Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1937-09-10 · Heft 72 (10.9.1937) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 72 (10.9.1937)
Date
1937-09-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2653625-2653694--31243-2685841
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 72 10. IX. 1937 JÖDISCHE RUNDSCHAU Seife 3 Jüdisches Leben in Bagdad Von Dr. Walter Fische 1, Jerusalem*) I. Wenn früher Wochen und Monate nötig waren, um von Jerusalem aus jene gewaltige arabisch-syrische Wüste zu durchqueren, die Erez Israel und Babylonien trennt und verbindet, und wenn man früher aus Gründen der Sicherheit, des Proviants oder des Klimas meist am Rande der Wüste, an den Ausläufern des Taurusgebirges entlanggezogen war, so fährt heute — eine Errungenschaft des Weltkrieges — ein bequemer Autobus auf kürzester Strecke in etwa dreißig Stunden von Damaskus aus quer durch die Wüste, an der Oase Rutba vorbei über die Palmenhaine des Euphrat an den Tigris nach Bagdad, der Hauptstadt des Zweistromlandes, des heutigen Königreichs frak. Das Bewußtsein, daß über diese auf Hunderte von Kilometern sich erstreckende Stein- und Sandwüste zu allen Zeiten Angehörige unseres Volkes nach beiden Richtungen hin gewandert sind, angefangen von der ersten Alijah in der jüdischen Geschichte — der Wanderung Abrahams aus Ur Kasdim nach Kanaan — bis zu der Alijah der bucharischen, persischen oder kurdischen Juden von gestern, von der Verbannung Israels lind Judas und der Rückkehr unter Serubabel und Esra bis zu den auf flinken Dromedaren dahinreitenden Sendboten des palästinensischen Synhedrion, den Neumond der Gola ankündigend,und bis zu den Reisen eines Benjamin von Tudela oder seiner Nachfolger — das Bewußtsein, daß diese Wüste stets berufen war, Brücke zwischen Heimat und asiatischer Gola zu sein, macht das an sich schon erhabene Naturcrlebnis dieser Wirttcnreise zugleich zu einem starken jüdischen Gcschic 11 tserlcbnis. Erwartet allerdings der jüdische Besucher in Bagdad — dem Schauplatz jüdischen Schaffens während vieler Jahrhunderte — jüdische Altertümer, Denkmäler jener großen jüdischen Vergangenheit in Fülle vorzufinden, so wird er ebenso enttäuscht sein wie jener, der das Bagdad von 1001 Nacht, ein romantisch-schönes Bagdad der Abbasidenchalifen anzutreffen gehofft hätte. Zwar ist Archäologie in diesem Lande geradezu eine Tagesfrage, und wenn man auf den Ruinen von Ninive oder Babylon spazieren geht, in Ur oder Lachisch die Reste einstiger Macht und Pracht bewundert oder bei Hilla, den ״Birs Nimrud“, den vermuteten babylonischen Turm in dem letzten erhaltenen Drittel seines Umfangs (vgl. babl. Sanhedrin 109a) erklettert, dann erlebt man biblische Geschichte und Weltgeschichte gleichsam in einer Stunde. Aber von all den berühmten und uns so vertrauten Stätten jüdischer Gelehrsamkeit aus talmudisc'ner Zeit wie Sura, Pumbadita, Nehardea ist fast alles verschwunden. Man kann kaum ihre topographische Lage mit Gewißheit bestimmen und die Historizität der vielen babylonischen Synaeogen und Grabstätten von ״Großen in Israel“ bleibt in fast allen Fällen mehr als fragwürdig. Sir Sassoon Jecheskel II. Statt dessen trifft man in Bagdad auf eine quantitativ überraschend starke jüdische Gegenwart. Von der nach Rasse, Religion und Sprache so komplexen irakischen Bevölkerung beträgt die Zahl der Juden etwa 120 000, von denen heute allein in Bagdad etwa 80000 leben. Jahihundertelang war Bagdad die größte jüdische Gemeinde des asiatisehen Kontinents, und erst vor wenigen Jahren wurde ihr dieser Rang durch Tel-Avviw streitig gemacht. Aber nach Erez Israel bleibt Irak weiter das Land des asiatischen Orients mit der größten jüdischen ,Bevölkerungszahl. (Iran zirka 60 000; Jemen zirka 30000; Syiifn zirka 25 000; Afghanistan zirka 6000 usw.) ׳ * Alle Straße in Bagdad Diese zahlenmäßige Bedeutung des jüdischen Elements in Irak hat sich zur Türkenzeit und auch in den ersten Jahren des neu errichteten Königreichs Irak in Politik und Verwaltung stark bemerkbar gemacht. Die Juden können als eine religiös-nationale Minorität vier Abgeordnete ins Parlament schicken und sie genießen laut Verfassung alle Rechte und Pflichten eines irakischen Staatsbürgers. Ihre politische Gleichberechtigung fand ihren sichtbarsten Ausdruck in der Ernennung des Bagdadcr Juden Sassoon Jecheskel zum Mitglied des ersten nationalen Kabinetts der irakischen Regierung im Jahre 1920. Freund und engster Mitarbeiter des Königs Faisal, ist diesem jüdischen Staatsmann schon unter der Türkenzeit führend anerkanntermaßen die wirtschaftliche und finanzielle Konsolidierung des neuen Staates mit zu verdanken, und trotz häufigen Wechsels der irakischen Regierung war Sir Sassoon Jecheskel nicht weniger als sechsmal Finanzminister und diente seinem Lande auch später als Mitglied des Senats und anderer Instanzen bis zu seinem Tode im Jahre 1932. Als ich im Jahre 1910, bei meinem ersten Besuche Iraks, jener denkwürdigen Pariam ent s Sitzung in Bagdad, beiwohnen konnte, bei der König Faisal die bevorstehende Aufnahme Iraks in den Völkerbund ankündigte, war ich nicht wenig überrascht, als Sassoon Jecheskel nach der feierlichen Thronrede des Königs als Aelfester den Vorsitz übernahm und die erste Arbeitssitzung des Parlaments eröffnete. Inzwischen sind manche Veränderungen auf der politischen Bühne Iraks erfolgt, auf die hier nicht einzugehen ist, und mit der Eliminierung der jüdischen Beamten aus verantwortliehen Stellen in der Verwaltung Iraks sind auch erstaunlich schnell die Verdienste dieses jüdischen Staatsmannes Sassoon Jecheskel vergessen worden. III. In wirtschaftlicher Hinsicht hingegen spielt die Bagdadcr Judcnheit noch immer eine führende Rolle. Man findet unter ihnen Aerzte (jetzt noch einige aus Deutschland), Anwälte, Apotheker, Geldmagnaten, Bankiers, Großkaufleutc, Grundbesitzer, Vermittler des transiranischen Verkehrs, Agenten der großen europäischen und amerikanischen Autofirmen, und obwohl Bagdad schon seit der Eröffnung des Suezkanals und der dadurch verursachten Verlagerung der Handelswege nach Indien seine wirtschaftliche Vormacht- Stellung im Orient eingebüßt hat, sind die Spuren einer wirt- Schaft!ichen Blüte dennoch auch noch heute in manchen Schichten der Bagdadcr Judenheit festzustellen. Aber von dieser relativ nur sehr dünnen Oberschicht der jüdisch«! Wohlhabenden abgesehen, setzt sich die große Masse der Bagdadcr Juden aus niedrigen Beamten und Angestellten (im Zoll-, Eisenbahn-, Finanzwesen der Regierung), kleinen Kräm e r n, Händlern, Handwerkern und aus einem ungeheuren Proletariat zusammen, die, meist im jüdischen Ghetto konzenfriert, das ganze Elend eines im Galuth lebenden Volkssplitters offenbart. Wer durch dieses Labyrinth enger, schmutziger, übelriechender Gassen des bagdader Judenviertels wandert, erlebt in erschütternder Weise eine der traurigsten sozialhygienischen Erscheinungeil, nur noch überboten von dem Schmutz und Elend der persisehen Judenviertel. Wie schnell vergißt man die großartigen, gesunden, luftigen, an dem Ufer des Tigris unter schöneu Dattelpalmen oder ln einer Synagoge in Bagdad in neuen Vierteln errichteten Paläste und Häuser der jüdischen Notabeln und Reichen, in denen man es auch in der mörderischen Hitze im Sommer so gut aushalten kann! Im Lichte der unbeschreiblichen Wohn- und Lebens- Verhältnisse des größten Teiles der Bagdader Judenheit versteht man nur zu gut, wenn am Sch ab bat das Ghetto sich entleert und alles herausdrängt auf die ״New Street“, an das Ufer des Tigris, um Luft und Licht in sich aufzunehmen. Man wird an den Schabbat am Strand Tel-Awiws erinnert, wenn man diese Judenmassen am Tigris Spazierengehen sieht. Die jüngere Generation sehnt sich mit Recht nach einer neuen Wohn- und Lebensform, und kein Wunder, wenn immer neue, dem Wunsche nach leichter Geselligkeit und Ablenkung entgegenkommende jüdische Klubs in Bagdad entstehen, die die eigene Familie, das Beth-ha-Midrasch, das Ghetto verdrängen und zum Treffpunkt einer modernen Jugend werden, die sich auch von dem moralischen Ghetto efreien will, das noch allzu schwer auf breiten Schichten der Bagdader Judenheit lastet. IV. Es muß jedoch rühmend hervorgehoben werden, daß in keiner anderen Gemeinde des Orients so viel für die Er- Ziehung der jüdischen Jugend geleistet wird als in Bagdad. In den unzähligen Schulen der Gemeinde, der Alliance Israelite (gegr. 1864) und anderer privaten Anstalten, war im Jahre 1934/35 die Zahl der jüdischen Schüler insgesamt fast 12 000. Da die Juden Iraks in kultureller Hinsicht völlige Autonomie genießen, wird von den Instanzen der Gemeinde viel guter Wille und Energie aufgebracht, die vielen Schulen, deren Gründung in den letzten Jahrzehnten zum Teil durch Stiftungen und Legate von den in Indien lebenden Bagdader Juden und von Männern wie Eli Kadoori, David Sassoon, Menahem Esra u. a. ermöglicht wurde, richtig zu führen. Neben diesem Schulwesen unterhält die Gemeinde eigene Kliniken und Krankenhäuser, Apothekers tisbiidungs- *) Vgl. Nr. 87, 99 Jahrgang 1936; Nr. 2, 24,25 1937. Versöhnungstag Wer spricht: Ich werde sündigen und umkehren, sündigen und umkehren, den läbt mans nicht errcidien, Umkehr zu tun. — Idi werde sündigen, und der Versöhnungslag wird es sühnen, - so sühnt es der Versöhnungslag nicht. Ueberlrefungen in der Beziehung zwischen Mensdi und Gofl sühnt der Versöhnungsiag; Ueberlrefungen In der Beziehung zwischen Mensdi und Mensdi sühnt der Versöhnungsiag nidit, bevor er nicht seinen Nächsten besänftigt hat. Rabbi Akiba sagtet Hell eudi Israel; vor wem reinigt ihr euch? wer reinigt eudi? — Euer Vater im Himmel! Denn es isl gesagt: «Ich sprenge reines Wasser auf eudi, / daf» Ihr rein werdet ... 1” (Jecheskel 36, 25) Und es ist gesagt: ״Hoifnungsziel (mikwe) Jissrael*. / DU' (Jer. 17,13): wie das Tauchbad (mikwe) die Unreinen reinigt, so reinigt der Heilige, gesegnet sei er, Israel. Mischna Joma VIII. 9 Uebers. v. N, A. Giatzer Stätten, Naliscluiien, Wohlfätigkeitsanstalten und über 40 Synagogen mit den dazugehörigen halachisehcn Institutionen. Es ist bemerkenswert, daß die Hauptcinnahmcn der Gemeinde sich aus der sogenannten ״Gabaiia1׳, einer indirekten Fleisch- und Schlachtsteuer, rekrutieren. Wer die Gelegenheit wahrnahm, die jüdischen Bildungsanstalten Bagdads zu besuchen, konnte zwar feststellen, wie ernst neben Arabisch Englisch und andere Fächer gelernt werden, aber er erkannte auch die schwierigen Ber.utsf ragen, vor denen diese Jugend steht, der z. B. die Die Rabbanim der Bagdader Jescliiwa Bcamtcnlaufbahn verschlossen bleibt, die von einer produk״ tiven Berufsschichtung und •Umschichtung und von dem Chaiuzideal noch so weit entfernt ist. Als die irakische Regierung noch erlaubte, Lehrer für Hebräisch aus Erez Israel zu holen, war das Interesse am modernen Hebräisch sehr rege. Noch heute schreiben die meisten Juden Arabisch in hebräischen Buchstaben (Raschischrift) und haben sich da• durch ein enges Verhältnis zur hebräischen Kultur bewahrt, das sich in vielfacher Hinsicht äußert. Es war eine nette licberraschung für mich, als ich im Marz 1936, vom Bagdader Bahnhof aus mit dem Nachtzug nach K i r k u k fahrend, vom Billetschalfner, einem Juden, hebräisch angesprochen und be• grüßt wurde — was sich an einer Zollstation wiederholte, wo der Zollbeamte mir nach Erledigung seiner Amtspflichten ״Derech Schalom“ zurief. Die zahlenmäßige Stärke und Konzentrierung jüdischen Lebens in Bagdad hat dazu geführt, daß die Juden sich als national-religiöse Volksgruppe mit einem aus• geprägten jüdischen Instinkt trotz allen Gefahren erhalten haben. Fremde Einflüsse wie christliche Mission oder Bchai- Bewegung konnte die anders in B a s r a (zirka 7000 Juden), wo die 111 c o s o p his c h e Bewegung vor kurzem zu einer heftigen Auseinander» Setzung und zu einer Spaltung der jüdischen Gemeinde geführt hat. V, Dennoch ist die gcistigeStagnation des jüdischen Lebens Bagdads überraschend. Man muß nicht einmal daran denken, daß unter den Gaonim vor tausend Jahren Bagdad geistiger Mittelpunkt der gesamten Judenheit war und daß noch über das 18. Jahrhundert hinaus Bagdad eine große Zahl von Gelehrten, von Rabbinern und Schrift- Stellern aufweisen konnte, um doch mit Bedauern den geistigen Niedergang, die Erstarrung und Veräußerlichung des jiidisehen Lebens im Irak von beute zu empfinden. Es ist sytnptomalisch, daß die 120000 Juden Iraks nicht einmal eine eigene Zeitschrift oder Zeitung (Gemeindeblatt o. ä.) für ihre eigenen kulturellen Interessen in Arabisch oder einer anderen Sprache besitzen. Das Fehlen einer geeigneten jüdischen Führerpersönlichkeit ist aut allen Gebieten, nidit nur auf dem politischen, fühlbar. Würde das Ideal einer jüdischen Renaissance in die Iraker Judenheit eingepflanzt werden dürfen, dann könnten wohl die in diesem so wichtigen Teil des jüdischen Volkes schlummernden Kräfte und Energien gehoben werden. Bagdader Judenheit kaum erschüttern; Hof einer jüdischen Mittelschule Foton Df. Walter Fiachel *!PI dIE VOLlAROMATISCHE ZIGARETTE 1 ]1 NATUR L ICH NIKOTIN ARM

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.