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Jüdische Rundschau · 1937-09-17 · Heft 74-75 (17.9.1937) · page 16

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 74-75 (17.9.1937)
Date
1937-09-17
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 16 JOD ISCHE RUNDSCHAU Nr. 74/75,17. IX. 1937 Zaddik und Abenteurer Fischei Schneersohn: ״Die Geschichte von ChaJIm Grawltrer dem Gefallenen“. Aus dem Jiddischen übertragen von Berthold Feiwel. — Bücherei des Schocken Verlags 68. Berlin 1937. Diesem Buch hätte seine Melodie beigegeben sein sollen, der Niggun, den Chajiin Grawitzcr für die Ekstasen seiner Seele fand, den all die Massen mitsangen, die ihm taumelnd folgten, der Niggun zu den Worten ״Nichts außer 111m (Gott)!“ Viele Maie wird dieser Niggun in dem losen Gewebe dieser Geschichte beschrieben; viele Male wird die Melodie und ihre Wirkung dargestellt, aber man muß sie gebärt haben, um stärker und tiefer die Gefühlswelt dieser Geschichte milerleben zu können. Diese Erzählung gebort in keine literarische Kategorie. Sie ist seihst ein Ausbruch, das Abladen einer großen Last von Erinnerungen und Erlebnissen aus der Jugend des Verfassers, der aus dem Kreise des Chabad-Chassidisinus stammt. So besteh(* das Buch aus immer neuen Gestaltungen chassidischen Gesanges, chassidisdien Tanzen־, chassidiscbcr Trinkgelage, cltasskiischen Betens, aus langen theologischen Diskussioneri und homiletischen Erörterungen des Schrifttextes und aus sehr wenig von der Geschichte des gefallenen Helden. Aber weil dieses Buch eben ein Ausbruch ist, erkalte! der heiße Atem seiner inneren Bewegtheit nie, läßt die Dynamik nie nach. Der Gefallene und sein Schicksal, in drei, vier großen Szenen dieses Lebens ergriffen und vor dem Leser aufgerollt, lassen uns nicht los. Wer ist Chajim Grawitzer? Er selbst sagt nach dem Zusammenbruch zu sich: ,,Gestell' es dir nur ein: Du bist;gewöhnliches Fleisch und Blut, ein derber Kraftmensch bist du, der nichts so sehr liebt wie einen kralligen Zug aus der Flasche — und den es plötzlich gelüstet hat, vom üöttliehen zu trinken, sich zu berauschen an dem ,Nichts außer Ihn!!‘ Tor du, verblendeter Tor! Hast Schwelgerei getrieben, du Trunken hold, mit dein Namen Gottes, hast den Vorhang des A!ler!1cilig־ten in die Schenke getragen!“ So stellt Chajim Gr awit/er, nachdem er ״gefallen“ ist, vor sich selbst. Er war eine hervorragende Gestalt unter den Chassidün, körperlich ein Mime und geistig eine Ftilireriiafur, dabei wild, eigenwillig und unbändig. Er war Anhänger des Zaddik der Chabad-Chassidim Mendel von Lubawitsch (1789—IS6G). Die Geschiebte bringt außer dein Trinkgelage zum Gedenken an der! Toten eigentlich nur zwei große Bruchstücke aus seinem Leben. Das eine ist seine Wiederkehr an den Hof seines Zaddik nach einem Jahr der Verbannung wegen ungebührlichen Benehmens. Der Tag seiner Rückkehr an den Hot aber wird ein Tag des "Triumphes und ekstatischer Freude. Stilist der Zaddik gerät in den Bann seines Wesens, obgleich der aufrührerische Anhänger sich weigert, seine frühere Ungebühr zu bereuen, und er läßt sich von ihm bewegen, vor den Chassidim zu erscheinen und vor ihnen zu reden. Diese Tage der Rückkehr werden für Chajiin der Ausgangspunkt einer eigenen abgesonderten Beweg־«ng zur ״Eroberung des Himmels“. Er verschließt sich der Gcmeinschaft, er fährt nicht mehr zum Zaddik. Manche sehen das Bedenkliche seines Verhaltens, man versucht ihn zu warnen und zurückzuhalten. Aber der Warner selbst wird von ihm verzaubert und entzündet sich an seiner Out. Städtchen auf Städtchen erhebt sich. Der Taumel erfaßt die ganze Gegend und alle schließen sich dein Zuge an. Ein alter Ch.as.sid, der nicht von der Bewegung erfaßt ist, stürzt zum Zaddik: ״Die See ist über ihre Ufer getreten.“ Inzwischen erreicht den Zug die Nachricht, daß Chajim Grawitzers Sn Ein im Sterben liegt. So wendet sich alles zu Chajims Wohnort. Aber nicht Trauernde und Erschreckte ziehen dorthin, denn das ״Nichts außer Ihm!“ ist auf aller Lippen und welche Gewalt sollte da der Tod haben? So kommt Chajim als Freudetrunkener in das Slerbehaus seines Sohnes und der Leichenzug auf den Friedhof wird zum Freudenzuf, der Jubelgesang der Hymne ״Nichts außer Ihm!“ verstummt nicht. Strahlenden 'Gesichtes steht der Vater vor dem offenen Grabe. In diesem Augenblick der höchsten Verzückung aber ergreift ihn die Macht der Frinnerung an den gebellten Toren. Er siebt in seiner Frhebung nur eine Ueberhebliciikeit, er durchbricht mit einem Schrei die Masse seiner Anhänger, verlaßt den Friedhot und bleibt verschwunden. Diese Oe-ehichte hat Berthe»UJ Feiwel in alt-neuer Meisterschaft iiberset/t. Er hat die unendliche Schwierigkeit Überwältigt, die die Transponierung einer in sich gcschlosscnen und fein verzweigten Welt fremder Geschichte und fremder Tradition in die Welt einer anderen Sprache darbietet. Ihm ist es zu danken, wenn •das Buch in seiner jetzigen Gestalt formschön und ebenmäßig־ wirkt. E. B. Max Liebermann als Briefschreiber Unter dem 12. Januar 1920 schrieb Max Liebermann an Gustav Kirstcin: ״Vor dem naiven biographischen Detail kann sich die ganze Aesthetik verkriechen. Deshalb liebe ich auch die Wiedergabe von Briefen (mit Ausnahme meiner eigenen!), zumal von Briefen Menzels, der geradeso cliarakteristisch schreibt wie er zeichnet.“ Professor Franz Landsb e r g e r hat sich mit Recht nicht daran gehalten, daß der Meister die Wiedergabe der eigenen Briefe nicht liebte, und wir danken ihm dafür; lehrt doch diese reizende Ausgabe von Lichermann-ßriefen (in der Sc h oc k e n-ß ii ch e re i), deren Auswahl ja mehr oder weniger von Zufällen bedingt sein mußte, daß von ihm das gleiche gilt wie von Menzel: daß er ,,geradeso charakteristisch schreibt wie er zeichnet“. Der Herausgeber hat die Briefsammlung feinsinnig eingeleitet und mit köstlichen Federzeichnungen ausgestattet. So sehr ei sich auch darüber freute, dal) sein erster schriftstellerischer Versuch — über Degas — viel Beifall fand, so glaubte der damals noch nicht Fünfzigjährige doch fest daran, daß er voraussichtlich sein letzter sein werde, und als VierundsiebzigjiiEirijrer meint er, er sei ״kein gelernter Schriftsteller, der immer schreiben kann, wenn er — dafür bezahlt wird“. Er is־t ein Mann der ausgehenden Briefkultur des neunzehnten Jahrhunderts: In einem Briefe an Eduard Arnhold heißt es: ״Ich hatte nicht Zeit zu einem kurzen Briefe, denn je kürzer, desto durchdachter muß er sein“ (1917) und anderthalb Jahrzehnte vorher entschuldigt er vor Osborn einen ״langen Exkurs“: ״wie Heine mochte ich sagen, er ist so lang geworden, weil ich zu einem kurzen keine Zeit hatte“. Wir begleiten in diesem Briefbande Max Liebermann durch sein ganzes Leben: im ersten der veröffentlichten Briefe — an seinen Bruder Felix — zitiert der Zweiundzwanzigjährige Homer: ״Die Götter setzen vor die Tüchtigkeit den Schweiß!“ Und fügt hinzu: ״Das ist das erste Klassische, was ich seit dem Besuch des Gymnasiums geäußert habe“. Es sollte das einzig Klassische bleiben, was für seine Kunst vorbildlich war. Wir erleben seine frühen Kämpfe, seine Ehrungen wie seine Zurücksetzungen und seine Besitzerfreitde am selbstenvorbenen ״Schloß am See“: ״Uebernnitig sieht's nicht aus, aber ich glaube, daß es nach mir aussieht“ (an Fritz Mahl,!922). 1911 bekennt er anläßlich des Ankaufs eines jn seiner Jugend angefochtenen Werkes durch Lichtwark: ״Es ist schön, so etwas noch zu erleben!“ und 1918 scherz! er rückschauend: ״In meiner Jugend war es mir leicht, Bilder zu malen, aber schwer, sie zu verkaufen. Jetzt ist’s umgekehrt. Ich würde gleich wieder tauschen wollen.“ ״Kunst ist das Unaussprechliche, sonst gäbe es keine Poesie oder Malerei oder Musik“ ist Liebcrmatins Ansicht (1920), aber er besitzt in hohem Maße die Gabe, über das Wesen der Kunst, nicht nur seiner eigenen, auszusagen, lieber die Einteilung in Perioden macht er sich, gleichzeitig über sich und seinen Biographen, lustig: ״Ich bin in eine neue — die wievielte weiß allein der liebe Gott und Rosenhagen ־— Periode eingetreten“ (1900). Und 1927 (an Georg Hermann): ״Sie sehen, ich bin ein Jubelgreis, der ästhetisiert, während ich früher auf die ganze Aesthetik gepfiffen habe. Und wenn es nur die einzige Alterserscheinung wäre!“ Liebermanns Kunst kommt von zwei Kraftströmen, seinem jüdischen Geblüt und seiner Berliner Heimat. Diese beiden Komponenten zeichnen sich auch in seinen Briefen ab. T3esonders in der Art seines Humors: ״in Holland habe ich mich wieder gehäutet, male Pferde und nackte Weiber (aber die nicht auf Pferden).“ Mit einem gewissen, aber berechtigten Lokalpatriotismus setzt er sich ־für die Berliner Menzel, Schinkel und Schadow ein. Immer ist ihm die Bibel gegenwärtig: ״Indem der Künstler sich mit dem Sujet herumbalgt, entsteht jener Kampf Jakobs mit dem Engel, ohne den das Kunstwerk kaum entsteht.“ 1908 schreibt er: ״jede Renaissance in der Kunst ... kann sich nur auf dem Boden des Naturalismus vollziehen: indem wir auf Schadow zurückgreifen, ebnen wir dem künftigen Genie den Weg zur Ent- Wicklung. Hoffentlich kommt das Genie nun bald, ich möchte es noch gern erleben. Sonst muß ich mich schon wie Moses begnügen, von ferne das gelobte Land zu sehen.“ Wir verfolgen in dein Buche endlich Liebermanns jüdischen Weg. Zuerst nennt er sich einen ״überzeugten Pantheisten in Kunst wie in Religion“, Er schließt — in einem Briefe an den Herausgeber — mit dem Aufruf zu ״größerer Nüchternheit, indem wir ruhig unserem Handwerk nadigehen und — entsagen besonders dem Assimilationstraume“. Ob er sich mit Reinbrandts Verhältnis zu den Juden beschäftigt oder ob er die problemerfassende Erkenntnis niederschreibt, daß es zwar nur Kunst schlecht■ hin gäbe, daß die Künstler aber sowohl durch ihr Vater* land wie ihre Religion verbunden seien (an Dizengoff, 1931), immer offenbart sich der jüdische Mensch in seinem Künstlertum. Es ist der gleiche Geist in den Worten: ״Spinoza und Rcmbrandt gemeinsam ist das unendliche Mitgefühl für ihre Mitmenschen und vielleicht ist auch in mir etwas davon dank meiner Abstammung, die neben (leider!) nur zu vielem Schmerzlichen das eine Gute hat, weniger gefühllos fremdem Leide gegenüber zu sein“ und in dem Aphorismus, daß seine Personenbeschreibung eines ״armen polnischen Juden“ . .. ״beinahe eine Climax“ sei. Und das ״Judenviertel in Amsterdam“ bezeichnet er als die erste Liebe, auf die er immer wieder ztirückkomnie. Um der jüdischen Jugend willen bejaht er als Kind einer anderen Generation den Zionism1,s־ I>r. Lutz Weltmann ״Salomo, mein Sohn ... “ Solomon, my Sou! By John Erskine. — The Albatross, Leipzig-Paris-Bologna. ״Wende die Schrift hin und wende sie her —״ so sagte Ben Bag-Bag, ״denn alles liegt in ihr.,Ben Bag-Bag würde sich demnach wohl nicht gewundert haben, wenn er in dem neuen Buche von Sir John Erskine, das sich würdig an seine Enthüllungen aus dem Privatleben von Adam und Eva anschlieflt, König Salomo, den wir alle als den Weisesten der Menschen, den Glücklichsten der Liebenden und den Enttäuschtesten der Lebenden zu kennen glaubten, nun aucli im Kampfe mit den gleichen Problemen, wie ihn wohl ein Herrscher unserer Tage zu bestehen hätte, wiederfinden: mit Steuern, Arbeitslosigkeit und Staatsschulden. Ausdrücklich verwahrt sich Erskine im Anfang seines ebenso geistreichen wie amüsanten Buches dagegen, daß er uns hier mir irgendeine neue Geschichte von der Königin von Saba oder von den siebenhundert anderen Weibern Salomos erzählen wolle — hier solle König Salomo, der Tempelerbauer, zum Worte kommen, der es mit unseren ״guten Freunden“ zu tun hatte, die da heißen: Steuer, Zusätzsteuer und Ein• kommensteuer u, dgl. mehr. All right, sagt der l.eser, erwartet eine finanzpolitische Belehrung, und ist dann doch (zumal wenn er eine Leserin ist) einigermaßen angenehm überrascht, daß mindestens eben so viel Raum wie den Steuern den vier Frauen zugebilligt wird, die sich vereint oder im Kampf miteinander bemühen, aus dem schüchternen Sohn des großen König David, der am liebsten nur über den Schriftrollen säße und Verse feilte, einen Mann und einen König 7u machen. Da ist Bathscba, seine schöne Mutter, mit ihrer dunkeln Vergangenheit; Abischag, die letzte Trösterin des greisen David; Magsala, die ägyptische Königstochter, die ilun die ehrgeizige Mutter zur Gemahlin bestimmte: und endlich Balkis, die Königin von Saba, die — und dies ist wohl feiner Erskine und keine ״foot-note“ der Schrift mehr! — mit Hiram dem Phönizier durchgeht, weil es ihr am Hole des von ihr nicht erkannten Salomo nicht gefällt. Aber dieser Weiberkrieg steht allerdings nur! immer neben dem großen volkswirtschaftlichen Unternehmen Salomos, dm Tempelbau und Palastbau, der mir mit Hilfe der kaufmänniscli und industriell überlegenen Phönizier unternommen werden konnte; und in seinem Gefolge Fronarbeit und Steuerlast bringt, wie sie schon die Schrift andeutet, um das Bild des Zeitalters Salomos zu vervollständigen. Da dem König von Erskines Gnaden schließlich vor so viel ״Wider* sacherti-Weiberii-Schulden“ ebensosehr graut wie jenem Goetliesclien Ritter, so folgt er dem ein wenig unzeitgemäßen Rate seiner ägyptischen Frau; er zieht sich nach Beth-!ehe in zurück, um dort bei den Herden, wo sein Vater David nun Helden mit der Schlender wurde, der den untre* heuren Goliath erschlug, sich selbst wiederzufinden, was aber findet Salomo? Keinen Riesen, an dem er seine Tapferkeit erproben könnte —• aber einen schmutzigen Dorfjungen mit seinem Liebchen, die miteinander Liebeslieder singen. Volkslieder und Liebeslieder: der König belauscht sie, im Gebüsch verborgen ... wir alle kennen sie heute als das Lied der Lieder.... Wie immer bei Erskine, liegt der Hauptrciz nicht so sehr im Was, sondern im Wie des Buches: in seiner sehr graziösen, satirisch unbekümmerten, ganz unpathetischen Art zu sehen und zu erzählen. Doppelt anziehend ist es zu fühlen, wie selbst diesen Spötter, der die Sprüche Salomos wohl ein wenig unterschätzt, die Erlebniskraft des Liedes der Lieder gefangen genommen hat. Die Fragmente, die er daraus ins Englische übersetzt, scheine« mir als Uebertragung gelungen. B. B.-St. Ncuausgalie des ״Halilii v on Bacheradi“ Heinrich Heine: Rabbi von Bacherach. Mit Zeichnungen von Ludwig Schwerin. Mit den d.izugeiiörigen Briefen Heines und ein ein Nachwort i1erau״־e ״ehe11 von Ericli L 0 e \v c n thal. — Schocken Verlag, Berlin 1937. ln der Bücherei des Schocken-Verlages ist Heines fragmentarische Novelle vom Rabbi von Bacherach neu herausgegeben worden, in be/ug auf die Berechtigung dieser Alisgäbe ist kein Wort zu verlieren, stellt doch Heines Fragment eine der schönsten Proben seiner Er/ählungsku!1st und zugleich :seiner Begegnung mit dem Judentum dar. Die Neuausgabe ist mit Zeichnungen Ludwig Schwerins illustriert, die dem Geist der Erzählung voll gerecht werden, Der Herausgeber Erich Loe wen thal hat die Briefe und Briefstellen Finne־, die auf den Rabbi von Bacherach Bezug haben, ziisammengestellt und selbst in einem Nachwort zu der Entstellung und Bedeutung des Fragments Stellung enommesi. Er sieht in ihm ursprünglich den Versuch eines elbstbekenntnisses Heines aus jener Zeit, als der Dichter in Freundschaft mit Moses Moser lind Leopold Zunz dem Judentum innerlich begegnete. Locwenthal glaubt nicht,daß — wie man vielfach angenommen hat — ein Teil des Manuskriptes bei einem Brande vernichtet wurde, und hält Heines Bemerkung, daß der Schluß und die fehlenden Kapitel ohne Verschulden des Autors verloren gegangen seien, für eine Fiktion, die das Fragmentarische der Veröffentlichung entschuldigen sollte. — n. Der Baer’sthe Ssidur in Dünndmdk. Wir berichteten in Nr. 62 über die Neuausgabe von S. Racrs Ssidur Avodath jisrael (Schocken Verlag), die der! Eiaersehen Ssidur für weite Kreise zugänglich macht. Nunmehr ist in den! gleichen Verlage eine Dünndruck-Ausgabe dieses für das (ranze Jahr dienenden Ssidur erschienen, die den Kreis derer, die ihn anschaffefl können, außerordentlich erweitert und für den Gebrauch eine besondere handliche Ausgabe darstellt. Auch der Druck dieser Ausgabe ist besonders schein, so daß sie ohne Zweifel starken Anklang finden wird. ROMANE Otto Pliilipps Morgenleuchten Ober dem Mittelmeer, A. J.C. — Verlag Atid, Berlin. Die geheimnisvollen Buchstaben ״A. J. C.“ im Titel stellen die Abkürzung für die Staatsform Palästinas dar, die der Ver* fasser in seinem Roman sich entwickeln läßt: Arabo-Judäische Confederation, unter selbständiger Verwaltung. 1« einem Augenblick, wo in den großen politischen Zentren um die Staafsforin Palästinas gerungen wird, scheint uns die Konzeption dieser bis zur letzten Phase durchgefülirten arabisch-jüdischen Verständigung kühn. Aber das Buch will kein politisches Dogma aufstellen, es ist bewußt als eine Utopie gedacht und geschrieben, sicherlich nicht einmal von einem politischen Kopi, sondern nur von einem Menschen, der warmen Herzens das Land liebt. Das Reizvolle der Handlung liegt in der Verquickung von Realien —■ Araberautsiand, Streik, Ortsnamen, Institutionen — mit irrealen Geschehnissen. Der Autor stellt etwa die Frage: was wäre geschehen, wenn nach dem Streik sich unter den Arabern Führer gefunden hätten, die die antijiidisehe Politik restlos liquidierten? Allerdings läßt er, was die wirksame Beantwortung schwächt, auf arabischer wie auf jüdischer Seite nur Ideaigestalfen auftreten, und die Tatsache, daß bei einer Wahl der Großteil der Araber für einen jüdischen Oberresi* denten stimmt, scheint selbst für eine Utopie noch zu utopisch. Trotzdem fst das Buch von der ersten bis zur letzten Seite spannend geschrieben, wir haben hier vielleicht zum erstenmal im jüdischen Bezirk das, was man im allgemeinen als ״Abenteuerroman“ bezeichnet, auf dem farbigen Untergrund der Konflikte Palästinas. Gewiß darf das Buch nicht — sprachiicl! nicht und nicht künstlerisch —- mit literarischen Maßstäben gemessen werden, aber man muß ihm doch zugestehen, daß es die Spannungen, die sich aus der Handlung ergeben und die die Personen in Konflikte mit ihrem Pflichtenkreis und ihren Neigungen bringen, mit Takt und Geschmack abwandelt. H. F. Rudolf Borchardt: Vereinigung durch den Feind hindurch. — Bermann-Fischer Verlag, VCMen 1937. Rudolf Borchardt, dessen 60. Geburtstages erst vor kur* zem gedacht wurde, hat in seinem Roman ״Vereinigung durch den Feind hindurch“ ein Buch von Niveau geschrieben. Es spricht den Leser nicht als fei 11 Roman schlechthin an. Die Sprache ist diffizil, die Gestalten, geschlossene Personlichkciton, sind ungeheuer fein und eingehend ziseliert. Man spürt an ihnen eine starke Verinnerlichung, die zuerst etwas fremd anmutet. Ein Spekulant von internationalem Format versucht die Tochter eines Generals zu sich herüberzuziehen, auch in das verwirrende Gespinst seiner geschäftlichen Spekulationen. Es gelingt ihm nicht, da ihre Liebe zu einem anderen im letzten Sinne sich als stärker erweist. P. G. Wodehouse: Billie, welchen meinst du? —1 Julius Kitiis Nachfolger, Mäluisch-Ostrau. Es ist ein entzückendes Buch, das Englands berühmter Humorist geschrieben hat; man bedauert sehr, cs in einem Zuge ausgelesen zu haben. Aber man kann nicht aufhören, bis Billie, die Tochter eines amerikanischen Millionärs, nach den unwahrscheinlichsten, komischsten Situationen, endlich de« richtige« Mann gefunden zu haben scheint, mit dem sie sich verloben kann. Ein befreiender Humor geht durch das ganze Buch, und man muß wieder und wieder lachen. ־— dis. Werne» Leibbrand: ״Romantische Medizin“. — H. Goverts Verlag, Hamburg 1937. Ein wichtiges Kapitel der Geschichte der Medizi« und der Wissenschaft überhaupt und des menschlichen Denkens wird in diesem Buch behandelt. Die Frage der gei stes geschieh fl ich en Grundlagen der Medizin seit dem Ausang des 18. Jahrhunderts und insbesondere der Einwirkung er romantischen Strömung nicht mir im Rahmen der eigentliehen romantischen Periode, sonder« schon vorher und darüber hinaus bis in unsere Tage hinein wird von Lcibbrand an einer Fülle von Material untersucht. Es zeigt sich, daß in dieser Strömung der Medizin viele Erkenntnisse verborge« lagen, die auch für die heutige Heilkunde von Bedeutung sind und in ihr in bestimmter Art fortwirken. —n. DR ״Ltbrairie LIpschQtz“, Paris, 4. Place de l’Oddon, veröffentlicht ihren reich illustrierten Katalog ,,Philo* biblion“ (Nr. 71), der einen sehr reichhaltigen Ueberblick über die Erscheinung auf jüdischem Gebiete gibt.

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