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Jüdische Rundschau · 1937-10-19 · Heft 83 (19.10.1937) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 83 (19.10.1937)
Date
1937-10-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 83. 19. X 1937 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 3 Um die amerikanische Konstitution Diskussionen und Betrachtungen Von einem New Yorker Mitarbeiter New York, Anfang Oktober Seit der Wahl des Präsidenten Roosevelt ist in USA. der Kampf um die Unverletzlichkeit der Konstitution nicht verstummt. Jede von der Regierung ergriffene Maßnähme wird von ihren Gegnern verdächtigt, ein Verstoß gegen die geheiligten Grundsätze der Konstitution zu sein. In Tausenden von Filmtheatern konnte man uin die Zeit des Streites um den Suprcim Court (Oberstes Bundesgericht) einen Fi Im ,,zur Verteidigung der Verfassung“ sehen. ״Der Präsident“, hieß es in dem Film, und während dieser Worte gab es jubelnden Applaus im Theater, ״ist für die Verfassung da. Die Verfassung kann und darf von niemandem geändert werden, auch n:cht vom Präsidenten.“ Bei der Feier, die kürzlich aus Anlaß der 150. Wiederkehr des Tages der Verfassung von 1787 überall im Lande hegangen wurde, hat Roosevelt selber in einer sehr eindrueksvollen Rede seine Stellung zur Verfassung kundgetan und dabei auch sehr deutlich über die Schwächen der Demokratien, besonders der europäischen, gesprochen. Er tritt für eine reformierte, kontrollierende starke ״Demokratie“ ein. Dieser Streit ist in manchem Betracht nur eine Sache der Formulierung, und so wird es auch von vielen Amerikanern verstanden. Jedenfalls steht hinter der Vertassung und ihren Idealen eine überwältigende Mehrheit des Volkes. Es ist nur selbstverständlich, daß zu dieser Mehrheit auch die in Amerika lebenden Juden gehören. Am Tage der großen Parade von 500 000 ehemaligen Kriegsteilnehmern, unter denen die jüdischen Kriegsteilnehmer eine eigene viel beachtete Orunne bildeten, hielt der jüdische Gouverneur des Staates New York, Herbert Lehman, eine Rede, in der er offenbar sehr bewegt über die Gefahren antidemokratischer Tendenzen für das amerikanische Volk sprach. Es war eine gute Gelegenheit. Denn die Tage der Legionäre, die die Riesenstadt in einen fahrmarkt der Heiterkeit und des ״funs“ (Scherze) verwandelten, waren Tage der Verständigung aller in Amerika lebenden Rassen: Neger, Philippinen, Juden, Italiener — alle waren in ihren Uniformen erschienen, und es war ein großer Verbrüderungsgeist, der alle verband. An der Spitze eines Zuges z. B. humnclte ein schwerverwundeter Neger, und er wurde von den Millionen, die dem Aufmarsch beiwohnten, besonders bejubelt. Aehnliehe Fälle könnten noch mehr erwähnt werden. Der Fall Black Eine höchst aufsehenerregende Affäre der letzten Tage brachte erneut Gelegenheit, die Frage der Heiligkeit der Konstitution in der gesamten Nation zu beleuchten. Das Ausmaß des allgemeinen Interesses an diesem Fall ist für europäische Beobachter sehr erstaunlich. Der Fall beschäftigte sich mit dem von Roosevelt neu ernannten neunten Mitglied des Siiprerne Court: Justice Black. Vor wenigen Monaten — gerade um die Zeit, als Roosevelts Reformplänc zur Umgestaltung des Obersten Gerichtshofes so heftig diskutiert wurden —- hatte der Präsident für einen freigewordenen Sifz im Supreme Court einen Vorschlag zu machen. Roosevelt. der in der Durchführung des Reformnlanes auf heftigen Widerstand gestoßen war, wollte nun einen Anhänger seiner Politik in den Supreme Court senden, und seine Wahl fiel auf den Senator Black. Black würde, so erwartete man, die ״liberale“ Gruppe ׳■der obersten Bundesrichter, zu der auch die Juden Brandeis und Cardozo gehören, verstärken. Die Wahl wurde jedoch aus vielen Gründen heftig kritisiert. U. a. wurde behauptet, Blacks liberale Gesinnung sei nicht echt; er sei in Wirklichkeit ein Mitglied des ״K u - K 1 u x - K I a n“, dessen Programm gegen ״Neger, Juden und Katholiken“ gerichtet sei. Während Black seine Ferien in Europa verbrachte, wurde in führenden Blättern die Behauptung seiner Zugehörigkeit zum ״Ku-Klux-Klan“ wiederholt. Bei seiner Rückkehr von Europa gab nun Black in einer mit fieberhafter Ungeduld erwarteten und aufschenerregenden Rundfunkrede zu, vor 15 Jahren Mitglied des ״Ku-Klux- Klan“ gewesen zu sein. Er habe jedoch seine Ansichten völlig geändert. Er sei ein überzeugter Anhänger der Demokratie und des Prinzips der Gleichberechtigung aller Bürger. Er betonte dabei seine Loyalität den Negern und Katholiken gegenüber; besonderen Wert legte er auf die guten Beziehungen zu den Juden. Dieser Frage widmete er die meiste Zeit seines Vortrags und versuchte zu beweisen, daß ihn eine besonders enge Freundschaft mit Juden verbunden habe. Diese Rede war für den außenstehenden Beobachter höchst interessant, und die Reaktion war noch interessanter. Sie war ein erstaunlicher Beweis dafür, wie lief auch in den Kreisen, die man hier ״reaktionär׳‘ nennt, die Achtung vor den Prinzipien der Konstitution wurzelt, und wie als eine der Lehensvorausselzungen der Vereinigten Staaten das Prinzip der ״Gleichheit aller vor dem Gesetz“ betrachtet wird. Blacks Rede wird überall verurteilt. Seine Verteidigung gilt als ,,foo damned clever“, als verdächtig klug. Interessant ist auch, daß Gegner Roosevelts, die selbst Antisemiten sind, zur Bekämpfung einer Roosevelt.selien Maßnahme das Argtiment benützen, Roosevelts Kandidat sei wegen seiner angebliehen Rassenvorurteile;inakzeptabel. Solche Ereignisse zeigen, daß es falsch wäre, amenkanische Entwicklungen nach europäischen Erfahrungen zu beurteilen oder gar Prognosen zu stellen. Dennoch ist die Frage, welche Wandlungen die amerikanische Demokratie erfahren wird, weder überflüssig noch unaktuell. Sie ist durchaus gestellt. Und es ist fraglos, daß in diesen! Zusammenhange die Stellung der Juden eine Rolle spielen wird. Zweifellos sind die antisemitischen Strömungen im Wachsen. Zweifellos hilft dabei der Antagonismus New York und Land. New York, das heißt: das ״unamcrikanische“ Amerika, und mit viel Betonung verkündet einer der vielen New-Yorkcr Sender: ״Hier ist die Station X, die Station des aitterikanisehen New-Yorkers.“ * Richter Black hat, wie eben aus USA. gemeldet wird, ' einen jungen jüdischen Rechtsanwalt aus Birmingham in Alabama, den 24jährigen Jerotne Gooper, telegraphisch zu seinem Gehilfen berufen, RA. Coopcr, der seine Studien an der Harvard Law School absolviert hat, hat sieh sofort nach Washington begehen. Inzwischen hat am 11. Oktober das Oberste Bundesgericht die Beschwerde eines Rechtsanwalts Albert Levitt, der Blacks Wahl anfocht, mangels Aktivlegitimation des Beschwerdeführers verworfen, womit die Angelegenheit, die ganz Amerika in zwei Lager geteilt hatte, abgeschlossen ist. Die Juden In Rumänien Von Dr. Mayer Ebner Rumänien ist das Land mit der zweitgrößten Judenschaft Europas. Dem Schicksal dieser gewaltigen (und nicht homogenen) Judenmassen, die in einer ganz eigenartigen Situation sind, wendet sich naturgemäß das Interesse der gesamten Judcnheit zu. Wir beginnen heule mit einer Artikel- Serie über die Lage der Juden in diesem Lande. Der Verfasser, als aller Zionist bekannt, war bis vor kurzem Mitglied des rumänischen Senats. (Red.) Nach dem Weltkriege ist Rumänien in die Reihe der Mittelstaaten aufgerückt. Nicht nur seine Oberfläche, sondern auch die Zahl der Bevölkerung hat sich verdoppelt. Dem Gebiete des alten Königreichs (Regal) wurden zugeschlagen die Bukowina, Transsylvanien mit dem Banat und Bessarabien. Rumänien, früher Nationalstaat mit einer fast durchaus rein rumänischen Bevölkerung, behielt zwar nach dem Kriege den Charakter eines Nationalstaates, weil auf dem Gebiete von Großrumänien noch immer etwa 73 0״ Rumänen lebten, aber es war und ist Nationalstaat mit einer beachtlichen Zahl (27 °/0) von Minoritäten: Ungarn, Deutsche, Ukrainer, Russen, Bulgaren^ Türken u. a. Ueber den Charakter der Juden als einer ethnischen Minorität ^Nationalität) wird noch gestritten — seltsamerweise zählen sich noch heute viele Juden im Regat (Altrumänien) zur rumänischen Majoritätsnation. ln der offiziellen Welt spricht man von ״Rumänen de origine“ (Rumänen dem Blute nach), ferner von ״ethnischen Minderheiten“ und Juden, eine Unterscheidüng, die hinsichtlich der Juden zweifelhafte und mitunter tragikomische Situationen schafft. Die Assimilationsjuden des Regals nennen sich ״Rumänen mosaischer Konfession“. Rumänische Politiker, die nicht gerade auf der extremen Rechten stehen, sagen, die Juden seien ein ״Adnex der rumänischen Mehrheitsnatton“, aber ohne Anspruch auf einen Anteil an der den rein rumänischen Elementen vorbehaltenen Hegemonie im Staate. Der Charakter einer ethnischen Minderheit wird ihnen aberkannt, sofern es sich um international festgelegte Minderheiten rechte handelt. Das Gros der Juden in den angeschlossenen Provinzen und ein volksbewußter Teil der Juden im Regat betrachten sich als ״Rumänische Bürger von ethnisch-jüdischer Zugehörigkeit“. Sie erheben Anspruch auf Anerkennung als ethnische Minderheit gleich den anderen ethnischen Minderheiten des Landes. Dies alles sind nur theoretische Unterscheidungen. Im öffentlichen Leben, in der Politik und in der Wirtschaft gibt es fn Wahrheit '2 vv e i deutlich voneinander geschiedene Gruppen. Sie heißen Rumänen und Minoritäten, und zu den Minoritäten werden auch die Juden gezählt, ln letzter Zeit betont man eine Unterscheidung zwischen christlichen Minoritäten und Juden. Dies geschieht insbesondere von seiten der Christlichnationalen (lies: antisemitischen) Partei. * Auf eine Gesamtbevölkerung von rund 20 Millionen entfallen etwa 800 000 Juden, sonach also 4 ״,«. Die Zahl der Juden ist nach den Ergebnissen der Volkszählung«- Statistik nur etwa 760 000. Die antisemitischen Parteien aber wollen diese amtliche Feststellung nicht wahr haben. Sie sprechen von zwei, ja sogar drei Millionen Juden, um ihre Behauptung von einer ״jüdischen Ueberflutung“ des öffentlichen Lebens in Rumänien zahlenmäßig zu stützen. Aber selbst die 1026 Vbn dem damaligen Minister des Innern und heutigen Mitchef der christlich-nationalen Partei, Octavian Goga, durchgeführte Volkszählung hat ungefähr das gleiche Resultat ergeben, wie die 1930 durchgeführte Volkszählung. Die Zahl der Juden ist seither nicht gewachsen, nicht nur weil die Juden unter den Auswanderern an erster Stelle stehen, sondern auch weil der Geburtenrückgang von Jahr zu Jahr größer wird. Gemessen an der Zahl der Juden in Polen ist die der Juden in Rumänien keineswegs übermäßig, zumal das Land sich in einem hohen wirtschaftlichen Auf- Schwung befindet, zu dem die rumänische Judenschaft wesentlieh beiträgt, * Die Juden in Rumänien sind keine einheitliche Masse. Sie gehören vier verschiedenen Kulturkreisen an, entsprechend der ehemaligen Reichszugehörigkeit der vier Länder, die heute zusammen das Territorium Großrumäniens bilden. Die ■Juden Altrumäniens (Regat) gehören dem rumänischen, die Juden Transsylvanien dem ungarischen, die Juden der Bukowina dem deutschen (altösterreichischen) und die ׳Juden BeBarabiens dem russischen Kulturkreis an. Aber all dies gilt von den Generationen, die als Erwachsene in den staatlichen Zusammenschluß von Großrumänien getreten sind. Sie bilden vorläufig noch die Mehrheit. Die jüngste Generation hat bereits die rumänischen Schulen besucht, spricht und schreibt rumänisch, ist aber mit der früheren Kultur durch das Leben und die Erziehung im elterlichen Hause noch immer verknüpft. Gegen diese Kultur der Stammländer arbeitet die Zeit. Der Prozeß der Romanisierung geht von ׳Jahr zu Jahr weiter, allerdings erscheint er den Nationalisten in Rumänien zu langsam. Das Eigenartige an diesem Prozeß ist aber, daß diese romanisierende Assimilation eine gewisse Grenze nicht überschreitet. So ist es überall, wo nationale Siedlungen sich gegenüber den Assimilationstendenzen der umgebenden Mehrheitsnation jahrhundertelang behaupten. Das Elternhaus erweist sieh stärker als die Schule. So hat sich das Deutschtum der Sachsen und der Schwaben in den Ländern der chemaligen ungarischen Krone trotz allen Magyarisierungstendenzen der früheren ungarischen Regierungen kulturell, also auch sprachlich rein erhalten, und so erhalten sich auch die Juden dort, wo sie in Massen leb.en, nicht nur ihre religiöse, sondern auch ihre kulturelle Eigenart. Diese Erscheinung des nationalen Fortbestandes der et 11־ nischen Minderheiten beschäftigt im hohen Maße die führenden Staatsmänner aller rumänischen Parteien. Die Einsichtigen erkennen, daß man es mit einer naturgegebenen Tatsache zu tun hat, sonst hätte sich auch die rumänische Minderheit in den ehemals ungarischen Gebieten während der tausendjährigen Herrschaft der Stephanskrone nicht erhalten können. Sie nehmen die Existenz der Minderheiten als eine Schicksals mäßige Gebundenheit, mit der man sich friedlich und freundschaftlich abfinden muß. Auch nationale Minderheften können für den einheitlichen Staatsgedanken gewonnen werden und ihre Loyalität müsse man sich mit Freundschaft und mit Achtung der Konstitution, die die Gleichberechtigung aller Bürger ohne Unterschied garantiert, erwerben — und es ist interessant, daß bisher alle Regierungen von einer Notwendigkeit der seelischen Vereinigung aller Bürger des Landes und von der Gleichberechtigung aller Minderheiten mit der Mchrheitsnation gesprochen haben. Auch der Chef der in Kürze abtretenden Regierung (Partei der Liberalen), Ministerpräsident Tatarescu, hat in den jüngsten Tagen in demselben Geiste gesprochen, aber er und alle anderen Führer der rumänischen Parteien betonen in der letzten Zeit viel stärker als früher die Notwendigkeit einer Vorherrschaft des rein rumänischen Elementes, insbesondere auf dem Oebiete der Wirtschaft. Sie tragen dem nationalistischen Geiste Rechnung und insbesondere der in den letzten Jahren geändertcu Auffassung vom Wesen des Staates, den sie mit der Mchrheitsnation identifizieren. ״Rumänien den Rumänen“ ist das Schlagwort der nationalistischen Parteien. Die demokratischen Parteien mildern diese Ausschließlichkeit zu einem Vorrecht und einer M e h r begünstigung der herrsehenden Nation gegenüber den Minderheiten. * Im allgemeinen ist die nationalistische Strömung fn Rumänien nicht so sehr gegen die Minoritäten, wie für das eigene rumänische Volk. Der Staat, d. i. die Nation, hat Anspruch aut die höchstmögliche Entwicklung, und alle Schätze und alle Machtmittel des Staates haben in erster Linie der Mehrheitsnation zu dienen. Nur dieser steht die Regierung und die Verwaltung des Landes zu. Darum werden Minderheitler in der Verwaltung immer seltener und es scheint, daß sie diese Tatsache als ein unabwendbares Verhängnis, mit dem man sich abfinden müsse, hinnehmen. Dieser Nationalismus ist wohl in erster Linie gegen die Juden gerichtet, deren angebliche ״wirtschaftliche Vorherrschaft“ man brechen will, er ist aber in seiner Eigenschaft als positiver Nationalismus (״Rumänien für die Rumänen“) auch gegen alle anderen Minderheiten gerichtet. Der ehemalige Ministerpräsident und Begründer der Partei der ״rumänischen Front“, Vaida-Voevod, ist ein relativ gemäßigter Nationalist. Fr ist der Erfinder des Schlagwortes vom ״Numerus valachicus“. Mit diesem rumänisch betonten Schlagworte wollte er das Peinliche eines den ethnischen Minderheiten zugewiesenen numerus clausus übertönen. 75»« aller wirtschaftlichen Positionen im Lande gebühren den Rumänen — sagt er, und mit 25 sollen sich alle Minderheiten einschließlich der Juden bescheiden. D. h. 25 "0 in der Wirtschaft; in der Verwaltung numerus nuilus! Es ist charakteristisch, daß Vaida-Voevod es ablehnt, als Antisemit zu gelten. Er ist aus der national-zaranistischcn Partei (nationale Bauernpartei) hervorgegangen. Diese Partei steht unter der Führung des ehemaligen Ministerpräsidenten M a 11 i u und unter der Präsidentschaft M i - ha! ach es, der gleich Maniu zu den angesehensten Verfechtcrn der Demokratie gezählt wird. Auch die gegenwärtig regierende ״Liberale Partei“ zählt sich zu den demokratischen Parteien und überdies gibt es noch eine ganze Reihe kleinerer Gruppen, die der Jungliberalen unter Gheorghe Bratianu, eine Volkspartei unter der Führung des ehemaligen Ministerpräsidenten, Marschalls Avercscu, eine radikale Bauernpartei unter der Leitung des ehemaligen Justizministers J u n i a n und eine kleine aber sehr ernst genommene konservative Partei unter Filipescu; hiermit ist di« Reihe der Parteien, die sich zur Demokratie bekennen, erschöpft. Diese Demokratie ist im Wesen nur formell und äußerlich, fn Wahrheit liegt alle Macht in der Hand des Königs. Die Minister werden nicht von der Kammer gewählt,'sondern nach Auflösung des Parlamentes vom König ernannt. Das neue Ministerium macht die Wahlen, die noch immer eine Zweidrittelmehrheit der Kammer für die Regierung ergeben haben. Im Parlament gibt es auch eine Opposition und Redefreiheit. Dies ist in großen Zügen der politische Rahmen, der nach Beendigung des Weltkrieges vier kulturell verschiedene Judenschäften zusammengefaßt hat. (Weitere Artikel folgen.) Nansenhilfe für Staatenlose Von unserem Berichterstatter O s 1 o, im Oktober Im Frühiahr dieses Jahres wurde von Architekt Odd Nansen, dem Sohne Professor Fridtjof Nansens, die ״N a n s e n - H i i f e für S t a a t s r c c!11 s I o s e“ gegründet, mit dem Ziele, Nansens Arbeit für Flüchtlinge mul Staatenlose auf unpolitischer, rein humanitärer Grundlage nach seinem Yörbiide weiterzufiihrcn. Während die neue Organisation bisher nur in kleinerem Maßstab an die ()cffeiitlichkeit trat, hat das Komitee nunmehr den Gedanken durchgeführt, Nansens Geburtstag, den 10. Oktober, zum testen jährlichen Nansen -Hilfstag zu machen. Es ist die Absicht der Nansen-Hilfe, sich /!ntäeh.st um eine Hilfsaktion in Wien zu konzentrieren. Die Staatenlosen, die sich dort befinden, gehören nämlich meistens zu den Kategorien, die auf Grumt von Sonderhestimnuingen nicht vom N a n s e n - B ü r o in Genf erfaßt werden und auch nicht den sogenannten ״Nansen-Paß" erhalten können. Unter diesen Schwergeprüften herrscht eine verzweifelte Not. In Wien gibt es nicht weniger als 10 000 solcher unglücklichen Existenzen. Natürlich will die ״Nansen-Hilfe“ allen Staatenlosen helfen, aber zunächst geben die Do 1! a 111 a 11 d e ein übergroßes Wirkungsfeld. Die rein philanthropische Arbeit der Betreuung mit Geld- und Sachspenden ist natürlich nicht das Endziel der ״Nansen- Hilfe“. Man beabsichtigt, die Arbeit zu erweitern, denkt an größere Aktionen, vor allem an die Schaffung einer permane nten Institution. Man will den neugeborenen Kindern Staatsrecht im Geburtslande verschaffen und Konsulate unter Leitung des Völkerbundes zur Betreuung der Staatenlosen einrichten. Die Veranstaltung der ״Nansen-Hilfe“ in der durch Edvard Munchs ״Lebensfries“ weltberühmten Aida der Universitat war ein grandioses Ereignis. Der K ö 1! i g war zugegen und große Künstler und Gelehrte hatten sich in den Dienst der guten Sache gestellt. Es war eine Geburtstagsfeier so recht im Sinuc des unsterblichen;Menschenfreundes» eine Feier, die zu lebendiger hilfreicher Tat für Heimatlind Rechtlose anspornte. Der Leiter der Nansen-Hilfe zeigt auch für die nofleidenden Juden warme Hilfsbereitschaft, was aus persönlicher Fühlungnahme in der Hilfsarbeit bestätig! werden kann. Aus Anlaß von Nansens Geburtstag wurde auch das Diplom des Goldenen Buches, in das Nansen von norwegischen Zionisten verewigt worden ist, ms privater Obhut in den Besitz der Familie überführt und Architekt Nansen vom Vorsitzenden des Norwegischen Keren Kajaineth, John Jacobsen, und von Rabbiner Julius Samuel überreicht.!. Samuel

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