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Jüdische Rundschau · 1937-09-03 · Heft 70-71 (3.9.1937) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 70-71 (3.9.1937)
Date
1937-09-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nf. 70/71, 3. IX, 1937 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 9 Jüdische Musik in historischer Perspektive Niederländisches Tagebuch Von Lutz Weltmann In Am e rifort wurde ein Salonwagen der Königin an den Zug angehängt) die gemäß der Verfassung jedes Jahr eine Woche in Amsterdam residiert. Das ist für die Holländer ein wahres Volksfest, das diesmal geradezu Karnevalstinimung aut den nächtlich illuminierten Straßen auslöste, weil Krön- Prinzessin Juliane und Prinz Bernhard mit ihr erstmalig nach ihrer Vermählung in die Stadt einzogen. Eine ganze Stadt in Orange: Rosetten im Knopfloch, Ringe und Herzen auf Festons und auch richtige ürangenfrüchte dienten — wie Luftballons in der gleichen Farbe — zum Festsclumick. Die Zeitungen berichteten seinerzeit darüber, wie die jiidisclie Kolonie an diesem Jubel teilnahm. Eine ״jüdische Kolonie“, das ist seit Spinozas und Rembrandts Tagen bis heute die ״Verfassung“ der Juden in Holland, das die vor der Inquisition Entflohenen aufnahm. Die unlösbare Verflochtenheit der religiösen und der nationalen Komponente in der Entwicklung des Judentums wird dem, der Holland zum ersten Male besucht, zum Erlebnis. Sinnfällig ist der Oberrabbiner eine höhere Instanz als der Gemeindevorsteher. Die Solidarität den Zugcwamlcrtcn gegenüber bestellt nicht nur in der nicht genug zu rühmenden Bereitstellung von Hilfsmitteln, sondern auch in dem heißen Bemühen, diese kein Ghetto innerhalb des .,Ghettos•‘ bilden zu lassen. Daher das Entgegenkommen durch gelegentliehe Predigten in deutscher Sprache seitens der OrtWioxie, während die Liberalen aus Deutschland ans dem Grundsatz des Gottesdienstes in der Landessprache heraus — holländisch beten. Es geht aber im Grunde genommen gar nicht um den Gegensatz zwischen orthodox und liberal. Es geht hier um die Disziplin, um die Einordnung in die jüdische Kolonie, um die Abwehr jeden Spaltungsversuches. Die Freiheit des Denkens ist nicht gefährdet, nur das Anerkenntnis, daß das Gesetz der Thora in seiner Gänze besteht, da keine Instanz seine — zugestandene — Schwere aufzuheben vermochte, wird gefordert. Man betritt die portugiesische Synagoge und weiß, daß sie erst nach der Ausstoßung Spinozas von dem Nichtjudcii Elias Bouman errichtet, von Emanuel de Witte, dem Spezialisten für Kirchen-lntcricurs, gemalt und von Bernard Picard gestochen wurde. Und doch fragt inan drinnen, von welcher Stelle Spinoza gebannt wurde, und erfährt, daß diese Frage sehr häufig gestellt wird. Im Alltag, ohne Kerzenglanz, geht von diesem Raume die Stimmung einer calvinisclien Kirche aus. Kein Wunder, daß der berühmteste holländische Kirchenmaier in ihr ein ihm vertrantes Motiv suchte und fand. Bis auf den heutigen Tag dauert im calvinisclien Holland der Bund zwischen Altem und Neuen! Testament: der Davids-Schild wird in Kirchen-Neuhautcn häufig als Fensterschmuck verwendet, so auf dem Wege von Haarlem nach Leiden, und an der neuen Kirche in Amsterdam-Süd, dem Stadtteil mit der städtebaulich anregenden Architektur, der viele Zugereiste aufgenommen hat, umrahmt der Magen David gar einen Christus-Kopf. * _ Rembrandf und den Coopcrs galt mein Sonderinteressc im Reichsmuseum. Ich hatte das Original jener anonymen Königin-Christ ine-.Miniatur in Händen, die ich auf Grund eines Ziemlich dichten Indizienbeweises nach einem Photo ihrem Hofmaler Alexander Abraham Cooper zuselircibcn konnte, und vor den Miniaturen seines Bruders Samuel, Vtyfklichen ״Gemälden“, nur eben in kleinem Format, erkannte mäh die Berechtigung seines Rufs als ״englischer Van Dyck“, dem der Rembrandt-Schiiler Hoogstrnaten wahre ״Gesicht-Wunder“ nachrühmte. Beide Brüder Cooper gingen verschiedene Wege als Juden: Samuel, der im Jahre von Manasses England-Fahrt sein berühmtes Cromwell-Bildnis schuf, war damals schon getauft — mutmaßlich anläßlich seiner Verheiratung und vielleicht in diesem Entschlüsse durch den iudnisierenden Zug des englischen Puritanismus erleichtert, Alexander, der Jude blieb, hielt sicli an Länder und Fürstlichkeiten, die dem Juden gegenüber Toleranz übten. Rembrandts zahlreiche Judenköpfe sind bekannt. Die ״Judenbraut“ im Reichsmuseum, früher allgemein als Porträt seines Sohnes Titus und der Magdalena v;m Loo angesehen, wird neuerdings auch als Doppclbiicluis des Miguel de Barrios und der Abigail de Pina gedeutet und zu den biblischen Szenen, die das Bild darstellen soll, wird außer Boas und Ruth auch Tobias und Sarah oder Isaak und Rebekka, von Abimelech belauscht, vorgeschlagen. Haftet der darstellenden, der dichtenden Kunst das Sinnfällige an, sind ihre Werke für den Betrachter fast Diagrarnme, auf denen er mit feinster Nadel des zeichnenden Stifts, des denkenden Hirns sensibelste Ausstrahlung mcnschliehen Empfindens nachgczciehnet voriindet, so ist die Musik weniger eindeutig wahrnehmbar. Sie liegt buchstäblich iu der Luft: in sie zeichnet der erzeugte Schall Linien, Kurven, die das Trommelfell in gleiche Schwingungen versetzen, sicli so dem Nervensystem mitteilen und damit das musikalische Empfinden im Menschen atislösen. Schwer war es in diesem Bezirk der Kunst Ordnung, Klarheit, Regeln zu schaffen, die annähernd denen der Sprache und des Bildes entsprechen. Ersten neuester Zeit lohnte sich das Mühen, im Kosmos der Musik Angelpunkte zu ihrer Enträtselung zu finden. Hugo Riemann, der Leipziger Musikprofessor, erkennt in genialer Weise die funktionellen Klangbeziehungen im europäischen Tonbild. Der Basler Musikwissenschaftler Ernst Kurth deckt Zusammenhänge zwischen dem Musikgeschchen und den seetischen Snannungsvorgängcn im Menschen auf. In neuester Zeit wertlen dank der Initiative des Prager Musikprofessors Gustav Becking Wesenstypen in der Musik auf experimentalcm Wege gefunden, denen fast schon axiomhafte Geltung zukommt. Nicht zuletzt die neuerdings ins Leben gerufene vergleichende Musikwissenschaft ist hier zu nennen, deren Vertreter, mit Dr. Robert Lach mann (Universität Jerti- Salem) sich. vorwiegend den primitiven Urformen zuwendet. Wir wissen, daß der Mensch im Raum lebt, in ihn gestellt seinen Einwirkungen ausgesetzt ist, ja, daß die Kräfte, die vom Raum her auf ihn einwirken, zu entscheidenden Kämpfen mit den eigenen, in ihm ruhenden zwingen. Alles Geschehen i n ihm und u m ihn gebiert diesen Widerstreit. Auch der künstlerische Mensch unterstellt dem ehernen Walten dieses Daseingesetzes. Doch gleichen sich Mensch und Umwelt in längerem Zwist einander an, ein Typ von Mensch entsteht, in dem sich allmählich die fundamentalen Voraussetzungen •für seine stetige Weiterentwicklung und Weitervervollkonimnimg auch Im künstlerischen Sinne herauskristallisieren. Nicht für jeden Fleck Erde erstand ein Typ mit der Fähigkeit einer stetigen Weiterentwicklung. 1111 ersten Jahrtausend erschloß sich die musikalische Kunstülumg in den Klöstern das griechische, byzantinische Element, Elemente׳ des jüdischen Tcmpclgcsangs in fnicliibarem Scliaffcnprozeß. Diese Kunst entwickelte sic!!, angefacht durch das fanatische Bestreben, religiöses Empfinden durch Musik noch zu steigern, über die Wende dieses Jahrtausends, über Jahrhunderte noch hinweg, zu der herrlichen Blüte der Pariser, später Brabanlcr Klostersdiulen; eine K u n s t m u s i k entstand, noch frei von aufklärerischen Skrunein,, keusch, in einer dem Glauben entströmenden, fast Kindlichen Naivität, die über bewegtes Zeitgeschehen hinweg anhielt und das Reinste, Religion und Weit gleich Verhaftete an musikalischer Offenbarung entstehen ließ. Das Volk selbst trieb Musik nach eigener Weise; ihre äußere Schale war ursprünglich rauh, doch bei aller Redseligkeit einfach; Das schöne Bild des vor Sau! harfespiclcndcm David (im Haager Mauritsliaus) stellt im Mittelpunkt des R c m - brandt-Films, den ich in Antwerpen sah. Zum Modell des Saul nimmt Rombrandt einen hartgesottenen Bettler (zum David seinen Lieblingsschiiler Fabritjus); den rührt er durch seine Bibelaiislegung so zu Tränen, daß er sie mit dem Vorhang abwischt, und als die Sitzung unterbrochen wird, ist es dem Modell fraglich, ob es noch einmal so in Stimmung sein würde. Rembrandts Bihelglmibe spielt eine große Rolle, und am Schlüsse bekennt er die salomonische Eitelkeit der Eitelkeiten. Trotz der Meisterlcistung Charles Laughions und wunderbarer Photographie war aber der Erfolg weder in Holland noch in Belgien eben groß, da der Künstler nebeneinander in seine Bestandteile als vitaler Müllerssohn und als mystischer Philosoph zerlegt wird. Das Ganze ist nicht recht ״filmisch“, während einzelne Einfälle durchaus wegweisend sind. Etwa wenn die Enttäuschung der Zuschauer über die ,,Nachtwache“ zuerst akustisch — im Gelächter der Betrachter — wiedergegeben wird oder wenn Rembrandt in den Staub den Namen Saskias schreibt, die Trompeterswifwc, keine frans-halsisclie Mnlle-Babbe, wie man sie sich nach der großen Rembrandt-Literatur vorzustellen nur allzu geneigt ist, sondern sympathisch-gehoben sich des einsamen Mannes annimmt, ihn mit einer!!!!glaub- Ihren Charakter bestimmte das Volksnaturelf. Ein großer Schatz von Melodien entstieg der Volksseele. Die Kirche nahm ihn in ihre Kunsfmusik auf, und das Genie goß seine Elemente und Formen zu Meisterwerken um. Für uns ist diese Erkenntnis von weittragender Bedeutung. Denn sie erhellt mit einem Schlag das Feld, das sich die jüdischen Komponisten mit einer Wiedererneuertmg der jüdischen Musik erringen können. Ucbersehen wir unsere augenblickliche Situation nach den Gesichtspunkten, wie sie die vorangegangenen Darlegungen lehren, so gewiimeii wir den Eindruck, daß bei uns Juden der Widerstreit zwischen Substanz und Umwelt dann brennend wurde, sobald hier ein Ausgleich angestrebt werden mußte. In den häufigsten Fällen entschied sich dieser für uns durchaus fruchtbringende Konflikt für die Umwelt. Doch prägte sich das Genie, der Substanz zugehörig, unverkennbar in seinem Werk, auch wenn es in Unkenntnis eigener Farbtöpfe und Stanzen sie der Umwelt entnahm. Daß hei der Ausgeprägtheit unseres Sondcrschicksals bei alledem gewisse Züge hervortraten, die, mit dem Maß der mitteleuropäischen Kunst gemessen, einseitig, künstlerisch eigenbrodlerisch erscheinen müssen, bedeutet nicht, daß sic nicht für uns und in unserer Deutung für die Weit wieder als künstlerisch originell und einzigartig zu gelten haben. Mit der Realisierung־ des jüdischen Volkes wird auch die ihrer Kunst, ihrer Musik spruchreif. Die beste Vorlage zu ihrer praktischen Wiedererimierung liefert uns die angeführte historisch erprobte Tatsache, daß die seinerzeit hochentwickelte Kirchenmusik zum Ausbau ihrer Kunst und ihrer Vervollkommnung Elemente der Volksmusik einbezog. Wir bekommen so die Route vorgezeiclinet, die uns bestimmt, das reichlich vorhandene Material der jüdischen Volksmusik aufzugreifen, unsere Musik ihren Farben, Tonskalen anzugleiclien, allerdings soweit sich das mit unserer augenblicklichen Mentalität verträgt. Sonst entstehen Machwerke, Zwiftergobildc, vor denen wir bewahrt sein wollen. Es wird geraume Zeit verstreichen, bis wir uns in dem Charnkfer unserer Musik heimisch fühlen, bis wir ihre gültigen rc.rineii erkenne!!. Gleichwohl besteht für den gegenwärtig Selmffeiiden nicht der geringste Anlaß der Entmutigung, in diesem Interregnum nur zu Halbfertigem fähig־ zu sein; denn letzten Endes machen nicht die Farben, die Details allein das Kunstwerk aus, sondern tatsächlich sein effekt i v innerer künstlerischer Wert. Die U e b e r g;1!1 g s z e i t, in der wir uns befinden, findet ebenso ihre Meister wie die aller früheren Epochen. Uno das wird auch der Fall sein unbeschadet allen Musizieren» ,,ä Id Orient“, das einsetzen wird und hinter dem sich sehr geschickt Minderwertiges wie seinerzeit beim ersten Anlauf der Moderne verbergen kann. Im gültigen Gesichtskreis zu schaffen, wird mir wenigen Vorbehalten sein. Dr. Jakob Schönberg lieh diskreten Kopfbewegung Sn ihre Kammer winkt, Rentbrandt ihr folgt und der Name Saskias im Staub durcheinander spielt, wenn also seelische Vorgänge eindringlich optisch gemacht werden. Der Freund Manasse ben Israel, der mit dein jüdischen Arzt Rembrandts zu einer einzigen Gestalt verschmilzt, kann nicht lügen, obgleich Rembrandt ihn darum bittet, ihm Hendrickjes Ausland zu beschönigen. Doch als Hcndrickje ihn fragt, ob Rembrandt um ihren Zustand wisse, ringt er sich es ab, von seinem Grundsatz abzuweichen. * Seit vielen Jahren hatte mich die Gestalt des ״Warbeck״ litcrnriscli angezogen, des englischen Kronprätendenten gegen Heinrich VII., der das Gerücht verbreiten ließ, sein Gegner wäre der Sohn eines Juden. Schon Shakespeares Zeitgenosse John Ford hat einen ,,Ferkln Warbeck“ geschrieben und das letzte in der Reihe der Wwbeck-Drameii vergleicht ihn mit Christus, als die Parteien sich zu seinem Untergang ״wie Merodes und Pilatus“ die Hand reichen. In den Notizen zu dem klassischen Warbcck-Entwurf wird der Held gleichfalls mit einem Juden i!1 Verbindung gebracht. Meint Antwerpens Gastfreunde konnten mir zufällig die Reproduktion einer Zeichnung aus dem Stadtarchiv in Ar ras zeigen, aut deren rechter Ecke der Name Warbeck mit liebräischen Lettern geschrieben steht. DIE FLUCHT Erzählung von IMidia Josef Berdyczewgki (bin Gorion) Au» dem Hebräischen übersetzt von Rn hei bin Gorion (Schluß) So vergeht ein Woche nach der anderen, ein Monat nach dem anderen. Abwechslung boten nur die Feiertage am Herbstanfang und die 7,wei des Frühlings und des Sommers. Wenn es Herbst wird, hüllt sich die Welt in eine Nebeldecke; der Mensch hat für wurme Kleider zu sorgen, dafür, daß die Schube wieder ganz, sind, für IIolz und Stroh zum Heizen der Oefen. Im Frühling aber, die Eiskruste auf dem Strom erhält Risse, das Wasser bricht durch und steigt, und ein seltsamer Widerhall erfüllt die Brust. Ich' wurde zwölf Jahre alt und somit, als Waisenknabe, auch gebotspfliditig. Allmählich begann ich mich zurcchtzufinden in dem, was ich zu lesen pflegte, und zu begreifen, daß alles das, wovon der WcchenabschniU der Thora und die Proplietcnbüeher berichten, sieh vor langer Zeit, und weitab von hier, zugetragen hat im Lande Israel. Ich aber und meine Mutter, unsere Nachbarn und die Einwohner der umliegenden Ortschaften, w׳ir alle wohnten außerhalb dieses fernen Landes, Wir hofften auf das Kommen des Messias, auf den Tag, da er uns aufrechter Haltung zurückführen wird in die alte Heimat und die alte Herrlichkeit wiederherstellen wird. Dazumal aber fürchtete ich mich geradezu vor den Tagen de» Messias und den schweren Kümpfen des Gog und des Magog, die ihnen vorangehen sollten. Am liebsten wäre cs mir gewesen, wenn unsere ganze Stadt, so wie sic war, mit unserem kleinen Hüusehen und denn Dachfenster da oben, von der Erde UocUgehobcn und dorthin, in das Ilcbräerland, hatten verpflanzt werden können, zusammen mit den Bet- und Lehrhäusern, von denen es heißt, daß sie sowieso hinüber sollten, Denn die Zeichen und Wunder, die Vorboten der Erlösung, die zu erwarten waren, flößten mir großen Schrecken ein. Als ich von dem Messias au» dem Stamme Efraims erfuhr, der im Kriege fallen würde, worauf erst der wahre Erlöser, der aus dem Hause Davids, auftreten sollte — da bangte mein Ilcrz gerade um den Efraimiten. Mir war schon damals der Vers bekannt und geläufig, der da lautet; ״Ist doch Efraim mein teurer Sohn, mein Lieblingskind!" Einmal bat ich meinen Lehrer in der Schule, er tnSge mir die Grenzen des Heiligen Landes sagen und mir auf Papier aufzeiclmen, wo Samaria und Juda, Bet-El und Jcru- Salem, Gilgal und Mizpa zu finden wären. Der schaute midi mit verständnislosem Blick nn und sagte: Was bedeutet diese Frage? Mizpa war in Mizpa und Gilgol in Gilgal. Aus dem Talmud erfuhr ich von den Städten Jnwnc und l.udd, von Tiberins, Uscha und Scpphotis; doch fühlte ich, daß es einen Unterschied gab zwischen dem Heiligen Lande der Bibel und dem des Talmuds. In der Höhte Machpcln ruhten die Erzväter, in Meron über — so las ich im Geschlechtsrcgislcr der Tannaiten und Amorüer — war das Grab Simeon ben Jochais. In einem kleinen Büchlein, das ich von einem Wanderbuchlüindler erstanden halte, war geschrieben, man habe auch das Grub des Schreibers Esra aufgefnnden; vor der Gruft läge ein Marmorstein. Ueberliaupt das Buch Esra! Mit welcher Beklemmung erfüllte mich schon der erste Vers: ״Und Gott erweckte den Geist des Perserkönigs Cyrus, und er ließ in seinem ganzen Reich ausrufen und durch Sendschreiben vorkttndigen: Wer von euch aus dem Volke Israel nach Jerusalem hinnufziehen will ..., dem möge Gott beislehcn, und er möge ziehen.“ — Nein, sprach ich bei mir, ein fremder König braucht uns nicht anzufeuern, wir ziehen in das Land von selbst! Danach fiel mir wieder ein kleines Buch ln die Ilnnd: ״Moses und Jerusalem“ überschrieben; das berichtete von einem jüdischen Mnnn aus jüngster Zeit mit Namen Montefiore, der war reich und freigebig, und eines Tages mnelife er sich auf und zog mit seiner Gattin Judith hinauf in das Land Israel. Dort wirkten sie Gates und erwarben große Ehren. Ich sprach davon mit meiner Mutier, und da erzählte sie mir noch mehr von diesem liochmögenden Herrn, von seinen großen Spenden und daß er ein Beschützer Israels in Zeilen der Not gewesen war. Meine Müller stand in den vierziger Jahren und versah unser Haus. Ihre Hunde spannen Wolle, strickten Strümpfe, auch nähte sie Hemden für andere Leute und ernährte so mich und sich selbst Sie hatte keine Freundinnen und keine Gefährtinnen, als wäre sie aus einem fremden Stamme hervorgegangen; sic war im übrigen nicht redselig. Selbst von meinem Vater, der jung verstorben war, sprach sie kaum und erwähnte seinen Namen nur, wenn ich nicht gehorchte, was indessen selten vorkam. Ich war sonst folgsam und hing an ihr mit «11 meiner Treue; sie wiederum hatte alle ihre Hoffnung auf mich gesetzt. Der Traum einer Mutter zu jener Zeit bestand aber einzig darin, ihren Sohn zu einem Großen im Geiste der Thora zu erziehen. So wohnten in der kleinen Hütte zwei miteinander eng verbundene Seelen und dazu noch eine schwarz gesprenkelte Katze. An den langen Winterabenden war es immer »0, daß die Katze in eines Ecke lag und sich räkelte, meine Mutter am Tisch beim Licht der Lampe saß und mit der Stricknade! 11a!1(ierIe Und ich ihr gegenüber über den Talmud gebet!״! das Erbrecht studierte und Erbschaftsfülle durchnahm. Mich ermüdeten aber die ewigen Streitigkeiten der Menschen von denen immer wieder der eine über den anderen den Vorteil errang. So legte ich den Talmud aus der Hand und schlug von neuem die Bibel uuf. Und da war mein Herz schon wieder im Osten, im Lande der V ater, * Als ich' vierzehn Jahre alt wurde, widerfuhr meiner Mutter ein großes Glück, das sie niemals erwartet hatte: der ltabbi des Ortes nahm sich meiner an und wollte mir Unterricht gehen. Der Rabbi war ein Mann von großer Frömmigkeit und großem Wissen. Er ließ mich die Traktate tibor die Opfer lesen und erklärte mir darin alles nach dein Wortsinn, danach aber auch die Abhandlungen Über Kauf- und Besitzrecht, worüber spekulative Erörterungen angestellt wurden. Er gab mir die Fragen auf, und ich hatte sie zu beantworten. Unterbrach ich aber die Lektion und stellte meinerseits eine Frage, wie. zum Beispiel: Warum wird die Landstrecke jenseits des Jordans von den Talmudisten nicht dem Lande Israel gleich gerechnet? so glaubte er in seiner Unschuld, daß die Frage für mich vom Standpunkt des ״Gesetzes“, aus Interesse habe. Es gab zwischendurch' auch Tage, wo mir noch vieles andere durch den Kopf ging. So, wenn der Rabbi vom Morgen bis zum Abend Gericht hielt in der Gemeinde. Ich saß in einer Ecke und studierte für mich seihst, Vor meinem Lehrer aber wurden alle möglichen Streitigkeiten ausgetragen, solche zwischen Nachbarn, Eheleuten, Fnmilienmit-' gliedern. Und er entschied immer ohne Ansehen der Person und füllte ein gerechtes Urteil. Ich aber wurde währenddessen nn die alten Zeiten erinnert, wo Gott seihst irdische Gerechtigkeit übte, wo man vor den Hohenpriester und den regierenden Richter mit »einem Anliegen trat, — Dem Rabbi fiel es einmal ein, mit mir über den bösen Trieb zu sprechen, und ich wußte wohl, daß es Sünde und Vergehen gab. Aber ich begriff nicht, warum keine Schuld- und Sühnopfer mehr dargebracht wurden. * Und nun ereignete sich etwas Besonderes in unserer Stadt: ein Gast au» weiter Ferne besuchte den Ort. E* kehrten wohl Öfter aus anderen Städten Leute ein, verarmte Sprossen vornehmer Familien oder Nachkommen von Heiligen und Märtyrern, auch Opfer von Brandkata- Strophen, die zu beherbergen und zu unterstützen Pflicht und Ehr# war. Man nahm sie auf und betreute sie, wenn es auch schwer fiel, sich selbst ihretwegen das Notwendigste

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