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Jüdische Rundschau · 1937-10-12 · Heft 81 (12.10.1937) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 81 (12.10.1937)
Date
1937-10-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seife 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nf. 81, 12.X. 1237 Sukkoth in Tel Aviv Die gemischte Landwirtschaft Der ״Haarcz“ veröffentlicht, wie uns aus Tel Aviv ,ge• schrieben wird, einen Auszug aus einem Bericht des ״Amerikanischen Wirtschaftsausschusses“ in Tel Aviv, der sich mit der Lage der privaten gemischten Landwirt• Schaft im Jischuw befaßt. Die gemischte Landwirtschaft hatte sehr unter der Teuerung der Bodenpreise zu leiden. Der Preis geeigneten Bodens betrug vor dem Kriege pro Dunain £ 0,740 bis 2,500, im Jahre 1933 etwa £ 6 und in den Jahren 1933—1936 £ 21—43 pro Dunam. Innerhalb der Kolonien zahlte man sogar noch mehr, für Bauplätze bis £ 164 pro Dunam. Die Preise in abgelegeneren Gegenden wie in Galiläa und im Süden waren allerdings niedriger. Zu diesen Bodenpreisen kamen noch Kosten für Bewässerungsanlagen. Für den Bau eines 2—3• Zimmerhauses mußten Je nach Ausführung £ 200—400 auffewendet werden. Der Stall kostete je nach Ausführung 10—20 pro Kuh, die Anlage für die Hühner 330 Mil pro Huhn. Die Preise für die elektrische Installation waren je nach der Lage verschieden. Die wichtigste Anschaffung auf dem Gebiete des lebenden Inventars waren Kühe. Die Preise variierten von der arabischen Kuh (£ 10) bis zur teuren Rassekuh (bis £ 64). Die teure und empfindliche Rassektih lohnte sich meist nur in der Nähe der Städte und der großen Kolonien, wo der Milchabsatz gesichert war. Im Jahre 1935 betrug der Reingewinn pro Liter Milch 18 Mil und nur an Orten, die ungünstige Verbindungen zu ihrem Absatzgebiet hatten, 11,3 Mil. Der durchschnittliche Reingewinn pro Kuh war je nach Verkehrslage £ 29,2 oder £ 13,1 pro Jahr. Die uefiügelwirtschaft ergab durchschnittlich 124 Eier pro Huhn im Jahr. Der Durchschnittspreis für ein zur Nahrung bestimmtes Ei betrug 1934—1035 3,7 Mil pro Ei ohne die Verkaufsspesen. Der Reinertrag des Huhtierstails war durch• schnittlich £ 20,0 pro!00 Hühner im Jahr, ohne Arbeitslohn. Schafzucht war nur in bestimmten Gebieten möglich. Das Schal kostet £ 1—2 und ein Mutterschaf bringt jährlich alles in allem £ 1) netto ein. Ziegen kosteten £ 1—1 und brachten im Jahr £ 1—2. Bienen kosteten 0 1,1 2 pro Korb und brachten 1m Jahre 1935 jährlich C 0,4.0,66 pro Korb, ~ Zitrusfrüchte erforderten eine Investition von £ 45 -85 pro Dunam und lihrliche Bearbeitungskosten von £ 10—15 pro Dunam. Der Nettoertrag einer 12jährigen Orangen plantage war im Jahre 1935—1936 £ 3,«8—9 pro Dunam. der einer Grapefruitplantage £ 1,4—5,6. Kernobst erforderte eine Investition von £ 30 pro Dunam und brachte £ 6 pro Dunam. Die Anpflanzung dieser Obstarten wäre ׳.ehr wichtig, da der Verbrauch des Landes zum größten Teil aus dem Ausland befriedigt wird. Jedoch diese Angelegenheit befindet sich noch im Versuchsstadium, besonders in Hinsicht auf die Schädlinge, die die Pflanzungeil bedrohen. Bananen erforderten £ 2S —10 Investition pro Dunam und brachten ungefähr £ 15 netto pro Dunam. Dabei ist nicht in Betracht gezogen, daß die Pflanzungen nach einigen Jahren (an manchen Orten tut man es alle vier Jahre) erneuert werden müssen, kür den Weinbau betrug die erforderliche Investition £ 91-1—12 pro Dunam und der Ertrag bei arabischer Arbeit £ 1,500 — 2,700 im Jahr. Getreideanbau hatte ungünstige Ergebnisse, von einem Verlust von £ 0,238 pro Dunam bis zu einem Gewinn von £ 0,392 pro Dunam. Auch Grünfutter wurde angebaut, aber in den Wirtschaften selbst verwendet, und es erschien nicht auf dem Markte, Gemüsebau brachte netto £ 9,4—14,2 pro Dunam. Die Ergebnisse hingen von vielen Faktoren u. a. auch vom Wasserpreis ab. Tabakbau ergab £ 0,6 pro Dunam. — Im ganzen muß betont werden, daß die gemischte Wirtschaft Erfahrung und Anpassungskraft erfordert. 83 0;0 der von der Enquete erfaßten Wirtschaften ergaben einen Reitrertrag von '£ 76 und mehr im Jahr. Ihre Besitzer behielten also, selbst wenn sie Schulden abzuzahlen hatten, noch genug für eine bescheidene Existenz. Das arabische Radio ■ Programm Aus Tel Aviv wird uns geschrieben: fm ״Dawar“ be• richtet M. Kapeiiuk, der regelmäßig die Sendungen des arabischen Radios in Jerusalem verfolgt, über den Char נ k t e r der arabischen Sendung: Das arabische Programm spiegelt getreu das Kultiirnivcau der arabischen Bevölkerung Palästinas und die Kulturideale ihrer Intelligenz wider. Die Sprache ist auch bei populären und für die Fellachen bestimmten belehrenden Sendungen das klassische Arabisch. Nur in der Kinderstunde und bei humoristischen Darbietungen werden Konzessionen an das gesprochene Arabisch gemacht. Die Licbiingsgegenstände, welche das Radio behandelt, sind historische und klassisch arabische. Die moderne Literatur hat fast keinen Raum. Die Voriiägc über Geschichte des Schrifttums entbehren aber jeder historisehen Perspektive. Gesellschaftliche Themen werden so gut wie gar nicht behandelt, und soweit derartige Vorträge Vorkommen, zeigen sie ein sehr niedriges Niveau, Auch sonst kommen bedenkliche Entgleisungen vor, so z. B., wenn in einer Vorlesung von Tolstoj die Rede ist, und er ('ingeführt wird als ״der große russische Philosoph Tiisti, ein Zeitgenösse Rasputins“. Sehr gut sind die belehrenden Vorträge für die Bauern. Sie mahnen zu Reinlichkeit, rationellem Ackerbau und warnen vor Verschwendung durch Veranstaltutig der üblichen Gastmähier, ermahnen zur Baumzucht 1111a tadeln die verbreitete Baunizerstönnig־. Die Kinderstunde Ist für da« zarte Kiudesalter bestimmt und enthält meist Erzählungen aus dem Leber! der Tiere und Pflanzen und Anekdoten mit lehrhaftem Schlüsse. Politische Anspielungen, ja Verhetzungen kommen häufig vor, besonders die religiösen Vorträge, die jeden Freitag gesendet werden, sind m Wahrheit Hetzreden. Die Karmel-Feslwoche. Die Aufführung von ״Jakob und Esau“, die als dritte Veranstaltung im Rahmen der ״Karmel- Woche", über deren Beginn wir bereits berichteten, auf der Freilichtbühne in der Achusah vor sich ging, brachte beacht• liehe Verbesserungen in Bühnenaufbau, Beleuchtung und Ausstattung, aber im ganzen nicht den künstlerischen Fort- *chritt und die Steigerung, die man nach dem ersten Versuch mit dem ״Buch Ruth“ sich versprochen hatte. Offenbar verhinderte auch ungenügende Probenarbeit mit den Amateur- Schauspielern, daß das Spiel, das in einer Bearbeitung J. Käst eins die Geschichte des Erstgeborenen rechts und die Werbung um Rahe! und Lea zeigte, zu der Wirkung kam, zu der es hätte kommen können. So wurde teilweise zu undeutlich gesprochen — besonders von dem Darsteller d«s Jakob —, oft standen die Darsteller ungünstig zum Publikum usw. Gelungen waren die Gestalten des Esau und des Isaak, doch hätte die Schilderung Nimrods nach seinem Erscheinen kurz vorher anders ausfalien müssen. Den stärksten Beifall errang die von Edith Ros cnthal-Cohn arrangierte Tanzeinlagc. Die von Ch. Ladendorf kompoliierte Musik, die ein wesentlich handhmgsstiitzendes Moment bildete, lag offenbar dem Haifa-Orchester, das unter seinem Dirigenten Behrendt spielte, nicht völlig und verlor so ebenfalls an den weniger melodischen und mehr rhythmischen Stellen an Effekt. Die Regie des Abends lag in den Händen Elieser Wegleins. Der letzte Abend, ein Simchath-Thora- Ausgangfest, brachte einige nicht immer überzeugende, aber in vielem amüsante paroaistische Tänze 1. Kagans und das heitere Männer-Gesangsquartett Mark La v r i ks ״Arbathenu“. Dieses Quartett, das eine Reihe von Liedern in origineller Tel Aviv, die jüdische Stadt, empfängt zu Zeiten der traditionellen Festtage stets ein besonderes Gepräge. Es ist unmöglich, am Rosch Haschanah nicht den Ton des Schofars zu hören, weil in jedem dritten Haus — sozusagen — «in Minjan abgehalten wird, unmöglich, am Chanukkah die Lichter der Menoroth zu übersehen, oder am loin Kippur — und besonders am Kol Nidre-Abend — nicht beeindruckt zu sein von der majestätischen Ruhe der Stadt. Fest - Vorbereitungen Aber kaum ein Fest beherrscht die Stadt so ausdauernd, kündigt sein Nahen so frühzeitig an wie Sukkoth. Sofort nach Tischah b’Aw, also mehr als zwei Monate vor den Feiertagen, werden in den Straßen die großen Schilder mit der Aufschrift ״Etrogim“ sichtbar. Man findet sie nicht nur über den Geschäften, die während des ganzen Jahres ״Devotionalien“ zum Verkauf bringen, sondern leerstehende Büroräume und Liiden werden für zwei Mona*ג zum Betreiben dieses ״Saison-Geschäftes“ gemietet. Es scheint sich zu lohnen, solche Spesen aufzuwenden, da sieh das alljährlich wiederholt. Die Efrogim, die zum Verkant gelangen, sind ausschließlich palästinensische. Meist kommen sie aus den Pardessim der Scharon-Ebene. Während man in Europa den Etrog fast nur als zitronenfarbige, gelbe Frucht kennt, ist er in Erez Israel von einem frischen Grün. Auch Zitronen seihst und die ersten Grapefruits kommen grün auf den Markt. Die Etrogim nehmen ihre — wie nun sieht, relative — ״Zitronen-Farbe“ erst auf dem Auslandstrransport an in ihrer Hülle von Hanf, die sie gegen Licht und Luft abschließt und den ״Pitum“, die Krone des Etrog, vor Beschädigungen schützt. Auch mit dem ״Pittim“ hat es hierzulande seine besondere Bewandtnis, denn ein großer Teil der paiästinensischen Etrogim wächst ohne ״Piium“ und ist also ״koscher“, zur Benutzung erlaubt. Die Händler dienen gerne mit einem fachmännischen Vortrag darüber und verfehlen nicht, darauf liinzuweisen, daß ein Teil der im Ausland angebotenen Etrogim trotz des vorhaadenen ״Pitum“ nicht ״koscher“ sei, weil sie auf aufgepfropften Zitroncnbäunien wachsen, (Häufig kommen sie von der Griecheninsel Korfu, wo auch die Zypressen und Oelbäuitie ebenso schön gedeihen wie bei uns.) In der ״Karmel-Wochenschau“ war für die, die nicht selbst dabei waren, zu sehen, wie junge Chaluzim die Etrogim vom Zweig nehmen, die Lulawim von den Palmenbäumen schneiden. Und etwa 14 Taue vor Beginn der Feiertage begegnen uns die Straßcnhändler auf Schritt und Tritt mit diesen beiden Teilen der ״Fcstes-Garnitur“, die wenige Tage vor Sukkoth noch durch Bach weiden und dreiblättrige Myrten zu ״Arb,111 Minim" ergänzt wird. Mit den Preisen für dieses Bukett ist es so, wie es eben bei ״Saison-Geschäften“ zu sein pflegt. Man richtet sich nach Angebot und Nachfrage, wer zuletzt kauft, kauft am billigsten, aber die ausgesucht schönen Stücke sind alle bereits in festen Händen. Morgen ist altes wertlos, was gestern noch Geschäft, Verdienst und Arbeit brachte. (Nur habe ich mir sagen lassen, daß besonders tüchtige Hausfrauen aa den Zwischenfeiertagen Etrogim für einen halben Piaster das Stück gekauft haben, um jenen berühmten Etrog-Scli« aps anzusetzen, dessen Rezept ihnen die Altvorderen übermittelt haben.) Die Stadtverwaltung Tel Aviv erließ an den Säulen einen Aufruf, der die Bevölkerung ersuchte, das Laub zum Decken der Sukkoth nicht von Straßenbäumen zu schneiden oder öffentliche Gärten zu schädigen (deren es feider nur allzu wenige gibt). Was man der Stadtverwaltung verübelte, war, daß sie das jetzt fällig werdende Baumstützen nicht kurz vor Sukkoth vornahm und den Tel Avivcr Bürgern das Laub als Feiertagsgeschenk vor die Türe legte, quasi als Belohnung für braves Steuerzahlen. Ob nun die Steuern nicht so brav gezahlt werden, oder ob man sich aus ״technischen Gründen“ diese schöne Geste nicht leisten konnte, ist mir nicht bekannt. Auch nicht, woher letzten Endes das Laub für Tausende von Sukkoth kam, denn in fast keinem Haus fehlten sie, in manchen standen vier, fünf und mehr. In diesem Jahr fiel die Menge von Händlern — Männer, Frauen und Kinder aller jüdischer Gruppen von Jemen bis Polen — auf, die Palmenzweige für die Sukkoth verkauften. Vor der Großen Synagoge stand «in kleines altes Männlein mit langem weißem Vollbart, der einen dieser Zweige, der ihn fast um das Doppelte überragte, zum Verkauf vor sich her hielt. Das Aufstcllen der Sukkoth begann am Tage nach Jom Kippur. Obwohl das von allen Seiten kommende Hämmern und Klopfen das Maß an Lärm fast überstieg, den der Ttihesuchende und -li«be11de Tel-Aviver Bürger von seiten weniger friedlicher Nachbarn auch im Laufe des Jahres zu ertragen hat, dürften kaum kategorische Rufe um ״Scheket“ — Ruh« — laut geworden sein. Denn in solchen Fällen zeigen sich die Tel-Aviver solidarisch. Was die Konstruktion der Sukkoth aniangt, so unterscheidet sie sich von der europäischen im wesentlichen dadurch, daß keinerlei Dach vorgesehen wird. Denn Regen gibt es in diesen Tagen äußerst selten und die Temperaturen stellen sich bei Tag immer noch auf 30 Grad Celsius und sinken am Abend selten um mehr als 5 Grad. Rings um das Fest Das Jerusalemer Radio stand, soweit es die iüdische Stunde angeht, fm Zeichen des Festes. Die Stimme der Ansagerin begann und schloß an Stelle des üblichen ״Schalom lachem“ mit ״Chag ssarncach“ oder ״Moadim l'Ssimcha“. Von den zahlreichen Darbietungen der Woche seien die hübschen Gesänge des Jerusalemer Chors ״Schirat Jisrael, Tachkemoni“ erwähnt und die temperamentvolle Interpretation des Mendelssohnschen Vioiinen-Konzerts durch Sascha Parneß, mit Begleitung des Rtindfunk-Kammerorchesiers unter dem Dirigenten Hans Schlesinger (Konzertmeister Wolfgang Schocken). Die Palästinensische Fluglinie veranstaltete Sonder-Rundfliige. Eine besondere Attraktion brachte das Treffen der ״Sdiomrim“ 1'n Natania, wo insgesamt 54 Rundflüge im Laufe eines Tages absolviert wurden und mehr und einfallsreicher Form und Variierutig vortrug, errang mit Recht starken Beifall. Alfred Markus, Haifa Das Konservatorium für Musik und Dramatische Kunst in Jerusalem (Leitung: Emil Hauser), teilt uns mit, daß ein Seminar für die Gesang- und Musiklehrcr der palästinensischen Volksschulen 1m Einvernehmen mit der Er- Ziehungsabteilung der Knesseth Jisrael «ingerichtet worden ist. Als Lehrer fungieren: P. Grünspon, J. Lampel, J. Millet. Der Kursus besteht aus drei Stufen: die erste Stufe umfaßt die Ausbildung für den Musikunterricht ah Ergänzung der übrigen Fächer, die zweite Stufe Musikunterricht als selbständiges Fach und Leitung eines Kursus und die dritte Stufe noch zusätzlich den Unterricht für Einrichtung eines Schüler- Orchesters. Den Absolventen wird ein Zeugnis ausgestellt, das zum Musikunterricht in den Schulen der Knesseth Jisrael berechtigt. Das Schulgeld beträgt £ 6 jährlich für vier Wochenstunden, wozu noch zusätzliche Gebühren für einzclne Fächer treten. Ueber alle Einzelheiten informiert das Konservatorium (Abessinisches Gebäude). als 300 Menschen, darunter Kinder und Oreise, erstmalig im Flugzeug saßen. Gleichfalls von sportlichem Interesse waren die ersten Tenniskämpfe in Tel Aviv seit Eingliederung der Palästinensischen Amateur-Sektion in die Internationale Tennis- Föderation. Die Wettspiele erstreckten sich über mehrere Tage und brachten ausgezeichnete Resultate. ln einigen Tel-Aviver ״Jeschiwcth“ gab es ״Simchath Beth Haschoewa!!“-Veranstaltungen, an das traditionelle Fest des Wasserschöpfens erinnernd, das zu Zeiten des Tempels eine freudige Volksveransialtung größten Stils darstellte. Auf dem Karmel in Haifa wurde in diesem Jahr erstmalig versucht, so etwas wie eine Neubelebung dieser Festlichkeit zu schaffen. In den Synagogen Simchat Thora in Tel Aviv vermittelt jedem, der einen Rundgang durch die Stadt unternimmt, die Ueberzeugung, daß in Erez Israel wirklich die Zerstreuten von allen ״vier Ecken der Welt“ sich wieder ■sammeln. Man sei gewarnt, sich aut solche Studienreisen mit den Augen eines europäischen Aesthetikers zu begeben. Die synagogalen Feiern und Tänze — oft auch die Umgebung, in der sie stattfinden — haben größtenteils nichts von Formpflege, Würde oder gar Ernabenheit an sich. Das gilt an diesem einen Tag 1m Jähr nicht nur für osteuropäische Gemeinden, sondern auch für die Südländer, die Sefardim (die sonst sehr auf Etikette im Bethause achten) tmd für die Morgenländer, die Jemeniten. Alle Räume sind überfüllt. Die Luft ist heiß und stickig. Trotzdem, man hat nur einmal Gelegenheit, die Temperamente so ungehemmt entfesselt zu sehen und haftende Eindrücke zu empfangen, die Kenntnis des Wesenhaften einer jeden Gruppe vermitteln. Tel Aviv ist groß geworden und hat eine Anzahl neuer Synagogen im letzten Jahr bekommen. Obwohl man sich an den meisten Stellen an zwei Abenden und am yormittag versammelt, um die Thora zu feiern, reicht die Zeit nur zu einigen Abstechern. In der Großen Synagoge ist der ausgezeichnete Chor heute in seinem Element. Er begleitet temperamentvoll die Umzüge mit traditionellen Gesängen, unterbrochen von einem Nigun oder einer Horra. Bei den Chassidim in der Jawnestraße und zahlreichen anderen großen oder kleinen Minjanim tanzen alte Männer mit geröteten Gesichtem und jugend* licher Ekstase. In der neuen Synagoge der O 1 i m aus Deutschland, ״Schiwat Zion“ herrscht auch heute, soweit der Andrang1 cs zuläßt, das Motto: ״Ordnung“. Zur Teilnahme an den ״Hakofoth“ wird jeder der so Beehrten durch eine vorbereitete Karte aufgefordert. Die Kinder werden extra versammelt und betreut, bis die Umzüge beginnen. — Die Schaffung dieser schönen Synagoge ist insofern höchst bedeutungsvoll, als es gerade traditionell-eingestellten Juden aus Deutschland schwer war, Befriedigung bei den Gottesdiensten östlicher oder sefardischer Gemeinden zu finden. Uebrigens bemerkenswert, daß man auch für das Gebet den sefardischen Dialekt übernommen hat. Die von früher her vertrauten Gebets-Melodien werden jedoch weiter gepflegt und etwa die ״Tefillath? Geschem“, das für Erez Israel so bedeutungsvolle Gebet um Regen, dürfte hier mit viel Feierlichkeit gesprochen worden sein, während es sonst leider in vielen Oemeinden im Trubel der Simchat Thora-Freude allzu nebensächlicW behandelt wird. ׳ Nur mit Mühe gelangt man ins Innere der großen Holz« baracke, die im 1 em en it en v iert e I als Bethaus dient.; Ekstatische Jugend tanzt um eine Anzahl Thorarolleit, die in! ihren hölzernen und samtenen Gehäusen in der Mitte des Raumes?uf einem Pult stehen. Einzigartige Typen findet man dort. Ein uralter Mann, wie mir versichert wird, nahe an 100 Jahre, Vater von 13 Kindern, feuert die Jungen immer wieder an, neue Wechselgesänge anzustimmen; trägt einen langen schneeweißen Mantel aus dkker Wolle, einen weißen Turban um den Kopf, darüber den Gebetmantel; ein braunes zerfurchtes Gesicht, von weißem Prophetenbart umrahmt. — Ein Jemeniten-Mädel, etwa 14 Jahre, olivenfarbige Haut, schwarzes, ölglänzendes Haar, mit dem Kopf einer Nofretete, das Kleidchen: europäischer Konfektionsstil, steht auf einem Tisch, schaut interessiert zu, kaut Sonnenblumenkerne, die sie achtlos ausspuckt. Neben ihr «in etwa dreijähriger Junge mit freundlich lächelnden Schlitzaugen, einen zu großen Tropenhelm auf dem Kopf, sonst angezogen wie bei größter Kälte, mit Pullover und dickem WoTljäckchen. Wie fast alle Kinder, die ich sah, trägt auch er seine Papierfahne in der Hand, auf der neben Gebetstexten, Fabeltieren, Thorarollen (in einem Papierschrank zum Aulklappen) auch Moses uitd Aron zu sehen sind. In den Ecken unten jedoch sieht man auf der Fahne rechts einen Knaben in kaftanähnlicher Tracht, langen Schläfenlocken und jemenitischer Physiognomie, links zwei europäisch angezogene Kinder, Junge und Mädchen, mit Wadenstrümpfen, freien Beinen, Strohhüten. Alle drei tragen auf der Abbildung Fahnen (die europäischen Kinder haben einen Apfel auf der Spitze der ihren). Nach dem Ausgang des Festes noch bei den Sefardim. Undurchdringliche Menschenmenge. Ueber deren Köpf«! werden ab und zu die silbernen Kronen der Thorarollen sichtbar und später die malerischen Gestalten des sefardischen Oberrabbiners und des ״Chachani B'chor“, die man auf die Schultern gehoben hat. Im Takt ertönt das ״Mfpi Ei, Mipi El, jitbarach Jisrael“. Und als man wieder auf die Straße tritt... empfängt einen die erschütternde Nachricht von dem frevelhaften Mord an dem Engländer Andrews. — 24 zeitungslose Stundet! ließen für kurze Frisf die Tagesgeschelmisse, -nöte, -sorgen veressen. Mit einem Schlag ist wieder alles da, legt sich mit en niedersteigenden Abendnebeln über die Stadt, die tiefen Anteil nimmt am tragischen Tod dieses Mannes, der die Gefahr kannte und ihr die Stirne fcot. Manfred Gei* Um die ״Dritte Mauer“ Jerusalems. Die vom AntiquItäten-Departenient veranstalteten Ausgrabungen, die mit dem Plan Zusammenhängen, die häßlichen modernen Gebäude beim Damaskustor zu beseitigen, führten zur Auffindung einer Säulen platte von etwa 3 m Höhe, bestehend aus massiven Steinblöcken, die an die besten Bauwerke der römischen Periode erinnert. Es wird angenommen, daß es sich um das Stadttor außerhalb des im V. Buch des Josephus erwähnten ״Frauenturmes“ handelt. Man hofft, daß die weiteren Ausgrabungen noch mehr zutage fördern werden, wodurch auch die Frage der sogenannten ״Dritten Mauer“ von Jerusalem vielleicht geklärt werden könnte. Diese Frage ist heftig umstritten, weil die heute angenommene Lage gewisser historischer Plätze in Jerusalem, die mit bestimmten geschichtlichen Vorgängen in Jerusalem verbunden werden, in Zweifel gezogen werden könnte, wenn die neuen Ausgrabungen, wirklich die ״Dritte Mauer“ darstellen. (Schluß des Palästina-Teils'

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