem Schiff, gegen fünfzig an der Zahl, aber die Reisenden auf den Decks bieten ein völlig anderes Bild als zu Zeiten der großen um! hoffnungsvollen Einwanderung. Während sonst bei solchen Fahrten die Jugend vorherrschte, dem gesamten Leben an Bord ihren Charakter lieh, ihm oft den Stempel einer begeisterten Stimmung aufdrückte, spürt man diesesmal ein Uebcrwiegen von Menschen mittleren und höheren Alters. Das allein ist schon geeignet, eine schweigsamere und nachdenklichere Atmosphäre zu schaffen. Dann aber fehlt auch bei dieser Fahrt und dieser Laudüng die gespannte Erwartung, die sonst besonders die letzteil Tage charakterisiert und viele unter den Passagieren am Vortage der Landung die Nacht kaum von Deck kommen ließ. Unter diesen Hunderten, die auf dem Mittelmeer unterwegs sind, ist es nur eine kleine Minderheit, die zum ersten Male ins Land fährt. Die meisten leben entweder dort, oder sie fahren zu einem zweiten oder dritten Besuch. Der große Reiz der Neuheit fehlt diesen Fahrten, und die ververschiedenen Gespräche, die inan an Bord hört, sind vielfach sehr ernst, zum Teil sorgenvoll. Man spricht über die große Unkenntnis, mit der man zum ersten Male nach Palästina gekommen ist, berichtet von so manchen zerronnenen Illusionen, bemerkt immer wieder, daß die Dinge, wenn man sie selbst sieht, doch ganz anders aussehen, als man sie sich nach Berichten und nach den Propagandareden vorgestcllt und vorgeträumt hat. Wer — wie so manche auf dem Dampfer — mit der Aufgabe verbunden ist, die Juden im Auslände über Palästina zu informieren, bekommt zum tausendsten Male den Beweis dafür, wie überaus schwer diese Aufgabe ist und wie unendlich weit wir von ihrer Lösung entfernt sind. Getrennt von der Welt Die fünf Tage auf dem Mittelmeer sind zu allen Zeiten eine Spanne der Ablösung von der üblichen Umgebung. Der Dampfer bildet eine geschlossene kleine Welt für sich, und die spärlichen Nachrichten, die der tägliche Radiodienst bringt, bilden nur eine lose und intermittierende Verbindung mit dem Geschehen draußen. Auf dieser Fahrt spürt man mehr als je die Eigenartigkeit dieser Schiffsatmosphäre und die Abgelöstheit von der sich rasch bewegenden Umwelt. Man fährt über das Mittelnieer, einem der heute am stärksten beobachteten Schauplätze der Weltpolitik, aber auf der ganzen Reise spürt man von der Ueberwachung des Meeres auch nicht das geringste. Mit dein Fehlen der tagliehen Zeitungsberichte wird man mit einem Schlage aus den Entwicklungen herausgerissen. Das gilt in ganz besonderem Maße von den palästinensischen Ereignissen. Die Passagiere haben vor der Abfahrt von der großen politischen Wendung der l’alästinapolitik, die mit der Absetzung des Arabischen Rates cinsetzte, gelesen. Die Erwartung, was man im Lande vorfinden wird, ist äußerst gespannt und wird durch die spärlichen Nachrichten, die auf das Schiff kommen, noch genährt. Man hat in den letzten Jahren gelernt, daß die Ereignisse im Lande mit einer ungewöhnlichen Schnelligkeit sich entwickeln können, daß man nicht wissen kann, was der morgige Tag bringt, und man hat zugleich die Erkenntnis gewonnen, daß Zustande, die man als durchaus vorübergehend angesehen hat, sich auf lange Zeiträume erstrecken. Unter diesen Umständen werden in Haifa die ersten Palästinenser, die an Bord kommen, unter ein wahres Kreuzverhör genommen. Man hascht nach den Zeiten־ gen, stellt allen begegnenden Freunden eitle Unmenge von Fragen und — wie zu erwarten war — ist das Bild, das sich nach der ersten Rundfrage ergibt, anders als man es erwartet hatte. Im alten und neuen Haifa Haifa findet inan mit seinem gewohnten Lehen und Treiben, vielleicht ist die Bewegung auf den Straßen geringer als zuvor, wenn man es wagen darf, sich auf die ersten kurzen Eindrücke zu verlassen, aber sonst sieht man die modernon Teile des neuen Gcschäftsviertels sich weiter entwickeln, dem Hafen gegenüber den modernsten Stadtteil des ganzen Landes entstehen. Nur einige Minuten weiter freilich taucht man wieder in den waschechtesten Orient, der uralte Bazar ist da, wie er immer da war, bunt, eng, voll Farben, Gerüchen, mit viel Sorgfalt ausgerichteten Gemüse- und Obstmassen, Haufen von Fliegen und kleinen Kindern. Von irgendeinem Streik der Araber als Gegenmaßnahme gegen die Haltung der Regierung findet man nicht die geringste Spur. Die Buden und Läden sind sämtlich offen, Handel und Wandel gehen den normalen Weg. Vielleicht erscheinen diese alten Gegenden noch verwahrloster und ärmer als früher; oder ist es nur der groteske Gegensatz zu dem modernen Hafenviertel, der sie so erscheinen Hißt? Fragt man an verschiedenen Stellen nach den Ereignissen der letzten Wochen und den weiteren Aussichten, so erfährt man ungefähr, was man aus den Pressenachrichten weiß, vielleicht mit einigen Korrekturen, die sämtlich dazu angetan sind, den Dingen ihre Spitze eher zu nehmen als sic zu schärfen. Fast durchweg hört man die Befriedigung darüber heraus, daß sich die Regierung schließlich zu einem festen Zupacken entschlossen hat, wenn auch allgemein beklagt wird, daß dieses Zupacken so spät kam. Die Haltung gegenüber den Terrorakten, unter denen man 1 ciJot und von denen keiner zu sagen wagt, ob sic abgeschlossen sind oder nicht — erst heute gab es wieder mehrere, noch nicht be- «tätigte Gerüchte dieser Art — ist für jemanden, der die Dinge wieder etwas aus einer entfernteren Perspektive sieht, Das neue Habimah-Haus gl. Tel Aviv, 11. Oktober Vor wenigen Tagen hat sich das Habimah-Ensemblc, bestehend aus 3t) Mitgliedern, nach Europa eingeschifft, um in mehreren Ländern Gastspiele zu absolvieren. Bei einem Abschiedsiee betonte der Schauspieler und Regisseur T sehem e r i n s k i, einer der Hauptzwecke der Reise sei, die Vollendung des Tel Avivcr Habimah-Theaters herbeizuführen. Anschließend gab l>r. Landau, Mitglied des Baukomitees, Aufschluß über den Stand der Finanzierungs-Verhantllungen für das Projekt, dessen Voranschlag sich bekanntlieh auf 45 000 Pfund beläuft. I )avon wurden 15 000 Pfund durch Spenden von Freundeskreisen des ln- und Auslandes aufgebracht und bereits verhaut. Die restlichen 30 000 Pfund sollen, wie kürzlich berichtet, auf dem Wege der Anleihe beschafft werden, für die zu garantieren die Tel Avivcr Stadtverwaltung sich prinzipiell bereit erklärt hat. Die Summe soll aus englischer Quelle bercitgestellt worden sein und zur Auszahlung gelangen, sowie formelle Beschlüsse der Stadtverwaltung vorliegen. Die Rückzahlung hätte seitens der Hahiinah innerhalb 20—25 Jahren zu erfolgen bei einer Zinsberechnung von 5.-5'ä11 ״. Nach 20 Jahren fällt das Gebäude an die Stadtverwaltung, die das Baugelände uneritgeltlich zur Verfügung gestellt hat. Für eine Vollendung der auarbeiten — die zu vorübergehendem Stillstand gekommen sind — ist eine Periode von 7 8 Monaten vorgesehen, so daß Habimah nach Rückkehr aus dem Ausland das Theater einweihen und gleichzeitig das 20jährige Jubüiiutn ihres Be- Stehens im neuen Haus feiern könnte. Für den Fall, daß dieser Ank'ihevertrag aus irgendeinem Grunde nicht zur Realisierung gelangt, liegt Habimah ein zweites Angebot von mehreren palästinensischen Stellen vor auf eine Anleihe in Gesamthöhe von 15000 Pfund, die mit 7' ■> ״» zu verzinsen wäre und die die provisorische Fertigstellung des Baues bis zur Spielmöglichkeit gestatten würde. In der letzten Tel Avivcr Stadtverordneten-Ver- Sammlung lag der Anleiiievertrag über 30 000 Pfund zur Unterzeichnung vor. Diese Sitzung wurde in der palästinensisehen Presse ausführlich kommentiert, wohl hauptsächlich wegen der unerwarteten und überraschenden Wendung, die sie nahm, die zu einer Vertagung und Hinausschiebung eine auffallend ruhige und fatalistische. Man geht fast mit einen! Achselzucken darüber hinweg und findet sich damit ab wie mit Hagel und Regen. Wie sonst die politischen Perspektiven aussehen, darüber ist man anscheinend noch recht im unklaren. Man wartet auf die von Genf und England iti Aussicht gestellte neue Kommission, durch die die bestehenden vagen Pläne eine festere Form erhalten sollen. Im übrigen sieht die Zukunft nach wie vor recht ungewiß und undurchsichtig aus. Die Wlrtschaftssorgen In eine tn Punkte freilich sind sich alle einig; das ist die Schwierigkeit der wirtschaftlichen Situation. Der gibt diese und dieser jene Einzelheit als Beispiel, aber alle diese flüchtigen Bemerkungen und Erzählungen geben schon nach wenigen Stunden den klaren Eindruck, daß das Rad der Wirtschaft, das sich während der Unruhen langsamer zu drehen begann, noch nicht wieder in raschere Bewegung gekommen ist und daß, solange dieses so bleibt, die Zustände sich nicht mir nicht bessern, sondern verschärfen. Wir werden in einem unserer nächsten Berichte ausführlich auf dieses Thema zu sprechen kommen, aber schon die ersten flüchtigen Eindrücke wären verfälscht, wenn man auf diesen Punkt nicht wenigstens iin Vorbeigehen anspiclen würde. Dl« neu« Chaussee Wer einen neuen Beweis für die schnellen Veränderungen im Lande haben will, braucht sich nur davon zu überder Vertrag «*Unterzeichnung führte. Eigenartigerweise gab der Palästinabestieh des Autors zweier Ha&imah- und eines Ohel-Repcrtoircstückes den Anlaß zu so unvorhergesehenem Verlauf der Sitzung. Der i!1 Amerika lebende Dichter H. L e i w i k, dessen Stucke für das Palästina-Theater aus dem Jiddischen ins Hebräische übersetzt wurden, kam in diesen Tagen nach Erez Israel von Paris aus, wo er an der .,Weltkonferenz für jiddische Sprache und Kultur“ teilnahm. (Leiwik ist auch dem Berliner K 1111 u r b u n d - Publikum als Verfasser des hier gespielten ״ü o I e m" bekannt. — A. d. R.) Lciwik wurde in Tel Aviv außerordentlich gefeiert. Zahl- »eiche Empfänge und Veranstaltungen — von seiten der Bühnen, des Wand Hatarbuth usw. — waren ihm gewidmet. Bei einem Teil dieser Veranstaltungen wurde auch jiddisch gesprochen oder rezitiert. U. a. begrüßte anläßlich des Habimah-Empfanges, der im Habimah'-Saal am Rothschild Boulevard stattfand, ein Ensemble-Mitglied im Anschluß an eine hebräische Rede den Dichter in j i d d i s c h e r Sp r a ch e. Diesen Vorfall nahm der Stadtverordnete Schoschani zum Anlaß, in der fraglichen Sitzung den Antrag zu stellen, daß in den Anleäfieverttag mit der Habimah ein Paragraph aulgenommen würde, wonach von 1*er Bühne des neuen Hauses her a 11 s s c h I i e I! I i c )1 H e b r ä j s e h gesprochen werden dürfe. Es entspann sich eine längere Diskussion, in 11er 11. n. der Vizebürgermeister Mos geltend machte, daß eine solche Klausel der Stadt nicht zur Ehre gereiche lind eine Herabsetzung der Habimah bedeute, nachdem diese hervorragend für die Verbreitung des Hebiaisdmi in der Golali und im Lande tätig gewesen sei. Der Diskurs endete mit einer Verschiebung der (iara111:e-l uuerzeicluuing. Ls ist symptomatisch, daß die Ursache solcher Verzögerung nicht sachliche, rechne!Lehe Erwägungen sind, sondern daß wieder einmal die ,,kleinen Ursachen" es waren, die zu großen ־- und meist bedauerl idien . Wirkungen fuhren. Bei aller Unterstützung des Kampfes für die Ausbreitung des Hebräischen halten wir es für überaus bedauerlich, wenn man einen Gast, an dessen Verdiensten um die jüdische Kultur und um die hebräische Bühne nicht gedeutelt werden kann, öffentlich Brüskiert, und w enn man eines der repräsentativen hebräischen Theater aus nichtigem Anlaß maßregelt in einem Moment, wo gerade der hebräischen Sprache, um deren Schutz man etwas allzu besorgt scheint, ein Forum geschaffen werden soll. ' Manfred Geis zeugen, wie sich die Kommunikation zwischen Haifa und Tel Aviv in den letzten Wochen verändert hat. Bisher fuhr man diese Strecke mit der Eisenbahn und ihren langsamen und selten verkehrenden Zügen oder mit dem Auto auf einem Umwege. Mit der Fertigstellung der Chaussee Haifa — Tel Aviv, um dfe man bekanntlich seit Jahren gekämpft hat und die auch in» Peel-Bericht als eine dringende Notwendigkeit anerkannt wurde, sind die beiden Küstenstädte viel näher ancinandcrgerüekt. Es gibt eine ununterbrochene Autoverbin* düng, die knapp zwei Stunden in Anspruch nimmt, und wo man früher über holprige, zum Teil im Winter unpassierbare Wege sich vorarbeitete, rollt man jetzt auf einem glatten Band dahin, dass mir an einigen kurzen Stellen nicht fertiggestellt ist. Vermutlich wird diese Strecke ebenso, wenn nicht stärker befahren sein wie die zwischen Jaffa und Jerusalem. Die Witzbolde lassen die Köpfe hängen und jammern darüber, daß durch diese guten Straßen das kleine Land noch kleincr würde. Es liegt etwas Beruhigendes in diesen Witzen: es scheint, daß auch in den schweren Zeiten der Humor nicht ausgestorben ist ... Sir Arthur Wauchope erkrankt Der High Commissioncr für Palästina, Sir Arthur Wau* chope, mußte sich1 wegen eines Augenleidens in London in klinische Behandlung begeben. Die für die nächste Zeit vorgesehene Rückkehr des High Commissioncr nach Palastina wird sich daher um mindestens drei Wochen verzögern.