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Jüdische Rundschau · 1937-10-12 · Heft 81 (12.10.1937) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 81 (12.10.1937)
Date
1937-10-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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S2*t0 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 81, 12. X 1937 Litauisches Judentum / Ein Reisebericht Abordnung überreicht worden war, erklärte der Geschäftsträger O. Scott, daß die ־vor einer Woche getroffenen Maßnahmen nichts mit der britischen Palästinapolitik zu tun hätten. Ihr Zweck sei ausschließlich, Gesetzwidrigkeiten zu unterdrücken; es müsse darauf liingewiesen werden, daß England vom Völkerbund in dieser Hinsicht wegen seiner übergroßen Geduld Vorwürfe gemacht worden sind. Die arabische Tageszeitung ״A Difaa“ berichtet, daß in den letzten Jahren 20 000 Pfund vom Irak zur Förderung der antiiüdischen und anfibritisclien Propaganda aus ge geben worden sind. Zeitungen in Syrien, Aegypten und Palästina seien finanziell unterstützt worden, um diese Propaganda durchzuführen. Aus Bagdad wird dem ״Daily Telegraph“ berichtet, daß in der Presse des Irak die Maßnahmen Englands zur Wiederherstel- Jung der Ordnung in Palästina mit steigender Erbitterung kommentiert werden, Die Bagdader Zeitung ״Nahas“ schreibe, England verlange von Palästina, daß es sanftmütig• den Nacken beuge, um auf dem Altar des britischen Imperialismus hingeschlachtet zu werden. Wir haben gelernt, schreibt das Blatt, daß Proteste durch Kongresse und Dele- Rationen nutzlos sind. Die einzige Politik, die möglich ist, ist Kampf mit der britischen Regierung. Wir müssen siegen oder besiegt werden, wir müssen für Palästina etwas tun, was in Buchstaben aus Blut und Feuer aufgezeichnet werden wird. Die Zeit, England mit lauwarmen Protesttelcgram men zu überschütten, ist vorbei. — Beim britischen Konsul in Damaskus wurde gegen die Verhaftung der arabischen Führer protestiert. Wie die .Arabische Nachrichten-Agentur aus Bagdad meldet, werden Vorbereitungen zur Abhaltung eines arabisehen Studenten ko«grosses in Kairo getroffen. Den ersten Punkt der Tagesordnung wird ein Bericht über das Thema ,,Der arabische Nationalismus und die zionistische Gefahr“ bilden. Auf einer K 0 n f e r e 11 7 der indischen Mohamm e (1 a n e r hielt einer ihrer Führer, Abdur R 11 a m a 11 Sidcliqui, eine Rede, in der er gegen die geplante Zerstückdüng Palästinas protestierte. Es würde unklug sein, so erklärte der Redner, 50 Millionen indische Mohammedaner in die schwierige Lage .ns bringen, zwischen der Treue zum Staat und der Treue zu ihrem Glauben die Wahl treffen zu!missen. Es sei notwendig, daß das P a 1;i stinamandat 711m allgemeinen Besten a 11 f g c 11 o h e n werde. In demselben Sinne sprach auch S c h a 11 k a t Ali. Er betonte, daß alle mohammedanischen Staaten sich weigern, der Teilung Palästinas zwnstimmen. Die Mohammedaner Indiens würden sich hinter die Araber stellen. Die neue Kommission Tiner Meldung des Londoner ״E v c n i n g Standard“ zufnlse gilt es als feststehend, daß unter den Mitgliedern der Peel-Kommission, die auch der neuen Paliisdna-Kemmission anrrehören werden, sich Sir llorace Rum hold befinden wird, (Sir Horace, der seinerzeit britischer Botschafter in Berlin war und später an den Arbeiten der vom Völkerbund eingesetzten Stmlienkomn is-don für Aus warn! ererfragen teilgenommen hat, bekleidete in der Peel-Kommission das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden. — Red.) ״Evcning Standard“ weist darauf hin, daß die Arbeit der neuen Kommission durch die Ernennung von Sir I forare Rumbold zu ihrem Mitglied erheblich erleichtert werden wird, besonders im Hinblick daraut, daß der Rat und die Erfahrungen von Lord Peel der Regierung nicht mehr zur Verfügung stehen. ״Haarez“ berichtet aus Amman, daß die Abteilungen der transjordanischen Regierung für Finanzen und Zolhvcsen Aufstellungen über ihre Einnahmen und Ausgaben vorbereiten, um sie der neuen Palästinakoinmission vqrzulegen. ״Feiestin“ berichtet, die Regierung des Irak nabe beschlossen, während der Arbeiten der neuen Palästina-Kom• mission einen Beobachter nach Palästina zu entsenden, der die Entwicklung der politischen Lage verfolgen soll. Zu dieser Aufgabe werde der Rektor der Lfniv er si t ä t Bagdad, M uf a k Alusi, herangezogen werden. Aegyptische und syrische Zeitungen melden, daß die neue britische Kommission von den Arabern boyko 11 i e r t werden wird. Ein Emigranten - Komitee? Aus fcrusalem wird dem .,Daily Telegraph“ ge• meldet, (i.ifä angeblich ein neues Oberstes Arabisch c s Komitee für Palästina in Bildung begriffen ist. Das neue Komitee soll von D n m a s k 11 s aus arbeiten und aus drei Mitgliedern bestehen: dem Vorsitzenden der Mufti- Partei, D s c h c rn a 1 ei Hussein!, gegen den ein Haftbefeltl erlassen wurde, der aber entflohen ist, Izzat Darw a za, der reckten Hnmi des Mufti, und dem früheren Generalsekretär des Komitees, A u tt i B e y A b d u 1 H a d i, der sich jetzt auf der Rückreise von Genf befindet. Die Reuter- Agentur meldet hierzu, daß der französische Oberk 0 in in i s s a r die Syrische Regierung atifgefordert habe, jede gegen Palästina gerichtete umstür/lcrisehe Bewegung in Syrien zu verbieten. 1111 übrige!! taucht jetzt wieder in der englischen Presse der Pfau einer Lösung auf, die ohne 1 e i 1 ti n g des Landes eine Verständigung über die künftige jüdische Einwanderung zur Voraussetzung hatte. Vielleicht wirken in England manche Kräfte auf dieses Ziel hin, und auch der Emir Abdullah, der ja einer der Hauptfaktoren des Teilungsplanes war, soll dafür eintrefen. Eine derartige Möglichkeit hat bekanntlich auch Lord Samuel in seiner Oberhausrede im Juli d. j, erörtert. Miaderheitsstatut für die Juden? In einem angeblich aus amtlichen Kreisen stammenden Bericht teilt die arabiscfie Tageszeitung ,,A Difaa“ mit, die P a I ä s t i 11 a r e g i e r u n g strebe eine Ab;in derung des Mandats in dem Sinne an, daß die Baifour-Deklaration aus ihm entfernt und die Stellung des jüdischen Pevölkcningsteiles als einer Minderb eit, die 35 - -10 Prozent der Ocsamthevölkerung umfassen kann, festgelegt wird. Die Bestimmungen für Ein- Wanderung und Bodenverkauf sollen diesem Grundsatz angepaßt werden. Der Plan sehe weiter ausreichende Maßnahmen ׳,:r Sicherung der Interessen des britischen Imperiums und der strategischen Verbindungswege im Nahen Osten vor. Zinn Schluß erklärt das Blatt, High Com mission er Sir Arthur Wauehope bemühe sich durchzusef/en, daß die Prüfung einer solchen Lösung des Pa’ristinaprob’ems in den Aufgabenkreis der neuen Palästinakoinmission eingereiht werde. Der Jerusalemer Berichterstatter des ״News Chron i c 1 e“ teilt seinem Blatt den Inhalt einer Unterredung mit, die er mit!:mir Abdullah von Transjordanien über die Aussichten einer Lösung des Palästinaproblems geführt hat. Der Emir erklärte, cs gehe keinen Grund anzunehmen, daß eine Lösung der Palästinafrage unmöglich ist. Nicht erst im 20. Jahrhundert seien Araber mit Juden zusammengetroffen. Jahrhundertelang hätten Juden in arabischen Ländern in vollständiger Harmonie mit den übrigen Einwohnern gelebt. Einen persönlichen Vorschlag zur Ueberwindung des gegenwärtigen toten Punktes zu machen, lehnte Emir Abdullah ab. Er wies aber darauf hin, daß von englischen und anderen Kreisen verschiedene Lösungsrnöglichkeiten gemacht worden sind, so z. B., daß die Juden in Palästina auf einem beschränkten Gebiet oder auf Grund eines be- Leben im Umbau Litauen ist ein Land, in dem noch fast alles der Entwickhing harrt. Sowohl die technische als auch die kulturelle Seite des Lebens ist noch unentwickelt. In der Hauptstadt Kaunas (Kowno) gibt es einige wenige asphaltierte Straßen und auch nur wenige Steinhauten; im allgemeinen muß man sich mühsam über schwierigstes Kopfpflaster bewegen, und die meisten Häuser sind Holzbauten noch aus der russischen Zeit. Das Analphabetentum wird erst allmählich durch die neue Schulbildung überwunden. Innerhalb einer solchen Welt, die zäh um ihre nationale Selbständigkeit und Sprache ringt, haben die Juden noch jene bekannte ״Lückenfunktion״ inne, die sie nach Franz Oppenheimer in den wirtschaftlich geringer entwickelten Ländern innezuhaben pflegen und aus der sie im allgemeinen vertrieben werden, wenn die Nation sich für kräftig genug hält, die bis dahin von den Juden ausgeübten wirtschaftlichen Funktionen selbst zu übernehmen. Einstweilen erfreuen sich die Juden in Litauen nominell völliger wirtschädlicher Gleichberechtigung, und Handel und Industrie sind zu einem großen Teile in ihrer Hand. Ein Judenproblem gibt es i,! Litauen offiziell zwar nicht; aber tatsächlich werden doch manche B Stimmungen auf verwaltungsmäßigem Wege so angewandt, daß sie jüdische Akademiker und Kaufleute besonders schwer treffen. So werden z. B. jüdische Juristen in der vorgescliriebenen Gerichtspraxis länger zuriiekbehalten, als es das Gesetz bestimmt, und so an der Errichtung einer eigenen Anwaltspraxis gehindert. Preisfestsetzungen erfolgen gewöhnlich so geschickt, daß jüdische Fabrikanten vor allem eine Einbuße erleiden. Die Kooperativen auf dem Lande untergraben systematisch die Existenz der kleinen jüdischen Händler. Andererseits fließt das jüdische Leben unbehindert dahin; mehrere Gymnasien werden von den judert in Kowno unterhalten, darunter zwei hebräische; die Slohotkaer Jeschiwa ist wie früher eine Hochburg des halachiscben Studiums; mehrere jiddische Tageszeitungen informieren das Publikum über alle Weltereignisse und vor allem auch über Palästina; zahlreiche kleinere Synagogen dienen den religiösen Bedürfnissen, darunter sogar eine ״reformiede“ die sich von den anderen dadurch unterscheidet, daß sie einen Chor besitzt und daß die Frauen nicht hinter eine Mauer verbannt sind, sondern die offenen Galerieplätze innehaben. Dieses Leben der litauischen Juden vollzieht sich — wie es scheint — mit Selbstverständlichkeit und Stabilität. An den Sukkr.fhtagen und am Sonnabend waren die jüdischen Geschäfte fast restlos geschlossen — und Kenner der Verhältnisse versichern, daß dies ein bedeutendes materielles Opfer ist! — und die Stadt machte beinahe einen feiertäglichen Eindruck, ln den Parks und Cafes vertrieb sich die jüdische Bevölkerung die Zeit, und die Bauern kamen an den jüdischen Feiertagen nicht zum Markt, weil es sich ihnen nicht lohnte. Gespräche mit zahlreichen Menschen aus allen Schichten zeigten, daß dies alles freilich nicht mehr so selbstverständlich ist, wie es von außen erscheint, sondern daß die jüngere Generation auch dort von den überlieferten religiösen Formen fortstrebt und nach neuen Ideen sucht. Die litauische Judenheit, bis zum Kriege ein Teil der großen russischen Judenheit, ist seit Kriegsschluß auf sieh selbst gestellt, muß eine eigene Initiative entfalten und aus eigenen Kräften ihr Leben bauen. Wenn man von dieser Voraussetzung aus das Leben dort betrachtet, versteht man, daß es ein Leben im Umbau ist. Die junge Generation steht einstweilen noch völlig unter der Vormundschaft der älteren; aber die neue Bildung in den hebräischen Schulen und die Berührung mit der wesieuropäischen Kultur haben bereits die ersten Breschen geschlagen, und der Tag der Abwendung von der Ueberlieferung ist vielleicht gar ni-cht mehr so fern. Die Tatsache, daß sehr viele Menschen der jüngeren Generation eine gute jüdische Bildung empfangen haben, bewirkt eine allgemeine Aufgeschlossenheit für alle jüdischen Fragen, und es ist —- im Gegensatz zum Westen — gar kein Problem, daß die überwiegende Mehrzahl eine wirkliche Lebensbeziehimg zu Palästina hat, dessen Sprache man spricht und dessen Literatur und Zeitungen man verfolgt. Die Kleinheit des Landes bringt es mit sich, daß viele Juden mehrere Sprachen sprechen: neben Jiddisch braucht man Litauisch, dazu häufig Russisch oder Polnisch, vom Jiddischen ist der Weg zum Deutschen nicht mehr weit, und Hebräisch ist zumindest als Gebetssprache bekannt, wird aber von vielen auch als Umgangssprache benutzt. Daß der eine oder andere überdies noch Englisch und Französisch versteht, sei nur angemerkt. Eine besondere jüdische Tracht wird man in Litauen vergebens suchen; man geht völlig westeuropäisch gekleidet; nur einen kleinen Bart hat die ältere Generation im allgemeinen noch als ״Unterscheidungsmerkmal“ zurückbehalten, Hingegen tragen gewisse Stadtviertel Kownos auch ohne besondere Kleidung der Einwohner eine ausgesprochene iüdische Note. Nicht nur, daß hebräische Buchstaben an den Läden zu diesem Eindruck verhelfen, sondern das gesamte Leben ist irgendwie besonders geartet: die Menschen sind andere, das Tempo ist anders, der Stil ist anders. Die Massen wohnen keineswegs komfortabel; oft muß man über mehrere Hinterhöfe und enge Stiegen, bis man in eine dumpfe, unfreundliche Wohnung, bestehend aus Küche und Zimmer, kommt, die meist ohne elektrisches Licht und ohne fließendes Wasser ist. Was dann den Aufenthalt in diesen Räumen wieder behaglich macht, das ist die ungewöhnliche Gastfreiindlicnkeit der Bewohner, die zwar nicht viel zu bieten haben, aber doch das Wenige durch Herzenswärme antcnchm machen. Es ließe sich natürlich auch über negative ifahrungen berichten: von einer auffallend großen Zahl psysonderen Mfn derheitsstatuts leben sollen. Es sei nicht einzusehen, warum Verhandlungen nach ähnlichen Riehtlinien letzten Endes nicht beide Seiten zufriedenstellen könnten. Gegenwärtig erwecke jeder Jude, der nach Palästina kommt, hei den Arabern Besorgnis. Es sei darum wichtig, für das ganze Problem eine Lösung zu finden. Der Berichterstatter bemerkt, daß der Emir eine sehr vorsichtige Haltung bewahrt hat, seitdem er 1936 anläßlich des arabischen Generalstreiks zu vermitteln versuchte und deshalb von den Extremisten außerordentlich scharf angegriffen worden war. Im Verlauf der Unterredung aber habe er zu erkennen gegeben, daß er bei voller Wahrung der arabischen nationalen Interessen eine versöhnlicheHaltun g einnimmt. Teilung noch aktuell Gegenüber solchen Plänen muß aber darauf hmgewlcsen werden, daß die Mehrheit der englischen Stimmen am Teilungsplan festhält, wenn auch dessen Geltung nicht mehr so unerschütterlich ist wie in den ersten Wochen des Juli und vor den Genfer Verhandlungen. Die Feststellungen des P ee I - Ber icht cs, daß alle anderen Versuche zur Lösung der Frage angesichts des unüberbrückbaren Gegensatzes zwischen Juden und Arabern versagen müssen, ist noch nicht widerlegt worden. Daß der Gegensatz chisch und physisch defekter Menschen, von ungebärdiger und leider oft auch sittlich gefährdeter Jugend; aber es scheint, daß die litauischen luden diesen Erscheinungen nicht so beunruhigt gegeniiberstenen wie der fremde Beobachter. Alan betrachtet sie mit östlicher Gleichgültigkeit, Und vielleicht ist diese Einstellung nicht einmal völlig falsch; denn es gehen ja tatsächlich genügend Intelligenzen aus dieser Judenheit hervor, die das Leben aufrechterhalten. ״Oestlich“ kann man das Leben der litauischen Judenheit kaum mehr nennen; ״westlich“ ist es noch lange nicht. Es ist ein Leben im Umbau, das sich vielleicht in mancher Beziehung vom jüdischen entfernen wird, aber sicher niemals in dem Maße an seine Umwelt assimilieren wird wie im Westen. Wasserschöpffest in der Sloboikaer Jeschiwa Wie bereits erwähnt, ist die Slobotkacr Jeschiwa‘ in Kowno eine der berühmtesten Talmudhochschulen des Ostens. Von Menschen der jüngeren Generation wurde, geklagt, daß sie nicht genügend europäischen Geist vermittle, sondern sich allzu starr auf das Talmudsfudium konzentriere. Der Rosch Jeschiwa (Schulobcrhanpt) ist ein freundlicher Herr in mittleren Jahren, und auch der übrige Lehrkörper machte einen sympathischen Eindruck. Am Fest des Wasser- Schöpfens, das das große traditionelle Sukkoth-Ereignis in dieser Jeschiwa ist, konnte man den größten Teil der Studenten beisammen sehen. Das Fest nahm nachmittags seinen Anfang und dauerte genau bis Mitternacht. Es verlief ziemlieh monoton und war im wesentlichen durch Tanzen ausgefüllt. Alle Anwesenden faßten sich bei den Händen und zogen in endlosen Ketten durch das ״Auditorium maximum“ der Jeschiwa unter den Klängen von Horra-Gesängen und alten chassidischeii Liedern. Dazwischen wurden Verse aus Schir-Haniaaloth-Psalmen ״verschenkt“ d, h. einer der älteren Studenten, vielleicht eine Art Assistent, rief für jeden Vers einen der Anwesenden auf, der ihn rezitierte, worauf die anze Versammlung mit einem Refrain antwortete. An den enstern zur Straße standen die Jungen und Mädchen, der Nachbarschaft, die nicht hineindurften, aber mit so heißem Verlangen der Ekstase der Tanzenden zuschauten, daß man schon daraus schließen konnte, daß die Stimmung irgendwie echt sein mußte. Lächelnd schauten die würdigen Halachisten dem Treiben zu, um beim Schlußtanz sich selbst in die Kette der Jüngeren einzureihen. Es war ein Bild, das nicht der symbolischen Kraft entbehrte. Ein Jiddischer Film Im vornehmsten Kino Kownos lief ein jiddischer Film mit dem Titel ״Idol mit dem Fidel“. Es war interessant, daß man auch Litauer bei der Vorstellung sah. Der Film selbst ist eine Operette im Stile Goldfadens: eine arme jüdische Musikantengruppe zieht durch die Lande, erlebt allerlei Wahrscheinliehes urid noch mehr Unwahrscheinliches, bis sie schließlich von einem Filmdirektor entdeckt wird, der einzelne Mitglieder engagiert, während andere den Weg in die Ehe finden. Wichtiger als der Film selbst war die Tatsache, daß hier noch ein großes Gebiet unbebaut ist: auf der einen Seite gibt es große jüdische Massen, die für jüdische Kunst viel größeres Verständnis hätten, als die Juden im Westen.; auf der anderen Seite werden sie mit ungenießbarer und sentimentaler ״Kunst“ abgefertigt, und alles narrt noch aut das große Kunstwerk, das dem Kulturwillen dieser. Welt einen neuen Ausdruck gibt. Die Ocschmacksverwildcrung ist leider groß, und für kulturell schöpferische luden müßte sich hier ein Gebiet weitester Wirkungsmöglicnkeit ergeben. Bei einem Jüdischen Landarzt So wie Paris nicht Frankreich ist, so ist auch Kowno nicht Litauen. Man muß schon in die wirkliche Provinz reisen, um das litauische Leben an der Quelle kennenzulernen. Der Aufenthalt bei einem jüdischen Landarzt, der nicht weit von der lettischen Grenze lebt, gab hierzu reichlieh Gelegenheit. Dieser Arzt ist erst 27 Jahre alt und besitzt seit drei Jahren die Praxis in dem kleinen Städtchen. In dieser Zeit muß er sich bereits einen Ruf erworben haben, denn unter den Patienten des ersten Vormittags nach seiner Rückkehr von einer ausgedehnten Europareise befand sich auch eine Frau, die von 50 km weit gekommen war, um ihn zu konsultieren, nachdem ihr zahlreiche Aerzrte nicht haben helfen können. Es war sehr interessant zu beobachten, unter welchen primitiven Umständen dieser Arzt zu arbeiten hat. Es gibt in Kweder elektrisches Licht noch Wasserleitung; so müssen beim Scheine einer Petroleumlampe Operationen ausgeführt werden, und er erzählt, daß er in Fiauernhäusern meistens im Lichte seiner Taschenlampe arbeiten muß. Es versteht sich von selbst, daß Spezialistentum unter diesen Umständen zwecklos ist; er muß für alle vorkommenden Fälle bercitstehen. Das Einkommen dieses Landarztes ist infolge der großen Praxis recht hoch; man kann es auf etwa 1000 Lit (über 400 Mark) im Monat schätzen. Für eine Konsultation zahlt der Patient 3 Lit, in komplizierteren. Fällen 5 Lit. Das Leben dieses Arztes ist keineswegs eintönig. Neben seiner vielen Arbeit, die ihn ja auch so manche Nacht kostet, ist er neben dem jungen Rabbiner des Ortes einer dex wenigen ״Intelligenzler“ und besitzt eine dominierende Stellung und das unbeschränkte Vertrauen der jüdischen lind nichtjüdischen Bevölkerung, Daß er sich iri den Dienst aller zionistischen Aufgaben stellt, ist in Litauen so sclbstversiändlich, daß es nicht hervorgehoben zu werden braucht. Gerhardt Neumann überbrückbar und die Aspirationen beider Völker verein bar sind, ist heute gewiß nicht leichter iiachzuweisen als früher. So dürfte für die engliehe öffentliche Meinung charakteristisch sein, was die Zeitschrift ״New States man and Nation“ im Leitartikel ihrer letzter! Nummer über die jüngsten Maßnahmen der Palästinaregierung schreibt. Kein Einsichtiger, so heißt es in dem Aufsatz, werde annehmen, daß diese Verhaftungen, Deportierungen und Verbannungen, so gerechtfertigt sie zweifellos auch bei der gegenwärtigen Notläge sind, Kopf und Herz des arabischer! Nationalismus treften werden. Sie würden auch den Druck und die Intriguen von außen nicht aufhalten, sondern eher noch verstärken. Dringend notwendig sei, daß die neue Untersuchungskommissicin so schnell wie möglich an ihre Aufgäbe, eine Lösung des Palästinaproblems zu finden, herantrete. Diese Lösung werde auch jetzt noch Teilung sein müssen, wenn auch der Plan sieh in Einzelheiten von den ursprünglichen Vorschlägen unterscheiden sollte. Verantwortlichei Redakteur: Dr. Robert Weitsch, Berlin-ChaiL ß (auch verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertret»: Kurt Loewersteifl, Berlin ~\\15 ז. Anzeigenleiter und verantwortlieh für den Inhalt der Anzeigen: Hermann Finn, Berlin VV 15. Gültig Anzeigen - Preisliste 5 vom 1. April 1938. Verlag und Anzeigenverwaitungt Jüdische Rundschau, Berlin W15, Mcinekestr. 10. D.A. III/1937 28604. — Druck; Siegfried Scholeiri, Berlin-Schöneberg.

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