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Jüdische Rundschau · 1937-09-24 · Heft 76-77 (24.9.1937) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 76-77 (24.9.1937)
Date
1937-09-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 76/77, 24. IX. 1937 Die Juden in Afghanistan Von Dr. Walter F i 8 c h e 1, Jerusalem* Von allen jüdischen Volkssplittcrsi des asiatischen Konti• nents hat die Gruppe der persisch sprechenden Juden Afghanistans die geringste Beachtung von seiten der Forschung erfahren. Bis heute ist Afghanistan das dun- Ikelste und unbekannteste Gebiet auf der jüdischen Landkarte geblieben, und die wenigen Informationen, die wir besitzen, reichen nicht einmal aus, um eine genauere Vorstellung von der Zahl der örtlichen Verteilung und die Gewohnheiten dieser jüdischen Gruppe zu erhalten. Die an der Erforschung der orientalischen Juden interessierten Kreise empfanden schon lange diese Lücke, und es wurde immer wieder zum Ausdruck gebracht, dal! es höchste Zeit sei, einen Versuch zu unternehmen, diese Judcnhcit in Afghanistan, ihre Traditionen, Gebrauche, soziale Struktur usw. an Ort und Stelle zu studieren. Seitdem dieser Wunsch geäußert wurde, haben gewaltige Veränderungen in der politischen und sozialen Struktur der Länder Mittelasiens stattgefunden. So wie Riza Sh ah nach dem Vorbild der Türkei mit dem klerikalen, mittelalterlichen Persien endgültig gebrochen und ein neues Iran aufgebaut hat, so hat auch Afghanistan unter Nadir Sliali (1933) und jetzt unter der Führung von Mohammed Zahir Sh ah und seiner Minister die Reformierung und Europäisicrung Afghanistans erfolgreich airgebalmt. Dieser Erneuerungsprozeß Afghanistans, der alle Sphären des Volkslebens umfaßt (moderlies Heer, Erziehung, Universität, Straßenbau, Industrie usw.) wird cs der Wissenschaft ermöglichen, diese terra incognita zu erschließen und auch die elementaren Voraussetzungen liefern, um an eine systematische soziologisch-historische Erforschung des kleinen Splitters der zentralasiatischen Judenheit in Afghanistan heran/utreten. Gesthidiilitht■ lU111iniszen/en Afghanistan ist mit der jüdischen Geschichte verknüpft Vor allem durch die Stadt B a! k h. Nach einer arabisch-persisehen Legende soll die Stadt zur Zeit von Ncbukadnezar gegründet worden .sein, um die!exilierten Judas hier an/tisiedeln. Auch soll der Prophet Jecheskel (nach Ihn Battuta) dort begraben liegen. So wenig die Historizität dieser Berichte nachgewiesesi werden kann, so ist doch sicher, daß das Gebiet um Baikl! und Maimaneli sehr früh Schauplatz jiidischer Geschichte war. Bei den arabischen Geographen des Mittelalters wird von dem ״Bah ai-Jahml'', dem ״Judcntor'1 in Bnlkh. gesprochen, und auch die Benennung von Maimaneh mit ״Jaliudijja", Judenstadt, beweist, daß eine jüdische Sied- Jung beträchtlichen Umfangs dort existiert haben muß. Es ist anzimehmen, daß Balkh, als ein bedeutender Durchgangsnunkt der Hniidclskarawancn nach China, auch den jüdischen kaufleuten aus dem Westen, den sogenannten ״Radaniten“ des 9. Jahrhunderts, als Stützpunkt und Umschlagepiatz für ihre kommerzielle Tätigkeit gedient hat. Im• Zeitalter der Gaonim unterstanden die fernen jüdischen Gemeinden in Chorasan, worunter auch Afghanistan zir verstehen ist, der Herrschaftssphäre des Exilarchen in Bagdad. Der einzige afghanische Jude, der historische Bedeutung erlangt hat und dessen Name in die jüdische Geschichte eingegangen ist, ist der jüdische Breidenker und Kritiker C h i w i - a I ־ B a i k h i aus Balkh, dessen reformatorischc Lehren gegen Ende des 9. Jahrhunderts zu einer heftigen Polemik und literarischen Auseinandersetzung zwischen ihm und R. Saadj Gaon geführt haben. Den Berichten, die Eldad ha-Dani, Benjamin von Tudcla und andere über unabhängige jüdische Stämme in den Gebirgen Afghanistans liefern, ist wohl kaum historische Bedeutung zuzuschrtiben. Interessant ist jedenfalls, daß manche moslemische Stämme in Afghanistan, vor allem die ״Durrani“ und ״lusstifzai״. behaupten, von den ״Bne Israel" abzustammen und ihre Genealogie bis auf Afghana, dem Enkel Sauls (Talut) b. Kisch /urück/ulühren, dessen Familie durch Ncbu- Kadnezar nach Afghanistan verpflanzt worden sein soll. Diese Vorstellung von der hebräischen Abstammung der afghanisehen Stämme hat im 17. Jahrhundert ihren ersten literarischen Niederschlag gefunden, und wie aus mündlichen Berichten von afghanischen Juden hervorgeht, ist im Bewußtsein der Mit¬ *) Vgl. Kr. 87, 00 Jahrgang 1036; Nr. 2, 2472 ,25׳ Jahrgang 1037. glieder dieser Stämme, vor allem auch der Afriden an der afghanisch-indischen Grenze, noch heute die Vorstellung ihrer vermeintlichen hebräischen Abstammung lebendig, eine Theorie, die infolge gewisser Aehnlichkeiten in der Physiognomie, der Haart/acnt (Peoth!), der Namensgebung und anderer Gewohnheiten leicht verleitet, glaubhaft zu erscheinen. Durch die vielen Kriege, Mongolencinfälle, Krankheiten usw. ist wohl das frühe jüdische Element in Afghanistan völlig dezirniert worden, sofern es sich nicht durch Abwanderung nach Turkestan, Indien oder China gerettet hat. Verbindung mit Persien Oie seit dem 18. Jahrhundert in Afghanistan wohnende Judcnheit ist jedenfalls nichts anderes als ein Splitter der crsischen Juden heit; Nadir Shah, der große persische roherer des Ostens des 18. Jahrhunderts, verpflanzte persische Juden von Kazwin nach Mcschhed und Ciiorosan, und als Begründer der jüdischen Gemeinde in Mcschhed hat er zweifellos auch eine Vergrößerung der jüdischen Gemeinde Afghanistans herbeigeführt. So undurchsichtig auch das Schicksal der afghanischen Juden ist, es ist erwiesen, daß der größere Teil der heutigen jüdischen Generation in Afghanistan Nachkommen persischer Juden und noch genauer Nachkommen jener persischen Maranncn ״Djcdid u! Islam“ darstcllen, die infolge der Zwangsbekehrungen nach Hcrat, Sabsawar, Kabul, Baökh und andere Orte Afghanistans geflüchtet waren. Reisende des 19. Jahrhunderts wie Wolf, Vambery, Neumark u. a. stellen einmütig fest, daß sich die Gemeinden in Afghanistan zum großen Teil aus solchen ״Djedid ul Islam“ zusamincnsctzcn. Wie sehr Persien das Reservoir für die jüdischen Siedlungen Zentralasiens, insbesondere Afghanistans, dargestellt hat, wird auch durch kulturelle, liturgische, sprachliche und ethnographische Momente bestätigt. Die Sprache der afghanischen Juden ist nicht irgendein mit hebräischen Sprachelemcnten durchsetzter afghanischer Dialekt, etwa Puschto, sondern jenes Jüdisch-Persisch, das die Juden Ost- und Nordpersiens seit je 11er sprechen. Sie bedienen sich derselben jüdisch-persischen IJebcrsetzungen der Gebete, der Bibel, der Piutim usw. und schließen sich auch dem Ritus nach völlig an die iranischen Juden an. In kultur e 11 e r Hinsicht ist jedoch eine starke Niveaudifferenz zwischen afghanischen und iranischen Juden festzustellen. Wällrend die persischen Juden durch den Kontakt mit Europa, durch die Errichtung von Alliance-Schulen, durch Behaismus und christ'iche Missionstätigkeit aus ihrer geistigen Lethargie aufgeweckt wurden, sind die afghanischen Juden von Europa fast völlig unberührt geblieben. Moderne Schulen besitzen sic nicht. Die Alliance konnte in Afghanistan keinen Fuß fassen, und selbst die christliche Mission wurde dort nie zugelassen. Die Juden in Afghanistan verharren bis heute in einer mittelalterlichen Gebundenheit, fest in jüdischer Tradition verwurzelt, mit abergläubischen Vorstellungen belastet und führen in ihrem Ghetto .,Mahal! al-Jahud“ ein patriarchaisches religiös und kulturell autonom gestaltetes jüdisches Leben. t WirtschafÜidie Lage In wirtschaftlicher Hinsicht war die Lage der afghanischen Juden lange Zeit nicht schlecht. Als Händler mit Fellen, Schafen, Karakul, Teppichen, Drogen usw. führte sie ihr Weg längs der alten Karavvanenstraße nach China und Indien, nach Rußland und Persien. Mcschhed war geradezu der Umschlagshafen der afghanischen Kaufleute, von wo aus dann die Waren nach Leipzig, London, New York usw. befördert wurden. Doch neben dieser internationalen Seite ihrer kaufmännischen Tätigkeit erfüllten die afghanischen Juden bis vor wenigen Jahrzehnten auch eine spezifische binnenwirtschaftliche Funktion. Die afghanische Bevölkerung setzt sich ähnlich wie die Kurdistans aus vielen einzelnen moslemischen Stämmen zusammen, die planmäßig organisiert sind und deren ״chiefs“ den Feudaladel des Landes darstcllen, ins Parlament gewählt werden und die Geschicke des Landes bestimmen. Der nach Sprache, Religion und Rasse verschiedene Jude kann naturgemäß kein Mitglied des Stammes sein, und er steht deshalb ganz außerhalb des öffentliehen politischen Lebens. Aber gerade diese Nichtzugehörigkeit zu einem der afghanischen Stämme machte die Juden zu den gegebenen Vermittlern des Warenaustausches zwischen den sich früher so häufig befehdeten Stämmen. Und lange Zeit waren sie die einzigen, die es wagen konnten, in die Gebiete der einzelnen Stämme vorzudringen. Jedoch die Blüte ihrer Handelstätigkeit ist vorbei, und auch die Ocldleihtätigkeit und andere Bankgeschäfte, die die Juden zusammen mit den Hindus in Afghanistan betrieben haben, ist durch die Errichtung moderner nationaler Banken ihren Händen entrissen. Zahl der Juden Afghanistans Wieviel afghanische Juden gibt es heute noch? Mit Absicht ist diese Frage nicht an den Beginn unserer Ausfiihrungen gestellt worden. Denn die bisherigen Informationen über ihre Zahl waren ebenso widerspruchsvoll wie unrichtig. Nach der Jewish Encyclopaedia (1902) soll es 40 000, nach der Encyclopaedia Judaica (1927) 18 000 Juden in Afghanistan geben, doch auf Grund neuester Informationen und Feststellungen dürfte ihre Zahl heute nicht mehr als etwa 4000 betragen. Bezüglich der geographischen Verteilung der Juden wird immer wieder die veraltete Nachricht von der Existenz von mehr als 60 jüdischen Gemeinden vorgebracht. Dies mag einmal richtig gewesen sein. Die neue Juden- Politik der afghanischen Regierung hat jedoch zu einer Konzentration der gesamten afghanischen Judenheit aut einige wenige Städte geführt. Von den Dörfern in den Grenzgebieten im Norden wurden die Juden alle ins Innere des Landes verflanzt, ihre Freizügigkeit und kaufmännische Betätigung stark cschrärikt, so daß heute Juden wohl mir noch in einigen grö- Deren Städten wie Herat, Kabul, Ghazna, Maimaneh, Balkh usw. anzutreffen sind. Anlaß zu dieser Verschlechterung des Loses der afghanischen Juden scheint die in den letzten Jahren erfolgte Durchwanderung einer größeren Zahl von bucharischen und anderen russischen Juden aus Merw, Buchara, Samarkand, Taschkent m a. nach Afghanistan gewesen zu sein, die auf der Flucht vor dem Bolschewismus nach Afghanistan kamen. Die Berichte, die über die Lage der afghanisehen Juden gedrungen sind, scheinen in direktem Zusammenhang mit dieser russisch-bucharischen Flüchtlingsbewegung nach Afghanistan zu stehen. Obwohl inzwischen der größere Teil dieser Flüchtlinge Afghanistan wieder verlassen hat und über Karachi, Bombay oder Iran ihr Hauptziel, Erez Israel, erreicht hat, sind auch die alteingesessenen afghanischen Juden durch die neuen Verordnungen, vor allem auch durch die staatliche Monopolisierung der bisher in jüdischen Händen befindlichen Handelszweige stark betroffen worden. Für die meisten afghanischen Juden ist jede Existenzmögliehkcit abgeschnitten, und sie sehen nur in der Ausw a n d e r u n g aus Afghanistan die einzige Lösung _ ihres schweren Schicksals. Der heißeste Wunsch der afghanischen Juden ist heute ein Zertifikat für Erez Israel. Beziehungen zu Palästina Es ist vielleicht nicht bekannt, daß ungefähr gleichzeitig mit den buchatischen Juden vor dem Weltkrieg auch einzelne afghanische Juden aus religiös-nationalen Gründen nach Jerusalem ausgewandert waren. Die Familie Schau- Io ff aus Herat, der Hcrater Rabbiner Gardji selbst wurden die Begründer der afghanischen Judenkolonie in Jerusalem. Es sei rühmend hervorgehoben, da» an dem jüdisch-persischen Druckwesen, das in Jerusalem zu Beginn des 20. Jahrhunderts inauguriert wurde, afghanische Juden wie Schauloff, Oardji usw. einen hervorragenden Anteil hatten. Es wurden u. a. eine ganze Reihe ccm Werken afghanischr Juden, Kommentare znf Thora, zu der! Psalmen, Piutim usw. gedruckt, die die Erstlinge des jüdisch-afghanischen Druckwesens darstellen. Wenn einmal die Geschichte der Chibaf-Zion-Bewegung nicht nur Osteuropas, sondern des asiatischen Orients geschrieben sein wird, wird man erkennen, welche Rolle Erez Israel im Denken auch der afghanischen Juden gespielt hat. Die afghanische Gemeinde in Jerusalem hat sich in den letzten Jahren sehr vermehrt und ist heute um zwei Synagogen konzentriert und zählt etwa 400 Seelen. Die jüngere Generation ist ganz iin Dienste des Aufbaus als Arbeiter und Handwerker aller Art tätig, und bei aller Wahrung ihrer Eigenart sind sie heute ein wesentlicher Bestandteil aes Jisclmw geworden, beneidet von denen ihrer Landsleute, denen es noch nicht möglich war, den Traum ihres Lebens zu verwirkliehen und nach Erez Israel zu wandern. mJ 1 Li TV/ik X LiJLi Von C. Z. K 1 o e t z e 1 1. Uri,.״,,,( Um so liest ürzter war er, als die Katze eines Tages nicht nur zu ungewohnt früher Stunde verschwand, sondern auch erst spät in der N'aehl heimkehrte und das in einem Zu- Stande, den er bisher an ihr nicht kennenpelcrnt hatte. Ihr sonst so scidenglatlcs Fell, mit dessen Pflege sie viele Stunden des Tages verbrachte, war rauh und zeigte Schmutzflecken. Ihr ganzes Wesen war verändert; hei augenscheinlieli starker Ermüdung war etwas von Wildheit und Trankenheit an ihr. Zum erstenmal kam Jawnieii der Gedanke, daß seine saubere, ordentliche, charaktervolle Katze eben doch mich zu den Raubtieren gehörte. Die Katze .schlief am nächsten Tag bis in den hohen Mittag und war dann wieder ihr altes Selbst, mit glattem Fell und jener graziösen Faulheit, die so fern schien von aller Wildheit des Raubtiers. Jawnieii war nur allzu bereit, ihr zu verzeihen. Aber nach einiger Zeit wiederholte sieh das ungewohnte Ausbleiben und die nächtliche Wiederkehr. Es wiederholte sich zum zweiten und dritten Mal. Jawnieii war tief gekränkt. Er beschwerte sieh bei Sehend ob, aber der lachte ihn aus. ,,Die Katze ist klüger als du!“ sagte er. ״Sie amüsiert sich. Hast du gemeint, sie würde deinetwegen ledig bleiben? Es kann nicht jeder wie ein Nasiräer leben.“ Natürlich, dieser Schemtob, der von nicht viel anderem redete, als von seinen Liebesabenteuern, fand das ganz in der Ordnung. Jawnieii aber spürte, daß das Chaos, dem er glücklich entronnen zu sein glaubte, wieder an seine Tür pochte. Sein erster Impuls war, die Katze fortzujagen, die Schlange aus seinem Paradies zu ■vertreiben. Aber verjag du einmal eine Katze, der du drei Monate lang ihr Fressen gereicht hast! Jawnieii brachte cs einfach nicht fertig. Alter irgend etwas war ihm an dem Tier jetzt unheimlich. Dunkel spürte er, daß von ihr ihm Gefahr drohte. Dann entdeckte er etwas Verblüffendes. Er fand heraus, daß die geheimnisvollen Ausflüge der Katze, von denen sie immer so verwildert heimkehrte, stets am Freitag stattfanden. Sie verschwand Freitag morgens nach Sonnenaufgang und kehrte erst spät in der Nacht zurück: erschöpft, offenbar sehr satt, und in einem Zustand seltsamer Wildheit. Er berichtete Scheintob von seiner Entdeckung. Das sei doch geheimnisvoll; immer nur am Erew Schabbat komme dieser böse Geist über die Katze. Ob er, Schemtob, etwas von Knbbalnh verstehe? Er habe gehört, daß darin viel von verzauberten Tieren die Rede sei. Schemtob grinste. Wenn Jawnielis Katze verzaubert sei, so seien es die Kaizen der ganzen Umgegend. Sie alle liefen pm Freitag morgen davon und kehrten nachts toll und voll wieder heim. Denn sie zögen nach Kfar Jehoschua, wo am Freitag in jedem Haus die Fische für den Schabbat geputzt würden. Ob Jawnieii nicht wisse, daß jede Katze verrückt nach Fisch sei? Am Freitag strichen sie um alle Küchentüren herum und stiegen in alle Abfalltonnen, um ihr Teil zw kriegen. Abends spät, wenn man gegessen hatte und die Gräten fortschüttete, hielten sie eine zweite Ernte. Und wen« gleichzeitig Brunstzeit sei, könne Jawnieii ihr Miauen bis herauf zu seinem einsamen Pumpenhiiuschen hören. Er war von dieser Erklärung wie niedergeschmettert. Da schon seine Katze vom Pfade der Tugend abgewichen und ein Kind des Chaos geworden war, hatte es ihm einen gewissen Trost gewährt zu glauben, daß sie damit einem dunklen, von höheren Mächten gesteuerten Trieb folgte. Und jetzt wollte das dumme Vieh bloß Fisch fressen! Die heilige Ordnung seines Paradieses wurde dadurch gestört, daß der Geruch von Schuppentieren aus dem fernen Kfar Jehoschua in die rosigen Nüstern seiner Katze stieg. Er versuchte es mit einer List, gab ihr am nächsten Donnerstag abend eine ganze Büchse Sardinen zu fressen. Die Katze fraß sie mit großem Genuß und leckte auch noch den letzten Tropfen des Olivenöls auf, in dem sie sehvvammen — aber am Freitag morgen war sie trotzdem verschwurtden. Als er eine Woche später versuchte, sie cinzusnerren, kratzte sie ihn so, daß er sie schnell fahren ließ. Und da er nicht die Kraft aufbrachte, sie fortzujagen, begann er so zu tun, als ob er ihre Ausflüge gar nicht weiter beacht«. Aber tief im Herzen wußte er, daß sie ihn besiegt hatte. Viele Wochen später erwachte Jawnieii einmal mitten in der Nacht dadurch, daß die Pumpe anl'ing, unregelmäßig zu arbeiten. Er sprang sofort aus dem Bett, eilte in den Motorraum und stellte fest, daß ein bestimmter Teil der Maschine schadhalt geworden war und ausgewechselt werden mußte. Er stand bei Morgengrauen auf und machte sich auf den Weg nach Tel Aviv. Während er in der Dämmerung den Pfad zwischen den Orangenbäumen hinabstieg, der zur Chaussee führte, sah er in einiger Entfernung die Katze vor sich herlaufen. Da fiel es ihm ein, daß Freitag war. Er besorgte sieh den Ersatzteil und machte sich sofort auf den Heimweg; je eher die Pumpe wieder lief, desto besser. Aber als er sich Kfar Jehoschua wieder näherte, wandten sich seine Gedanken der Katze zu. Es war Freitag, der Tag, an dem, wie Schemtob behauptete, alle Katzen der Umgegend sich in Kfar Jehoschua versammelten. Nun, «r würde heute einmal selbst sehen, was daran war. Sobald «r das erste Haus der Siedlung erreicht hatte, hielt er — mit größerer Erwartung, als er sich selbst zugestehen mochte — nach den Katzen Ausschau. Zuerst schien es, als habe Scherntob geschwindelt; nicht eine einzige Katze war zu erblicken. Dann waren sie plötzlich überall: Katzen von allen Größen und Farben, wohlgepflegte Hauskatzen und halbverwilderte, struppige Kntz.envagabunden. Sie saßen auf Zäunen, im Schatten der Mauern, manche sogar auf niedrigen Dächern, und jede einzelne starrte aus dem schmalen Schlitz ihrer dunklen Pupillen in den großen, runden, hellen Augen auf eine Tür oder auf ein Fenster, aus denen ihnen der Geruch von Fischen zuströmte. Sie waren unheimlich. Obwohl sie ganz still dasaßen — nur die Schwänze bewegten sich schlangenhaft in der Wollust der Erwartung — spürte er hinter ihrer Regungslosigkeit die wilden und ungebändigten Kräfte, die ]osbreehen würden, sobald man die Eingeweide eines Fisches zu ihnen herauswerfen würde. Dann würde sich jede von ihnen in eine Bestie verwandeln, voller Freßgier, Futtcrneid und Kampfeslust: ein Stückchen van jener wilden, ungeordneten, dem Zufall und der rohen Kraft anheimgegebetien Welt, aus der er, Jawnieii, sich in die Ordnun«■ seines Orangenhains und in die Gesetzmäßigkeit eines Tagesablaufs geflüchtet hatte, dessen Zeitmaß das präzise Tacken des Motors war. Als er den Ort schon fast völlig durchschritten hatte, fand er sich plötzlich seiner eigenen Katze gegenüber. Seine Schritte hatten sie aus einer Abfalltonne aufgeschreckt, 1n der sie gestöbert hatte. Sie sah 90 verwildert aus, daß Jawnieli sie nicht erkannt hütte, wäre nicht der kleine, schwarze Fleck mitte» auf der Stirn gewesen, den Schemtob ihre ״Tefillin“ nannte. Wie ein weißer Blitz schoß sie aus dem Innern der Tonne auf deren Rand. Als sie Jawnieii erkannte, blieb sie ruhig dort sitzen und sah ihn, wie ihm dünkte, voller Hohn an. Mit ihrem gesträubten Fell, in dem Hühner* federn und Strohhalme hingen, und mit ihren wildfunkelnden Augen erschien sie ihm als die fleischgewordene Verhöhnung all dessen, was seinem Leben Sinn und Halt gab. Jawniel bückte sich, nahm einen Kiesel von der Straße auf und schleuderte ihn nach der Katze. Sie sprang davon, sobald er mir mit dem Arm ausholte. Der Stein traf mit dumpfem Tan die Tonne, prallte ab — und im nächsten Augenblick hörte Jawnieii das Klirren einer zerbrechenden Scheibe und einen leichten Schrei. Gleich darauf fuhr aus der Tür des gegenüber liegende« Hauses eine weibliche Gestalt. Sie war jung, groß und von einer gewissen Ueppigkeit. Was Jawnieii zuerst von ihr bemerkte, war ein Wust brandroten Haares über einer niedrigen S.irn. Das Gesicht war zum größten Teil verdeckt durch die rechte Hand, die sie mit dem Rücken gegen ein paar sehr rote Lippen gepreßt hielt, und von der ein kleines Rinnsal Blut heruntertropft«. Sie sah Jawnieii nicht gleich, weil er hinter einem Baum stand, und wandte den Kopf schnell nach rechts und links, den Missetäter zu suchen, der den Stein durch ihr Fenster geworfen halte. (Schluß folgt) #

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