Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 73 (14.9.1937)
- Date
- 1937-09-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 73, U. IX. 1937 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 9 Die Erew Jom Kippu r-Tdiinne von Mendeles Mutter Ein jiddischer Text von Mendcle Modier Sforlm Im 5. Kapitel seiner Autobiographie ״Sehlojme reb chajims״ gibt Mendete Mocher Sforim eine Schilderung der Elul-Stimmung im litauischen Städtchen. Dieses Kapitel ist besonders typisch für Mendeles Art, zahllose, scharf beobachtete Einzelheiten zuchtvoll zu einem künstlerischen Ganzen zu komponieren, womit er der späteren Kunstrichtung des ״Realismus“ Weit vorauseilt. Um so erschütternder wirkt es, mitten in der kühlen Gelassenheit des objektiven Schilderers plötzlich einem Ausbruch heißen Uebesgcfühls gegenüberzustchen, das bei der Rückschau auf seine Kindorjahre übermächtig auf wallt. Am Bilde der längst heimgegangenert Mutier entzündet sich sein altes Jierz, und er setzt ihr hier ein Denkmal, wie cs schöner und jüdischer nicht gedacht werden kann. Er erzählte vorher, wie in den Tagen vor Rosch Haschanah die Familien der auf dem flachen Lande verstreut lebenden Dorfjuden, der jüdischen Bauern und Pächter, mit Kind und Kegel auf haehhepachten Fuhrwerken ins Städtchen harnen, um die Feiertage im füdisehen Gemeinwesen zu verbringen, und tvie in jedem füdisehen Hause Einquartierung lag. Auch Mendeles Vaterhaus ist voller Gäste, und es macht einen tiefen Eindruck auf ihn, wie in der äußeren Erscheinung die Dorf jaden von den Stadtjuden abstcchcn. Neben der stämmigen braungebrannten Frau vom Lande wirkt die Mutter ätherisch — hier setzt unser Text ein. — Die geschilderte Zeremonie des Gießens von Jom Kippur-Kerzen war im jüdischen Osten allgemein üblich. Ihr voraus ging die des ״Feldmestens“: man ging auf den ״guten Ort“ und maß mit Baumwollfäden die Gräber der 1 fc im gegangenen, diese Fäden wurden dann die Dochte der großen Kerzen. (Anm. des Transhribcnten) Ssore, di ruame sajne, is a ejdele, a schwache; hot klejne wajsse händ mit dinne blaue äderlech, a verfrumt1) blcjch ponim mit dinne lippen — in ganzen eppes a ntchnijes!)> un as sie gejt, dacht scch, sie schwebt. Sie is 3 wojlkenendige»), kenn alle tchinnes‘) fun erez jisrocl, wejsst alle dinim6) fun ״clianoh“0), wos gelieren sich on mit a Ische’I, sie lejent*) dein ״zenne-renne“9), dein ״mcnojras hamoejr“1®) un noch asolche sforlm11), wajst«) wajber in schul zu dawnen, wos zu sogen, wenn zu schpringen kodojscli1», lejent sej ojeh vor un hot mit sich dort, in der wajberseher schul, a limen«11) oder troppens14) asojne14), ufzumintern10 in) sich i17) andere bcschaass10 dem clialeschcn18). Un be-emess20) takke50) — as Ssore flegt lejencn, liot men gekennt takke clialeschcn: ihr lejenen is gewen full mit gefihl, ihr nigeudeF) derbaj hot gerihrt, gezuppt baj der neschome22); a sebtejn afile wollt fun ihre trären23) zu• gossen2*) geworen. Es is kedaj2 ), zu schtellen do chotscli26) a bissel fun der tchinne erew join kippur, baj di wiiehsene licht-machen.,. Ssore lejgt knejtlech27); wajher, sch’cliejness15) mit ge• brochetie herzer schtejen arum ihr; sie lejent un lejent sej derbaj vor mit a rihrender sclitiminc lief fun'in harzen: ״Ribojnoj sclicl ojlom29), dcrbarindiger goit! Die licht, wos mir wellen machen in schul arajn far clajn hejligcn nomen wegen, un far die hejlige rejne nescliomes, sollen derwecken die hejlige owojs30) wc-imohojs30), sej sollen aus sejre kworim31) far uns beten, as kejn bejs, kejn zorcs, kejn lejd sollen o|t uns nit kummen, un unser licht un unser mannen« licht un kinders licht sollen nit ojsgeloschen wern farder zajt, chass we-scholojm3׳־).. . Wie ich well Icjgen dem fodem33) fun die knejtlech far unser voter Awrohoin, wos du host ihm niazil•'11) gewen fun dem fajer in kalchojwen35): asoj' sollst du uns rcjnigen fun süncl, unser neSchome soll kummen rejn fun schuld zu dir, wie sie Is gekurnmen rejn in unser gtif36) arajn. — In dem s’chuss*7), wos ich lejg dem fodetn far unser mutter Ssoroli, soll gott borucl1-bu!") uns gedenken dem s’chuss '•׳■<) fun ihr zaar'°), as men hot ihr üben sühn Jizchok gefihrt zu der akcjdoli"): los sie a gute melize12) sajn, as inen soll nit chappen baj uns unsere kiriderlcch, sej sollen fun uns nit aweggemimnien wern un nit verworfen wern wajt fun uns wie di schäfclech. — In dem s’chuss, wos mir lejgen dem fodcin far unser voter Jizdiok, sollst du sich iber uns derbarmen, as mir sollen kennen megadel sain41) unsere kitider, sejf kennen halten baj a rebben; es sollen, wie do« licht, unsere kinders ojgen lajcltten un lernen in der lieber tojre. — Far dem fodem, wo« mir lejgen far unser voter Jakojw, welchen du host geholfen fun die ssonim“), bajgesehtanden ihm in sajne nojtcn45): as-oj sollst du uns helfen fun kol hamascb’chissim we-ha-mekatregim46), sej sollen nit kennen oif uns onrejdc« schlechts, ojstrachten bilbuliin47), zu vcrschwarzen unser nomen. — Mir sollen in dem jojm-hadin40) hoben a guten mischpot49) mit unsere mannen un kinder, mir sollen cholile nit sajn kejn almones60) un unsere kinder kejn jcssojmim61). ... Bi-s'chuss37) Schlojme hamelech58), wos bot gebaut dos bejs־hamikdoschM), un hot tfile geton64): wenn afile6׳) nit kejn jid, a fremder gor fun a ander time50), as er werd kummen In bejs-hamikdoseh arajn un dich beten, soll sajn gebet ojeh angenummen wern — in dem s’ehuss, ribojnoj schei ojlom, *oll mit verschlossen wern der tojr57) fun hiramel far majn gebet, un lomir5*) gedacht wern mit majn rnann un mit majnc kinder un mit alle lajt zum guten in dem iiajcti johr, omejn!“ Los noch dem lachen, wer es kenn, los er lachen, ojb*9) e« echteilt sich ihm dos maul, as dos is narrische Sachen —: aber60) licht, aher a ssach61) a*e1c!1e rejne nescliomcs-liclit! A ssach aber asclche brennendige gefihlcn, rejne herzliche Wörter, hejsse trären, gebet und licbschaft zu tojre un ehochme02), licbschaft zu menschen, zu a ganzer weit inen* sehen! Un dos aisding״") — baj wo men is es? Baj jidenes, baj proste6*) jidenes, wos onkukendig05) sej fun draussen, dacht sich, sej senen gornischt... Halc-waj1'״) a ssach asclche wajber mit asclche getihlen un asclche werter! Dos mögen07) Heren jene, jene ... un wissen, wos asoj’ns0*) ג jiuisch harz bedajt, megen heren un — sclitummcn! (Transkribiert und erläutert von Dr. Rabinowltz-Lelpzig) 2) fromme»; *) ätherisches Wesen! s) Wolilkundige; *) Bittgebet«; •) Vorschriften; *) 0נה•AbkUrnmg von Challah, Nidda 11, Hadlakah; י) Frau; «) liest; 9) jüdisch-deutsch* Paraphrase des Pentateuchs; 1®) ״Der jichtspendcmle Leuchter'‘, Erbauungibucli von Iaaak Aboab d. Ae. (13. Jhiit,); n) Bücher; 1•h reißt; 1:l) Gebrauch, bei dem Wort ״kodojscli“ («■ heilig) auf den Fußspitzen zu wippen; 14) Zitrone; 14) aolche Tropfen; 10) aufzumuntern; 17) i—i «• sowohl — als auch! ls) aur Zeit, Im Moment; 19) ohnmächtig werden; *•) in der Tat! 21) Melodie; **) Seele; י®) Tranen; **) zei(lassen; 28) wert! יי) wenigstens; 21) Dochte; s!i) Nachbarinnen; י־) Schöpfer der Welt; ®י) Väter und Mütter; 31) Gräber; ־יי’) Gott belntleff 88) Faden; *•) gerettet; S5) Kalkofen; 3*) Körper; 37) Im Gedenken daran; •*) Gelobt sei erl; s9) hier: Verdienst, ethisches Gewicht: .0) Schmer»; *2) Opferung; «*) Fürsprecherin; 4•י) aufzielicn; 44) Feind«; «) Nöte; *°) von allen Verderbern und Anklägern; 47) Lügen; 4•) Gerichtstag; 49) Urteil; ä0) Witwen; *») Waisen; M) König Schlomoh; יי) Heiligtum; 4י) gebetet; *s) auch; S«1 Volk; 6,) das Tor; ®י) mögen wir; 89) wenn, sofern: '") Ilcrbcil s1) viel«: «>) Weisheit; •י) alles; »«) einfache; *') anschaucnd: **) Geb« Colt! ״) mögen; Ir! Wirklichkeit. Jugenderinnerungen an Jom Kippur Die Weihe des ״Kol-Nidre“ ist oft genug beschrieben worden. Mir ist sie, merkwürdigerweise, erst in reiferen Jahren und aus einem historischen Gefühl heraus bewußt geworden: indem ich mir nämlich vorstellte, daß und wie es mit den Marianen, den ,Awarjanim“, gebetet wurde, ln der Kindheit hingegen stand mir der Sinn nach etwas anderem: das Ohr nach dem Klang der Gebctsworte, der Kopf nacli ihrem Inhalt. Beides fand mehr Befriedigung am Jom Kippur - T a g e. Eigentlich war «8 doch eine Einheit von Klang und Inhalt, die mich erfüllte, nicht etwa an sämtlichen Worten des Gebets sich entzündend, sondern an jenen, die mich irgendwie als besonders markant anmuteten; eine Einheit aber, in der der Klang der hebräischen Worte einen durchaus ebenbürtigen Rang mit ihrer Bedeutung hatte. Es ist schwer, dieses Gefühl zu erklären. Vielleicht durch einen Vergleich. Man denke sich die Ehrfurcht irgendeiner betenden mcnschliehen Gemeinschaft beim Erklingen einer Glocke, die notorisch über ein Jahrtausend alt ist und in dieser Gemeinschaft sich von Geschlecht zu Geschlecht vererbt. So verhält es sich hei den Juden mit den Worten des Gebets. Es war das Gefühl des Sakralen, das sie in mir auslösten. Keiner, scheint mir, hat dieses Gefühl so intensiv erlebt wie Aime Pa i Ile re, der angehende katholische Geistliche in Süd* frankreich, den ein zufälliger Besuch in der Synagoge von Dijon am Jom Kippur-Abend und eben der eherne Klang der uralten Gebdswortcbezaubert, aus «1er Bahn geworfen und dem Judentum »geführt hat. Freilich, die meisten der Jom Kippur-Gebete wiederholen nur die von Rosch-Uaschanali; aber die von Ihnen geweckten Gedanken und Gefühle erfahren doch «ine Steigerung an diesem einzigen Tage des Jahres, der, ein Unterschied von aßen anderen Feiertagen, ganz und gar, restlos, dem Gottes• ebenste gewidmet war. Doch merkwürdig, nicht jene zahlreichen Gebete haben mein Kindergemüt beeindruckt, in denen immer wieder um Vergebung der Sünden gefleht wird. Vielleicht, weil ich mir in jenem Alter noch keiner bewußt war; obwohl ich übrigens auch heute der Ansicht bin, daß wir Juden — man denke nur an die unendliche Aufzählung des ״Ai eheth“ — etwas allzuviel Sünden auf uns nehmen. Vielmehr übten eine starke Wirkung auf mich aus jene Stellen, die einen positiven Inhalt haben. Solcherart verhielt es sich mit dem Satze: ״Und also flöße Furcht ein allen Deinen Geschöpfen..,, und sic sollen alle zu einer Gemeinschaft vor Dir werden..Vag* kosmopolitische Gefühle regten sich bei diesem Satze in «ler Kinaerseele. Aber ohne Wurzel zu fassen, denn viel n1«hr bewegte sie das lllllinilHIIIIIllllllllWINIHIWIMmlIHMIIllINlIllllIHtNMtMtlllllllllllllIHtllllllflillllllllllllllimilllimillllllmilllillllMIllllllli Tag der Versöhnung Von Mascha Kal eko Herr, unser kleines Leben — ein Incwlsthen, Durch das wii aus dem Nichts Ins Nichts enteilen. Und unsre Jalire — Spuren, die verwischen. Und unser ganzes Sein — nur ein llntftvellen. Lab du uns wissen, ohne viel tu fragen, Lehr uns, In Demut schuldlos zu verzelhn. Gib uns die Kraft, dies alles zu erfragen. Und Iah uns einsam, nicht verlesien sein. Wir sind nicht da, um richtend zu begreifen. Uns ward bestimmt, zu glauben und zu tun. Und wenn uns Gottes MantelsÄume streifen, Im Schatten seiner Fallen auszuruhn. Jom Kippur 5698 für SA. 11111!111111111111111111<1111t11111i11tH111111w111111111111Hm11n1HH1111111t1mt1111N11111111H11Kt11111MH11tHmm1Hm1wmmwHmNW1 konkrete Verhältnis zwischen Gott und Israel selber. Wie anders klang es doch: ״Wie eine Wolke habe Ich Deine Sünden, wie einen Nebeldunst deine Vergehen weggewischt. Kehre zu Mir zurück, denn Ich habe Dich erlöst!“ Diese Sätze muteten mich stets, jahraus, jahrein in meiner Kindheit, als gnadenreich an, und der Kiang ihrer Worte erfüllte mich mit einem seligen Gefühl. Ueberhaupt liebte ich sehr diese, in die Rosch-Haschariah-Gcbete freilich noch zahlreicher als in die des Jom Kippur eingestreute 11 Bibelzitate, die immer wieder mit ״W'neemar“ — ״Und cs ist gesagt worden“ (in der Bibel) — eingeleitct werden. Ich grüße sie wie alte liehe Bekannte; die wohlvertnuiten Worte entkleideten das Gebet gleichsam seiner Strenge und machten es trostreich. Doch nun ist der eine lange Abschnitt der Gebete vollendet. Bevor sie zu den folgenden übergeht, ruht die ermüdete, fastende Gemeinde etwas aus. Es ist eine Pause and doch keine; denn in 11er Luft schwingt gleichsam immer noch das soeben Gehörte, wie ein leises, kaum hörbares Sausen... Dieser und jener der Betenden nickt ein. Ein Schalk aber schleicht sich an ihn heran, ein Fläschchen mit Salmiakgeist in der Hand, hält cs dem Schlemmenden unter die Nase, und dieser fährt hoch, erschreckt, aber auch plötzlich aufgemuntert... Eine willkommene Entspannung bot auch das Lesen des Thora-Abschnitts und der Tlaftarali. Wie lierrlieh klangen in dieser die Worte Jesajas! Damals ahnte iclt noch nichts von der Existenz eines Deutero- oder gar Tritojesajas, und der Stil dieser späteren Kapitel erschien mir — ebenso übrigens wie heute — genau so unvergleichlich wie der der ersteren. Den Gipfelpunkt des Gottesdienstes in der zweiten Hälfte des Tages (in der ersten war es das ״Unessane tokef“ evvesen) bildete das feierliche Gebet des ״oemeimlebotcn“: fin’ni 11 c a 11 i. Dies wurde schon durch den Personen- Wechsel im Yorbcter-Amte kenntlich. Hatte sich vor dem Altncmor bisher dieser oder jener abgemiilit, so trat mm an seine Stelle der Geinciiiderabbincr selbst. Mosche-Leib mit Namen. Und keiner war aticli dieses Amtes würdiger als er. Er besaß gerade die Attribute, die in dem riebet, das er zu sprechen hatte, als erforderlich für den Vertreter der Gemeinde vor Gott bezeichnet werden; einen langen, wallenden Bart, eine angenehme Vortragsart, dazu eine tiefe Herz« stimme. Einige Minuten laug sammelte er sich, vor dem Altncmor stellend, während die Anwesenden in tiefer Stille verharrten. Dann intonierte er das Gehet. Zuerst pianissimo, ■fast einem Rezitator gleichend. Und das entsprach auch vollkommen dem Inhalt der einleitenden Worte, die ein Gespräch des vor seiner Aufgabe znriickschreckenden ״Boten der Gemeinde“ mit sich selbst darstellen. Dann aber begann er, den Gesang zu steigern. Langsam, doch wahrnehmfich schwoll die Stimme an — bis sie den Gipfel: das Wort Schaddai! erklomm. Dieses Wort wurde aber von ihm nicht mehr gesungen. Es war der Schrei einer Seele, einer gläubigen Seele, zum Himmel empor. Nun war die Spannung gelöst, der Bann gleichsam gebrochen; in ruhiger Tonart führte er das Gebet dann zu Ende. Es war (und bleibt) ein unvergeßlichcs Erlebnis. Vor einiger Zeit hörte ich die Schallplatte eines berühmten amerikanischen Chasan — seinen Namen habe Ich vergessen — beim Vortrag desselben ״Hin’ni heanl'V Doch wie entweiht, wie europäisch — oder auch amerikaniscli — kam mir jetzt dieses mit opernhaften Prätentionen esungene Gebet vor! Wie viel mächtiger and echter war och der Vortrag unseres Mosche-Leib!.., Bei der N’ilah sprachen wir im Gebet bereits vom ״ausgehenden Tage“ una vom Schlüsse des Hiramdstores, Als wir aber aus der Synagoge auf die Straße liinaustraten, erstrahlte noch der ausgehende ukrainische Soininertag fast in seiner ganzen Schönheit. Unser Heimweg führt uns über den Marktplatz, auf dem, gefährlich lockend, Aepfel, Birnen, vor allem aber riesige Zuckermelonen prangen. Allein wir wissen, daß manches davon uns auch zu Hause erwartet. Sonderbar war dieser unvermittelte Uebergang vom Uralten zum Heutigen, vom Orientalischen zum RussGch-Ukrainischcn. Aber so ist mm einmal das jüdische!.eben. Elias Hurwicz 111M11n1111m11mM11111111n1m11111111!11111nm!1111111m1!m111111!111m1n11)1m1m!111m!m1m111111!t1!im11111mm(<1111n1111m!!111 Max Brods literarische Pläne Max Brod machte in einem Gespräche mit unserem Pra• ger Berichterstatter folgende Angaben über seine gegen• wärligen literarischen Arbeiten und Eläne. (Red.) Ich habe soeben die Biographie Franz Kafkas beendet, die unter dem Titel ״Franz Kafka, eine Biographie. Dokumente und Erinnerungen“ als Ergänzungsband zur Ge- Samtausgabe der Werke Franz Kafkas erscheinen wird. Diese Arbeit schildert den Lebenslauf und die Entwicklung Franz Kafkas. Die Beziehungen Kafkas zur jüdischen Religiosität und zum Zionismus werden dargelegt und durch Zitierung von Briefen und Tagebuchstellen doKiimentierf. Dabei zeigt sich interessanterweise, daß den ersten Anstoß zum Erwachen des jüdischen Bewußtseins in Kafka, der einer ganz assimilierten Familie entstammt, das Gastspiel einer ostjüdischen Theatertruppe in Prag und der Verkehr mit einem ihrer Schauspieler (Isak Löwy) gab, woran sich dann das Studium der ostjüdischen Literatur, der jüdischen Geschichte und später des Hebräischen schloß. Mütterlicherseits stammt Kafka von jüdischen Gelehrten ab. Auch über diesen Ursprung legt er sich erst spät Rechenschaft ab. In seinem letzten Jahr wurde noch die Lebensgemeinschaft mit einem ostjiidischen Mädchen entscheidend. Ich habe versucht, die Symbolik der Romane Kafkas und besonders das Motiv der Einsamkeit, des Nichtverwurzcltseins aus der jüdischen Situation zu erklären. Diese Einsamkeit enthält eine starke Komponente der Sehnsucht nach Gemeinschaft. 11t meiner Deutung wird sein Hauptwerk ״Das Schloß“ geradezu zur Tragödie der Assimilation. Das Buch enthält sehr viel persönliche Erinnerungen, da Kafka mein bester Freund war und ich zwanzig Jahre lang fast täglich mit ihm ziisammenkam. Die Biographie wird aucn zahlreiche unveröffentlichte Briefe und Zeichnungen, Photos und Schriftproben enthalten. Unmittelbar nach Beendigung der Kafka-Biographie beann ich einen Roman jüdischen Inhalts, der iin omtnenden Jahr erscheinen wird. Während ,des Sommers habe ich den Text zu Jaromir Weinbergers musikalischer Tragödie ״W a 11 c n s t e i n“ übersetzt. Das Werk gelangt im November an der Wiener Sfaatsoper zur Uraufführung. Eite große Reihe anderer Bühnen haben das Werk bereits angenommen. Der Text ist von Miloü KareA In der letzten Zelt hat sich Weinberger viel mit jüdischer Musik befaßt und «inige Lieder auf hebräische Texte komponiert. Die Auswahl dieser Texte stammt von Jiri Langer. Gemeinsam mit Jiri Langer, dem Bruder des Dichters Frantiäek Langer, habe ich ein jüdisches Oratorium ״H a - gadah“ verfaß(, dessen Musik von Paul Dessau vor kurzem fertiggestellt wurde. Paul Dessau ist bekannt als Autor der Filmmusik zu ,,Awodah“ und ״Taras Bulba“. Ucber den Auf hau und die Gliederung des Textes, der Bibel, Midrasch und vor allem das Volksbuch der H.tgadah benützt, habe ich mich bereits seinerzeit in der ״Jüdischen Rundschau“ geäußert. Eine Aufführung in Wew York ist in Aussicht gestellt; ferner interessiert sich das Palästina-Orchester, speziell sein Dirigent Stein berg und das Orchester der Histadruth Haowdim, für die Aufführung in Palästina. Die Verband« hingen sind ziemlich schwierig, da das Werk außer Orchester auch Chor und Soli sowie auch einen Kiiiderchor erfordert, Man plant eine große Freilichtaufführung zu Peßacli in Tel Aviv und am Skopusberge. Sch wünsche heiII, daß die Aufführung in Palästina zur Wirklichkeit wird, wobei ich auch an die Möglichkeit einer szenischen Aufführung denke, denn das Werk ist so geschrieben, daß es sowohl im Konzertsaal Wie auch auf der Bühne aufgefuhrt werden kann. Meine nächste Arbeit ist eine Neufassung des Buches ״Heidentum, Christentum, Judentum“. Palästina-Theater in Warschau Warschau, 10. September. (JTA.) Dje ״Nationale jüdische Bühne“ in Warschau (über deren Gründung wir fn Nr. 68 berichteten. Red.), brachte als Erstaufführung ein von Aron Zeit Iin übersetztes Stück von Sclitilamit Bat Dorf heraus, in dem das jüdisch-arabische Problem dramatisch behandelt wird. Zum ersten Male wurde ein in hebräischer Sprache geschriebenes palästinensisches Theaterstück in jiddischer Sprache aufgeführt. Das Stück trägt den Titel ״Gericht“ und spielt in einer jüdischen Siedlung während der Unruhen. Der naturalistischen Einleitung, die auch de« Zuschauerraum in das Geschehen einbezieht, folgt eine mystische Gerichts״ szene, in der über drei Tote, die auf die Bühne gestellt werden, einen Araber, einen Engländer und einen gefallenen Chaluz, das Urteil gesprochen wird. In allen drei Fällen gelangt das Gericht zu einem Freispruch, bei dem Araber, weil er unter dem Zwang von religiösem Fanatismus, bei dem Engländer, weil er im Rausch, bei dem Juden, weil er im Fieber getötet hat. Das Stück klingt in die Forderung nach friedlichem Zusammenleben von Juden und Arabern aus. Die Kritik weist darauf hin, daß hier zum erstenmal für die jüdische Bühne völlig neuartige Kmislmittel verwendet worden sind. Die Regie führte Friedrich Lind berg vom Züricher Stadttheater. Am Rosch Haschanah sang in der Großen Synagoge, Roonatraße in Köln, Herr Heini Hy man Socharti-Loch mit gepflegter Stimme.