Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 78 (1.10.1937)
- Date
- 1937-10-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 78, 1. X. 1937 Zwanzig Jahre Zentralwohliahrtsslclle Von Gesinnung und Idee der jüdischen Sozialubeil Von Leo Baeck Im Heft 5 der Zeitschrift ״Jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik", das in den nächsten Tagen erscheint, sind mchrere Aufsätze dein Jubiläum des 20jährigen Bestehens der Zenlrahvohlfnhrtsstclle gewidmet. Neben dem nachstehenden Einleitungsaufsatz, den wir Vorabdrucken, enthält das Heft U. a. Arbeiten von Friedrich Ollendorff, Georg Lubinski, Hilde Ottcnhcimcr, Paul Eppstein, Hilde Landenberger und Certrud Jsrael über die Geschichte und verschiedene Arheitsgebiete der Zentraftvohlfahrtsstclle und Probleme der füdisehen Auswanderung. Auch die vorangegangenen Hefte der Zeitschrift enthielten interessante Beiträge. (Red.) Die zwei Jahrzehnte der Zentral w'ohlfahrtsstdle erzählen von dem Kampfe für eine Gesinnung■ und eine Idee. Aeußerlieh geschert stand m ihrem Anfang der Wunsch nach einem notwendigen Zusammenschluß, der Plan, Ungeregeltes zu ordnen, Zerstreutes zu verbinden, das, was nebeneinander Berging, zwcckvoll zusammenzuführen, Aber hinter dem allen war doch, als der eigentliche Antrieb, ein bestimmter Geist, der sich durchsetzen wollte, der sich gegen das Vorhandene richtete. Die Männer und Frauen, welche die Zentral wohlfahrtsstelle schufen und in ihr arbeiteten, wollten nicht nur Bestehendes zusatnmenfassen; sie strebten ,danach, es von einer inneren Einheit her umzugestalten, es von hier aus mit neuem Inhalt zu erluIIch. Der Name /entr;1!\v<>hlfa!1risstcl!e, den man wählte, war bescheiden, aber das Ziel war hoch gesteckt. Man wollte zu dem W'ohltun die s o / i a I e (1 e r e c 11 t i g k e i t hinstellen. Das Wohlltm mit all seinem Persönlichen, seinem Planlosen, seihst seinem, an der Logik gemessen. Unvernünftigen sollte nicht verdrängt noch gemindert werden; es gibt keine jüdis die Gemeinschaft ohne dieses Wohltun, das auch gern in den Kauf nimmt, dreien ohne Not zu gehen, damit nur nicht irgend einer, der in Not ist, leer ausgehc; es ist jüdische Art, im Sittlichen lieber oft zu viel, als einmal zu wenig zu tun. Aber man wollte zur festen Grundlage die soziale Gerechtigkeit haben, diese Gerechtigkeit, die von der großen Schuldigkeit des Habenden, des Könnenden, des Starken weiß, die nicht nur schenkt, sondern liebt, die den Menschen zu würdigeren, freieren Formen des Lehens emporführen will. Fs ist kein Zufall, dnII das klassische Wort für sie, das Wort Zedaka von Anfang an liier immer wieder ausgesprochen wurde; es benannte liier den programmatischen Begriff. Eine neue Gesinnung sollte verbreitet werden, ein soziales Glaubensbekenntnis verwirklicht sein. Darum kam in der neuen Arbeit hier alles auf die Menschen an. Nicht ob sie freiwillige oder besoldete Helfer waren, ob sie ehrenamtlich oder hauptamtlich wirkten, war das Entscheidende, sondern ob sie Menschen waren, in denen diese jüdische Idee lebendig blieb, in denen eine Flamme glühte. Die Arbeitsgemeinschaft mußte hier eine Gesinnungsgemeinschaft sein. In einer Zeit, in der so vieles ausemaruierfiel, so vieles auseinanderstrebte, war ein bedeutungsvolles Schaffen möglich mir, wenn ihm Menschen dienten, die innerlich miteinander verbunden waren, die wie der Sache, so einander eine menschliche Geradheit und Rechtschaffenheit bewiesen. Die Zentralwohlfahrtsstelle hat, vielleicht als erste und sicherlich am stärksten, in einer betonten Arbeit ausgeprägte Persönlichkeiten aus den verschiedenen religiösen' und weltanschaulichen Richtungen im Judentum Deutschlands zu einer inneren Gemeinsamkeit zusammcngcfiihrt. So verschieden, ja so gegensätzlich bisweilen diese Individualitäten waren, diese Menschen fühlten sich miteinander vereint, fast möchte man sagen: wie Eidgenossen. Der Gang der Tage hat es gefügt, daß die Zentralwohlfahrtsstelle, die selbst hatte zusammenfassen wollen, in eine umfassendere Einheit, in die R e i c h s v e r t r e tu n g der Juden i!1 Deutschland, «ungegliedert W'ordeH ist. Alier es könnte ebenso gesagt werden, daß sie in dieser Reichsvertretung sich verwirklicht hat. Aus dem Geiste, den sie in sich schuf, ist ganz eigentlich diese größere Gestaltung hervorgewadisen. Und nur, wenn der große Gedanke, der unserer Zeiitralwohlfalirtssielle ihr Eigenes gab, und nur wenn die menschliche Gesinnung, die in ihr eine Zusammen«! beit, eine Gemeinschaft schul, in der Reichs- Vertretung lebendig־ bleibt, wird diese die ernsten, schweren Aufgaben erfüllen können, vor die sie die Geschichte gestellt hat. Dir K AT7F 1/IL1 IV r\ I. £ -tu Von C. Z. Kloetzel (Schluß) Er trat einen Schritt vor und durch das Geräusch aufmerksam gemacht, blickte sie zu ihm hin. Zwei zornige Augen blitzten ihn an. (Iiiine Augen, in denen goldene Fünkchen tanzten. Katzenaugen. •lawnieli war maßlos verwirrt. Er war Frauen immer weit, aus dem Wem■ gegangen, und sein erster Impuls war auch diesmal, «huonzulaufen. Aber das ging nicht. Er hatte sie verletzt; entweder der Stein hatte sie getroffen, oder ein Ginssplitter. Sie Hut et e, vielleicht würde sie eine Zeitlang die Ilnnd nicht gebrauchen können. Wenn er fortlief, so sah es aus, als wolle er sich seiner Pflicht entzdehen, den Schaden wieder gut zu machen. Er mußte sich doch auch hei ihT entschuldigen, ihr sagen, daß er die Katze habe treffen wollen, und nicht sic. Dabei war ihm die Kehle wie zugeschnürt, 80 daß er keinen 'Fon herausbringen konnte. Die grünen Katzenaugen sahen ihn unverwandt an, Der Zorn aus ihnen verschwand und verwandelte sich ln amüsiertes Erstaunen, je Jünger er mit den Worten zu kämpfen schien. Schließlich nahm sie die Hand vom Munde, besah sich die kleine Verletzung, die schon aufgehört hatte, zu bluten, und ließ die Hand sinken. Sic fuhr sich zweimal mit der Zunge über die Lippen, und sagte dann unvermittelt: ״Was ist mit dir? Bist du dumm oder bist du blöd?“ Er mußte etwa» sagen. Er wußte auch genau, was er sagen wollte: daß es ihm leid tue, sie verletzt zu haben. Aber als .sich endlich der Druck um seinen Hals löste, hörte er sieli sprechen: ״Was kostet die Fensterscheibe?“ Sie sah ihn einen Augenblick verblüfft an. Dann stemmte sie die Arme in die Seiten, warf den Kopf in den Nacken, so daß ihre wohlgeformte, sehr weiße Kehle zu sehen war und lachte, wie Jawniel; noch nie einen Menschen hatte lachen hören. Vor diesem Lachen blieb ihm nichts als eilige Flucht. Er kam erst wieder zur Besinnung, als er bei seinem einsamen Pumpenhäuschen angelangt war. Während er den schadhaften Maschinenteil auswechselle, zitterten seine Hände. Nachts träumte er wirres Zeug. Als er gegen Morgen erwachte und, von Durst gepeinigt, nach dem Krug griff, der aui dem rVnslcrhrctt stand, sah er auf dem mondhell erleuchteten Pfad seine Katze aal da* Haas zusehleichen. Sie blieb einen \11cc11blick stehen, stemmte die vier Füße eng Gnradstiicksverkehr und Auswanderung Neue Durchführungsverordnung zum Devisengeselz Am 24. September ist die zehnte Durchführung«- Verordnung zum Devisengesetz vom 16. September 1937 in Kraft getreten. Die §§ 4—9 dieser Verordnung enthalten neue Beschränkungen tiir den Grundstücksverkehr. Der» Anlaß zu dieser Ausdehnung der Devisengesetzgebung gaben Mißstünde, die sich auf dem Gebiet der Ein wänderung und Auswanderung zeigten. Infolge der Ver- Schärfung der deutschen Devisenlage wurden die Möglichkeiten für den Bartransfcr von Auswandcrervermügen immer feringer. Die interessierten Kreise suchten daher nach arideren ransfermöglichkeiten. Inländer, die auswandern wollten, gingen dazu über, von anderen Inländern im Ausland gelegene Grundstücke zu kaufen. Ausgewanderte Personen versuchten, ihren inländischen Grundbesitz im Ausland gegen Zahlung von Devisen zu veräußern. Als Käufer kamen meist Personen in Frage die nach Deutschland einzuwandern beabsiehtigten und auf diese Weise ihr Vermögen günstig ins Inland verbringen wollten. Vielfach wurden zwischen diesen Personengruppen auch inländische und ausländische Grundstucke getauscht. Hierdurch wurde einerseits der Bestand der deutschen Auslandsvermögen verringert und der in den Grundstücken verkörperte Devisenwert der deutschen Devisenbewirtschaftung entzogen: andererseits hatte der Erwerb inländischer Oiimdstücke durch Einwanderer eine Schmälerung des bei der Einwanderung an sich zu erwartenden Devisenanfalis zur Folge. Aus diesem Anlaß sind daher die Grundstücksgeschafte durch die Zehnte Durchführungsverordnung für genehmigungsbedürftig erklärt und der Kontrolle durch die DevisenstclTen unterworfen worden. Es bedürfen danach künftig alle Verfügungen über ausländische Grundstücke und Rechte an solchen Grundstücken, inländische Grundstücke von Ausländern und Rechte, die Ausländern an inländischen Grundstücken zustehen, inländische Grundstücke, die Inländern gehören, und Rechte, die Inländern an inländischen Grundstücken zustehen, wenn die Verfügung zugunsten eines Ausländers erfolgen soll, der Genehmigung. Soweit nach den bishörigen Bestimmungen für Verfügungen der genannten Art eine Genehmigung erforderlich war, sind die entsprechenden Vorschriften des Lievisengesctzes ausdrücklich aufrecht erhalten worden: für Verfügungen über Hypotheken, Grund- und Rentenschulden; über die Belastung von inländischen Grundstücken mit Hypotheken, Grund- oder Rentenschulden als Sicherheit zugunsten ausländischer Gläubiger, und für Verfügungen über Grundstücke, die aus gesperrten Mitteln erworben worden sind. Die Verfügungsbeschränkiingen des Artikcls II der Zehnten Durchführungsverordnung erfassen alle anderen liegcnschaftsrechtlichen Verfügungen, Durch die neuen Bestimmungen soll der normale Grundstiieksverkehr nicht erschwert, sondern nur die aufgezeigten Mißstände unterbunden werden. Es wird klargestellt, wann Genehmigungen erteilt werden können. Auswanderer können künftig nicht mehr auf dem Wege über Grundstücksgeschähe ihr vermögen in das Ausland transferieren. Soweit Auswanderer bereits im Zeitpunkt des Inkrafttretens der Verordnung ausländische Grundstücke oder Rechte an solchen Grundstücken besitzen, kann ihnen eine Verfügung bis zur Höhe des zur Begründung einer bescheidenen Existenz im Auslände erforderlichen Betrages gestattet werden. Einwanderern ist es nicht mehr gestattet, ihr Vermögen durdi Erwerb von inländischen Grundstücken oder Rechten an solchen Grundstücken in das Inland zu transferieren. Einwanderer haben aber die Möglichkeit, für ihr flüssiges Vermögen durch die Devisenstelle Berlin einen Härteausgleich zu erhalten und mit dem auf diese Weise erzielten Reichsmarkbetrag Inländische Grundstücke zu erwerben. Diese Regelung gilt _ auch für solche Ausländer, die ihren Wohnsitz erst später in das Inland verlegen wollen. Besonders hervorzuliehen ist noch, daß es auch nicht zulässig ist, daß der Transfer von Auswanderer- und Einwanderervermögen durch Geschäfte mit anderen Vermögens werten, z. B. Waren durchgeführt wird. Hierin ist eine Umgehung der für den Transfer von Auswanderer- und Eiinvanderervermögeri in dem Devisengesetz, den Durchftihrungsverordnungen, den Richtlinien und den Runderlassen der Reichsstelle für Devisenbewirtschaftung ergangenen Vorschritten zu erblicken, die den Transfer solcher Vermögen ausschließlich regeln. Beamte und Juden In Nr, 18 der ״Jüdischen Rundschau“ vom 18. 6. 1937 hatten wir über Ausführungen berichtet, die sich mit dem persönlichen Verkehr von Beamten und Juden beschäftigten. Ueber die Pflichten der Beamten in ihren geschäftliehen Beziehungen zu Juden macht ein Urteil des Badischen Verwaltungsgerichtshofs in einem Dicnststrafvcrfahren gegen einen Bürgermeister grundsätzliche Bernerkungen. Danach gehört es zu den Dienstpflichten der Beamten, auch in ihren privaten Angelegenheiten mit Angehörigen der jüdischen Rasse, von besonderen Ausnahmefälien abgesehen, keinerlei geschäftliche Beziehungen aufzunehmen oder zu unterhalten. Ein Verbot des geschäftlichen Verkehrs mit Juden Ist für Beamte, wie das erwähnte Urteil ausführt, zwar nirgends schriftlich niedergelegt oder in Dienstvorschriften enthalten; es besteht aber kein Zweifel, daß es heute jedem Beamten bewußt ist und sein muß, daß er sich grundsätzlich mit Juden nicht in Geschäfte einlassen darf. Zur Begründung wird darauf hingewiesen, daß der Beamte verpflichtet ist, den Staat und die NSDAP, in der Abwehr des jüdischen Einflusses zu unterstützen; dazu gehört, daß er sich vom geschäftlichen Verkehr mit Juden fernhält. Information jüdischer Schutzhäftlinge. Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland teilt mit: Die zuständigen Behörden prüfen gegenwärtig die Frage der Entlassung einer Anzahl jüdischer S c h ut z hä f 11 i n ge. Um den Schutzhäftlingen eine sprachliche und berufskundliche Vorbereitung der Auswanderung und Information zu ermöglichen, ist der Reichsvertretung der Juden in Deutschland gestattet worden, geeignetes Material zur Verfügung zu stellen. Die Ansiedlungsmöglichkeiten aui Madagaskar Der Führer der Delegation, die zum Studium von Ansiedlungsmöglichkeiten für polnische Juden nach Madagaskar entsandt worden ist, Major Lepecki, ist nach Warschau zuriiekgekehrt und hat über seine Eindrücke aut Madagaskar Pressevertretern eine Erklärung abgegeben. Er gab bekannt, daß die genauen Ergebnisse der Studien der Delegation nicht sogleich veröffentlicht werden würden, 80ndern von der polnischen Regierung und dem französischen Kolonienminister der Ocffcntlichkeit zugänglich gemacht werden. Im allgemeinen seien die Ergebnisse jedoch so, daß einiger Optimismus berechtigt sei. Für die Ko- Ionisation kämen nur die klimatisch gesünderen Gegenden aut Madagaskar in Betracht. Die Insel sei reich an fruchtbarem Boden. Waldbestände seien dagegen wenig vorhanden. Europäer akklimatisieren sich dort ganz gut, Pferde können jedoch dort nicht gehalten werden. Die Beziehungen der Eingeborenen zu den Weißen seien sehr gut. Auf ein Quadratkilometer Boden kommen 6 Menschen. Auf Madagaskar gebe es bisher nur 9 Polen, darunter keinen Juden; nur 8 französische Juden wohnen dort. (Wir haben über das Problem der Ansiedlung aut Madagaskar in Artikeln unseres dortigen Berichterstatters mehrfach ausführlich berichtet. Red.) Der Jüdische Kulturbund Rhein-Main eröffnet seine Spielzeit mit einem Kammermusik-Abend am 9. Oktober, 20.30 Uhr, im Saalbau, der vom Streichquartett des Orchesters der Jüdischen Kulturbünde, Sitz Frankfurt a. M. (Ernst Drucker, Theo Ratner, Richard Karp, Dr. Heinz Edelstein) bestritten wird. Als Solistin wurde für diesen Abend Ruth Krscli-Arndt verpflichtet, die von Dr. Willy Salotnon begleitet wird. — Die zweite Oktober-Veranstaltung wird vom Schauspiel- Ensemble des Kulturbundes Hamburg bestritten. Zur Aufführung gelangt die Komödie ״Jean“ von Ladislaus Bus- Feketc am 26. Oktober im Saalbau. Beginn 20.15 Uhr. nebeneinander gegen den Boden, machte einen riesigen Buckel und öffnete ihre rosige Schnauze zu einem wollüstigen Gähnen. •lawnieli sprang, wie von einem bösen Geist gejagt, wieder ins Bett und zog die Decke über den Kopf. . * Am Folgenden Dienstag abend, als Schemtob gekommen war und sich wie gewöhnlich ein ausgiebiges Abendbrot bereitete, ehe er seinen Dienst antrat, kam es Jawnieli 80 vor, als habe der Schomer etwas auf dem Herzen. Aber erst als er, die Flinte auf der Schulter, zu seinem ersten Rundgang bereit war, bemerkte Schemtob wie nebenbei: ״Was hast du eigentlich mit der roten C h a w a angestellt? Sie fragt mich jeden Tag nach dir.“ Jawnieli wurde 80 rot, daß er da» aufsteigende Blut an Beinen Haarwurzeln spürte. Aber gleichzeitig fühlte er sich dadurch erleichtert, daß Schemtob begonnen hatte, von dem Mädchen zu sprechen. Natürlich, Schemtob kannte alle Miidchen, warum sollte er gerade diese Rote mit den grünen Augen nicht kennen? Und da sie nach ihm fragte, war es am besten, Ihm alles zu erzählen, Er würde es der Roten weiterberichten und so würde er, Jawnieli, nicht nötig haben, zu ihr zu gehen und sich bei ihr zu entschuldigen, was er jeden Tag aufs neue beschloß und aufs neu« verschob. Eifrig begann er zu schildern, wie der Stein, der die verfluchte Katze hatte treffen sollen, durch das Fenster gefahren war. Schemtob hörte dabei ganz aufmerksam zu, seine Augen blieben ernst, um seinen Mund aber spielte ein spöttisches Lächeln, als habe er all das schon einmal gehört. Indessen war es schon zu dunkel, als daß Jawnieli es hätte bemerken können. Jedenfalls versprach Schemtob, der roten Chawa die ganze Geschichte zu erzählen, aber es schien, als begegne er er ihr nicht gar so oft. Als Jawnieli ihn am Donnerstag fragte, was sie zu der Geschichte gesagt hatte, behauptete er, sie noch gar nicht gesprochen zu haben. Während dieser ganzen Zeit benahm sich die Katze, als sei nichts geschehen. Jawnieli hatte gemeint, sie würde scheu vor ihm sein, weil er den Stein nach ihr geworfen hatte; aber sie war so zutraulich wie zuvor. Und genau so ordnungsliebend. Wenn Jawnieli nach einem Vorwand gesucht hätte, säe zu entfernen, er hätte heim besten Willen keinen gefunden. Am nächsten Schabbat morgen lag sie, müde von ihrem Raubzug nach Fischresten, in festem Schlaf auf ihrem gewohnten Ruheplatz. Mit Erstaunen sah Jawnieli, daß sie um den Hals eint Band trug. Ais er naher hinblickte, sah er, daß in das Band ein Stück Papier eingeknotet war. Er nahm es heraus und las darauf, von einer ungelenken Hand geschrieben: ״Die Scheibe kostet drei Piaster.“ Er atmete erleichtert auf. Bis jetzt hatte er sich in de» Schuld des Mädchen» gefühlt, ohne die Kraft zu besitzen, sich ihrem spöttischen Lachen noch einmal nuszusetzen. Jetzt wußte er, woran er war. Drei Piaster für die Scheibe. Die Wunde an der Hand schien völlig geheilt zu sein, sie konnte ja schreiben. Immerhin; für den Schreck war er ihr wohl etwas schuldig. Eine Tafel Schokoludc würde am willkommensten sein, Mädchen essen gern Süßigkeiten. Schemtob konnte ihr beides geben, das Gehl und die Schokolade, und sagen, daß er, Jawnieli, seinen Posten zur Zeit nicht verlassen könne. Dann würde er vor seinem eigenen Gewissen in Zukunft Ruhe haben — und vor der Rothaarigen auch. Aber mit Schemtob als Boten war es nichts. Mit dem scheinheiligsten Gesicht von der Welt behauptete er, die rote Chawa und er hätten sich jüngst verzankt und sprächen nicht miteinander, Jawnieli komme doch einmal jede Woche ohnehin nach Klar Jehoschua, da könne er doch selbst zu der Roten gehen. Dabei wußte er genau, daß Jawnieli sich seit der Geschichte mit dem Stein in der Siedlung nicht mehr hatte blicken lassen. Er machte lieber einen Umweg von einer Stunde, ehe er sieh der Gefahr aussetzte, dem Mädchen mit den Katzenaugen gegenüberzutreten. Jawnieli hatte viel Zeit zum Nachdenken, und er verwandte sie jetzt fast ausschließlich darauf, herauszufinden, wie er seiner Verpflichtung nachkommen könne, ohne dem Mädchen dabei zu begegnen. Er war eines Abends, wäh« rend er auf der Bank vor dem Pumpenhüaschen saß, wieder mit diesem Problem beschäftigt, als er Schritte den Pfad heraufkommen hörte. Er blickte auf — und das Herz blieb ihm stehen! Es war die rote Chawa. Sie kam, um sich ihre drei Piaster zu holen. Jawnieli brach der Schweiß aus. Er wäre gern geflohen, aber es war zu spät. Jetzt stand sie vor Ihm. ״Schalomi“ sagte sie mit einer seltsam singenden Stimme. ״Ich soll dir von Schemtob sagen, daß er heute erst eine Stunde später heraufkommen kann. Du möchtest solange aufpassen.. ״Danke!... Ja, ich werde aufpassen...“ war alles, was Jawnieli herausbringen konnte. Jetzt also würde sie fragen, warum er ihr noch nicht die drei Piaster für die zerbrochene Scheibe geschickt hatte.