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Jüdische Rundschau · 1937-09-17 · Heft 74-75 (17.9.1937) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 74-75 (17.9.1937)
Date
1937-09-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr, 74/75 17. IX. 1937 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 7 Aufzeichnungen von einer Reise in Polen Von Efraim Frisch Wir besuchen eine Jesdiiwah Utbcr die an diesem Marktlage von kindlichen Fuhrwerken und Fußgängern belebte Njemen-Brücke kommen wir an das Steilufer, auf dem sich zierlich und wohl erhalten die alte Holzsynagoge erhebt, steigen eine Anzahl Stufen hinauf und gelangen in die breite russisch anmutende Vorstadt- Rasse. Zur einen Hälfte mit ihrer Rückseite dem offenen Lande zugekehrt von dem ein Hof, ein Gemüsegarten oder ein Stück Ackerland die Zwischenräume austtlllt, zieht sich die lauge Zeile niedriger alter Holzhäuser die Gasse hinab, deren Ende hinter einer Krümmung verschwindet. Sie sind fast eile von Juden bewohnt, wie aus den Nummernschildern, auf dunen noch nach russischem Brauch die Namen der Eigentümer geprägt sind, zu ersehen ist. Sie sind gleichförmig in ihrem einfachen Bau, der Dachgiebel meist nach der Gasse gewendet, sauber angestrichen oder von der silbergrauen Patina alten Holzes; bescheiden wohlhabend mit weißen Spitzenvorhängen vor den Fenstern oder schief und verfallen mit Resten kümmerlichen Hausrats innen, den man durch die notdürftig verhüllten Scheiben wahrnimmt Ein etwa fünfjähriger Junge, aus einem Haufen aufgeregt spielender Kinder, mit einer alten englischen Sportmülzo auf dem Kopf, die ihm jeden Augenblick über die Ohren und die schwarzen feurigen Augen rutscht und in einem undefinierbaren Anzug aus zusammengeflickten Lnppen, führt uns zum Haus des Rosch-Jeschiwnh, des berühmten Rabbi S., das fast am Ende der langen Gusse liegt. Dort angelangt werden wir von einer christlichen Dienerin durch einige dürftig eingerichtete, aber saubere Stuben in einen Raum geleitet, wo wir eine ältere Frau an einem Tische vor einem Buch sitzend finden. Ein weißes Tuch, das die Ohren freilülM, ist um ihren Kopf geschlungen, über dem breiten etwas fleischigen Gesicht und der ganzer! schweren in ein verblichenes faltiges Kattunkleid gehüllten Gestalt liegt Gleichmut und Würde. Sie begrüßt uns sitzend mit zurückhaltendem Anstand. Es ist die Frau des alten Ralrbi, Nach den üblichen Fragen und nachdem sie sich nach dem Zweck unseres Besuches erkundigt, erfahren wir leider, daß der alte ehrwürdige Mann, der berühmte Lehrer, dessen Ruf weit über die Grenzen des Landes gedrungen ist, infolge schwerer Erkrankung nach der Hauptstadt gebracht worden sei, um sich dort, wenn nötig, einer Operation zu unterziehen. Trotz der tiefen Besorgnis hinter ihrer leisen zögernden Rede gibt sie uns sachliche Auskunft über die gegenwärtigen Verhältnisse an der Jeschiwah. Wir verabschieden uns bald, nicht ohne unser Bedauern über die Abwesenheit des Rabbi und ihren betrüblichen Anlaß auszudrücken, mit guten Wünschen für seine Genesung, und werden mit einem stillen Seufzer entlassen. Wir begeben uns auf den uns vom Fenster gewiesenen Weg zum Sitz der Jeschiwah. Von einem grasbewachsenen unregelmäßigen kleinen Platz, auf dem einige magere Ziegen weiden, treten wir durch die Pforte eines alten Bretterzauns und Uber einen geräumigen Hof in eines der in der Stadt verstreuten zahlreichen Bethäuser ein. Durch die offene Tür dringen die Stimmen der Lernendem in den Vorraum zu uns. Hier scheint mir eine Zwischenbemerkung am Platz zu sein. Wer einiges Verständnis für das heutige jüdische Lehren und Lernen im Osten gewinnen will, der muß sich vor allem von den pseudo-romantischen und pittoresken Bildern und Vorstellungen frdmachen, wie sie gewisse geschmacklose Kabarettszencn und leider auch ein aus Amerika importierter lind durch moderne Zutaten schmackhaft gemachter jüdischer Tbealerkifsch dem Wcstjuden vom sogenannten ״Ghetto“ vermittelt. Gewiß haben sich solche Reste der alten jüdischen Lebensform, die etwa an Szenen aus dem ״Dybuk“ gernahnen, da und dort im Osten noch erhalten. Dus chussidisehe Lehen, von dem in diesem Zusatnmenhang nicht zu sprechen ist, sieht heule anders aus. Doch auch das trnditionstreue Lehen und Weben in der Lehre, das echte, das den Sinn des Lernens bewahrt hat, hat ebenfalls einen Formwandel erfahren, ohne dadurch an Jc.n'Iiiwah — Talmud.M'huIe; K0>ch-Je.1rf1iwa!1 deren Leiter; Mascbgiacb Aul.-eher; ״li-rhmo“ ~ (ein Ding) um!.einer selbst villen (tun): fi.itlor, =! für weltliche exakte Arbeit ungeeigneter, oft in irrealer Gedankenwelt schwellender ״Müßiggänger“. DIE KATZE Von C. Z. Kloetzel Wenn Jawnieli auf der Bank vor dein Pumpenhausdien saß und sein Reich überblickte, war er im tiefsten Herzen zufrieden. Man konnte von der kleinen Anhöhe über dus dunkelgrüne Meer der Orangengärten hinweg nach Kfar Jehoschua hinüherseJien, der nächsten jüdischen Siedlung, deren weiße Häuser mit den roten Ziegeldiicliern sich gegen die goldfarbenen Sanddünen und den blauen Himmel abhoben. In der Ferne verlief ein feiner, schnurgerader Strich, die F.iscnbnhnstrccke, auf der viermal am Tage, winzig klein, die Züge vorüberfuhren. Hier sitzen zu dürfen war Jnwnielis Begriff vom Glück. Endlich hatte er ein Leben gefunden, das seinen Bediirf• nissen entsprach. Ein Leben, in dem alles klar, übersiehtlieh, ordentlich war. Ordnung war etwas, wonach Jawnieli sich sein ganzes Lehen lang gesehnt hatte; Ordnung und Alleinsein. Er war jetzt fast dreißig Jahre alt, und soweit er sich erinnern konnte, hatte sich sein Dasein immer in einer Art Chaos abgespielt. Das kleine östliche Judenstüdtchcn, in dem er seine Jugend verbracht halte, war erfüllt gewesen von einem ewigen Durcheinander; es kochte über wie ein Topf, den vom Feuer zu nehmen man vergessen hatte. Die Menschen dort drangen nicht nur zu jeder Tages- und Nachtzeit in die Häuser ihrer Mitmenschen ein, sondern sie drängten sich auch in ihre Seelen. Di« größte Sünde schien ihnen, allein sein zu wollen und irgend etwas vor ihnen zu verheimlichen. Dann war die Uebersiedlung nach Palästina gekommen. Jawnieli halte geglaubt, sie würde eine Erlösung werden, es war aber nur noch schlimmer geworden. Das ganze Land licli einem einzigen riesigen Bauplatz, auf dem alles wirr urcheinanderlug. Alles war provisorisch, alles änderte sich von Stunde zu Stunde. Es war ein schöpferisches Chaos, aber für Jnwnielis ordnungsdurstigen Sinn machte dus keinen Unterschied. Und allein konnte man hier noch weniger sein, als zu Hause. Im Gegenteil! Dort hatte man immer nur auf die oberflächlichste Neugier Antwort geben müssen: Wo bist du heute gewesen? Was hast du heute getrieben? Wen hast du beute gesprochen? Es war lästig, über es ging nicht tief. In Palästina forderte man mit jeder Frage ein Bekenntnis, hier schien das ganze Leben eine einzige Diskussion um die letzten, persönlichsten Dinge zu sein. Jawnieli hatte «ine zeitlang seiner Natur Gewalt angetan und war in eine Kwuzuh gegangen; sie hatten ihn zu oft gefragt, warum er noch immer in keine eingetreten sei. Aber schließlich hatte ihn eine Art Verfolgungswahn gepackt: die Wesen zu verlieren. Sucht man nacl! einem bezeichnenden Wort für die Veränderung, so bietet sich als Uehersetzung und Zusammenfassung mannigfaltiger Eindrücke: es schläft und träumt, nicht, schließt sich nicht in sich ab — im Gegenteil, es ist sehr wach und seiner bewußt; es kennt und versteht die jüdische Situation in der Welt — doch freilich nicht unter dem Aspekt moderner Problematik. So hat auch der Raum des Betliuuscs, wo gelernt wird, nichts Abseitiges oder Geheimnisvolles — er ist in hellen. Farben gemalt und getüncht, das Licht durch hohe schmale Fenster an drei Wänden verleiht ihm sogar etwas Nüchfernes. An der Eingangswand finden wir einige Handwerker damit beschäftigt, neue Bücherborde anzubringen, und das gelegentliche Sägen und Hämmern scheint die in ihr Lernen vertieften jungen Menschen kaum zu stören. Ebensowenig unser Eintritt. Es sind ihrer un die zwanzig; einzeln oder zu zweit sitzen sie in den Bänken oder frei vor Pulten und lernen laut mit dem üblichen Tnlnuid-Niggun, oder leise und nachdenklich «len Text vor sich hinsummend. Auf den ersten Blick würde einer, der von außen kommt, in diesen lernenden jungen Menschen, wenn er ihnen auf der Straße begegnete, schwerlich einen Talmud- oder Jeschiwah-Jünger vermuten (Kaftanjuden mit Sehläfcnlockcn sind übrigens im Slraßcnbild der polnischen Städte, abgesehen von ausgesprochen jüdischen Wohnvierteln in Lwow etwa und kleineren Orten des früheren Galizien, ebenso selten wie die einheimischen Landestrachten der bäuerlichen Bevölkerung). Was hier lernend herumsitzt, trägt «lie mehr oder minder schäbig gewordene ״europäische“ Kleidung. Wir kommen mit einem dunkeln, zart gebauten jungen Manne ins Gespräch, der bei den Handwerkern gestnnden hatte und sich uns jetzt nähert. Ohne es zu betonen, scheint er in einem besonderen Verhältnis zur Jeschiwah zu stehen. Er unterrichtet uns ungezwungen über die Organisation, den Lehrgang und gewisse Besonderheiten dieser Jeschiwah, die der großen Bedeutung und Eigenart ihrer Lehrer zuz.uschreiben sind. Wir hören, daß sie gegenwärtig etwa 150 Studierende umfaßt, darunter welche aus Deutschland, England und sogar Amerika, die von dem Ruf der Anstalt herbeigezogen wurden. Von den Lehrern spricht er mit einer bewegten Verehrung, die offenbar auch vor Fremden nicht begründet zu werden braucht. Es ist eine Hochschule von acht Jahrgängen. Der Eintretcnde muß durch eine Prüfung mindestens naehweisen, daß er fähig ist, ein ihm aufgegebenes Stück aus dem Talmud selbständig zu übersetzen und zu erklären. Er selbst, der eine natürliche Wohlerzogenheit und einen hurtigen, wachen Geist vorrät, hat seine Erziehung liier genossen und sich dann dem Rechtstudium an der Universität zugewendet, das er vor kurzem absolviert hat. Sein gediegenes Wesen, die einfache und so eindringliche Art, wie er von Schülern und Lehrern sprach, ergaben den Eindruck, daß hier eine Pflanzstätte jüdischen Lernens besteht, die nicht nur eine Hochschule des Wissens, sondern einen Brennpunkt jüdisehen geistigen Seins bedeutet, von dem Kräfte ins Leben hineinslrümcn und weithin ausstrahlen. Seine Universitüts- Studien schienen uns zuletzt nur eine Art Exkursion aus diesem Heim,•Rhoden, unternommen, um zurückzukehren und der Anstalt, die ihn geformt, auf eine neue Weise zu dienen. Vielleicht war es unsere unwillkürlich geäußerte Enttüuschung, «len geistigen Lenker des Ganzen, den erkrankten Rabbi Schimon, nicht angetroffen zu haben, die uns die Genugtuung verschaffte am gleichen Nachmittag seinen Vertreter, den ״Mnsehginch“ Rabbi Sehlomo, und dessen Begleiter, einen jungen Raw, kcnncnzulcrncn. Der erste, ein bleicher rotbärtiger Mann von mittleren Jahren, mit klaren blauen Augen und von gemessenen Bewegungen, der andere jung, mit einem wilden braunen Bart, streitbar und von blitzender kämpferischer Beredsamkeit. Im Laufe der Unterhaltung gemahnte sein Anblick unwillkürlich nn einen Akiba-Jiinger aus der stürmischen schicksalscltuvangeren Zeit der Hadrianischen Verfolgungen. Er ist es auch, der neben dem zurückhaltenden Acltern das langsam sich imlassende Gespräch in Schwung bringt und durch seine Einfälle nährt. Der ״Maschgiach“, eigentlieh der Studienaufseher, hat aber neben dieser Funktion noch ein wichtiges Lehrfach, das wir — meint er -■ etwa mit Homiletik: bezeichnen würden. Nach der lebhaften Dar- Stellung des jungen Raw ist dieses Fach, der Mussor (Ethik), in den Händen des Rabbi Sehlomo von höchster Be- Angst vor dem Gegenüber. Hier gab es immer ein Gegenüber: beim Arbeiten, beim Essen, sogar beim Schlafen. Jawnielis Leben in der Kwuznb endete damit, daß er eines Tages ohne jeden ersichtlichen Anlaß seinem Gegenüber beim Essen die heiße Suppe ins Gesicht schüttete. Dann war er dnvongelaufen, im Tiefsten erschrocken über seine Tat, und doch auch durch sie befreit. Als er vor Verzweiflung schon nicht mehr aus noch ein wußte, halt« das Schicksal sich plötzlich seiner erbarmt. Er hatte diesen Posten als Pumpenwärter bekommen. Mit einem Schlugt• hatte sich die Welt um ihn geändert. Das Chaos hatte sich in die Regelmäßigkeit eines Schachbrettes verwandelt. Dus Leiten pulsierte im taktfesten Rhythmus seines Motors. Und allein sein konnte er, soviel er wollte. Nicht das Alleinsein war hier eia Problem, sondern wie Gesellschaft zu finden war, wenn man doch einmal Lust verspürte, mit einem Menschen zu reden. Wie wolil taten seinen Augen diese langen, schnurgeraden Reihen der Orangenbäume, jeder im gleichen Abstand vom andern, alle gleich groß, von der gleichen Farbe und — wenigstens mis der Ferne — von der gleichen Gestalt. Mit welch scharfen, bestimmten Umrissen lag dieses gewaltige, tiefgrüne Viereck der Plantage in «ler Landschaft! Wie regelmäßig und unabänderlich verlief hier die Zeit, von dem leisen, exakten Klopfen des Pumpenmotors in genau gleiche, winzige Teilchen zerlegt! Wahrlich, das .Schicksal hatte es gut mit ihm geimeint. Aus der Hölle seiner Leiden hatte es ihn herausgehoben und ihm die Erfüllung seiner sehnlichsten Wünsche gebracht. Seine Einsamkeit war beinahe vollkommen. Wenn in der Nähe des Pumpenhäuschens gearbeitet wurde, schloß er sich mit seinem geliebten Motor ein oder ging in Teilen der Pflanzung spazieren, in denen nicht gearbeitet wurde. Einmal in der Woche ging er hinüber nach Kfar Jehoschua, um sich Lebensmittel und Zigaretten zu kaufen. Und jeden Abend gegen Sonnenuntergang kam Schern tob herauf, der Wächter, der nachts die Plantage hütete. Er war Sefarde, ein schöner junger Kerl, und der einzige Mensch in Palästina, den Jawnieli lieh gewonnen hatte, Alles an ihm war von einer lässigen, in sich ruhenden Grazie: seine Bewegungen, sein Sprechen, sein Denken. Seine dunklen Augen schienen die eines Fabeltieres zu sein, oder aus einem fremden Edelstein geschnitten. Ihm beim Essen zuzusehen, war für Jawnieli immer wieder ein Erlebnis. Er selbst aß hastig, und während seine Hand den Löffel führte, wanderton seine Augen Über die Seiten einer Zeitung oder eines Buches. Schemtob aß stets mit einer gewissen Feierlichkeit; er machte aus jeder Mahlzeit, und wenn sie auch nur aus Brot, Tomaten Oppenheim Dos bekannte Spezialhaus für Kleiderstoffe Berlln-Charlottenburg, Wilmersdorfer Straße 115-116 Wollstoffe — Samt — Seidenstoffe deutung, da es den ethischen, menschlich erzieherischen Unterbau des ganzen Lehrplanes zu leisten hat. Der Rosch• Jeschiwah trügt täglich seinen berühmten ״Schijur“, «las halachische Pensum vor, während Rabbi Sehlomo sich mit Aggadah, den Midraschim und dem ganzen Komplex der Erbauungsliteratur belaßt. Der junge Raw ist selbst aus der Jeschiwah hervorgegungen und bekleidet zur Zeit in einer kleinen Stadt das Amt «les Rabbiners, kommt aber aus reinem Enthusiasmus immer wieder, wie jetzt eben, zu Besuch, um sich an der Thora zu erfreuen. Er meint es! wie wir merken, mit seiner Rede auch ein wenig propagandistisch, in seiner Bemühung, «len Geist dieses Mussor uns, die er in westlichen Begriffen belangen glaubt, auf irgendeine Weise zugänglich zu machen, wobei es nicht an polemisch scharfen Ausfällen gegen eine Auffassung fehlt! die wir gar nicht vertreten. — ״Diese Jünger und Schüler, di« Sie nur zum geringsten Teil gesehen haben, alle alle, woher sie auch kommen“, ruft, er wie triumphierend aus, ״was erwarten sie denn nach acht Jahren Entbehrungen und strenger! hingebungsvollen I.ernens? Steht ihnen irgendein Beruf offen, wie Ihren Hochschulstudenten? Wieviel Rabbiner braucht man heutzutage schon bei uns? Die meisten denken gar nicht daran! Sel11.n1 Sie, das ist es! Haben sie einmal begriffen, worauf es ankommt — und das eben bringt ihnen Reb Sehlomo bei — sie lernen lisclunoh, um der Thora willen, um zu lernen, das ist eine ganz andere Stufe!“ Wir widersprechen nicht, wir freuen uns vielmehr, dem jungen Raw in seiner farbigen, von Zitaten und ihren ״eistvollen Ausdeutungen gespickten Rede zu folgen, mir daß wir elegentlich eine Andeutung lieruusereifen, um, an sie alltiQpfend, tiefer in den Sinn seiner Rede und das Wesen dieser Erziehung einzudringen. Wir bemerken also, «laß ״lischmoh“, diese alte Forderung zu erfüllen, bekanntlich leider auch jene Ausschließlichkeit bewirkt hat. die den Jeschiwah-Jünger zum ״Ration“ gemacht und unfähig, in der wirklichen Welt zu leben, — wir geben aber zu, daß wir von den Studierenden., die wir gesellen, diesen Eindruck nicht empfangen hätten. Nun tritt der stille Rabbi allmählich nus seiner Zurückhaltung heraus. Ganz, gibt er sieb nicht. —■ Mit einer Anspielung auf den Frager, der von Hille! vor« langte, ihn die ganze Thora auf einem Fuß stehend zu lehren, meint er, er dürfe sich eines solchen Wagnisses, wie es wohl einem llillel nnstand, hei weitem nicht unterfangen. — Die Zeit würde ihm nicht langen, um auch nur irgendeinen Punkt zu erörtern. Nun. trotzdem — er winkt dabei seinem eifervollen jungen Freund luul Verehrer zu —, jener Frager, mit dem sich ein Hillel belaßt«.•, war wie unsere Weisen bestätigen, nicht der erste beste ... Das ״lisclunoh“ hat heute noch einen ander«;!! Sinn: die Außenwelt und mit ihr die ganze früher so gefürchtete und gemieden!» Außenliteratur ist nicht mehr zu fürchten. Das ״Lernen“ ist eben Selbstzweck dadurch, daß es gegen diese äußeren Gewalten wappnet und stärkt, daß es so ganz zu menschliebem Inhalt und Halt wird, tim die Welt zu bestehen und nicht um sie zu meiden. Das bedeute freilich keine Neuerung, die Thora war von Uranbegiun Inhalt und Zweck zugleich. E» handle sich um nichts weiter, als u!n die strikte Fort« flllirung einer für ihn nirgends und niemals unterbrochenen Tradition, damit der jüdische Mensch, wo immer er im Leben angerufen wird, unfehlbar und genau so antwortet wie je und je ... Chassidisclies wird kühl und diskret ahgelehnt — wir sind hier im Bereich des Gaon von Wilna, dessen Geist noch fortwirkt. Dann greift der junge Ruw wieder ins Gespräch ein, «len die Bemerkungen Rabbi Sehlomos auf den Ciiplel des Enthusiasmus gebracht Indien: im Grunde brauche man sich zu keiner Zeit um das Schicksal der Thon: zu sorgen — und er zitiert eine Talmudstelle, wo es heißt: mag sio im Winke! liegen, es kommt schon einer, der nimmt sie auf. — Wir wenden scherzend ein, cs sei ein Sadduzäer- Ausspruch, den er sich hier zu eigen mache ... Reb Sehlomo lächelt unter seinem Bart: ״Er meint, unsere Schüler, auf die man sich verlassen kann, daß sie die Thora nicht liegen lassen und sie weilergeben werden“, —׳ Und wir hören ein hohes Luli der Schüler. Es war eine denkwürdige Stunde. (W'inl fortgesetzt) und Oel bestand, ein kleines Fest. War er gesättigt, lohnte er sich gegen die Hauswand, sog in hingen, genußsüchtigen Zögen den Rauch seiner Zigarette ein und saug mit näselnder Stimme leise vor sich hin. Er trank gern Wein und hatte ständig Abenteuer mit Mädchen. Jawnieli trank nicht und halte Angst vor Frauen. Aber er hörte gern zu, wenn Schemtob von ihnen erzählte. Es war gut, von jener geiährliehen Welt zu hören, in der sie eine Rolle spielten, wenn man selbst so völlig sicher vor ihr war, wie er. * Eines Abends brachte Schenüob eine winzige Katz« mit. Er habe sie unterwegs gefunden, sagte er, vvahrselieinlieh sei sie ausgesetzt worden. Es war ein schneeweißes Tier mit honiggelben Augen und einem kleinen schwarzen Fleck mitten auf der Stirn. Jawnieli betrachtete sie zuerst mit tiefem Mißtrauen. Schemtob meinte, er solle sie behalten, dann habe er tagsüber etwas Gesellschaft. Aber Jawnieli fürchtete, sie würde «in Element der Unordnung in sein Reich bringen. Da in- *Jessen Schemtob sieh weigerte, sie wieder mitzunehmen, 80 Hieb sie. Und bald lernte Jawnieli sie ebenso zu lieben, wie seinen Motor. Sie stellte für ihn ein Stückchen Vollkommenheit, dar, das er niemals in einem lebendigen Wesen vermutet hätte. Sie war ein schönes, aristokratisches Tier; ober «lnftlr hatte Jawnieli kein Empfinden. Was ihn fesselte, war ihr Charakter. Wenn er gefürchtet hatte, sie würde Unruhe in •ein Leben tragen, so sah er sich angenehm enttäuscht. Das war eine Katze, deren Grundsätze den seinen entsprachen! Ihr Leben war nicht minder genau eingeteilt, als das seine. Sie hatte ihre Lieblingsplätzchen, die sie je nach der Tageszeit wechselte, und nie wäre es ihr eingefallen, von der einmal festgesetzten Reihenfolge abzuweichcn. Ebenso piir.ktlieh, um nicht zu sagen pedantisch, hielt sie cs mit ihren Mahlzeiten. Und wenn sie schlief, bildete ihr Körper ein 80 vollendetes, geschlossene» Oval, daß Jawnieli nicht müde wurde, dieses schönste Beispiel tierischen Ordnungssinnes zu bewundern. Nach einigen Wochen war sie ihm so ans Herz gewachsen, daß er sie um keinen Preis wieder hergegeben hätte. Sie wuchs schnell, und allmählich dehnte sie ihre Streifzüge weiter aus. Aber auch hierin war sie von größter Ordnung und Pünktlichkeit, Sie hatte ihre bestimmten Zeiten, in denen sie nicht zu Hause war. Nie verschwand sie früher »der kehrte sic später wieder heim, als sie cs sich einmal zur Gewohnheit gemacht hatte. Jawnieli war beglückt, in ihr einen Kameraden gefunden zu haben, der offenbar in der Welt der Tiere sein eigenes Ebenbild darstellte. (Fortsetzung folgt)

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