Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 70-71 (3.9.1937)
- Date
- 1937-09-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 70/71, 3. IX. 1937 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Araber und Juden in Algier / Ein Reisebericht In de.ii Straßen von Algier erlebt man die überwältigende Fülle c.nes Geschehens, das heute den ganzen Orient für Europa so problematisch macht. Wenn man durch die Stra•’,tn von Algier geht, dann sieht man auf den ersten Blick die große Eigentümlichkeit des Orients und dieser S'radt im besonderen: die Araber nehmen, sofern sie nicht ,gerade den ärmsten Schichten angehören, in einem über- »sehendem Maße an den Dingen teil, die ihnen Europa b.ctet. Man sieht sie überall. Sie gehen in die trauzosischen Warenhauser; s:e fahren Straßenhalm und tragen Sonnenbrillen, mid sie tun so, als ob dies alles selbstverständlich wäre. Aber man sieht zugleich, mit wcleher Geisteshalt u n g sie d es alles tun und mit welcher Haitung sic dem Europäer begegneu. Aus den Blicken, mit denen sie einen anschauen, kann man lesen, welche Abne:gung und geringschätzige Gleichgültigkeit sie allesamt, hoch und niedrig, gegen den Europäcr erfüllt, der genau so wie die europäischen Zivilisationsmittel höchstens dazu da ist, um benutzt und ausgenutzt zu werden. Der Nimbus Europas ist bei den Arabern verschwunden. Gerade der einfache Araber, der im Kaffeehaus herumsitzt, oder im Araberviertel, der Kasbah, herumgeht, gerade er zeigt in seinem Wesen und seiner Handlungsweise, welch ein Treunungsscluiitt doch heule zwischen Orient und Okzident geht. Noch heute darf sich kein Europäer des Abends oder Nachts in den Gassen des Araberviertels allein sehen lassen. Noch heute sieht man dort am Tage nicht viele Europäer. Die Araher sind hier innerlich sehr wenig einer Europäisicrung erlegen. Jungen aus dem Judenvierlei Menschen, die hier leben, und die ich nach dem Grunde aller dieser Erscheinungen frage, geben mir die gleiche Antwort: die Araber sind nicht gut auf Europa zu sprechen. Sie wollen ihre eigenen Herren sein. Sie glauben, daß Europa ihnen nicht viel Gutes geschenkt hat, und daß so vieles, was die Europäer ins Land gebracht haben, ihnen zum Unheil geworden ist, weil es eben nicht Araber angewandt haben. ״Was haben wir schon“, sagt mir ein arabischer Student, ״was haben schon die arabischen Massen von all den glückseligmacheiidcn Dingen gehabt! Ihre soziale Lage hat sich nicht gebessert. Ein namenloses Elend herrscht unter ihnen. Das kulturelle Gewissen Europas hat das alles zugelassen.“ Und während er mir dies sagt, denke ich an die lange Reihe der Araber, die, daun und wann nur mit einem Zeitungspapier bedeckt, auf blanker Erde schliefen. Ich sah sie nachts vor den Lagerhäusern des Hafens, als unser Wagen dort voriiherfuhr. Damals sagte mir der uns begleitende französische Gendarm: auch int Winter, bei Wind und Wetter, schlafen sie so; sie haben kein Obdach. Ich denke an die zahllosen hcrumlungcrtulen jungen Menschen in den Straßen und Gassen des Arabetvicrtels. Gerade diese jungen Menschen, die im Gegensatz zu der älteren Generation wenn auch zerfetzte, aber doch europäische Kleidungsstiieke tragen, fühlen den Abstand, der zwischen Europa und Arabertum bestellt. Sie suchen den Abstand durch eine störrische Frechheit und Aufdringlichkeit zu uberbrücken. Die s o 7. i a 1 e Frag e ist ins Bewußtsein der arabischen Massen gehoben worden. Sie gibt eine der Begründungen für einen im übrigen völlig irrationalen N a - tiotialismus ab, der seine geistigen Beziehungen zu dem stets frenidenfciiidlichen Islam nicht verleugnen kann. Gerade hier in Algier ist die Verbundenheit der Araber mit dem Islam sehr groß. Er beherrscht das äußere Bild und sicherlich den inneren Menschen. Nur zu leicht sind die Araber geneigt, Dinge, die geschehen, als Anschläge gegen den Islam auszudeuten. Heute erlebt der Islam im ganzen Orient eine gewisse Renaissance. Er profitiert von dem erwachenden Nationalismus, der auf der Gemeinsamkeit der Ethik und des Glaubens aufbaut. Die religiöse Intensität steigert aber ihrerseits wieder den arabischen Imperialismus. Es ist eine Wechselwirkung, groß genug, tim einen Weg ins Ungewisse zu zeigen. In einer solchen Atmosphäre leben in ganz Algerien 75 000 Juden oder 11 «b der Gesamtbevölkerung. Ihre soziale Schichtung ist sich im Laufe der Jahrzehnte gleich geblieben. Es überwiegen die kleinen Basarkaufleute, die Gekiverleiher, Wechsler und die kleinen Handwerker. Die Wohlhabenden, Großkaufleute und Bankiers, Advokaten und Aerzte, bilden nur eine kleine Oberschicht. Sie wohnen kennzeichnenderweise nicht mehr im Judenviertel, sondern sind in die von Europäern besiedelten Stadtteile gezogen, wo sie aber wieder beieinander wohnen. Die Juden insgesamt stehen in einem zweifachen Verhältnis zu den Arabern: für die Araher sind sie Fremde, Europäer, und sie sind — Juden. Das macht viel aus. Denn einmal überträgt der Araber auf sie alle Denkkategorien, mit denen er den Europäer betrachtet. Daun aber vergißt er nicht, daß Juden und Araber in einem Spannungsverhältnis leben, das seine wirtschaftlichen, sozialen und nationalen Gründe hat. Die Auswirkungen der Zustände in Palästina sind zudem hier nicht ohne Einfluß geblieben. Heute sind die Araber gerade in Algier sehr empfanglieh für antijüdische Parolen. Eine starke Gegner- Schaft zu allem Jüdischen macht sich bemerkbar. Es ist noch nicht vergessen, daß im Jahre 1035 der große Sturm auf das Judenvierte! in Constantine stattgefunden hat, daß im August 1036 der Großmufti von Algier wegen seiner liberalen Haltung ermordet worden ist. Eine latente Spannung ist immer da. Die Juden reagieren darauf sehr verschieden. Es gibt viele, die die Dinge mit ihrer französischen Kulturauffassung messen; sic wollen nicht viel davon hören. In vieler H׳'nsicht sind die Juden in Algier zudem in einer prekären Lage. Das zeigt nur ein Beispiel. Noch immer ist dort die Frage akut, ob Frankreich aen Arabern volles Stimmrecht gewähren soll oder nicht. Es weiß, daß es gegen die arabische Nation,ilbcvvegung ein Gegengewicht schaffen muß. Dies versucht es, indem es die Gleichstellung der Araber durchführt, indem es ihren kriegerischen Sinn Synagoge in Algier ■*R»־«rs benutzt und sie in die Armee einreiht. Es versucht es, indem es den Arabern die französische Kulturauffassung und den französischen Zivilisationsbegriff näher bringen will, indem es am liebsten aus ganz Nordafrika ein ״Frankreich jenseits des Meeres“ machen möchte. Vor kurzem hat eine Untersuchungskom m i s s i o n in Algier Erhebungen über die Frage des Stimmrechts der Araber angestellt. Dabei sind auch die Juden gehört worden. Sie wußten nicht recht, wie sie sich verhalten sollten. Würden sie für die Verleihung des Stimmrechts eintreten, so glaubten sie, daß man dies als den französischen Interessen nicht dienlich ihnen verdenken mochte. Würden sie sielt gegen ein Stimmrecht der Mohammedaner aussprechen, so dachten sie, daß der antijüdischen Stimmung unter den Arabern dadurch neuer Auftrieb verschafft werden würde. Sie haben schließlich die Einräumung des Stimmrechts befürwortet. Es ist jedenfalls sicher, daß die antijüdische Strömung unter den Arabern, die schon immer vorhanden war, sehr zugenommen hat. Die Angriffe in der Presse, die sonstige Agitation dauern an. Die Regierung hat sich bemüht, dagegen einen Damm aufzurichten. Presseverbote sind ergangen und Gesetzesmaßnahmen werden geplant. Die französische Verwaltung und auch die Polizei ist durchaus gewillt, durchzugreifen, wenn es notwendig ist. Aber die Dinge gehen weiter. In dieser Beziehung haben die Kämpfe und Auseinander- Setzungen in und um Palästina eine große Wirkung gehabt. Der panarabische Gedanke hat einen günstigen Boden gefunden. Zur Zeit der Unruhen hat es Ktindgebungen und Sammlungen für die aufständischen Araber in Palästina gegeben. Jetzt gibt es Proteste gegen den Teilungsplan. Es ist immer so, daß nur auf einen Anlaß gewartet wird, um diese panarabische Stimmung in Manifestationen auszudrücken. Der arabische Nationaiismus ist eine Erscheinung, die sich immer erneut integrierende Momente sucht, um sich selbst zu beweisen. Man sollte die Kraft dieses Nationalismus nicht verkennen. Wenn man einmal mit einem arabischen Intellektuellen gesprochen hat, dann kann inan verstehen, wie Dinge geschehen können, die wir z. B. in Palästina immer als ein halbes oder ganzes Wunder betrachten. Die Geduld und Trägheit der arabischen Massen ist groß. Aber ihre Leidensfähigkeit und Opferwilligkeit ebenfalls. Gerade von diesem Stückchen Afrika aus versteht man manches von dem, womit Palästina ringt. Besonders die jugendlichen Elemente sind jedem rationalen Argument unzugänglich. Sie sind aber die Hauptträger der antieuropäischen und antijüdischen Strömungen. In Algier sind der ״Etoile Nordafrieairic", die Bewegung der ״jungen Muselmanen“, die auch in Tunis erst jüngst mit einem Protest gegen den Teihmgsplan hervorgetreten ist, der Kristallisationspiinkt für alle Ünabhärigigkeitsbcstre« billigen. Die Schicht der j u n g e u a 1׳ a bischen Intelligenz ist dabei führend. Sie bemüht sieh, durch die Einführung moderner Masse n er/iehungspr 111/ ipien Disziplin und nationale Begeisterung in die Massen zu tragen. Dabei ist cs kennzeichnend, daß diese Intellektuellen, die ihre Bildung meist an europäischen Universitäten erhalten haben, diese Bildung als ein Gut ,mischen, das ment ihnen allein gehört. Sie betrachten es als ein Mittel /um Zweck: zur Höherentwickiung der arabischen Nation und zu ihrer kulturellen Wiedererweckung. Der Anschluß der Araber an die Moderne soll sich durch sie vollziehen, ein Anschluß, der nicht Selbstautgabe und nicht t 'eherfremdung bedeuten soll. Europäische und amerikanische Kultur- und Zivilis.itionstiiittel sollen dazu dienen, eine R c n a i s s;1 11 c c d e s A r ,1׳ hört u m s zu fördern. Ueherliaupt wird inan hier gewahr, daß Europa sich in der Defensive befindet. Der Orient betrachtet Europa und seine Konflikte sehr aufmerksam. Die Araber des ganzen Orients nutzen jede europäische Schwäche aus, um ihre Position zu festigen. Auch Frankreich fühlt das arabische Problem, und der Schritt der französischen Regierung in London, durch den die Interessen Frankreichs am Teihmgsplan angcmeldet worden sind, unterstreicht nur die Tatsache, daß die Unruhe, die den Vorderen Orient erfaßt hat, auch auf Syrien, Algier und Marokko wirken kann. Es ist nichts isoliert, was in Palästina geschieht, und cs läßt sich auch nichts isolieren. Die Entwicklung der europäischen Technik hat die Welt kleiner gemacht, aber dabei auch die arabische Welt nicht ausgenommen. Herr Abdul Hadi fliegt von Damaskus nach Genf wie jeder europäische Staatsmann es tun könnte; die Vertrauensleute des Obersten Arabischen Komitees kommen nach Nordafrika wie jeder Europäer. Die Welt ist klein geworden. Die Menschen haben Raum und Zeit ihres Wunders entkleidet. Alle Romantik, die in ihnen steckte, ist verrauscht. Daß sich das auch gegen Europa wendet, ist unvermeidlich. In einem Gefühl für diese Dinge sieht man auf die kleinen schmutzigen Araher jungen, die sich vor dem Hafeneingang herumdrüeken und den Fremden Streichhölzer oder Zeitungen anbieten. Sie sehen eigentlich großartig genug aus. Auf dem Kopf tragen sie einen diuikclrnten Fez, der reif ist, im Hafenwasser gewaschen zu werden; in ihren Hosen sind faustgroße Löcher, und ihre Jacken sind zerrissen. Dafür sind sie aber sehr regsam und ungeheuer geschäftstüclvtig. Sie werden sicherlieh den Fremden einige Francs beim Wechseln z.u wenig herausgeben oder ihnen eine alte Zeitung in die Hand drücken, wenn ein Polizist nicht in der Nähe ist. Sie können sehr gut rechnen. Ich photographiere sie, und da sie glauben, daraus sich einen Verdienst verschaffen zu können, verlangen sie von mir einen Sou. ״Monsieur, u 11 soll!" Die ganze Skala des menschlichen Ausdrucks durchläuft dieses ״Monsieur, un sou“. Es klingt erst zaghaft fordernd um! verlangend. Dann wird es dringlicher. -Sie wiederholen es in einem fort, lös hört sich an, als wenn eine zersprungene Graniinophonplatie immer das gleiche hcrunferleiert. Dann aber werden sie energisch: ״Monsieur, un sou!׳‘ tönt es kurz und fast drohend. Da sie aber sehen, daß sie mit ihrer .Aufdringlichkeit kern Glück bei mir haben, verlegen sie sich aufs Bitten: ,,Monsieur, un sou, s’il vous plait, ..“ Sic haben mich auf meinem VX'ege zum Schiffe einige hundert Meter auf diese Weise begleitet. Inzwischen hin ich a״ der Pontonbrücke angelangt, die zmn Dampfer fuhrt. Da gebe ich ihnen mein letztes französisches Geld, aber nicht einen Sou, sondern nur ganze 15 Centimes. Sie ziehen befriedigt von dannen. , Dr. Arno• Herzberg Wochenmarkt vor der Synagoge Foton D>. He״b,r# Im Judenviertel in Algier 1