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Jüdische Rundschau · 1937-09-03 · Heft 70-71 (3.9.1937) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 70-71 (3.9.1937)
Date
1937-09-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU ROSCH HASCHANAR-BEILAGE Nr. 70/71, 3. SEPTEMBER 1937 Gerechtigkeit und Liebe Von Oskar Wolfsberg Jahreszeiten und Feiertage verändern nicht das Antlitz der Welt und heben die Probleme des Alltags nicht auf. Sie lenken nur das Interesse auf bestimmte Punkte, akzentuieren einen charakteristischen Zug. So ist es der Gerichtstage Besonderheit, das Mcnschheitliche, das Umfassende aufzuweisen in unserem Dasein und cs dem Richter- Spruch Gottes — einst Schöpfer, dann Lenker der Völkergeschicke, nun Gerichtsherr — zu unterstellen, in der besonderen Problematik dieser ״furchtbaren“ Tage behaupten lndividuum und Menschheit den Vorrang vor dem Volkstum, selbst vor dem Begriff der Erwählung eines Volkes. Die Erwählung hervorragender Individuen, insbesondere Ji/chaks und die Begnadung einiger Mütter (Sara, Ghana) beschäftigt,das religiöse Denken. Weltschöpfung und Weltgericht sind die Hauptmotive des ״Tages der Erinnerung״. Aber die Welt als Ganzes wird durch den Einzelnen repräsentiert, in der Schöpfung und im Gericht. Die Mischna (Sarihedrin) betont, mit mannigfacher Begründung, daß die Menschheit in einem einzigen Exemplar ihren geschichtlichen Weg begonnen habe. Verständlicherweise ist auch die Idee des Gerichts mit dem Prinzip des Individuums verknüpft. Deshalb ist der Gedanke der ״Tcschuwa“, der Umkehr, logisch verknüpft mit dem Tage des Gerichts. So sehr mit dem Gericht und der Rechtsprechung die Strenge verbunden ist, so wenig entbehrt sie des Gedankens der ,Milde, des Erbarmens. Das erste großartige Zwiegespräch, das dieses Thema behandelt, der Dialog Gottes und Abrahams, der der Vernichtung Sodoms vorangeht, rührt bereits an das Fundament dieser Problematik, vor allem in der tiefen Fortführung durch die agadische Weisheit. Abraham appelliert an Gott, den Richter der ganzen Erde — und schon damit erweist sich die Erörterung als hierher gehörig — und stellt in erhabener unerschrockener Demut Gott vor die Alternative: Welt oder Recht. ״Wenn du die (Erhaltung der) Weit erstrebst, ist strenges Recht nicht möglich; willst du dies, so gibt es keine (Möglichkeit der) Welt. Du faßt den Strick an beiden Enden, du willst Welt und strenges Recht. Leistest du nicht ein wenig Verzicht, kann die Welt nicht Bestand haben.“ Dieses Motiv begegnet uns oft wieder, so wenn von beiden Attributen Gottes (Gerechtigkeit und Erbarmen) die Rede ist, zwei miteinander hadernden, sich aber ausgleichenden Prinzipien und von den beiden Thronen, die Gott besteigt. Das Grundprinzip der Umkehr, eines der zentralsten im religiösen System des Judentums, zeigt Weg und Möglichkeit des Ausgleichs an. Ich habe einmal darauf hingewiesen, daß der berühmte Satz: ״ ־= עולם חסד יבנהDie Welt wird durch Liebe erbaut“, das Prinzip der Milde und Vergebung in die Schöpfung hinein verlegt und somit zu einem Fundament der Welt macht. Darum darf auch der Gerichtstag über die Welt der Liebe nicht entraten. Schließlich gibt unser Zitat nur dem Ausdruck, was einem echt religiösen Schöpfungsbegriff nicht fehlen kann. Der Begriff der Schöpfung beinhaltet bereits die Idee der Liebe; denn Schöpfung, Emanation, Wille zum Werk, jener göttliche Drang zur Formgebung, jene Ucberfülle des Ewigen und Unendlichen, die verschwenderisch einen Teil aus sich entläßt und als Welt sich entgegenstellt, schlicßen Neigung zum Gewirkten und Wirkenden ein, weil der Meister seine Tat nicht verleugnet. Diese Gedankenreihe kann nicht gleichgültig für den sein, der in der Weit der täglichen Realität steht und am Schicksal des eigenen Volkes — und das heißt der Völker — mitfühlend und gestaltend mitwirkt. Wir können Ursprung und Ziel nicht aus dem Auge verlieren. Die gläubige Haltung des Juden gegenüber dem Anfang und Ende der historischen Zeit erschöpft sich nicht in Erinnerung und Erwartung. Man übersehe nicht, daß in der besonderen Denkwelt des Rosch Haschanah und des Jom Hakippuriin kaum von der Gestalt des Messias die Rede ist; auch das ist aus der umfassenden menschheitlichen Einstellung heraus vermieden, und die Rede ist nur von der ״einen Gemeinschaft“, die werden möge, ״um deinen Willen mit ganzem Herzen zu tun“. Erinnerung und Erwartung, Schöpfung und irdische Vollendung verlieren ihren Sinn — pädagogisch lind philosophisch-1 eligiös — wenn die dazwischen liegende eigentliehe historische Zone nicht mit allem Ernst auf jene Enden bezogen wird. Die stets neu versuchte Realisierung des im Letzten, Gottgewollten, die Bewährung der hohen Ideen an den Klippen der oft niedrigen, gemeinen Wirklichkeit ist dem Menschen auferlegt. In den Niederungen des Sozialen, Politischen und Geschichtlichen gewinnt das Erhabene den Rang des Wirklichen, die Idee ihre Weihe und Heiligung. Wenn wir ernstlich die beiden Linien der Schöpfung und Vollendung zu Koordinaten wählen, dann wird unser Weg eine Kurve sein, die nicht imaginär ist. Unsere Tage sind wahrlich reich an Aufgaben, die sich an Großem, an Ideen orientieren müssen. Unser zionistischer Weg ist besät mit Fragestellungen, die nur aus dem Geist der Sittlichkeit beantwortet werden können. Alle Probleme, die vom Individuum, von den anderen Völkern, in Galuth und Heimat, die von dem Begriff der Menschheit, ihrer Würde und ihrem Schicksal, sich herleiten, müssen von uns mit großem Ernst und bedeutendem Können in Angriff genommen werden. Es versteht sich, daß wir nichts verneinen und verachten können, was existent ist, was durch sich und durch die Erkenntnisse unserer Lehre seinen Rang erworben hat und behauptet. Wir kennen die Würde und die Funktion des Individuums. Wir beugen uns vor dem Recht und dem berechtigten Anspruch der Nationen, auch wenn sie uns benachbart sind und unseren Weg beschweren. Wir bahnen der werdenden, unter unsäglichen Schmerzen sich entfaltenden Menschheit einen Weg. Wir ahnen unseren Ursprung und wir harren einem großen Ziel entgegen. Es ist des Zionismus besondere Mission, nicht nur im jüdischen Volk und in dessen Geschichte, sondern auch im Judentum — und das heißt, in der Geistesgeschichte — Abstraktes zu konkretisieren, Predigthaftes zu nüchterner Praxis zu bringen. Das bedeutet nicht Säkularisierung. Es ist ein Irrtum, Realisierung mit Entheiligung gleichzusetzen. Das entspricht nicht im geringsten dem, was im jüdischen Bezirk gedanklich legitim ist. Aber das ist zutreffend, und damit erfüllt der Zionismus eine große Sendung, daß er den Schritt in die Welt des geschichtlichen Ringens wieder gewagt und damit nur das geschichtliche Leiden geadelt und mit mehr Sinn ausgestaifel hat. ln einer Epoche und in einer Stunde, die der ganzen Menschheit sehr Schweres zuerteilt, uns aber ein besonderes Maß von Not und Weh, ist es unsere Hoffnung, daß unserer Nation die religiöse Kraft, zu der sie ja genügend Tradition und geprägte Weisheit mitbringt, nicht fehlen möge, um zu bestehen. So schwer auch die Doppelaufgabe ist, vor der wir stehen: es wird kein messianisdies Gelingen geben, wenn nicht ebenso Potenzen eigener Entfaltung, kraftvollen Aufbaus wie zulängliche und notwendige Versöhnung, Verständigung mit allem, was Nachbar heißt, sei es Minorität oder Majorität, sich offenbaren werden. Wir dürfen nicht iiilllliMllllillli Glückwunsch der Reidisvertretung Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland sendet allen ihren Gemeinden, allen, die in ihnen leben, den Alien und Jungen, den Männern und Frauen, am Beginne des neuen Jahres herzlichste Wünsche. Wir sind in eine Zelt hlneingestellt, die voll ist von geschichtlicher Bedeutung und Kraft. Von uns isi geiordert und alles kommt hierauf an, daß wir diese Bedeutung begreifen, daß wir diese Kraft in uns aufnehmen. Es ist in unserem jüdischen Leben eine Notwendigkeit, da ft wir den groften Zug, die weite Linie erlangen. Kleinheit und Kleinlidikeil wöre unsere eigentliche Gefahr. Nur von der Höhe unserer Selhstgewiftheit, nur von diesem Aufstieg zu unserem Eigenen und Besonderen geht der Weg zu unserer Zukunft. Für jeden von uns hat sich die Welt gedehnt, N8he ist zur Ferne geworden. Zur Entfernung, zur Entfremdung würde sie nur dort, wo Juden ihr Judentum elnbüftten, wo sie sich selber und damit einander verlören. Wenn jeder um seine Seele weift, dann werden sie alle um einander wissen, sie alle zusammenstehen und Zusammenhalten. Wenn wir unser Judentum besitzen, dann ist alles Scheidende, auch das des Raumes, überwunden; das Ganze umffingt alles Einzelne. Wir leben ln eilenden und sich wandelnden Tagen, wie ein Abschnitt der Geschichte ist jedes einzelne Jahr. Was kommen mag, das steht ln des Ewigen Hand. Aber wie w i r sein sollen in allem, was werden wird, darin liegt unsere Aufgabe. Von uns wird das Unsere erwartet. Geschehnis und Mensch begegnen einander, damit das Gebot Gottes zur Wirklichkeit werde. Unser Wunsch für alle, für die Gesamtheit und jeden in ihr Ist darum ausgesprochen in dem Psalmwort, das Jahr um Jahr den Juden zu seinem Neujahrsfest hinführen will: ״Hoffe zu dem Ewigen. Sei stark, und fest sei dein Herz, und hotte zu dem Ewigen 1' llilllllilll!MIIIMIil!lll!MWUIII müde werden, unsere Menschen zu erziehen, zu lenken und zu mahnen. Wir müssen durch Tun und Künden den Adel unseres Wollens verifizieren. Wir müssen auch dann anderen helfen, wenn wir selbst sehr der Hilfe bedürfen. Dieses Erziehungswerk ist des Ausbaus bedürftig, in vieler Hinsicht. Wir müssen wieder viel mehr wissen, von dem Reichtum des bereits bei uns Gedachten. Wir müssen ihn erwerben und beleben, ihn vermehren und anwenden aut all die Probleme des Geschehens, die jetzt und künftig sich uns aufdrängen. Immer noch sind wir erst am Anfang. Schwerstes liegt vor uns. Gerechtigkeit und Recht sind nicht nur die Leitgedanken und Säulen dieser Tage, sie gehören jedem Tag und allem Geschehen. Aber Liebe und Erbarmen sind nicht lediglich Kräfte idyllischer Momente, sie gehen ein in das ernsteste und strengste Werden, selbst in die Stunden des höchsten Gerichts. Sie müssen auch Wegweiser aller unserer Tage sein. Lieferung kann für bisherige Nichfabonnenten bis Ultimo September kostenlos erfolgen J/vteit'JiewlcItrUM ראש הש1דו Bezugspreis in Deutschland RM 5.7s im Auilond.RM 6.*** JÜDISCHE RUNDSCHAU VERTRIEBS-ABTEILUNG / BERLIN WI5 Vom Wesen jüdischer Frömmigkeit Es gibt zwei Möglichkeiten für die Gestaltung dea yerhältnisses zwischen Eltern und Kindern, zwischen Erzicher und Zögling. Entweder werden diese Beziehungen aut einem blinden G chorsam oder auf einer freundschaftlichen Kameradschaft aufgebaut, wobei die Wahl der einen Möglichkeit eine Verzichtleistung auf die andere bedeutet. Wer als Vater das Verhältnis zum Sohne aut eine unbedingte Unterwürfigkeit gründet, mu״ darauf verzichten, ihm ein treuer Kamerad zu sein, zu dein das Kind Vertrauen hat, und umgekehrt. Genau so ergeben sich für die Relation des Mensehen zu Gott diese beiden Arten möglicher Beziehungen. Entweder der Mensch naht sieh mit scheuer Ehrfurcht seinem Gotte, demgegenüber er vor demütiger Unterwürfigkeit verstummt wie Hanna, als sie den Ewigen um Fruchtbarkeit anflehte. Oder der Mensch steht in einem freundschaftlichen Verhältnisse zu Gott, vor dem er in Gleichberechtigung erscheint, und mit dem er redet, wie ein Freund zum Freunde spricht. Zweifellos ist die zuletzt angedeutete Beziehung die innigere, weil sie frei von hemmender Selten ist und daher eine offene, vertrauensvolle Hingabe an die röcht mehr als fremdes, außerhalb der Welt thronendes Wesen empfundene Gottheit gestattet. Dieses innige Verhältnis ist für die Gottesliebe eines Abraham charakteristisch, wie sie in dessen Gebet für diel.eilte von Sodom 711m Ausdruck kommt. Dieses herzliche Ringen mit dem Lenker des Alls — er bittet um Vergebung für Sodom erst um der etwa vorhandelten fünfzig Gerechten willen, bis er sieh (sich immer mehr bescheidene!) schließlich mit zehn Gottcsfiirchtigcn begnügt — ist oft mißverstanden. Dabei wird gänzlich außer acht gelassen, daß dein Gebete Abrahams keinerlei egoistisehe Interessen zugrunde liegen, sondern daß er bemüht ist, die Rettung von Menschen dem Ewigen abztiringen, die dem lode geweiht mul ihm durchaus fremd sind, tun deren Schicksal er sich sorgt, weil er alle Menschen als Brüder empfindet. Diese heiße Liehe zu den Menschen ist für das Juden tum charakieri.-tiscli. Die Liebe zu Gott reicht nicht ans, vielmehr muß die ethische Einstellung zum Nebenniensehen als Ergänzung unserer religiösen Gesinnung hinzukommen, wenn der Jude als wahrhaft fromm gelten soll. Dieselbe Forderung wird in folgenrler chassidiseher Er- Zahlung erhoben: Ein gelehrter, aber engherziger Mann fragte einst einen chassidischcn Rabbi nach einem Mittel, Gottes Liebe zu erringen, und erhielt die Antwort: ״Das Mittel heißt ... Liehe zu den Menschen.*‘ Abraham erscheint also vor Gott mit seinen Wünschen und Sehnsüchten, mit seinen Bitten und sogar Forderungen. Diese Bibelstelle ist geeignet, uns eineu tiefen Einblick in das Wesen des jüdischen Gebetes zu vermitteln, für welches das Kämpfen mit Gott wesentlich und bezeichnend ist. Das Wort t’filah (Gebet) ist von dein Worte ״falel“ almüeiten, das ״richten, rechten, kämpfen“ bedeutet. Demnach ist das jüdische Gebet ein Rechten zwischen Mensch und Gott; beten heißt also kämpfen. Israel kommt nie zur Ruhe, und wir Juden kämpfen seihst in der Stunde der Erbauung. Wenn unser Gebet erhört wurde, so heißt dies demnach, daß wir Gott umgestimint, ihn gewissermaßen ״besiegt“ haben, wie unser Stammvater Jakob in dem Ringen mit dem Engel Gottes den Sieg davontrug. Die Tatsache, daß wir nach diesem den Ehrentitel ״Israel“ tragen, logt uns die Verpflichtung auf, als ״Gofteskämpfer“ für ein lebendiges Juden* turn zu streiten. Wenn nun Abraham mit Gott um die Errettung der Leute von Sodom ״handelt“, so ist dieses Ringen einerseits die Folge einer innigen Liebe zu den Menschen, andererseits bedeutet seine selbstbewußte Sprache den Verzicht aut blinde Unterwürfigkeit. Wenn er zu Gott die fast anklagenden Worte spricht: ״Der Richter über die ganze Weit sollte nicht Gerechtigkeit üben?“, so ist dies eine Rede, wie man sie nicht zu einem Höhergcsteliten führt, sondern wie sie zwischen g 1 e i c 11 b e r e t h t i g t e 11 F r e u n d e n üblich ist. Auch Gott ist dein Gesetze unterworfen, auch Gottes Wirken kann nicht willkürlich sein, sondern es untersteht dem nicht nur für den Menschen geltenden Recht. Abraham kann also Gott an seine Verantwortlichkeit erinnern, und, indem er dies tut, beweist er auf seine Weise seine Gottesfurcht, die ■eben iin (iidentum mehr eine Gottesliebe ist, wie es heißt: ״Und du sollst liehen den Lwigen, deinen Gott!“ Andererseits ist für die religiöse Grundhaltung eines Abraham — wie dos jüdischen Menschen überhaupt — eine hingebungsvolle, von tiefer Gläubigkeit■ getragene Opferbcreitschaft charakteristisch, wie sic in der Erzählung von der Opferung Isaks zum Ausdruck kommt, die wir am zweiten Rosch-I ia-sdianah-Tage lesen. Es gibt wohl kaum eine Gemeinschaft, deren < 'pferwilligkeit au! eine so harte und so häufige Probe gestellt wurde, wie die tles jüdischen Volkes. Während andere Religion('» einen großen Wert auf eine gefühlsmäßige Andacht und Erbauung legen, die der Passivitat der menschlichen Seele entgegeukommen und durch äußere Eindrücke erzeugt werden, verzichtet das Judentum bewußt auf die prunkvolle Ausgestaltung des Gottesdienstes und fordert die Aktivität des jüdischen Beters, der am Gottesdienste aktiv teilnehmen soll. Das Judentum betont außerdem sehr stark die ethische Tat, die sich aus der religiösen Stimmung des Gebetes herauskristallisiert und die aus den heiligen Gefühlen, welche das aktive Beten in uns hervorruft, in die Gestaltung des Lebens zu übernehmen ist. Denn nicht ,,Gott zu Liebe“ betet der Jude, sondern um sich selbst in eine höhere Sphäre zu versetzen, die die Kraft hat, seinen .Alltag zu heiligen. Und nocii ein kennzeichnendes Merkmal des jüdischen Gebetes sei angeführt: Der Träger des jüdischen Gebetes ist die jüdische Gemeinschaft. Wir Juden beten zu ״unserem“ Gotte (nicht individuell zu ״meinem" Gotte!), der ״uns“ ausenvählt und ״uns“ die Thora geschenkt hat, usw. Für besonders heilige Gebete ist — in Anlehnung an die zehn Gerechten in Abrahams Gebet — die Zehiizahl vorgeschrieben, die die Gemeinschaft andeuten soll. Gewiß kann man, um ein oft angewandtes Beispiel zu nennen, in tiefster Andacht und in demütiger Inbrunst auch draußen in der Natur zu Golt als dem Schöpfer der Welt beten, aber dieses Gebet ist ein anderes und liegt in einer anderen Ebene, als wenn der Jude im Gotteshause Zwiesprache mit Gott hält. Dieses letztgenannte Beten basiert auf dem Gemcinsehaftserlebnis, es hat im Gegensatz, zu dem individuellen Gotterleben ein soziales (im weitesten Sinne des Wortes) Fundament. Nur wer das Faktum ״jüdische Gemeinschaft“ in seiner schöpferischen Kraft erlebt hat, nur wem die Zusammengehörigkeit mit dem jüdischen Volke zum bewußten Erlebnis geworden ist, wird dies verstehen können. So wird denn im Judentum seihst das Gebet, also das Reich des Individuums, zum Ausdrucke eines starken Gemeinschaftsbewußtseins, das die Grundlage für eine wahre Volksreligion wie für alles gemeinschaftliche Empfinden ״^■■rhaupt bietet. Dr, Erwin Hamburger, Gräfenberg

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