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Jüdische Rundschau · 1937-09-03 · Heft 70-71 (3.9.1937) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 70-71 (3.9.1937)
Date
1937-09-03
Page
– (sequence 10)
Language
German
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V i w• 11 ,m »>& Seite 10 JODI5CHE RUNDSCHAU Nr. 70/71, 3. IX. 1937 Die jüdischen Fischer / Ein verschwundener Beruf Der alte Q e t ts c 111 i 11 g warf einen großen zappelnden Hecht in die Waagschale, und das Wasser spritzte mir und Marinka_ so ins Gesicht, daß wir schleunigst zurückgingen. Mein kleiner Bruder aber stand unentwegt hart vor der Waage und starrte mit seinen großen schwarzen Augen so aufmerksam auf den Fisch, dal! der alte Gettschiing noch am gleichen Tage zu uns kam und meiner Mutter erklärte, er wurde uns nie mehr auch nur den winzigsten Kaulbarsch verkaufen, wenn mein Bruder noch einmal mit zum Markt käme, und dann würden wir ja feine Feiertage haben, ohne Fisch. Die Mutter fragte, was mein Bruder verbrochen hätte, und der alte Gettschiing s׳ gic verblüfft und laut, indem er unsere Tür hinter sich zukualltc: ״Der Jung hat so spitzige Augen!" Und am Abend begann Rosch Hasc ha 11 ah, das Tischtuch blühte wie frischer ■׳« Schnee, die ת tue Gaslampe, die erste im Städtchen, strahlte, die Fichte leuchteten und die Leuchter und die silbernen Bestecke und der alte silberne Becher funkelten lauter Licht, das goldbestickte, blaue Samtdeckche» schitn* niertc, der Großvater trug ein neues, silberbesticktes Käppchen, und nach dem Kiddusch aßen wir Acpfel mit Honig, damit das neue Jahr eitel Sülligkeit würde, und plötzlich kam der Hecht auf den Tisch und war gefüllt und wie gefüllt! Und also ging der Honigwunsch in Erfüllung, das Jahr fing gut an. Bei Tisch alter, und nur Kinder durften bei Fisch nicht reden, wurde das Problem erörtert, woher soviel Wasser in Gettsdihngs Waagschalen käme mul daß seine Preise mehr nach tseidsehlmg ausslihen und daß der Alte meines kleinen Bruders ״spitzige“' Augen furchtete, daß man sich seinem Diktat aller heu gen mölke, den״, er war der ein/ige Fischer im Sjadtcheo und der einzige jüdische im jjanzen Kreis, leb sehe ilm noch vor mir, klein, 11 n heimhell gednmgu!, sali er weder jüdisch noch überhaupt menschlich aus, eher wie aus lischfett modelliert, eine niedrige Stirn, keine Haare, sondern kurze Borsten, dicke, Hände, einen Cis/citan/ug und Augen, winzig klein wie Walfischaugeii und beweglich wie Weberschiffchen. Andern Morgens aber beim Beten im Feiert.־»gsstaat glänzte sein 1 ischfettgesielit ganz anders, es war rot und sauber über dem gelblichen Tallis, und kaum seine Lippen bewegten sich, so wenig Marktgrobheit und lauter Alltagssinn lag unter seiner Transchicht, und als er in diesem Jahre starb, hatten wir keinen jüdischen Fischer mehr. In unserer Gegend war der alte Gettschiing der letzte Mohikaner der jüdischen Fischer, in Westeuropa hat es sicherlich immer mir vereinzelte Fälle gegeben, aber auch im Osten, wo die Fischerei ein durchaus jüdischer Berut war, sind die Verhältnisse seit dem Kriege verändert. Aber früher, vor fünfzig, ja noch vor dreißig Jahren, in Litauen und in der Wilnaer Landschaft beispielsweise ... Es lohnt sich, einen Blick in die Geschichte der jüdischen Fisclierei zu tun. Für die Bauern im ehemaligen NoTcfostrußland war die Fischen?? nur eine zusätzliche Beschäftigung, für viele Juden die große und einzige Gewinnmögliclikeit. Man rechnete gern mit einem großen Fang, und tatsächlich gab es immer die berühmten alten Leute, die erzählten, daß sie selbst noch Fischer gekannt hätten, die bei einem Fang zwanzig bis fünfundzwanzig Wagenladungen Fische erbeuteten, und eine Wagenladung betrug etwa acht Zentner. Fn den Gewässern des Grafen PFiter im Braslawcr Kreise fing der jüdische Pächter im Monat Adar während dreier Jahre mehr als tausend Pud (an 330 Zentner) Lachse. Natürlich fing man meist die kleineren Fische, die weniger einbrachten. Aber die jüdischen Fischer betrieben vor allem den Lachsfang, der sehr schwierig ist, nicht eben mit besonderem Erfolg, aber ״man UTtit'•', und ״Gott wird helfen“. Dies Vertrauen war nötig, denn Pachtsummen waren groß, die Spesen hoch und die Konkurrenz beträchtlich. Bezeichnende Sprichwörter sind: ,,Fr lut sein Geld im Fischrecht ersäuft"; ״Fischer sferlicn in fremden Taciirichim (Sterbeideidern)“. Und doch gab es viele Juden, die ,,vom Fischei leben". Im Kreis Troki gab es in den neunziger Jahren vierzig jüdische Fischerei- Unternehmer, von denen jeder sommers sechs bis sieben, winters an zwanzig Leute beschäftigte. Die Sommernetze waren klein, 250 bis 300 Klafter lang, und mußten von vier Mann bedient werden. Die Winternetze waren 500 bis 600 Klafter lang (ein Kilometer), sie erforderten acht ständige ״Anführer“ und zwölf bis fünfzehn Arbeiter, die tnait in den umliegenden Dörfern dingte und üblicherweise am Fang beteiligte. Unter den ständigen Fischereiarbeitern hatte jeder Unternehmer einen oder zwei besondere jüdische Bevollmächtigte und Sachverständige für das Auslegen, Instandbalten und Reparieren der Netze. Das waren gesuchte Spezialisten, und tatsächlich ist es eine Kunst, die Gewichte aus Stein und Holz, so zu verteilen, daß das Jüdii kurzfingcrige •che Fischer beim Netzef licken — in Palästina, wo der alte Beruf wieder erstanden ist Knio: Herberi Sonnentdd Netz ״wie eine Wand steht“ und den Fischen, denen mit klötzbehafteten Stangen ״gedroht“ wird, keinen anderen Weg als in den 36klafterigen Nctzsack läßt. Die jüdischen Fischer waren schlichte, gottesfiirchtige Leute, und morgens, ehe die Netze bei Tagbeginn ausgelegt wurden, sah man sie unter einem Baum stehen, den Tallis una die Tefillin anlegcnt und beten. Dann gingen sie in die kleinen Boote, und das Tagewerk begann. Es war rin mühseliges Arbeiten ohne Rücksicht auf LJnwetter, Sturm, Wolkenbrüche und Frost. Innerhalb von vierunzwaiizig Stunden wttrden sieben bis acht ״Züge“ gemacht, und gefangen wurde hauptsächlich nachts und vor Tage. Ein ״Zug" eines so grollen Netzes dauerte mindestens eine Stunde. Nach dem Fang mußte das Netz zum Trocknen ausgebreitet werden, und dann brachte mau es und die Boote in andere Gewässer, wofür man in den Dörfern Fuhren mietete. Die jüdischen Vorarbeiter hatten auch zu entscheiden, wann ein Wasser gehörig ״durchgesclirepkt“ war und verlassen werden sollte. Jn den Berichten der Vorarbeiter über die Ergiebigkeit der Fangstellen hieß cs dann etwa; ״Klage über sie!“ oder ״Verbrennen soll sie!“ und bei den kleineren Unternehmern, die ein Gewässer gar zu oft ״durchschwenken“ ließen: Das Wasser ״hat hold, zu ruhen.“ Das größte Uebel für die jüdischen Unternehmer bestand darin, daß Fische nicht als reguläre Ware galten, da sie doch ״umsonst wachsen“. Der Jude mußte doch mit jedermann gilt sein; der Gutsherr, dessen Fischrecht er pachtete, bekam selbstredend die besten und schönsten Fische geschenkt, die Dörfler von den Ufern mußten bei Laune erhalten werden, die staatlichen Wald- und Wasseraufseher und ihre Vorgesetzten verachteten kostenlose Fische auch nicht, und der Uriadnik, der Landgendarnt usw. konnten gewiß nicht leer ausgehen. Fing man in der Nähe eines Juden- Städtchens, so meldeten sich sogleich der Schächter, der Schammes, der Lehrer, von den armen Leuten ganz zu schweigen. Warum, klagten die Fischer, verlangt man nicht vom Metzger Fleisch umsonst? Aber wenn der Fang nur einigermaßen war, gaben sie doch ohne weiteres allen ״stillen Teilhabern“ davon ab. Beim Abwiegen des Fanges wurde in drei Sorten, große, mittlere und kleine Fische, geteilt. Die großen und mittleren wurden, sommers mit Eis, auf Wagen verladen und nach Wilna oder Kowno auf den ״freitagdigen Markt" geschickt, die kleinert übernahmen die jüdischen Aufkäufer der kleineren Städte ringsum, ebenso was noch am Freitag selbst, zur Verschickung in die Hauptstädte also zu spät, gefangen wurde. Darauf warteten die vornehmen Hausfrauen, die ״sich schon ein Stückchen gefüllten Fisch gönnen“ konnten. Und jedes noch so kleine Judenstädtchen hatte wenigstens einen jüdischen Fischhändler; diese Mcnschcnart war bekannt rauhbeinig, die Frauen ״zitterten“ vor ihnen. Die sogenannte leichte Fischerei wurde ausschließlich von Juden betrieben; Ein ״leichtes“ Netz von zehn, höchstens zwanzig Klaftern, das nur über Nacht ausgelegt wild und lediglich für große Fische bestimmt ist; zwei Fischer, von denen eitler das Boot führt, der andere das Netz richtet und herauszieht. Die Gewinnteilung war hier so, daß dem Unternehmer nur, was im Fangsack war, den beiden Fischern, was sich in den beiden Fitigeln des Netzes fing, zufiel. Der Fang mit den leichten, dünnfälligen und großmaschigen Netzen ist weniger anstrengend als mit den schweren Kilometernetzen, aber es gehört auch mehr Geschicklichkeit und Glück dazu. Also nannte man diese Art Fischfang ein Glücksspiel, und sie war vor fünfzig Jahren der beliebteste Sport der jüdischen Fischerjugend. Die alten jüdischen Fischer hatten ihren eigenen Aberglauben, fürchteten den ״bösen Blick“ aller Zuschauer an den Ufern, und trieb ein Boot ohne Ruder fort, so ״riefen“ sie den ״Jungatscli“ mit dem Vers zurück: ״Bazikl, bazikl, schwimm!lischt mehr, dcrlang sich zurück a kehr!“ Sie waren einfältige Leute, felsenfest überzeugt, daß der ״Bazikl", das Kähnchen, nun zurückkcliren müßte. Kam ein Gast ans Ufer, so banden sie ihn mit Stricken, er mußte sich loskaufen, das Lösegeld war ein Fläschchen Branntwein, den inan dann gemeinsam aus der Wasscrscliüpfkelle trank, und es ging lustig und gutmütig, aber ohne Skandal zu. Sie ״hoben“ gern ein Gläschen, aber eigentliche Säufer gab cs unter den Fischern nicht. Im Krieg begann die jüdische Fischerei auszusterben, und heute mul) man sie schon als einen ve rsch w undenen Beruf ansehen. Den Todesstoß erhielt sie in der Inflation der ersten Nachkriegsjahre. Die Pachtpreise überstiegen sehr bald die ohnehin großen Ausgaben der jüdischen Unternehtner, die einer nach dem andern dies Geschäft aufgeben mußten. Ein weiterer Grund ist die Höhe der Steuern. Und die Bauern, die rings um die den Regierungen gehörenden Gewässer wohnen, fischen nun selbst und ohne Pachtverträge oder die Verpflichtung dazu, die Juden können sie daran auch auf den von ihnen gepachteten Fangstößen nicht hindern. Wo noch jüdische "Unternehmer arbeiten, werden sic allmählich, aber sicher zu liquidieren genötigt. Die jüdischen Vorarbeiter und Fischer verschwinden vollends, da kein niclitjüdischer Unternehmer sie umstellt. Fisch-Aufkäufer gibt es noch, aber auch sie werden durch die Fischerei-Kooperativen der Bauern und Gutsherren ausgeschaltet, die eigene Verkaufsstellen in den Städten eröffnet haben. Schließlich ist auf jedem Gut und selbst in den Dorfteichen der Bauern längst die künstliche Fisch-, besonders die Karpfenzucht, im Schwange, und so gibt es jetzt selbst in den Judenstädten kaum halb so viel jüdische Fischweiber aut den Märkten wie noch vor fünfzehn Jahren, Ihr Verdienst reicht nicht mehr zum Leben, Diese Frauen waren einst ein Völkchen für sich. Man fürchtete ihre Grobheit, ihre Flüche, ja ihre Tätlichkeiten (״einen Fisch in die Visage hauen“), man wagte nicht, ihr Wägen in Frage zu steilen, man nahm, was sie einem gaben, und sagte ihnen nach, sie gingen am Schabbat besser als sonst wer gekleidet (Mantillen aus CatacuP.) und kauften die besten Plätze im Theater. Heute sind sie arme, verstoßene Weiber, die in der Woche zehn Zloty verdienen. Unser alter Gettschiing hatte in seinen jüngeren Jahren auch noch selbst größere Fänge gemacht, später nur noch von den nichtjiidiscnen Bauern und Fischern Karpfen, Hechte, Plötze und Barsche gekauft und auf den Markt gebracht. Er ist nun längst gestorben und vergessen, und ich wurde erst wieder an ihn erinnert, als ich eine neue jiddische Zeitschrift ״Vun noenten owar“ aufschlug und einen Vorzugliehen Aufsatz über das jüdische Fischercigcwcrbe von Hirsch Abram« witsch aus Wilna las, dem die obigen Angaben aus ״GroB-Litaucn“ entnommen sind. Wieviel vergangene jüdische Mühsal, Arbeit, Sorgen und Segen stecken hinter diesen kargen Aufzeichnungen, und wie sieht überhaupt unsere Weit aus! Wie die jüdische Fischerei, so sind auch andere ländliche Berufe und Handwerke im Osten ausgestorben, die noch in der vorigen Generation jüdisch waren, so die Faktorei, Gutsverwaltung, Schank Wirtschaft, Schindelmacherci, Branntweinbrennerei, Holzflößerei und die Schmiede-, Schneider-, Schuster- und Stellmacherhandverke in den Dörfern. Leo Hirsch zu versagen. Vielfach waren in den Häusern kleine eiserne Büchsen aul'geslellt, in die der Hausherr oder die Hausfrau am Schuhhutriisttug oder am Neumondslage Münzen einwar• len zum Gedenken an Rabbi Meir, den Wundertäter. Einmal im Jahre kam dann ein Abgesandter des Rabbinats, leerte das Kästchen, und das Geld wurde an die Armen des Landes Israel geschickt. Nun aber erschien bei uns ein Mann, der direkt aus jenem Lande gekommen war einer von den dort ansässigen Sefard im angezogen wie ein Araber, in weißem Kittel und ein rotes Tuch um den Kopf; er sprach keine andere Sprache als die hebräische, und diese mit seltsamem Akzent... Die ganze Stadt war in Aufregung über den Fremdling; ich aber und meine Freunde, wir folgten ihm und waren um ihn, wo er nur hinging und sich hinwandte. Begreift, es wohl, meine Leser! Ein Mann, der Jerusalem, die heilige Stadt, mit seinen Augen gesehen hat, der den Tempciberg kennt und die Gräber der Könige Israels; ein Mann, der in Hebron, Tiberias und Safed gewesen ist, der die Statten betreten hat, wo die Füße unserer Altvordem gestanden haben — ein solcher Mann weilte jetzt mitten unter uns! Meine Aufregung kannte keine Grenzen. Mir deuchte, daß, wenn der Fremde seinen Mantel hochhöbe, alle erhabenen Punkte des Landes darunter sichtbar werden würden: die Berge Tabor und Karmel, die Gebirgsketten Gilbon und Efraint. Meine Freunde beneideten mich darant, daß ich Schüler des Rabbi war, in dessen Hause der wundersame Mann Herberge genommen haue. Im Bethaus wandte ich kein Auge ab von dem Jerusalemiter, der so ganz anders betete als wir. Es freute mich auch, seinen eigenartigen Singsang zu hören, mit dem er, als er zum Verlesen der Thora aufgerufen wurde, den Zusatzabsehnilt aus den Propheten las. Sobald zu Hause die Mahlzeit zu Ende war, eilte ich in die Wohnung meines Meisters, wo die angesehenen Bürger schon versammelt waren, bei Met den Worten des Orientalen lauschten und sich Mühe gaben, seine Aussprache zu verstehen. Er aber erzählte von dem Dorfe Meron und dem Lichterfest am dveiunddreißigsten Tage der Omer-Zählung; er erzählte von dem Grabe des Propheten Ilosea und der Gruft noch eines anderen großen Heiligen, an der sich folgendes Wunder zugetragen habe; der Iamaeliler, dem der Boden daselbst gehörte, verwahrte da seine Schütze; Diebe erfuhren davon, kamen in der Nacht und stahlen alles weg. Als sie aber Entgehen wollten, blieben sie wie angewurzelt stehen und konnten sich nicht von der Stelle rühren. — Groß ist die Macht der Gerechten bei ihren Lebzeiten und größer noch nach ihrem Tode! Vor den Fenstern standen Burschen und Mädchen und guckten in die Stube, wo der Gast aus dem Morgenland saß, der Mann mit dem dunklen Gesicht und den glänzenden Augen. Und mir wollte es plötzlich cinfallen, ihn m fragen, ob er vom Stamme Josef oder vom Stamme Naftali sei. Auch über unseren Rabbi geriet ein anderer Geist: er vergaß alle Spekulation und Auslegung und fragte den Fremden schlichterweise, ob er den Montefiore gesehen hätte... * Alles dies trug sich an dem Schabbat nach dem Neunten Aw zu, an dem Schabbat der Tröstungen. Noch war in meiner Phantasie das erschütternde Bild der Erzmutter Rahe) lebendig, die aus ihrer Gruft emporsteigt und um ihre Kinder weint. Nach ihr aber erhoben sieh aus dem Grabe die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob, Mose und Aaron und alle Propheten. Das Heiligtum war dahin! Jerusalem, die heilige Stadt, und der Tempel Gottes lagen in Trumtnern und giftiger Rauch entstieg den Ruinen. Und nun sitzt jetzt uns gegenüber ein Mann, der in derselben Stadt wohnt und von ihr zu berichten weiß. Nachdem man zu Ehren des Gastes genugsam getrunken hatte, kam die Zeit des Nuchmittagsgcbetcs. Die Leute gingen auseinander, aber jeder hatte in seinem Herzen etwas zurückbehalten. Ich schritt allein, doch mochte ich nicht zu meiner Mutter zurückkcliren, sondern ging über die Brücke und bestieg den Felsen. Die Sonne schien slillzustclien, es herrschte die Stille des Sommertages, die Stille des Schabbats. Auch nicht die kleinste Wolke war zu sehen. Im Lande Israel pflegte man zu solcher Zeit den lliinmel um Regen zu bitten. Ich sehne mich danach, wie «inst der Prophet, zu solchem Gebete den Berg Karmel zu besteigen. Plötzlich regt sich eine Stimme in meinem Inneren: Was hast du hier zu tun? — Ich erwache, stehe auf und weiß nunmehr, wohin midi meine Füße tragen werden. Drei Tage weilte der fremde Jude in unserer Stadt. Wiewohl das Jahr nicht sonderlich gut gewesen war, kam viel Geld für ihn zusammen, dreimal soviel als für die anderen Armen. Auch meine Mutter gab ihm eine ansehnliehe Spende, eine von den sechs Silbermünzen, die in einen Zipfel eingebunden waren und als Notpfennig für mich aufgehoben wurden. — Da holte ich mir in aller Stille die übrigen fünf Geldstücke, nahm zwei Hemden, Unterzeug, die SchabbatmQtze und den Latz mit den Schaufäden und band alles zusammen; auch ein Stück Brot tat ich dazu. Den Morgen nach der Abfahrt des fremden Mannes aus dein Orient machte ich mich in aller Frühe auf und schlich mich, während meine Mutter noch im Schlafe lag, aus dem Hause, das Bündel auf der Schulter und den Wanderstab in der Hand ... Ich durchschritt Felder und Dörfer, Meile um Meile, ohne uinztjschauen. Dann rastete ich eine Weile, hielt das Gebet ab, wutsch die Hände an einein Brunnen und aß von meinem Brot. Nachdem ich mich gestärkt hatte, sprach ich den Tischsegen und vvanderte fürbaß, Mein Geist war frisch und munter. Ein Mann begegnete mir, und auf die Frage, wohin mein Antlitz gewandt sei, antwortete ich wohlgemut: Ich ziehe in das Land Israel! Allein: ״Es ward Abend.“ Unseren Vätern hatte eine FeuersäuU in der Nacht geleuchtet, mir leuchtete mein unerschütterlicher Wille. Ich legte mich schlafen auf Getreidegarhen und fürchtete mich nicht vor dem Wild des Feldes. In der nächtlichen Stille wurde ich entrückt, von dem Orte, den ich erst am Morgen verlassen hatte, und sah mich den Jordan überschreiten und vor den Toren Jerichos stehen. Die große Mauer, die das Volk von seinem Gotte trennte, fiel, und die Erlösung war da! Erlösung dem uralten Volke! Der verlorene Sohn kehrte an den Tisch seines Vaters zurück... Als ich aber am Morgen erwachte, da ״waren meine Füße in einen Stock geklemmt“. Zwei Männer, die ich nicht, kannte, hatten mich von rechts und von links untergefaßt und führten mich die Straße, die ich eben durchmessen hatte, zurück nach Hause. Mein Herz war wie versteinert; Himmel und Erde, erbarmt euch meiner! Als es abermals Abend wurde, stand ich vor den Toren meiner Stadt! Die Kunde von meiner Flucht hatte sich verständlicherweise sogleich verbreitet, man hatte nach mir gesucht und brachte mich zurück in die ״Gefilde Arains“. Meine Mutter empfing mich mit bewölkter Stirn; die Freunde lachten mich aus. Doch bald kehrte das Leben in sein gewohntes Gleise zurück, und ich, ich verblieb im Exil, trauernd und verbannt, bis zum heutigen Tage! ■ * .. *f*“.

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