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Jüdische Rundschau · 1937-09-24 · Heft 76-77 (24.9.1937) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 76-77 (24.9.1937)
Date
1937-09-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 76/77, 24. IX. 1937 ״Synthetisches“ Judentum Seit der Zeit der westeuropäischen Emanzipation fehlte es nie an Versuchen, eine Definition vom Wesen des Judentums zu geben. Die Resultate dieser Untersucliungen sind sehr verschieden und tragen den Stempel der jeweiligen üeistcshaltuiig der Generation. Da das Judentum einet! ungeheuren Komplex darstcllt, der die verschiedensteil Lebensvarianten des Volkes beinhaltet, war es möglich, bald die eine, bald die andere Seite unseres Wesens besonders heraus/tiarheiten und sic dem Zeitgeist anzupassen. So hat die These, daß das Judentum ein individual ist!• sc h es Religionssystem mit univcrsalistisclicn Tendenzen darstcllt, sehr lange in der postemanzipatorischen Assimilationszeit die öffentliche Meinung beherrscht. Seit der Geburt der jüdischen Renaissance hat sich der Begriff der ״Nation“ Bahn gebrochen,_ und in der Sturm-und Drangperiode dieser jungen Bewegung ist dieumgckehrte Methode populär geworden: Man stellte alle Erecheinungsfornien des antiken, mittelalterlichen und modernen Judentums auf den Begriff des Kollektiv ums ab. Hier soll nun von einem einzigen Gesichtspunkt die synt h e t i s c h e H a 11 u n g des Judentums, welche das Individuum streng an das Kollektivum bindet und die Qualität des letzteren doch nach dem Wert des Einzelnen bestimmt, aufgezeigt werden. Um die Ebene des Judentums genauer abstecken zu können, ist es gut, einen Seitenblick auf zwei extreme Welten zu werfen: Auf die Mallung, die der ״Ferne" Osten einerseits, und auf die, die der ״nahe“ Westen andererseits zu diesem Problem ein nehme 11. Fernöstlidies Denken Im fernöstlichen Denken stellt das Individuum nichts Absolutes dar, nichts Abgeschlossenes, wie im westeuropäischen Denken. Dort ist jeder Mensch nur ein Glied in einer endlosen Kette; räumlich und zeitlich. Zeitlich ist das Individuum das letzte Ergebnis einer unberechenbaren Reibe von Vorfahren, die am Anfang des Lehens stehen. Eine Reihe von Nachfahren wird folgen und in das linde des Lebens einmtimlen. Ans einer solchen Kette lebendiger Tradifion kann sich kein Individuum heraus lösen, lis gibt aber nicht nur eine n solchen Faden von Ewigkeit zu Ewigkeit, sondern viele. Diese aber laufen nicht parallel, wie auf einem Webs tu 111, sondern sind, untereinander verknüpft zu einem unendlichen Net/.. Dieses Netz ist das Leben, und jeder Mensch stellt mir eitlem Knoten dieses komplizierten Garns dar. Wie mail aus f'inein Netz aber keine Knoten herausnehmen kann, so kann sich cm Individuum nicht aus dem Lebensstrom des Volkes willkürlich herauslösen. Denn vom Ganzen aus gesehen Dt das Individuum keine absolute, sondern eine relative Erscheinung. Nach fernöstlicher Auffassung nimmt das Individuum aus subtilen Keimen seinen Anfang, wächst, entwickelt sieh, erreicht einen gewissen Höhepunkt, um nach einer kurzen Daseinspause wieder dahinzusinken. Es gleicht einem Fluß, der aus einer kleinen Quelle seinen Ursprung nimmt, sich — durch Zuflüsse — zu einem starken Strom entwickelt, um ins Meer zu münden. Genau wie der Strom durch Zuflüsse, wächst das Individuum durch Einflüsse von .Milieu, Volkssitte und Klima und mündet in die Ewigkeit. Das heißt aber, daß sein Leben nichts anderes darstcllt als einen Bogen, der v o m Kollektivum seinen Anfang nimmt und im Kollektivum mündet. Daher ist jeder östliche Mensch zutiefst mit seinem Volk verknüpft. Sein ganzes Tun und Denken Ist auf die Nation eingestellt. Der ganze Sinn des Daseins wird nur im Dienste an'ihr und für sie gesehen. Es wird keinem östlichen Mensehen einfallen, seine persönlichen Leistungen — und sogar die auf kulturellem Gebiet — auf sein eigenes Konto zu setzen. In China sind Jahrtausende lang Kommentare von unbekannten Autoren zu I.ao-Tse und Kung-Fu-Tse, in Indien Millionen von Sprüchen und Volksweisheiten, die keinen Verfasser haben, in die Welt gesetzt worden. Es ist eine Welt des ״Persänüchkeits-ungebundenen Geistes“, [denn das Individuum ist eine Anonymität, die anerkannte öffentliehe Körperschaft aber nur die Nation. Westliches Denken Den Gegenpol zu der eben skizzierten Welt des Fernen Ostens liefert der moderne europäische Westen. Hier herrschte bis in die letzten Jahre hinein ein Individualismus in den verschiedensten Formen und auf den verschiedensten Gebieten des geistigen Lehens. Wenn der ethische Individualismus das Individuum als Selbstzweck, und als letztes Ziel ries Streitens das Glück des Einzelnen anerkannte, so betrachtete der politische Individualismus Gesellschaft und Staat nur als Hilfsmittel zur Erreichung dieses Zieles des individuellen Glücks. Wenn der wirtschaftliche Individualismus das freie Spiel der individuellen Kräfte pro• klaniierte, so stellt sich der p ä d;1 go g i s c 1! e auf die individuelle Eigenart des Zöglings ah, und der soziolo• gäsche bewertete die Gesellschaft nur als Wechselwirkung der Individuen. Aus der Fülle der Möglichkeiten, den individualistischen Charakter des europäischen Westens, der bis vor kurzem noch vorherrschend war, auf/uzeigen, sei hier ein Beispiel herausgegriffeu, das den Unterschied zur fernöstlichen Welt sehr verdeutlichen wird: Am Anfang der geistigen Produktion Europas steht der Synkretismus, d. h. Lyrik, Epik und Dramatik sind voneinander noch nicht unterschieden. Die Literatur trägt überall einen kollektiven Charakter. Das Volk drückt seinen Schmerz und seine Freude, seine Trauer und seine Lust in Liedern, Gedichten und Er- Zählungen aus. Diese literarischen Produkte tragen noch keinen Namen eines Verfassers. Sie sind anonym. Im Laufe der Jahre ist eine zweite Entwicklungsstufe zu konstatieren. Einzelne anonyme Menschen bearbeiten die verschiedenen Gebiete der Yolkslitcratur. Mit Recht hat man darauf hingewiesen, daß die Ilias und Odysce nichts anderes sind als die von einem Volksdichter gesammelten Volksschöpfungen. Auf dieser zweiten Entwicklungsstufe hat ein Individuum bereits gearbeitet. Aber für das Volk. Und deshalb bleibt sein Name gewöhnlich unbekannt. Erst später, auf der dritten Stufe geistiger Entwicklung, entstellt eine gewisse Pro-!)lematik des Lebens, die die Masse nicht mehr versteht und In ihr literarisches Blickfeld nicht mehr cinfangcn kann. Deshalb nehmen sich hervorragende Individuen dieser Probleme an und geben ihnen einen geistigen Ausdruck. D:e ׳י'•■'*••- erhält hier ihre persönliche, individuelle Note. Die Position des Judentums Zwischen diesen beiden extremen Welten — natürlich nicht cntwickhingsgeschichtlich-horizontnl, sondern vertikal gesehen — steh׳ das Gedankengebäude des Judentums und trägt in sich a priori die charakteristischen Züge beider Welfen. Als ein orientalisches Volk sind wir Juden cha- Takterlich kollektivistisch gestimmt, und der Begriff der ״Nation“ ist im Leben vorherrschend. Man nehme etwa dasselbe von uns gewählte, für den Fernen Osten und Europa so typische Beispiel der kulturellen Entwicklung und projiziere es auf unser spezielles Gebiet der jüdischen Kultur, und man wird etwas sehr Erstaunliches finden: Es gibt zwar eine kollektivistisch-anonyme, aber es ibt — auch in Zeiten, in denen wir die groeil Menschen dazu schon hatten — keine indivi dualistisch •persönliche jüdische Literatur. Man greife aus unserer Literatur heraus, was man will. Man wird immer zum gleichen Resultat kommen. Wer hat die Bibel geschrieben? Ich will an dieser Stelle natürlich von bibelkritischen Aspekten absehen. Aber die einzige Antwort, die man darauf geben kann, ist doch, daß sie ein von Gott und prophetischem Geist inspiriertes Volks buch ist. Wer hat alle Geschichtsbücher der Bibel, Josua, Richter, die Bücher Samuel, Könige —■ ja, sogar die Bücher Ruth, das Hohe Lied und die Psalmen geschrieben, gesungen und gedichtet? Das Volk. Es gibt keinen individuellen Verfasser. Nur das Kollektivum zeichnet verantwortlich. Sogar für die ausgesprochenen individualistischen Werke. Mit Recht hat man daran erinnert, daß sogar die Bücher der Prophetie keine Autoren-Namen — im modernen Sinne des Wortes — tragen. Zum Teil sind es ja Zusammenstellungen auf Grund von Aufzeichnungen, und manchmal hat die Tradition — wenn es nötig war — geistige Produktionen auch zusammengelegt, wie z. B. die Prophetien Jesaja 1 und II, denn auch hier spielt das Individuum keine Rolle. Das Erstaunliche dabei ist, daß dieses kollektivistische Bild sich auch viel später nicht ändert. Noch der Talmud — dieses ungeheure enzyklopädische Werk — ist genau so anonym, wie der noch spätere Midrasch. Erst auf dem Boden Spaniens, bei der Begegnung mit der arabischen Kultur, auf der Pyrenäcn-Halbinsei, als sich das jüdische Zentrum von Asien nach Europa verlegte, erhielt unsere Literatur die ersten Autoren-Namen. (Der erste individuelle Autoren-Namc, von dem wir wissen, Philo, war ja den Juden völlig unbekannt und hat in der Erinnerung des Volkes keinen Platz eingenommen.) Diese kollektivistische Einstellung des Judentums macht sich im Lehen des Volkes, und also auch im Rhythmus des Jahrelang stand ich in Verbindung mit Bialik und kam doch nie dazu, den größten von unseren Dichtern kennenzulernen, denn wir wohnten weit voneinander entfernt, er in Odessa und ich in Kiew. Dann kamen die Golusiahre nach 1905, ich wurde ins Ausland verschlagen, in die Schweiz, über den Atlantischen Ozean, nach Amerika. Da gab ich die Hoffnung, mit dem Riesen der Riesen zusammenzutreffen, ganz und gar auf. Aber was tut Gott? Die Zionisten fahren 1907 zum Kongreß in den Haag, und die amerikanischer! Zionisten wählen mich zum Delegierten, und ich fahre nach Holland in den Haag. Am Tag, bevor der Kongreß anfängt, ist eine Konferenz der Hebraisten. Ich komme herein. Der Saal ist voll. Vorsitzender ist L. Lewinski. Er klopft mit dem Hammer auf den Tisch. Die Menschen sind aufgeregt. Und aufgeregter als alle kocht und siedet da ein junger Mann. Ganz klar: ein ״Bourgeuk“; bei uns zu Hause nennt man so einen ״Kaufmann“. Ich gucke mir den jungen Mann an und schließe, er muß entweder ein Aufgeklärter sein, der eben noch beim Schwiegerpapa auf Kost saß, oder so ein Schwiegersöhnchen, das noch in Kost ist. Und weil er ein Aufgeklärter ist und sein Schwiegervater ein vermögender Mann, haben die Zionisten seines Städtchens ihn zum Delegierten gemacht, der wahrscheinlich sogar auf eigene Kosten zum Kongreß fährt. Und ich meine, so muß es sein, und irren kann ich nicht, denn ich bin doch Schriftsteller, und welcher Schriftsteller ist denn kein Physiognomist? Kein Auge lasse ich von ihm, und immerfort und allemal springt jener auf. Alle reden hebräisch, und er auch. Und jedesmal schießt er los: Adrabah! Lol Ejn ani maskim! -— Er ist nicht elnvcrstanden! Er ist nicht einverstanden! Der Vorsitzende, Lewinski, klopft mit dem Hammer. Die Konferenz ist zu Ende. Die Teilnehmer kochen noch vor Erregting. Der Vorsitzende steht vom Tisch auf. Wir begrüßen einander. Ich will gehen. Der Vorsitzende hält mich noch eine Minute zurück: Warten Sie einen Augenblick. Ich will Sie erst mit unserem Bialik bekannt machen. Biolik? Ist er denn auch hier? Wo ist er? Hier ist er doch! Und er stellt mir den ״Bourgeuk“ vor. Dieser, eben dieser kleine Bourgeuk, war der große Bialik. Was bedeutet, daß ich nicht ein so scharfer Physiognomist bin. * Im Haag blieb ich nicht lange, aber die ganze Zeit waren wir zusammen, Bialik und ich. Am breiten, weißsandigen Ufer des weißsilbrigen Meeres gingen wir stundenlang spazieren und führten Gespräche, als kennten wir uns seit Jahren und Jahren, ja als hätten wir uns in unserer fernen Kindheit getrennt und nun wiedergefimden. jeder von uns hatte zu erzählen von der Vergangenheit und von der Zukunft zu phantasieren, — und die Zeit ist so kurz! Bialik gab mir sein Wort, mich auf der Rückfahrt in Genf zu besuchen, und er hielt Wort. Nach einer kurzen Italienreise kam er über Rosch Haschanah zu mir nach Genf. Damals war auch der ״Seide“ Mendele Mocher Sforim in der Schweiz im Golus und auch Ben Ami, der noch heute in Genf wohnt. Es ist selbstverständlich, daß jeder von uns dreien die Ehre und das Vergnügen haben wollte, den großen Gast bei sich zu haben. Aber da die Idee von mir war, kam Bialik gleich zu mir. Meinen Kollegen verheimlichte ich •cs zunächst, ich wollte sie überraschen. Andern Morgens, Rosch Haschanah früh, nahm ich meinen Gast und ging mit ihm in Schul. Der Seide und Ben Ami waren bereits da. Der Seide hieß Bialik gleich willkommen, Ben Ami nicht. Er war brennend empört, warum Bialik zu mir und nicht zu ihm, zu Ben Ami, gekommen war. Wer Ben Ami kennt, wird seine Eifersucht verstehen. Beim ,.Ausnehmen“ gingen wir aus der Schul auf den Hof, da konnte Ren Ami sich nicht mehr beherrschen und machte dem Gast Vorhaltungen, warum er nicht bei ihm eingekehrt wäre. Bialik fand keine andere Ausrede, wollte sieh aber doch vor Ben Ami rechtfertigen und erklärte, er hätte gar nichts tun können, denn er käme eben erst vom Bahnhof. Wann? Heute? Heute am ersten Tag Rosch Haschanah?! Der größte jüdische Dichter ist am Rosch Haschanah ge• fahren??!! Und von wem hört er das? Von Bialik selbst?! Himmel, öffne dich!! jüdischen Jahres, bemerkbar und erfüllt besonders den Geist einiger unserer Feier- und Traucrtage{ wie Peßach, Schawuoth, Sukkoth, Schiwoh ossor b’Tamus, Tischa b'Av usw. Nun bedeutet Judentum bekanntlich nicht nur ״Volk“, sondern auch ״Religion“. Während das Volk immer zu einem Kollektivum spricht und sich an dasselbe wendet, besteht ja der Eigencharakter der Religion darin, zum einzelnen Menschen zu sprechen. Schon aus dieser Verbindung /Uufncutft MoffmaHH Herrenunct Damen-Ausatattungen Berlin SW, bricdrichstraße 50-51. von Volk und Religion ergibt sich auf der zweiten Heml- Sphäre der jüdischen Welt die vorhandene individuelle Note, Deshalb die große Rolle des ״Du“ in der jüdischen Tradition, dieses ״Gott segne Dich und behüte Dich . ־. , Du sollst heute erkennen und es Dir zu Herzen nehmen... D u sollst Gott Heben mit Deinem ganzen Herzen, mit Deiner ganzen Seele...“ Im gleichen Sinne deutet der Midrasch die bekannte Stelle der Tradition: ״Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs“. Die dreimalige Wiederholung deutet darauf hin — so meint der Midrasch —, daß jeder für sich seinen Weg zu Gott durchmachen mußte... Deshalb die klassische Bedeutung der religiösen Per« sönlichkeit im Judentum. In der religiösen Sphäre gibt es nur den persönlichen Weg von Mensch zu Gott, und gerade in der Massen- und Kollektivschöpfung des Cnassidismus kann man ja durch den Begriff des Zadik, des Einzelnen, der immer wieder die ״F.da“, seine Gemeinde, rettet, die individualistische Note herauslesen. So ist das Judentum. Der Einzelne ist nichts ohne die Gemeinschaft. Aber die Kultur höhe des Volkes hängt vom individuellen Wert des Indivi« d u 11 m s ab. Die gesamte Prophetie im Judentum ent« wickelte sich ja aut den Schultern des Volkes, aber sie wäre ohne die Stellung des Individuums im Judentum nicht mögHchi gewesen. Wenn man schon daran geht, das Gedankengebäude eines Volkes auf eine Formel zu bringen, dann stellt das Judentum ein national-religiöses, d. h. in unserem Falle ein indi« vidualistisch-kollektivistisches Gefüge dar, Dr. Max Nußbaum Und je mehr Ben Ami kochte und sich erboste, desto mehr lachte Bialik. Und je mehr Bialik lachte, desto mehr kochte Ben Ami. Es fing an, sehr lebendig zu werden, ein Auflauf entstand um uns. Der Seide kam dazu. Als er sah, wie die ״Enkel“ kochen, der eine sich erbost, die anderen lachen, nahm er sich auf der Steile Ben Ami vor und lachte ihn aus, wie nur der Seide es kann: ״Was? Seid Ihr etwa Gottes Gendarm in der Schweiz, Euch Gottes Amtes an den großen Feiertagen anzunehmen? Verlaßt Euch auf den Schöpfer der Welt, er kann sein Stadt« chen allein bestellen — hat inan schon so etwas gehört?“ Wer Ben Amis hitziges Temperament kennt, weiß, er kann nicht lange böse sein. Und überhaupt Bialik böse sein. Kann man denn lange einem Schalk böse sein, einem lieben Schalk, der so herzhaft lacht und lachen macht? Wir einigten uns bald an Ort und Steile, erledigt. Wohnen soll der Dichter bei mir, und essen soll er einmal da, einmal dort, so daß er unser aller Gast ist. Und so verbrachten wir mit dem großen Gast eine gute Woche. Eine unvergeßliche Woche. Und dann war die Woche um, der Gast fort, und in der Schweiz wurde es stille, und die hohen, ewig schneebedeckten Berge und der blaue Himmel spiegelten sich im schönen stillen Genfer See. Bialiks Name aber fiel noch häufig zwischen uns, und zwar wegen eines neuen Zwischenfalles, eines neuen Spaßes. Eines schönen Morgens bekam ich einen Brief von Bialik. In diesem Brief tut mir der große Dichter kund und zu wissen, daß er irgendwo unterwegs ein Paar Pantoffeln vergessen hat, und bittet mich, so gut zu sein und einen Blick unters Bett zu werfen, in dem er geschlafen hat, und falls ich da seine Pantoffeln finde, soll ich sie ihm schicken. Geschrieben ist der Brief in Bialiks Stil der hebräischen ,,Schrift“-Sprache: Hasteckschich scheli (Pantoffeln heißen jiddisch ״Steckschuhe“). Und nun ging eine Pantoffelhochze.it los. Es flog Brief auf Brief, darin immer wieder erwähnt und wiederholt und an die hundertmal durchgekaut das Wort Pantoffeln. Iin ersten Brief schreibe ich ihm, daß ich die Pantoffeln unter dem Bett gesucht habe, in dem er, Bialik, schlief, daß ich aber nicht genau weiß, ob die Pantoffeln seine Pantoffeln oder nur einfach Pantoffeln sind. Und damit auch nur, behüte und bewahre, nicht der mindeste Irrtum vorfallen könnte, brachte ich einen photographischen Apparat herbei und photographierte die Pantoffeln, und so erhalte Bialik als Anlage (razuf poh) ein Bild der Pantoffeln, er möge die Pantoffeln wohl ansehen und mir bald vermittels eines Briefes mitteilen, ob die Pantoffeln seine Pantoffeln seien. Darauf erhalte ich einen Brief von Bialik, in Anbetracht dessen, daß er sich das Bild der Pantoffeln genau angesehen und darauf seine Pantoffeln erkannt habe, so daß er mit bestem Wissen und Gewissen schwören könne, daß die Pantoffeln seine Pantoffeln seien, solle ich ihm in Gottes Namen und um Himmels willen seine Pantoffeln schicken! Antworte ich ihm mit einem Brief, er solle so gut sein und mir eine Empfangsbestätigung über die Pantoffeln schicken, dann würde ich ihm die Pantoffeln schicken. Darauf bekomme ich von Bialik einen Gewaltbrief: Was solle das heißen? Habe man schon so etwas gehört (Hajischma kasofh)? Wie könne er mir eine Empfangsbestätigung über die Pantoffeln schicken, bevor er die Pantoffeln erhalten habe? Antworte ich ihm, da gebe es nur einen Rat: ich schicke ihm vorerst einen Pantoffel von seinen Pantoffeln, worauf er mir eine Empfangsbestätigung über die Pantoffeln schicken solle, und wenn ich dann die Empfangsbestätigung über die Pantoffeln in Händen habe, so würde ich ihm den anderen Pantoffel von seinen Pantoffeln schicken. Und in das Paket mit dem ersten Pantoffel legte ich einen Zettel: Hamcschcch jawo — Fortsetzung folgt. So haben wir geulkt und Späße getrieben und zwischen dem rechten Spaßen auch ernste literarische Arbeit getan, allerlei geschrieben und aus dem Jiddischen ins Hebräische übersetzt, ganze Bände Geschichten für jüdische Kinder herausgegeben, noch viele weitere Bände geplant und entworfen — bis Gott böse wurde und eine blutige Sintflut auf die sündige Erde schickte... Mich packte der Strom und trug mich hierher, nach Amerika, Bialik blieb dort an den Ufern des Schwarzen Meeres, fern von denen, die sich in seiner Seele spiegelten, die sich an der Flamme seines Talentes wärmten, ihn uferlos lieb hatten und lieb haben bis auf den heutigen Tag. (New York, im Nissan 1916.) Deutsch von Leo Hirsch Bialik und Sdiolem Alejdiem Von Scholem Alcjchem * dM&idii ■!וו i tm

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