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Jüdische Rundschau · 1937-10-01 · Heft 78 (1.10.1937) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 78 (1.10.1937)
Date
1937-10-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 78, 1. X. 1937 JDDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Jüdische Erlebnisse in aller Welt Die neue Zerstreuung, die Juden aus Deutschland buchstäblich in alle Teile der Well geführt hat, spiegelt sich auch in der jüdischen Presse wider. Die in Deutschland gchliebenen Juden verfolgen mit großem Interesse das Schicksal der Aus gewanderten; nicht nur ihr materielles Ergehen, sondern auch die vielfältigen persönlichen Erlebnisse, die diese Menschen insbesondere bei dem Zusammentreffen mit Juden und Judentum haben. Die Universalität des Judentums kommt in dieser Weise zum Bewußtsein. Oft vermag eine gut geschilderte kleine Episode mehr Gefühl für diesen Zusammenhang zu geben als statistische oder soziologische Darlegungen. Wir werden von nun an periodisch derartige Erlebnisberichte aus unserem Leserkreis veröffentlichen, und wir fordern alle unsere Leser in allen Teilen der Welt auf, uns solche Berichte zu senden. Jede interessante jüdische Begeg■ nung oder Beobachtung kann geeigneter Stoff sein. Heule beginnen wir mit einer Serie, die einen Machklang zu den jüdischen Feiertagen bildet. (Red.) Rosch Haschanah in New York Von einem gelegentlichen Mitarbeiter New York, 8. September Nun sind die ersten großen Tage vorüber. Der Jude, der aus Deutschland kommt und an eine bestimmte feiertägliche Atmosphäre, an bestimmte Gesänge iin Gottesdienst, traditionelle Familienbräuche, kurz an das, was man als ״Feiertagsstimmung“ zu bezeichnen gewöhnt ist, denkt alles, alles hier höchst verschieden von der bisherigen Gewohnheit zu finden. Diese Verschiedenheit mag manchmal negativ und manchmal positiv bewertet werden, je nach den Maßstäben, die man anlegt. Immerhin beginnt die F e i e r t a gs a t m o s p h ä r e be- TCits lange vor Roscli Haschanah. Sie beschränkt sich freilieh auf das kommerzielle Gebiet. Die große Telegraphengeseilscbaft ״Western Union“ hat in ihren Schaufenstern schon wochenlang Telegrammformulare liegen, auf denen man Embleme des Rosch Haschanah-Festes sehen kann, und die hebräische Wünsche (l’schana towa usw.) tragen. Die Blätter sind ungewöhnlich geschmacklos, wie überhaupt sehr vieles, was hier als jüdisch auftritt (im jüdischen Sender, musikalisch, theatralisch und besonders dort, wo es um bildende Kunst geht), von einer für unsere Augen verletzenden Geschmacklosigkeit ist. Die Schaufenster der Lebensmittelgeschähe zeigen koschere Weine, Liköre und andere Dinge. (Man kann hier bestimmte Milchprodukte — z. B. den ausezeichneten Sour Cream — nur mit einem Koscherstempel aufen. Die großen Milchfirmen nehmen damit auf die große jüdische Kundschaft Rücksicht, und die nichtjüdischen Kunden naben sich an den roten Magen David mit der Inschrift: ״Supervised bv Rabbi Liber Cohen“ bereits gewöhnt. Niemand protestiert.) Die großen Zeitungen bringen eingehende Aufsätze über den Sinn der Feiertage, man sieht viele Photos, auch solche, die wir nicht gern sehen wollen, etwa Männer im Tallis, die Schofar blasen. Idier hält man das nicht für eine Profanisierung des Brauches, mail fügt im Gegenteil noch die Biographie des Schofarbläsers hinzu. Die großen Radiostationen beteiligen sich sehr eingehend an der Vorbereitung der Festesstimmung. In mehreren Stationen gibt es eingehende Einführungen in den Sinn der Feiertage. Gewohnlich wird ein Extrakt aus den Feiertagsinclodien gegeben. Rede und Musik ergeben dann in der Tat eine ausgezeichnete Einführung in die Bedeutung der Feste, und zweifellos bestellt dafür ein nicht unerhebliches Interesse. Zu diesen Einführungen gesellen sich die üblichen Ncujahrsbotschaften. Wie alljährlich hat auch dieses Jahr der Präsident Rooseveit die Juden zu ihrem Jahresbeginn beglückwünscht. Oie fiih-!enden Juden haben nun ihrerseits Erklärungen über das vergangene Jahr uiid Voraussagen für das kommende abgegeben. In all diesen Botschaften spielt Palästina eine außerordentliche Rolle. Die Erklärungen sind fast allesamt pessimistisch und ernst. Der heitere Optimismus der alten Zeit scheint verschwunden. Ueberaü, in allen Predigten und in allen Aufsätzen zeigen sich die Besorgnisse der Juden. Die Beurteilung der jüdischen Lage wird um so pessimistischer, je grauer der allgemeine Hintergrund ist. Und das ist er mehr als je. Der chinesisch-japanische Konflikt, die Lage in Europa, die soziale Frage im eigenen Lande, die Auseinandersetzungen um Rooseveit — das alles bildet einen sehr düsteren Hintergrund, und da sieh jede Predigt auch mit den allgemeinen Fragen befaßt, bildet die jüdische Kata- Strophe nur einen Teil der allgemeinen Weltsituation. Der erste Roscli Haschanah-Tag ist m diesem Jahre zugleich Labordav. Es ist der große nationale Feiertag, an dem alle Geschäfte geschlossen sind und der den Sommer und die Sommerpause beendet. Da die Woche vor dem Laborday Hitzewellen von allerhöchsten Graden gebracht hatte, strömten Millionen von Menschen aus der heißen Stadt. New York war leer, wenigstens leer von denen, die nicht Rosch Haschanah feiern wollten. So war die ganze riesenhafte Stadt in eine einzige große Roscli Haschanah-Stimmung getaucht. In vielleicht mehr als ändertlialbtauscnd Gottesebensten versammelte sich die Judenhcit New Yorks. Die großen Gottesdienste wurden durch Rundfunk übertragen. Alle Synagogen und Säle waren überfüllt. Ueberall auf den Straßen sali inan Juden, die zum Gottesdienst gingen. Vor den großen Refornitcmpeiii waren die Parkplätze mit Autos überfüllt. (Die ״Auffahrt•‘ gilt hier keineswegs als Zeichen auffälliger Protzerei. Auch vor den Fabriken parkt die ״Auffahrt“ recht eleganter Wagen der — Arbeiter!) Die Gottesdienste selbst werden vielen luden aus Deutschland seltsam und fremd vorgekomuien sein. Die orthodoxen Gottesdienste sind im wesentlichen «stjüdisch. Die ״konservativen“ kennen Orgel und gemeinsames Sitzen von Männern und Frauen. Die Rerormtempcl, die die überwiegende Anzahl der Synagogen — und besonders der großen — ausmachen, benutzen das Gebetbuch der reformierten Rabbinerkonferenz von Cincinnati und sind bis auf wenige Sätze anglisiert. Es berührt uns sehr merkwürdig, in einen Gottesdienst zu kommen, in dein es keinen Kantor gibt, in dem der Rabbiner ohne Kopfbedeckung die Thora aushebt, die Seitenzahl der zu betenden Gebete angibt, englisch ״vorbetet“ und mit der Gemeinde im Tone der katholischen Gemeindegebete ״Responsen“ sagt. Dabei muß man sagen, daß — sieht man von diesen Dingen ab — al! diese Gottesdienste von einer außerordentlichen Feierlichkeit sind, ja daß man durchaus von ihnen ergriffen sein kann. Es ist die Frage, ob sie ״noch“ jüdisch sind. Aber daß sie eine ergreifende leligiöse Stimmung erzeugen, ist fraglos. Daz.u kommt, daß auch in den allergrößten Gottesdiensten ־— etwa in der Carnegiehall, wo Stephen Wise predigt und wo fast 5000 Menschen Zusammenkommen ■— eine in jüdischen Feiertagsgottesdiensten in Deutschland nie beobachtete Disziplin herrscht. Es ist weder üblich zu sprechen, noch vor Beendigung des Gottesdienstes hinauszugelien. Da man sehr viel Wert auf gute musikalische Interpretation legt, ist das Ganze auch künstlerisch höchst eindrucksvoll. In den meisten Reformsynagogen wird der Schofar durch ein Blechinstrument ersetzt, das — unsichtbar — die alten traditionellen Schofartöne nachahmt. Geht dabei einerseits auch das ״Primitive“, das ״Uralte, Hochheilige“ verloren, so kann man auch nicht sagen, daß es nicht ästhetisch wäre. Ja, vielleicht ist ail das die Gefahr dieser Dinge: daß die Religion in hohem Maße ästhetisiert wird. Immerhin verlassen am Ende des Gottesdienstes Tausende von Juden erschüttert und auch jüdisch beeindruckt den Tempel. Daß das geschieht, hängt hier mehr als bei uns ganz und gar von dem Prediger ab. Der Einfluß des Predigers ist deshalb außerordentlich. Die Predigt von Stephen Wise — die Ihr Berichterstatter gehört hat — wurde mit dem ganzen Gottesdienst im Rundfunk übertragen. Sie war zweifellos das größte rednerische Ereignis der Feiertage. Auch wer Wise als Redner nicht immer liebt, auch wer manchmal die ״alte Schule“ der Pathetik ablehnen mag, mußte von dieser Rede, die ein Bekenntnis des alternden Mannes war, auf das tiefste ergriffen sein. Die leidenschaftliche Liebe zu den Juden, die in ihm lebt, veranlaßte ihn zu einer großen Strafrede ״to my beloved people“, in der er die Juden, ״die uns falsch repräsentieren“, als die wahren Judenfeinde geißelte. Am zweiten Tage sprach Morris Rothenberg, einer der führenden Zionisten Amerikas, der vor wenigen Wochen zum Richter ernannt wurde, im Rundfunk über Palästina. Einen Tag vor Jom Kippur wird eine grolle Palästinakundgebung in einem der größten Sender stattfiriden, bei der Joachim Prinz, zum erstenmal zu der amerikanischen Judenhcit sprechen wird. (Diese Veranstaltung hat, wie uns aus New York berichtet wird, inzwischen mit großem Erfolg stattgefunden. — A. d. R.) — und in Japan Kobe (Japan), 8. September Jüdische Festtage im Fernen Osten sind ein Ereignis von doppelter Bedeutung: Auf der einen Seite haben sie hohen religiösen Sinn, aut der anderen sind sie zugleich ein Anlaß zu europäisch-gesellschaftlichem Zusammensein. Für einige Tage schaltet man sich aus dem Rhythmus der Arbeit aus, die hier weder Ruhenoch Festtage kennt, und kommt aus allen Winkeln des Landes in Kobe zusammen, um Rosch- Haschanah zu feiern. Aus Tokio Yokohama und Osaka, —MAGISTER KIRSCH—, Der gute llkfir Magister-Lik&rfabrSk, München VII. n Berlin tu b«1l«h. durch dl« I Weingroßhandlung Bernhard Brauer, BurgatraSe 3 / Ruf: 5143 40 selbst aus der fernen Mandschurei bringen die Schiffe und Züge Japans jüdische Einwohner nach der großen Hafenstadt am Inneren Meer. Die große Halle des ״Oriental Hotels“ 'widerhallt von allen Sprachen Europas und des Orients, insbesondere arabisch, da die meisten Juden aus Syrien eingewandert sind. Man tauscht Erinnerungen an die Heimat aus und denkt an die Feiertage früherer Zeiten in Berlin, Wien oder Beyrut; man schließt Freundschaft mit den Ankömmlingen, die irische Nachrichten aus Europa bringen, und macht sich dann gemeinsam auf den Weg zum Bethaus. Die kleine Pro- Zession erregt ein gewisses Aufsehen unter den Japanern, aber man ist hier, in dem kosmopolitischen Hafen, an Ausländer gewöhnt und dreht sich nur nach ihnen um, wenn sie in größerer Zahl auftreten. Ein in Kohe ansässiger Kaufmann hat, wie alljährlich, sein Haus als Bethalle eingerichtet, einen Raum für den sephardischen Ritus, da die Sephardim stark vertreten sind, einen anderen für den aschkenasischen. — Aus den belebten Straßen dringt Musik und das Klappert! der hölzernen Getaschuhe zu uns herauf, dann beginnt die Feier, und für kurze Zeit vergessen wir Japan und den Alltag, korizcn- H. G. Wells und Palästina Von unserem Berichterstatter J. K. London, im September Der bekannte englische Romanschriftsteller H. G. Wells, der sich schon öfter in etwas paradox überspitzter Form zur Judcnfrage geäußert bat, hielt kürzlich bei der Jahrestagung der größten englischen Wissenschaftlichen Vereini- 5, der ״British Association“, in Nottingham den himgsvortrag in der Erziehungswissenschaftlichen Abteilung des Kongresses, deren Präsident er war. Dieser Vortrag bat auch ein spezifisch jüdisches Interesse, weil Wells sich darin gegen die prominente Stellung wandte, die die biblische Geschichte im Lehrplan der englischen Schulen cinnirmnt. Wells kritisierte — vor einem glänzenden Auditorium von führenden Gelehrten, Universitätsprofessoren und Schulmännern — die Grundlagen der englischen Schulerzichung, vor allem die Auswahl des Tatsachenmaterials, die ״informatorische“ Seite der Erziehung, wie er es nennt. Um Platz für Wichtigeres zu schaffen, mußten 7. B. im Geschichtsunterricht die ״Privataffären“ der englischen Könige, die Kriege mit Frankreich, Irland und Schottland, aus dem Lehrplan entfernt werden, ebenso wie jede Art von ״aggressivem Patriotismus“. In diesen Zusammenhang stellt Wells die biblische Geschichte. ״Wir erzählen unserer Jugend von der wirkliehen Vergangenheit, der großartigen Ausbreitung irdischer Geschehnisse. Aber in diesen Ereignissen spielt das kleine Palästina keine größere Rolle, als Durchgangsweg zu sein von Aegypten nach Mesopotamien. Gibt es heutzutage irgendeinen Grund, Palästinas Bedeutung in der Vergangenheit zu übertreiben? Nichts hat dort begonnen, nichts ist dort ansgearbeitet worden. Die ganzen historischen Teile der Bibel sind vollgepfropft mit wilden Uebertreibungen der tatsächliehen Bedeutung dieses kleinen Landstreifens... Ist es nicht höchste Zeit, daß wir die äußerste Bedeutungslosigkeit der Ereignisse erkennen, die in den Büchern der Könige und Chronik berichtet werden, und daß wir aufhören, die historische Phantasie unserer Jugend durch überbetonte Verherrlichung der Geschichte Judäas irrezuführen?... Selbst wenn frieren uns auf die Andacht, oder wir lassen die Gedanken über 20 000 Kilometer in die frühere Heimat schweifen. Die Andacht wird nur durch das Surren der elektrischen Fächer gestört, die schwache Versuche machen, für Abkühlang־ zu sorgen, denn die Temperatur beträgt nahezu vierzig Grad. Die Gemeinde ist durchweg in Tropenanzüge gekleidet; der im Westen übliche steife Hut oder Zylinder ist durch ein buntes (in Japan ist alles farbig) Seidenkäppchen ersetzt. Das kleine Japanermädel, das die Käppchen verfertigt hat, wußte, daß sie einem festlichen Zwecke dienen sollen, und hat sic daher noch hübsch mit Motiven aus der Landschaft ihres Landes bestickt. Während wir das Kaddisch-Gcbet sprechen und der Vorbeter die Namen der in S c h a n g 11 a i getöteten J uden verliest, versinkt die Sonne in! Westen über dem Meer. Wenige Minuten später wird sie über Palästina und Europa aufgehen, wo man sich zur Morgenaridacht rüstet. Sie wird auch die Grüße und Ncujahrswünschc von 500 Juden in Japan initbringen, die nun, am Ende des Festes wieder verstreut in allen Teilen Japans an ihre Arbeit gehen, R. A, M, Jom Kippur in Italien Seit acht Monaten — so lange sind wir nun schon liier — freuen wir uns auf diesen Tag. Jom hakippunm, der Tag, der uns diesmal seit acht Monaten wieder zum erstenmal in den Tempel und unter Juden führen sollte, denn liier ist weder ein Tempel noch jüdisches Lehen. \X'ir kommen uns etwas vereinsamt vor, und unser bester Freund ist in dieser Zeit der Siddur, aber auch die ״Jüdische Rundschau״, denn beide erzählen uns von jüdischem Leben. Wir denken daran, daß man einmal überlegte, in welchen Tempel man geht, und uns wird klar, man muß erst einmal ohne Tempel gewesen sein, um die Unwichtigkeit dieser Frage zu ermessen. Wir müssen also nach M a n t u a. Wir finden den Tempel nicht gleich und sprechen zwei Jungen an: ״Wo ist die Straße X.?" ...Sic wollen zum Tempel״ “׳Ja!“ ,,Dann, Schalom, kommt niit uns!“ Dieses ״Schalom“ war für uns schon ein Erlebnis, das erste ״Schalom“ nach acht Monaten. Dann sehen wir den Tempel, weiß, nicht allzu groß, aber mit seinem leuchtenden Weiß, wie ein Friedens/eichen. Uns laufen die Tränen herunter, und wir schämen uns ihrer nicht. Wir treten ein und sehen Marmor, nichts als Marmor, alte Leuchter, der Chasaii im weinroten Talar und der Rabbiner im schwarzen. Es ist noch seiir früh. Uns bleibt Zeit, alles zu betrachten, den uralten Vorraum, italienische Juden, ihre Gebetbticher. Lind uns kommt ein Gedanke: Noch verstellen wir nicht vollkommen die Landessprache, aber liier sind schon Menschen, mit denen wir heute ein Gebet sprechen und nicht nur hier — auf der ganzen Weit und heute an diesem. Tag. Neben uns sitzt ein Italiener, er scheint dasselbe zu fühlen, als er unsere Gebetbücher sieht. Man betet hier nach sephardischem Ritus, aber wir finden uns sehr bald zurecht. Der Chasan hat immer den gleichen Niggun, nicht so abwechslungsreich wie bei uns, vielleicht erinnert es mehr an ein wirkliches Dawnen. Beim ״Ausheben“ ertönt plötzlich eine Orgel. Wir hatten sie bisher noch nicht gesehen, und obwohl wir doch gewöhnt waren, nach altem. Ritus zu beten, ist diese Orgel im Moment etwas Gewaltiges und uns scheint, diese Töne müßten die Sorgen der letzten Zeit hinwegschwemmen. — Nun verläuft der Gottesdienst wie bei uns, die Orgel ertönt nicht mehr, man hat eine wunderbare Zwischenlösung gefunden zwischen altem und neuem Ritus. Dann kommt der Priestersegen, das Ergreifendste, was wir je mitgemacht haben. Wahrend die Kohanim die Kehillah segnen, segnen in der Kehillah die Männer ihre Frauen und Kinder. Wer diesen Anblick einmal gehabt hat, weiß, daß er ihn nicht mehr vergessen kann. Ais wir uns am Abend vom Vorstand der Gemeinde verabsctiieden, wissen wir: Wir haben wieder eine Gemeinde gefunden, auch wenn wir in einer anderen Stadt leben, wir gehören zu dieser Gemeinde und sind 11ml bleiben Juden, wenn wir es nur wollen. Lissi Lew in, Cremona wir es für wünschenswert halten, eine weitere Generation mit den Mythen der Schöpfungsgeschichte, der Sintflut, des auserwählten Volkes usw. zu verwirren, wir haben nicht die Zeit dazu, genau so wenig, wie wir Zeit haben für die ganz unerbaulichcn Geschichten aller Könige und Königinnen von England.... Entweder oder. Große Weltgeschichte oder Hinterwinkelgcschichte? Die Geschichte der Menschheit oder die engen, rechthaberischen Scheuklappen-Geschichten der Briten und der Juden?“ Diese Bemerkungen von Wells haben begreiflicherweise einen Sturm hervorgerufen, der sich in Zuschriften an die englische Presse auswirkte. Dabei sind seine Werturteile wirkungsvoll widerlegt worden. Der Bischof von Exeter führte aus, daß gerade die Lage zwischen zwei mächtigen Reichen die Bewohner Palästinas zu geschichtsphilosophischem Denken angeregt habe. Frülier als jedes andere Volk sei Israel und Juda auf das Problem des Bösen gestoßen und habe unter seinen Propheten eine Lösung gefunden und wurde ein Volk, bereit, seine ganze Existenz aufs Spiel zu setzen für die Idee der Gereciitigkeit und des Guten. Wenn auch die Weiis’schen Ausführungen weit davon entfernt sein dürften, sich in England in absehbarer Zeit durchzusetzen, so kann doch die große Publizität, die sie überall fanden, verwirrend wirken, jedenfalls ist cs für uns Juden interessant, gerade bei einem literarisch prominenten ’ Engländer, der freilich politisch keineswegs der maßgebenden Schicht angehört, solche Anschauungen zu finden. Costa Rica Aus San Jose berichtet ״Associated Press“, daß die Eintragung der von der Rcfugccs Economic Corporation im Hinblick auf die geplante Ansiedlung von Juden aus Deutschland in Costa Rica vorgenommenen Bodenkäufe in das Grundbuch mit der Begründung verweigert worden ist, daß die Ziele der Gesellschaft mit der nationalen Souveränität Costa Ricas im Widerspruch stehen. Die Streitfrage wird nunmehr den Obersten Gerichtshof von Costa Rica beschattigen. AUSWANDERER! Sichern Sie Ihre zurückbleibenden Angehörigen durch eine RENTENVERSICHERUNG Günstig• u. unverbind* lieh• Angebot• durch HANS SCHWARZ Frankfurt/M. . Tel, 23 977 Gr. Bocken heimer Str. 29

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