Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 81 (12.10.1937)
- Date
- 1937-10-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2653625-2653701--31368-2685973- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 81 12 X 1937 JÖDISCHE RUNDSCHAU Seife 3 ׳rr&HRj/M (M Mrl/MER^ kt'LWRßVNP c: wm> ׳mm#k zm. mm Der Ursprung der Golemsage ist unschwer in der Genesis zu finden. Gott schuf den Menschen aus einem Erdenkloß und blies ihm in die Nase den Hauch des Lebens. Der Mensch versucht, indem er Magie auf seinem Pfad zieht, die göttliche schöpferische Tätigkeit zu wiederholen. Aber seinein Erdenkloß kann er die Seele nicht geben. Das Probien! des Golem hat sich die kabbalistische Literatur des Judentums um das Jahr 1700 gestellt; der Name, der aus der Bibel stammt, bedeutet ihr das Gestaltlose, das Unbescelte oder die rohe Materie, also im Grunde etwas, was durch das Volk der Offenbarung überwunden werden sollte, Aber die Kabbala glaubte an die wundertätige und zeugende Macht des Wortes und der Zahl; der Eingeweihte hatte sich mit ihr des geistigen Prinzips, des göttlichen Atems versichert. Die Figur des Golern senkt sich aus solchen kabbalistischen SpekuDtionen in eine volkhafte iüd'schc Tradition hinab. Schrifien des 13. Jahrhunderts enthalten schon Rezepte zur Erschaffung des Golem, dem eine Bewegung gegeben werden kann, aber noch keine Seele. In einer Schrift des Salomo Ibm Gabirol tritt die Lehmfigur zum ersten Male als Knecht auf, und damit hat die Vorstellung auch ihren icgendarischen Umriß empfangen. Die volkstümliche Tradition vom Golem beginnt seit dem 17. Jahrhundert zu versickern, um sich dann noch Löw in Prag als Schöpfer und Herrn eines solchen Knechts zu sammeln. Ueber die Grenzen besonders jüdischer Spekulation hinaus gelangte der Golem in die Vorstellungswelt der Romantik mit ihrer Vorliebe für künstlich hcrgestellte Geschöpfe, die nach reiner Menschlichkeit, und das heißt nach einer Seele und einem Anteil am Göttlichen verlangen. Alle Früchte einer reichen Ueberliefcrung hat ein zu Prag gehöriger Dichter um 1900 gesammelt; sie machte den Golem zu einer sensationellen Romanfigar. Von da kam er in die Oper, in den Film, und da dieser noch stumm war, konnte er sich schon mit der Primitivität seiner Sprachlosigkeit gut behaupten. Noch ein Wort über den Dichter Halper L e i w i k, mit dem uns sein berufener LJcbersetzer Leo Hirsch hekannt gemacht hat. Leiwik wurde 1SS8 im Gouvernement Minsk geboren, er wurde als politischer Gefangener nach Sibirien, in die Strafarbeit der Katorga, verbannt, entwich von da nach Amerika, wurde drüben Handarbeiter, obgleich er schon ein mehrfach gedruckter und anerkannter Vertreter der jüdisehen Literatur war. Der Golem ist über alle europäischen und amerikanischen Bühnen jiddischer Sprache und auch über die der Habimah gegangen, er hat also schon eine lange und ruhmvolle Laufbahn zurückgelegt. Es ist ein Jugendstück, das schon vor etwa fünfundzwanzig Jahren entstand, und der Dichter ist damit weit hinausgeschwärmt mit kabbalistischen Spekulationen, auch über die Grenze der Bühne hinaus, über die des im Augenblick mit den Sinnen Greifbaren. Der junge Dichter hat sich seine Sache nicht leicht gemacht, er verzichtet auf den berühmten Namen und Nimbus des sagenumwobenen Rabbi Löw, er hat von der populären Ueberlieferung des Golem- Abenteuers nur das Nötigste für die Bühne erhalten. Es ist hier der greise Rabbi Arjeh Levi, der ״Maharal“, der den Golem aus Lehm vorbereitet hat und nun mit Wissen der kabbalistischen Magie erweckt. Der Maharal ist kein Frevler; er ist und bleibt ein Frommer, der seinem Geschöpf eine Sendung im göttlichen und besonders im jüdischen Sinn vorgedacht hat. Siegfried U r i a s ist der Lehmkloß, der lebendig wird, und er hat damit eine imposante Leistung vollbracht, die das Publikum sofort überzeugt. Solche primitiven Märchenfiguren haben gewiß auch einen Vorteil für sich, besonders auf der Bühne neben dem Meister und Erwecker, der fast unvermeidlich nicht nur ein Erfinder des großen Abenteuers, sondern auch sein Beobachter und Erklärer wird. Der ungeschlachte Riese ist da und man glaubt ihm, so unbeholfen wie drohend oder gefährlich, aber auch mit einem Lächeln wie aus einer anderen Welt, wie von einer gebundenen und noch unerlösten Kreatur. Es ist außerordentlich, wenn dieser Golem, von seinem Meister ״Jossd“ geheißen, den ihm verliehenen Namen zuerst nachspricht oder aut kindliehe Weise, aber mit einem Urweltbaß nachsingt. Es kommt Urias zustatten, daß er ein Sänger von Rang ist. Das noch tierhafte Tappen des Riesen folgt immer einigen schweren Takten, die es noch unheimlicher und um so wirksamer machen; die dem Stück ungemein förderliche Musik von Erwin lospe, durch Rudolf Schwarz meisterlich geführt, hat sich da außerordentlich bewährt; sie hat nicht nur mit ihren leitenden Motiven diese Riesenschritte anzudeuten, sondem noch viel Unheimliches, Drohendes, fast Schneidendes oder Kreischendes, das wie aus fegenden Windstößen zu kommen scheint, von brechenden Bäumen, von zusammenstürzenden Häusern und nicht zuletzt aus den Jammerlayten eines stets bedrohten und verängstigten Volkes. Der Golem soll bei ihm das Menschsein lernen und das primitive Geschöpf bekommt da etwas von einem Kaspar Hauser, der mit dem Sprechen auch das Denken und etwas von menschlicher Gemeinschaft erfassen soll. Urias bat mit seiner Urkraft zugleich auch dieses kindliche; die ersten Regungen des Urwesens sind Hunger und Liebe: ein Stück Brot und ein Blick auf die schöne Enkelin des Rabbi. Der Sage entsprechend ist der Golem zunächst der Knecht, Wasserträger und Holzhauer; er erscheint gefährlichen Ansehens, in der ungefügen Faust die Axt, die ihm aber die geistige Uebermaent des Rabbi im gefährlichen Augenblick zu entwinden weiß. Der Knechf muß ein Empörer werden; er erschreckt und züchtigt nicht mir die Angeber und Bedränger der Juden, er rast auch einmal gegen diese selbst, die den Fremdling in dieser Welt verhöhnt haben. Der Rabbi muß ihn zur Ruhe bringen, er nimmt ihm, was er schon als werdende Seele hatte, und der Lchmkloß wird wieder tote Masse. Was das ■Stück an solcher volkstümlichen Ueberlieferung erhalten hat, wurde vom Publikum am leichtesten verstanden. Weniger wohl das, was an kabbalistischer Spekulation über das alte legendarische Verhältnis von Herrn und Knecht hinausführt. Das konnte wohl nur geahnt werden. Es ist nicht leicht, sich davon Rechenschaft zu geben, was der Rabbi unter der ״Sendung" seines Geschöpfes verstellt, die von ihm auch erfüllt worden sein soll. Der Maharal erwartet eine messianische Zeit, wenn solche nicht immer für die Juden zu erwarten war, und er hat in ihrem Ablauf die Erscheinung des Golem eingeordnet, der vor ihrer Erfüllung kommen mußte. Als Empörer und Zerstörer oder als Ausbruch des Eiementarischcn, der Materie vor der Erlösung? Unter den Kranken und Bettlern, den Erniedrigten und Beleidigten des Judentums, die da im Prager ״Fiinferturni“ schmachten — das Stück ist voll von solchen Figuren des Leidens — taucht auch ein Jüngling auf, ebenso müde, ebenso elend, aber noch schön in seiner Armut. Der Rabbi weist ihn fort, er hat den Messias erkannt, aber seine Zeit soll noch nicht gekorninen sein, solange die Sendung des Golem dauert. Das Stück ist erfüllt von solchen messianischen Ideen, und selbst ein Wahnsinniger hat Teil daran, der unter den Elenden und Kranken gefährlich herumrast. Der Rabbi hat die Fäden all dieser Zusammenhänge in der Hand, aber soviel er auch erklären mag, er wird nicht alle diese Knäuel von mystischen Vorstellungen lösen können. Herbert G r ü n b a 11 m gab ihm einen feinen denkerischen Kopf und die gleichmäßig würdige Haltung eines streng vergeistigten Menschen. Aber die Rolle des gedanklich Aufiösemlen, des über allen Wirrnissen und Bedrohungen Stehenden ist auf der Biihne nie die dankbarste und schließlich vor Eintönigkeit kaum zu bewahren. Es bleibt immer der Golem, die Sagenfigur, die schon durch ihre Erscheinung überzeugt und die alle Vorteile der Primitivität bat. Doch cs kommt vielleicht nicht darauf an, daß ein Stück sich bis in seine feinsten geistigen Verfädelungen einem jeden bloßlegt; es kann von seinen Geheimnissen, von seiner mysti- •sehen Binnenseite immer noch etwas zu Erahnendes übrigbleiben. Vor allem ließ die Aufführung kein Entweichen aus diesem Bann auf kommen. Das war das große Verdienst der Regie von Fritz Wisten, die hier wahre Wunder vollbracht hat. Die Aufgabe war ungeheuer, aber man dürfte eine solche Einheit und Eindringlichkeit, eine im stillen so starke Gewalt von Schauspielkunst, Dekoration, Musik und Beleuchtung noch nicht erlebt haben, ohne daß überraschende Zauberkünste versucht wurden. Es war ein von einem überlegenen Willen geführtes Gesamtkunstwerk ailer Schwester- Riinste, die sonst auf der Bühne leicht ins Streiten um den Vorrang kommen. Heinz Cond eil hat mit einfachen Mitteln außerordentliche Bühnenbilder geschaffen, und die technische Leitung von Hans Son d heim er hat besonders die schwierige Aufgabe der Beleuchtung besorgt, die alle diese Bilder von Elend, Leiden, von Verdüsterung und Ver- Störung in einem Halbdunkel halten mufften. Die Sonne scheint hier kaum, der helle Tag hat mit diesem Stück wenig zu Von links nach rechts: Der reiche Jade (Sigmund Nunberg), Messias (Walter Herz), Bettler (Alfred Berliner) Der Film ״Emile Zola“ Wir haben in Nr. 80 der ״J. 1R." ein Bild von Paul Muni in der Titelrolle des Films ״Emile Zola“ gebracht. Ueber diesen Film schreibt uns nun unser M. L. ■ Mitarbeiter: Heinz Herald, der ehemalige Reinhardt-Dramaturg, hat das Dreh!׳״;'! dieses Films für die Produktion der Warner Bros, geschrieben, mit dem ursprünglichen Titel: ״Das Leben des Kämpics Emile Zola". Man erinnert sich der Reportage, die vor acht Jahren als dramatisierter Bilderbogen ״Die Affäre Dreyfus‘־ über die Bühnen lief: der ethische Akzent des Stückes kam von der Figur Zolas, die auch ziemlich im Original das klassische Manifest ״J’accusc“ sprach. Dieses Flammenwort ist auch das grolle Ethos in Haralds (dramaturgisch großartig gebautem) Film. Dieser Emile Zola ist ein Mensch aus Fleisch und Blut; ein Kämpfer; ein Anwalt des Rechts; ein Sprecher und ein Täter der Menschheit. Ein Held. Das ״Leben Emile Zolas“ ist daneben und dahinter eher gleichgültig; es interessiert kaum der Privatmensch Zola, noch der große Romancier. Die Gestalt hat ihren Ursprung einzig wiederum in der ״Affaire“, den Fall des jüdischen Hauptmanns Dreyfus, der des Landesverrats bezichtigt und zweimal verurteilt wurde, bis —- nicht zuletzt durch Zolas Eingreifen ™ sich seine völlige Unschuld erwies. Auf diesem Untergrund wächst die Gestalt Zolas gigantisch ins Format eines Heroen, und sie wächst über den Einzclfall Dreyfus weit hinaus in die Sphäre der Allgemein-Gültigkeit. Denn zu wissen, zu erleben, daß inmitten tun, aber die wildzerrissenen Landschaften von Condell im Morgengrauen, in der Abenddämmerung werden unvergeßlich bleiben. Fritz Wisten hat aus einer wahrhaft produktiven Phantasie den Text dieses Mysteriums in alle Mittel der Bühne umgedichtet, die sie redlicherweise gehrauchen darf, und er ist jeder Schwierigkeit dieses Textes Herr geworden. Aus dieser Welt der Dämmerung oder diesem Schattenreich von Menschen heben sich nur einige Figuren heraus. Ausgezeichnet in Sprache und Haltung der reiche Jude von Sigmund Nunbcrg, dann der Wahnsinnige von Alfred l. ichtenst c in, besonders, wenn er mit der Thora in einen ekstatischen Tanz gerät. Darm Alfred Berlin ers alter Bettler (der hier den Propheten Elias vertreten soll) und der von ihm geleitete Messias mit Walter H e r z, der auch in Lumpen schön und jugendlich aussah und seine Verse innig zu sprechen wußte. Es ist auch ein Lob für die Regie, daß keine von diesen huschenden Gestalten zu viel oder zu wenig tat: der Widersacher von Martin Brandt, der Schammes von Fritz Lion, dann alle die Kranken und Elenden von Fritz Ritter, Martin Cliassel, Georg Jacobsohn, Willy Präge r, Arthur Lcvin, Berthold S c g a 11. Die Frau des Rabbi gab Lilly Kann, die Enkelin, die von dem Golem erschreckt, vielleicht aber auch angezogen wird, hatte die schöne Erscheinung von Eva Baruch. Das Publikum verhielt sich nach den einzelnen Aktschlüssen zuerst ganz still, was wohl die richtige Haltung bei dieser Entführung in spekulative und mystische Untergründe war. Aber am Ende löste sich die Spannung in einem Beifallssturm, in der e 11 t h u s i a s t i s c 11 e n A n e r k e n n t! 11 g einer ungemein reichen Vorstellung, die die Leistungsfähigkeit des Kulturbundthcatcrs auf so überwältigende Weise bewies. Alle Der Rabbi (Herbert Grünbaum) und der Golem (Siegfried Urias) Foto,: J. Abraham Darsteller, alle an der Inszenierung• Beteiligten wurden mit Wisten?11 der Spitze immer wieder gerufen, und, wenn man die Stimmung des Publikums genau bezeichnen will, so war es wohl nicht nur die der Dankbarkeit, sondern auch die des Stolzes auf eine im Innersten ebenso jüdische wie künstlerisch großartige Leistung1:. Arthur Elocssej Ein Werbefilm der ״Jüdischen Rundschau“ Vor der Erstaufführung des ״Golem“ sah man zum erstenmal einen Werbefilm unter dem Titel ״M i t er 1 eben“, den der Verlag der ״Jüdischen Rundschau" unter Leitung von Georg Engel zur Propaganda hatte hcrstellen lassen. Der Film, der ciie erste derartige Werbung: eines jüdischen Blattes darstellt, gibt in sehr lebendiger uwl anschaulicher Art, auch den! Laien, 11 er die Entstehung des Hl altes und die Raschheit der umfangreichen Arbeit nicht kennt, Einblick in die Entstehung der ,,Jüdischen Rundschau“ und vermittelt in eindrucksvollen Szenen, die auch das Leben der Juden in Palästina und in den überseeischen Ländern vor Augen führen, ein. Bild von der Bedeutung des Blattes als Quelle der Orientierung über alle Seiten des jüdischen Lebens in der Welt. Der Film wird in seiner Wirkung sehr stark durch die einprägsame Musik von Werner Baer, die ihn begleitet, unterstützt. Er wurde bei seiner ersten Aufführung vorn Publikum mit lebhaftem Beifall begrüßt. des auftrumpfenden Unrechts das Recht lebt und kämpft und schließlich triumphiert: das ist und war zu allen Zeiten der Glaube und das Glück der Menschheit. Das ist das Ercignis und das Erlebnis dieses grollen Films. Ein herrlicher Schauspieler gibt der Gestalt die adäquaten Konturen und den geistigen Elan: Paul Muni. Daneben fallen in einem (von Wilhelm Dieferle geführten) Meisterenscirble die oriinalen Profile auf: Donald Crisp, der Advokat Labori; oseph Scliildkraut, ein Dreyfus, der nicht mehr ist als das Objekt einer bedeutsamen und nur zufällig an seiner Person ausbrcchenden Affäre; Grand Mitthell, der fanatische Dreyfusard Clcmenccau; Gale Somfergaard, jene Madame Dreyfus, das Gewissen hinter den Männern der vordersten Kampffront. Alle zusammen: Autor, Regisseur, Darsteller: Mitarbeiter an einem noblen, dabei drama i;eh straff gespannten Werk; die Träger eines großen Erfolgs. Immerhin darf man bemerken, daß uns heute, da wir viel enger noch mit dem Stoff verbunden sind, eine wichtige Figur zu fehlen scheint. Denn wir habe» inzwischen nach der ethischen und moralischen Einsicht durchaus den pol it ist hen Aspekt gewonnen, in dem heute die Affäre ihre historische Bedeutung hat. Gewiß: Zola war die überragende Gestalt, die das getretene Recht rettete und der Menschheit den verlorenen Glauben wiedergab an dieses Recht. Das ist sehr viel. Dicht dahei aber steht die Gestalt Theodor Herzls. Daß im Pariser Gerichtssaal, iui Kopf des scharf durch die Affäre hindurchdringenden Schriftstellers Herzl, die Idee des politischen Zionismus geboren wurde, sollte als z.ukunftsverheißender Auftakt angedeutet werden. M. L. einmal um den Hohen Rabbi tzW* A/iH l/of UChTIHSIF!*!