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Jüdische Rundschau · 1937-10-05 · Heft 79 (5.10.1937) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 79 (5.10.1937)
Date
1937-10-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 79. 5 X, 1937 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 3 Jüdische Erlebnisse Wie wir bereits in unserer vorigen Nummer ankündigten, wollen wir in Zukunft interessante Schilderungen über Erlebnisse, die unsere Leser hatten und die für ihre jüdische Haltung wesentlich wurden oder die durch ihre äußeren Umstände von allgemeinem Interesse sind, an dieser Stelle veröffentlichen. Nachdem wir Berichte von den hohen Feiertagen aus verschiedenen Ländern in unserer letzten Ausgabe gebracht haben, veröffentlichen wir heute weitere Beiträge, von denen wir annehmen, daß sie von Interesse sind. Wir werden periodisch solche Einsendungen bringen. (Red.) Wie ich Zionist wurde Seif genau 20 Jahren beschäftigt midi der Sammelgedanke ״Jude“. 1917—191S besuchte ich eifrig die Diskussionsabende der zionistischen Ortsgruppe meiner Vaterstadt. Veranlassung war der inehr als zulallige Besuch eines Vortrages eines zionistischen Redners; nach Vortragsschluß war es mir schwer, meinem Impuls, mich als Mitglied einzuschreiben, zu widerstehen. Ich wollte — bis zu diesem Augenblick ein völlig Abseitiger — nicht einer Augenblicksbegeisterung unterliegen. So wurde ich der ständige Gast des zionistischen Stammtisches; anders kann man diese Art der Zusammenkünfte nicht bezeichnen. Es wurde diskutiert, es wurde erzählt und es wurde häufig und mit wenig Geschick versucht, diesen ISjährigen jungen Burschen, der nicht ein noch aus wußte, mit Argumenten zu überwältigen, die den anwesenden Zionisten zu Gebote standen; diese Absicht lag den Worten und Argumenteri wie eine Staubwolke auf, und der mit sich selbst unzufriedene junge Mann wurde nur vervvirrier. Nie wurden durchschlagende Argumente vorgebracht, immer nur schlecht gewählte Stichwortc. Bis schließlich gar ein Wort fiel, aus gutem Willen ausgesprochen, das verletzend wirkte. So zog ich mich für Jahre äußerlich zurück. Weit ab von den Ereignissen jüdischer Angelegenheiten sah ich manchmal — wie der Reisende vom Zuge aus die Waldlichtung — hinein in die Geschehnisse der Judenfrage. Zeitweise stand meine Absicht, dem Religions-Judentum den Rücken zu kehren, um eine lästige Kette abzustreifen, kurz vor der Tat. Ein nur halb bewußtes Gefühl von jüdischer Nationalität und ein klarer Wille, nicht einer angefeindeten Gemeinschaft den Rücken zu kehren, da man fälschlicherweise meinen Austritt so werten könnte, und auch ich wollte nicht vor mir selbst als Deserteur — denn das dünne Fädchen der Gerncindezugehörigkeit war mein einziges Band, das mich mit dem Judentum verband — dastehen, rieten mir diesen Schritt ab. Mit den Jahren wuchs in mir eine tiefe Hochachtung vor den Zionisten. Ich schätzte sie wegen ihrer Ideale genau in der Art, wie ich den Orthodoxen wegen der inneren Gleichmütigkeit ehrlich bewunderte und bewundere. Es ist leicht ersichtlich, daß mich die Unkenntnis jüdischer Dinge und die Liebe zur Kuitur, vornehmlich der Sprache und der Kunst meines Vaterlandes, hinderten, den Kernunkt einer inneren Unzufriedenheit zu erkennen. Diese Unefriedigtheit störte mich von Zeit zu Zeit wie etwa den Menschen, der sidi gesund und wohl weiß, ein noch im Verborgenen wachsendes Leiden stören mag, das sich nur zeitweise durch eine Beunruhigung des Körpers anzeigt. Wenn man aber — um bei dem Vergleich zu bleiben — die wahre Ursache nicht kennt, schließlich seinem Hausarzt gelegentlieh von diesen unbedeutenden Symptomen erzählt, ist man beruhigt, wenn der Arzt, im sicheren Gefühl von der Kenntnis des gesunden Körpers seines Patienten, ihm lächelnd auf die Schulter schlägt. So sprach ich gelegentlich über jüdische Probleme mit Juden, die teils eine liberale Synagogenauffassung vertraten, gelegentlich mit einem Orthodoxen, manches Mal mit Zionisten. Letztere hinterließcn Spuren, aber nie Furchen. Der Grund für diese geringe Hinterlassenschaft der Aus- Sprache ist mir heute klar: der Zionismus ist vom Jahre 1897 bis heute, also innerhalb von 40 Jahren in einem — weitgeschichtlich gesehen — unvorstellbar s-clinellen Ablauf von einer anscheinend nur als Ideologie zu wertenden Bewegung zu einer Realität gewachsen und vorzüglich gediehen. Wenn ich glaubte, mit einem Zionisten zu sprechen, sprach er in Wirklichkeit zu mir immer nur voll den Sorgen von heute; mir fehlte das Gestern. Ob als Folge logischer Notwendigkeit, ob aus Zufall, endlich verlangte ich Herzl’s Schriften. Zwar kenne ich bislang noch nicht die neuere Literatur des Zionismus. Aber eins scheint mir gewiß: so überzeugungsrein konnte und kann nur Herzl sprechen. Herzl hat vor seiner Erkenntnis den Weg des westeuropäischen, assimilierten Intellektuellen durchlaufen, seine Argumentationen, seine Ueberlegungcn, seine Folgerungen sind Ideengänge, die uns, den jüdischen Westeuropäern, cingehen. Die heutigen füllrenden Zionisten sprechen die Sprache, die die Gegenwart des mit ungeheuerer Naturgewalt vorwärtsschreitenden Zionismus nötig macht. Die Wucht der Idee des Zionismus, der Weg der Idee zur Tat, die Macht des Vorwärtsschreitens von der Planung zur Ausführung hat sie — verständlich — die längst hinter sich gelassenen Argumente vergessen lassen. Wie soll sich juch der Erwachsene seiner ersten Lebensjahre bewußt bleibet! können, da die Aufnahmebereitschaft seiner jungen Organe mit natürlicher Gier alles Gebotene in sich aufsaugt; verarbeitet und dadurch individualisiert! Diese Jahre der triihen Kämpfe sind vorbei, andere Aufgaben stellt die Entwicklung; diese Fragen sind aktuell, diejenigen aus den Zeiten des Beginns und des ersten Auf- Schwungs sind antiquiert. Daher kommt es, daß abseitsstehende Frager, die gelegentlich die Absicht haben, zum Zionismus vorzustoßen, nicht zu diesem Neuland finden. Statt an der Quelle dieses Stromes herüberzufinden, da wo die Ufer noch eng beieinander liegen, stehen sie — ungewollt und unbewußt — vor einem breiten, majestätischen Strom, der schon in reißendem Fluß Hindernisse hinweggespült hat und zu Tale trägt; aber die Ufer sind liier so breit, daß ein Hinüberspringen nicht mehr möglich ist. Mag seitg daß manche sagen werden: Wir können auf diese schwierigen Kandidaten keine Rücksicht nehmen, oder man glaubt, der Zionismus sei stark genug, um sich dieser Leute zu entraten. Beides stimmt nicht. Einmal werden erfahrungsgemäß diejenigen die treuesten, überzeugtesten und daher auch wertvollsten Verfechter einer Idee und die hartnackigsten Pioniere in der Ausführung des gesteckten Zieles, die am schwierigsten zu ihr gelangten. Und schließlich kann eine Bewegung, eine Idee niemals zu viel Ueberzcugte haben, und noch weniger kann sich eine solche von Idealismus wie vor realer Arbeitsleistung gleich stark getragene Bewegung auch nur einen überzeugten Anhänger verscherzen. Auch ohne diese Ueberlcgung bleibt der Schluß der gleiche: Herzl-Sch ritten sind zu wenig bekannt. Ich glaube keinen Trugschluß mit der Behauptung zu tun, daß mancher langjährig dem Zionismus Angehörige Herzl’s Schriften nicht kennt. Ich muß es annehmen, weil mir nie Herzl’s Schriften empfohlen wurden. Die Aktualität z. B. des ״Judenstaates“, eine Aktualität, die nicht nur durch den Peel-Bericht hervorgerufen ist, ist eklatant. (Die ״Jüdische Rundschau“ hat freilich unermüdlich die Lektüre von Herzl empfohlen und besonders seit 1933 viele Zitate aus Herzl gebracht und auf ihre Aktualität hingevviesen. — A.d. R.) Mit größtem Interesse wird die Masse der Abseitsstehenden nach dieser Lektüre weitere Schriften Herzl’s verlangen. Die dem Zionismus Verschriebenen aber werdc-n staunend sehen, daß Herd viele Gedanken ausgesprochen hat, die im Unterbewußtsein dieser Begeisterten ruhen. Walther Sarschmidt, Frankfurt a. M. Hohe Feiertage In Johannesburg Johannesburg (Südafrika), im September Unsere höchsten Feiertage sind vorüber, und geblieben ist die Erinnerung an einen Gottesdienst, wie er eindrucksvoller und packender kaum gedacht werden kann. Es wird keinen geben, der das Bethaus nicht auts tiefste ergriffen verlassen hat, und dessen Gedanken an diesen Tagen nicht noch intensiver als sonst in der alten Heimat und bei den Angehörigen daheim weilten. Der Gerneinde ״Ez Chajiin“, die vor zirka einem Jahre von Emigranten aus Deutschland unter Leitung der Herren Felix M. R o - senthal und Louis Halpern (früher Berlin), hier in Johannesburg gegründet wurde, sei der herzlichste Dank dafür gesagt, daß sie es verstanden hat, uns dieses Erlebnis zu vermitteln. Die Gemeinde hatte von den hiesigen, führenden jüdischen Instanzen den Auftrag erhalten, einen cigenen Gottesdienst für die Emigranten zu veranstalten. Jede Foto: Dr. Kurt Kallmano ■/ ־*Qi '־. X t ’ V. ♦ Separation von den hiesigen jüdischen Einrichtungen und Kreisen lag dabei völlig fern, und niemand hat es auch als solche empfunden, wenn wir uns an diesen hohen Tagen nach einer Andacht sehnten, wie wir sie alle aus der alten Heimat gewöhnt waren, wenn wir zu diesen heiligen Stunden den Wunsch hegten, die Melodien und Gebete in der t1!1s lieb gewordenen, vertrauten Form zu hören. Dafür zeugt auch die Anerkennung, die dieser Gottesdienst in der hiesigen jüdisehen Presse und bei den jüdischen Behörden gefunden hat. Die Andachten fanden in einem Saale statt, der der Gerneinde von der Jewish Guild zur Verfügung gestellt wurde. Welch Unterschied zwischen diesem schlichten Raume und den uns gewohnten prunkvollen Synagogen! Vielleicht wirkte gerade diese Schlichtheit besonders ergreifend und symbclhaft, Der Saal vermochte leider nur zirka 609 Menschen zu fassen. Die gesamte Vorbereitung und Ausgestaltung lag in den Händen des Vorstandes von ״Ez Chajim“, der sich hierzu ehrenamtlich zur Verfügung gestellt hatte. Wenn man weiß, wie die meisten Emigranten mit eigenen Sorgen belastet sind, und wie mehr oder weniger ein jeder mitten im schweren Existenzkampf steht, wenn man auf der anderen Seite aber die Mühe kennt, mit denen die Vorbereitung und Ausgestaltung eines solchen Gottesdienstes ohne die erforderlichen Hilfsmittel verbunden ist, muß man diese Leistung besonders anerkennen und sich freuen, daß cs auch hier Menschen gibt, die bereit sind, in uneigennütziger Weise für ihre Schicksalsgenossen zu arbeiten. Obendrein kam noch Jüdische Auswanderung* Dm neue Korrespondenzblatt des Hilfsvereins Soeben ist ein neues Korrespondenzblatt über Auswanderung?־ und Siedlungswcsen erschienen, das vom Hilfsverein der Juden in Deutschland herausgegeben wird. Das umfangreiche Heft enthält diesmal zunächst einen allgemeinen Teil, der sich mit gewissen Fehlern beschäftigt, die die jüdischen Auswanderer aus Deutschland zu machen pflegen (wir haben diese Ausführungen in Nr. 76/77 der ״Jüdischen Rundschau“ zum Vorabdruck gebracht), Sodann folgen Abschnitte über die Bedeutung des Klimas für den Auswanderer und ein Aufsatz über die Haushaltsführung und die häusliche Hygiene in den Tropen, all dies wichtige Hinweise für jeden Aus- Wanderer, der in überseeische Länder geht. Der zweite Teil des Heftes beschäftigt sich mit einer Reibe von Ländern, die für die jüdische Auswanderung von Bedeutung sind oder werden können. Es werden diesmal behandelt: Australien, Neu-Seeland, Mexiko, Kenya und Südrhodesien. Jedesmal werden die Einwatiderungsbestimmungen, die allgemeinen Landesverhältnisse, insbesondere nach ihrer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Seite, das jüdische Leben, soweit ein solches bereits existiert, die Aussichten für Einwanderer in den hauptsächlichsten Berufszweigen und Briefe von bereits Eingewanderten über ihre bisherigen Erfahrungen gebracht. Die Lektüre dieser Abschnitte ist nicht nur anregend, was das gebotene Material betrifft, sondern oft auch beinahe spannend, geht doch aus diesen so nüchternen Darstellungen die Problematik unserer Wanderungsituation mit ihren besonderen Schwierigkeiten immer wieder hervor. Weiterhin werden die Einwanderungsbestimmungen der Vereinigten Staaten von Amerika, das neue südafrikanische Einwanderungsgesetz und Nachträge zu dem vorigen Heft des Korrcspondenzblattes, das sich mit Südamerika beschäftigte, beigefügt. Ein Anhang führt Bücher zum Sprachstudium in Englisch, Spanisch und Portugiesisch und Literatur über die Lebensführung in den Tropen auf. die Schwierigkeit hinzu, daß au diesen Andachten Menschen aller religiösen Richtungen teiinahmen, und man bemüht sein mußte, es möglichst allen recht zu machen, wozu viel Takt und Toleranz erforderlich war. Als Vorbeter erfüllte Kurt Hirsch (Berlin) alle An* forderungen. Ludwig Cohn besorgte die harmonische Aus* gestaltung־ des Raumes, während Hans Sachs dafür sorgte, daß der ,,technische Teil“ der Gottesdienste sich reibungslos vollzog. Das verantwortungsvolle Vorstcheramt wurde mit vorbildlicher Ruhe und Umsicht von Louis Halpern ausgeübt, der mit Felix M. Hosenthal die ganze Verantwortung trug. Die Tatkraft und hingebungsvolle Arbeit dieser beiden Herren ermöglichte in erster Linie die Durchführung und den Erfolg der Andachten. Für die Festansprache״ steiften sich Felix M. Rosenthal als erster Vorsitzender der Gemeinde, sowie Dr. ICehr (früher Kaiserslautern) und Dr. Eisncr (früher Breslau) zur Verfügung. Sie verstanden uns in trefflicher Weise aus dem Alltag hcrauszureißen und uns Kraft und Stärke fiir das neue Jahr zu geben. Der Dank der Teilnehmer zeigte sich auch darin, daß etwa £ 30 an Spenden für die Aufgaben der jungen Gemeinde eingingen und viele Neitanmcldungcn erfolgten. Dr. Kurt K a 11 ra a 11 n (früher Gleiwifz, O.-Schl.)( Als Seefahrer auf Samos An B o r d S. S. ״H a n 11 e“, auf See, IS. Sept. S. S. ״Hanne“, ein jüdisches Frachtschiff, unterhält einen Handelsdienst zwischen Palästina und den Balkanstaaten. Zu seinen An läufst,ationen zählen auch sehr viele kleinere und größere Inseln des Acgäisclicn Meeres, darunter auch die insei Samos, bekannt durch die Geschichte von Polycrates und seinem Ring. ,,Hanne“ lag im Hafen von Constan/.a, um eine Ladung Weizen für die Stadt Vatis auf Samos zu übernehmen, und wir liefen nach einer -herrlichen zweitägigen Fahrt wohlbehalten in die Bucht von Vatis ein oder — etwas seemännischer aiisgedniekt — wir warfen Anker vor der Stadt, da der dortige Hafen nur als Landungsstelle zu bezeichnen ist. Nachdem die Laiidungsnianöver beendet waren, weideten sich unsere Augen ausgiebig an der herrlichen Stadt, die rings von hohen Bergen umgeben an einer Bucht liegt. Das Boot der Behörde mit dem Ar/t legte längsseits an, und die Obrigkeit erklomm die Sprossen der (iangwav, welche bei uns, da wir nicht über großen Luxus verfugen, die Form einer Leiter hat. Man verhängte eine eintägige Quarantäne über das Schiff, da inan uns ganz linhegmnueterweise der Pest verdächtigte. Ja, die Behörden auf Samos sind sein genau, aber auch sehr liebenswürdig, da sie mich am folgenden Tag daran hinderten, zur späten Abendstunde vom Land ,ms nach dem Schiff zu schwimmen. Wieder in Freiheit gesetzt, sah man mm vier jüdische Seefahrer ganz nach Malrosenart die Promenade entlangschlendern, als ob sie schon alte Bekannte in Vatis seien; es ist ja die Art des Seemannes, in jeder neuen Stadt sieb sofort heimisch zu fühlen. Die Promenade ist eine nicht allzu breite Straße, einerseits von der See begrenzt, wo sich an den Felsen unter donnerndem Getöse die Brandung bricht, andererseits gesäumt von Lokalitäten, in welchen schlecht spielende Grammophone alte Gassenhauer und Seemannslieder herunterrattern. Die Restaurants befinden sich inmitten der Straße, und kommt schon mal ein alter Ford angedonnert, so rückt man eben etwas zur Seite, um ihn vorüber zu lassen; andere Verkehrsmittel wie Esel bahnen sieh ihren Weg selbst zwi• sehen den Tischen hindurch. Angezogen durch dieses Idyll, ließen wir uns in einer solchen Kneipe nieder, um dem berühmten Samos Muskatos Ehre zu erweisen, dessen Wirkung sich auf dein Nachhauseweg bemerkbar machte. Unser Gastgeber, ein ebenso gesprächiger wie Vertrauens• seliger Mann, kreditierte uns eine Rechnung von 301) Drachmen, da vir keine einzige in der Tasche hatten; um bei dem Leser keine Mißstimmung hervorzurufen, muß ich envähnen, daß wir es wirklich nach drei Tagen bezahlt haben. Von ihm erfuhren wir auch, daß unter den 16 090 Seelen der Stadt drei jüdische Familien ansässig seien. Wir hätten nun alle drei Familien auf einmal besuchen können, entschieden uns aber lür die geeignetste, und dies war ein Weinhändler. Pie Familie, aschkenasische Juden, stammt aus Italien, ist aber schon 30 Jahre in Vatis ansässig. Die Begrüßung war eine sehr herzliche, insbesondere weil ein Angestellter Hebräisch beherrschte, so daß wir uns in der Sprache unserer Heimat auf dieser kleinen Insel verständigen konnten. Die Familie rechnete es sieh zur besonderen Ehre an, vier Pioniere der jüdischen Flotte zur Sdiabhattnfel zu bitten. Am nachsten Tage fanden wir uns auch alle wieder pünktlich ein und begaben uns nach dem Kidduseh an eine wohlversorgte Tafel, worauI auch unser Freund, der Samoswein, thronte. Nach Beendigung der Mahlzeit stimmten alle in den I Intikwahklängen das Schir Hama’alos an. Sodann ging man rasch zum gemütlichen Teil über, tim unseren Fr/uhhmgen Raum zu geben, wobei die Zeit allen im Fluge verging. Walter Kuch Der Leser des Heftes wird allerdings mancherlei bei der Auswertung des Materials zu beobachtet! haben. Bas gilt besonders fiir denjenigen, der sich für Australien intcressiert. Australien stellt gewiß ein wichtiges Land für die jüdische Auswanderung aus Deutschland dar, da es in vielfacher Hinsicht günstige Bedingungen bietet. Dennoch wäre es verfehlt, wenn eine stärkere Auswanderung dorthin plütz*!ich einsetzen würde. Jede wirkliche oder angebliche Massen• einwanderiing wird in Australien sehr empfindlich bcobach* tet, so daß alles getan werden muß, um in dieser Hinsicht schwere Schäden zu vermeiden, wie sie etwa in Südafrika seinerzeit •cingetrcten sind. Es ist überhaupt nicht wün- Sehenswert, daß bestimmte überseeische Länder zur ״Mode“ unter den Auswanderungsrilligen werden; vielmehr muß durch individuelle Beratung in jedem Einzelfall eine sorg• fähige Verteilung der jüdischen Auswanderer auf alle Länder durcligcftilirt werden, die überhaupt in Frage kommen, insbesondere auch im Hinblick auf die berufliche Struktur der Juden heit Deutschlands. Unter diesen Gesichtspunkten bchan* delt das Korrespondenzblatt eine Reihe wichtiger Eimvanderungsländer, um den Entschluß des Einzelnen zu erleichtern, der natürlich stets mit einem sachkundigen Auswanderungs* berater überprüft werden muß. L601t Blum in der Prager Allneuschul. Aus Prag wird uns berichtet: Leon Blum, der als Vertreter Frankreichs an den Begräbnisfcierlichkcitcn Masaryks teil nahm, benutzte seinen Prager Aufenthalt, uin auch die jüdischen Sehens- Würdigkeiten der Stadt kcuncnzulerncn. Am 23. September abends besuchte er die Altneusehui. Ein Beamter der jüdischen Gemeinde, der zugegen war, begrüßte ihn i!1 he• bräischer und französischer Sprache, worauf Leon 11111 m mit den Worten erwiderte, er sei ein treue! Sohn unserer Religion. Mit großem Interesse erkundigte sich Leon Blum, in dessen Gesellschaft sich seine Frau und Tochter befanden, nach allen historischen Denkwürdigkeiten dieser alten Synagoge und verweilte in ihr länger als eine halbe Stunde. Sodann begab sich Leon Blum auf den alten jüdischen Friedhof, den er ebenfalls gründlich besichtigte.

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