Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 68 (27.8.1937)
- Date
- 1937-08-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 68, 27. VIII. 1937 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 11 Palästina-Theatei in Warschau Die neue Saison im Teatr NovoscI in Warschau wird unter dem Namen ״Jüdische Nationale Bühne“ eröffnet werden. Die Initiatoren und Gründer sind Margot Klausner und jehoshua Brandstätter aus Palästina. Sie haben vor einem Jahr in Erez Israel eine Institution geschaffen, ״Moadim“, deren. Aufgabe es ist, Festspiele und junge jüdische Dramatik in den jüdischen Zentren der Golah und in Palästina aufzufiihren. Die Aufführenden werden Schauspieler und Laiengruppen der verschiedenen Länder sein. Folgende Werke wurden bisher zur Aufführung angenommen: M. Bathdori: Das Gericht (ein Spiel aus dem Palästinajahr 1936), N. Bistritzki: Die letzte Nacht, S. Gronemann.• Jakob und Christian, M. Liwschitz: Das Wäldchen, M, Locker: Palästinakalender 1936, M. Rost: Boden, A. Schlonski-F. Lobe: Das Schicksal des Judenvolkes (Jüdisches Mysterium). Während der Vorbereitung des Repertoires wurden in verschiedenen Hauptstädten in Europa und Amerika Verhandlangen wegen Aufführungen geführt. Für Warschau beschloß man, eine besondere Bühne zu schaffen, die eine ständige künstlerische Institution werden kann mit dem Namen: Jüdische Nationale Bühne. Dazu wurde das größte Jüdische Theater Warschaus genommen: das Novoscitneater mit 1400 Plätzen. Für die Eröffnung am 7. Sepfeinher wurde ״Das Gericht“ von M. Bathdori gewählt, in der jüdischen Uebersetzung von Aron Zeitlin. Die Regie des ersten Werkes wird von Leopold Lindtberg, dem Oberregisseur des Züricher Schauspielhauses, geführt. Außer ihm wurden Prof. Leopold Jessner und Dr. A. Krön ach er eingeladen. Als literarisch-künstlerischer Leiter wurde der im E"dischen und polnischen Theater bekannte Regisseur und ramaturg Marek Arnstein (Andrjei Marek) verpflichtet. Tanz in Amerika In der interessanten Warschauer jiddischen Wochenschrift ,,Literarische Blätter“ (deren Redakteur der verdienstvolle Literaturkritiker und Essayist Nacliman M eisei ist) berichtet Debora Lapson über den zeitgenössischen Kunsttanz in Amerika und erzählt u. a. von den Bemühungen, alte Volkstänze wieder zum Leben zu erwecken. Für solche Veranstaltungen stellen die ״Settlements“, die Assoziation christlicher Jugendvereine und die Assoziation jüdischer Jugendvereine in New York ihre Räume zur Verfügung und unterstützen sie auch sonst in jeder Hinsicht. Es ist eine Vereinigung geschaffen worden, von der Veranstaltungen für zehntausende Zuschauer in ganz Amerika organisiert werden. Bei der letzten Feier in New York traten über 35 verschiedene nationale Volkstanzgruppen in Trachten auf, darunter keine jüdische. Versuche, innerhalb der Vereinigung auch jüdische Volkstanzgruppen zu schaffen, sind gemacht worden, aber ohne Erfolg. Dagegen hat der jüdische Tanz bei anderen, besonders bei Kunsttanzveranstaltunge«, sieh auch in Amerika schon einen guten Ruf erworben. ״Es gibt“, so berichtet Debora Lapson, ״eine ganze Anzahl von Tänzern, die ihre schöpferischen Kräfte völlig oder doch teilweise jüdischen Themen zmvenden, und gleichzeitig erstehen auch die traditionellen jüdischen Tanzformen zu neuern Leben. Diese Tänzer haben die Aufmerksamkeit und das Interesse eines bedeutenden und zahlreichen jüdischen und nichtjüdischen Publikums erweckt. Jeder Tänzer hat seine eigene Auffassung, jeder seinen Stil, und das macht den jungen jüdischen Tanz interessant und farbenreich.“ Zu diesen jungen jüdischen Tanzkünstlern gehört auch Debora Lapson selbst, sie pflegt ausschließlich den jüdischen Tanz und hatte in der jüdischen und allgemeinen amerikanischen Kunstwelt ihren ersten bedeutenden Erfolg mit ihren Tanzschöpfungen zur ersten hebräischen Oper, Jakob Weinbergs ״C haiuz im“, die vor zwei Jahren iti New York ihre Premiere erlebte. Ernst Growald Siebziger Emst Growald, der vor kurzem in die Reihe der 70jährigen trat, ist für den Kenner der Plakatkunst ein hervorragender Name. Der vornehm liebenswürdige Jubilar, der wie ein 50er aussieht, hat in einem kleinen Buch, dessen Manuskript ich sehen konnte, seinen Weg zürn Aufbau der Reklame aus der Praxis heraus beschrieben und gleichzeitig eine kleine Geschichte des Plakats und der Reklame überhaupt. In Breslau, als Besitzer eines Papiergeschäfts, studierte er die theoretischen Grundlagen und wurde danach Reklamefachtnann. Schon seine ersten Theorien, von denen er im Buch bekennt, daß sie sich bis heute bestätigten, sind instinktiv richtig und ziel weisend. ״Reklame soll nicht laut sein, aber deutlich“, dieser Grundsatz bewies sich bis heute als der modernste. Seine grundlegenden Ideen über Theorie und Praxis des Reklamewesens hat er in einigen Schriften und Büchern dargclegt (״Die Reklame• fibel“, ״Der PI a ka ts p i e ge 1“). R.M. Jüdische Filme. In Amerika und in den östlichen Ländern hegt man für die kommende Filmsaison besondere Er- Wartungen: die Premieren einer Reihe jiddischer Filme und amerikanischer Filme mit jüdischen Themen stellen bevor. Nach dem Erfolg des Films ״Jidel mit der Fidel“ hat die Green-Filmgcsellschaft in Warschau, wo sich die Produktionsbedingtuigen besonders günstig erweisen, im Laufe des Sommers bereits mehrere jiddische Tonfilme hergestellt. Hier ist in erster Linie die Verfilmung von An-skis Drama ,,Der D y b b u k“ zu neunen. In den nächsten Tagen wird im Warschauer Sfinks-Theatcr der soeben fertiggestellte Tonfilm ״Tckias Kat“ uraufgeführt. In Amerika hat eine neugegriindete Gesellschaft mit der Verfilmung von Perez Hirschbeins auch im Berliner Kulturbund gespielten ״Griinen Feldern“ begonnen; das Drehbuch nat Hirschbein selbst geschrieben, Regie führt Jakob ben Ami. — Im Hollvwood-Theater am New Yorker Broadway erregt der Warner Brothers-Filtn ״Das Leben Emile Zolas“ besonderes Aufsehen. Im Mittelpunkt dieses in englischer Sprache aufgenommenen Tonfilms steht die Drcyfus - Affäre, und unter den Darstellern der Hauptrollen werden vier jüdische Schau- Spieler besonders gerühmt, nämlich Paul Muni, der in erschlitternd echter Maske den Zola, Joseph Schildkraut, der den Kapitän Dreyfus, Wladimir Sokolott, der Zolas ׳Jugendfreund, und Morris Karnowski, der den Anatole rrance gibt. Ein gesdiiditlidies Leben Dubnows Erinnerunjfen in deutscher Sprache Simon Dubnow: ״Mein Leben“. — Herausgegeben von Dr. Elias Hurwicz, aus dem Russischen übersetzt von Dr. Elias Hurwicz und Dr. Bernhard Hirsch berg- Schräder. — Jüdische Buch-Vereinigung und Jüdischer Buchverlag Erwin Löwe, Berlin 1937. Es gibt eine erhebliche Zahl jüdischer Memoirenbiichcr, die in den letzten Jahren erschienen bzw. ins Deutsche übersetzt wurden. Diese Erinnerungen führen uns vielfach in das Leben des Ostjudetitums ein und bilden für den Juden des Westens, der selbst nur ein sehr verdünntes und in den Randbezirken seiner seelischen Existenz verlaufendes jüdisches Leben kennengclernt hat, eine Quelle der Belehrung, schildern sie doch zumeist das Leben von Persönlichkeiten, die selbst noch mitten in einer jüdischen Sphäre standen oder zumindest, ■wenn sie selbst schon den Bruch in ihrem eigenen jüdischen Wesen erlitten hatten, doch noch ein starkes Fundament jüdischen Wissens und Füiilcns besaßen. Unter den Erinncrungsbüchern dieser Art ragt das Werk Shtnarya Levins hervor. ücherstube Eva v.d. Dunk äSÄUrtriJb HAMBURG, HAUERSTRASSE 7 6 * RUF: 55 24 86 Kalender —־ Schollplatfen — Kinderspiele 1 das uns wie kein anderes nicht nur das Bild eines Mannes von Kraft und Geist und eines Juden von hohen Graden verniittelt, sondern zugleich ein buntes und vielseitiges Bild des jüdischen Lehens im alten Rußland entrollt. ln diesen Tagen ist nun ein weiteres Buch dieser Art erschienen, das —Wir gestehen es offen — den Rezensenten, als er es nur zum Blättern aufschlug, so fesselte, daß er es nicht mehr aus der Hand legen konnte und dies erst tat, als er beim letzten Blatt angelangt war. Es sind die Erinnerungen des Alt- und Großmeisters der jüdischen Geschichtsforscliung unserer Zeit, Simon Dubnow, die soeben, in einer von Elias H u r w i c z vortrefflich besorgten Auswahl und Uebersetzung aus dem 2händige!1, 1934 35 in russischer Sprache erschienenen Werk erschienen sind. (Hurwicz ist übrigens, wie aus den Memoiren hervorgeht, durch seinen Vater mit der mütterlichen Familie Dubnotvs verwandt.) Dieses Buch, auf das bei seinem Erscheinen im russischen Original von uns hingewiesen wurde (siehe ״Jüdische Rundschau־'‘ Nr. 64 1934 und Nr. 52 1935), bietet nicht allein, ein Lcbensgemäkle des Forsthers Dubnow. Allerdings ist es auch dies, denn es zeigt den beinalie gradlinigen Weg, den Dubnow von den Tagen seiner Jugend an als geistiger Mensch genommen hat und der ihn schon in verhältnismäßig frülier Jugend sich der Geschichtsforschung nähern hieß, so dafi er die Fähigkeit gewann, sogar unter den schwersten Bedingungen, in Mantel und Gummischuhen sitzend, bei Eiskalte und Nahrungsmangel, als ihn der bolschewistische Umsturz in Petersburg an den Rand des Nichts brachte, sein großes Werk fortzuset/.en. Es zeigt zugleich den Politiker Dubnow, der immer wieder aus seiner stillet! Studierstube hinaustrat־ und sich in das jüdische Leben seiner Zeit stürzte, der den Kampf um jüdisches Recht im zaristischen Rußland führte, Anteil nahm an den Bewegungen des russischen Judentums in den ersten Jahren nach dem Kriege lind der dennoch im politischen Getriebe niemals den Gedanken los wurde, daß seine eigentliche Bestimmung in der Erforscliung jüdischer Vergangenheit liege. Neben diesem Bild des Menschen Dubnow entstellt hier ein Porträt jüdischen Lehens vor unseren Augen, da Dubnow wie kaum ein anderer mit allen geistigen Bestre- Bungen des russischen Judentums verknüpft und mit den Männern der Literatur und des öffentlichen Lebens sachlich und persönlich verbunden war. Dubnow schildert in den ersten Kapiteln des Buches seine Kindheit im Elternhaus, wobei er ebensowohl den alten, frommen und jüdisch-gelehrten Großvater mit der ganzen Liebe des Enkels, der sielt von ihm und seinen Ansichten gleichwohl lossagen■ mußte, zeichnet wie die Mutter, die das schwere Lehen einer nicht eben reichen Frau in einem kleinen Städtchen führen mußte. Wir erleben seine geistigen Kämpfe, seine Rebellion gegen den Talmud, den Weg der Abtrünnigkeit vom überlieferten Judentum, der ihm so manchen Vorwurf im angestammten Kreise eintrug. Später verfolgen wir sei- 11 en Bildungsgang und den Beginn seiner publizistischen Tätigkeit in Petersburg. Damals verfocht Dubnow den Gedanken der Selbstemanzipation der Juden, die er aber im Gegensatz zu Pinskers Ideen als eine bürgerliche Emanzipation und als eine Befreiung von den religiösen Gebräuchen betrachtete. So wurde Dubnow damals ein Reformer, der sich in Radikalität selbst überbot. Unter dem Eindruck der Lage des russi« sehen Judentums und im Zusammenhang mit seinen Arbeiten, die sich besonders dem Problem des Chassidismus zuwandten, fand Dubnow allmählich von der mehr kosmopolitischen Stirnmutig dieser Jahre den Weg zum jüdischen Volkstum zurück. Er trat in die Reihe derer ein, die dc!1 Kampf um das jüdische Lebensrecht in Rußland führten. ISO() siedelte er nach Odessa über, und hier lebte er in jenem Kreise, der so vieles für die jüdische Geschichte unserer Zeit bedeutete, in dem Ach ad Haam wirkte, und in dem die Diskussion über Acltad Haams Gedankengänge damals wild bewegt war. Dubnow schildert uns diesen Kreis mit lebendigen Zügen, in dem u. a. auch S c 11 o 1 e 111 A 1 e j c h e in, M e n d e l e, Bia־ I i k, Di zeit go ff und viele andere eine Rolle spielten. Damals stand es für Dubnow endgültig fest, daß das Ziel seincs Lebens sein müsse, ein ״Missionar der Geschichte‘‘ zu sein. Die Gründung des politischen Zionismus bewegt ihn nicht besonders stark. Er war damals in der Schwei/, konnte jedoch am I. Kongreß auch als Gast nicht teilnclimcn. Es formte sich in ihm die Idee, eine nationai-mensehheitliche Synthese zu schaffen, und zu diesem Zweck wollte er das Judentum lind die jüdisch-nationale Idee historisch fundieren. Er veröffent* lichte in diesem Sinne seine ״Briefe über altes und neues Judentimi“, die zu den wichtigsten Fragen der Zeit Stellung nahmen. Immer stärker trat dabei seine national-jüdische Auffasstmg in den Vordergrund und er geriet in einen heftigen Kampf mit den assimilatorischen Gruppen, der sich an der Frage der jüdischen Schule entzündete. Der Pogrom von Kiwhincw machte auf ihn einen tiefen Eindruck. Er meinte, daß die Erringung der nationalen Autono-!nie für die jüdischen Massen im (toten nmi die Schaffung eines neuen Zentrums durch Massemniswamlertmg nach Amt■ rika das Programm des jüdischen Volkes sein müsse. Damals siedelte er nach Wilna über und kam hier in Kontakt mit den Brüdern (io) d berg und '■dinnrv.1 Kevin. In diesem Kreis erlebte er die erste ni-osche Revolution und schildert den Kampf um die Gleichberechtigung der russischen Juden, der damals gelulirt wurde, mit vielen Dokumenten und in beinahe dramatischer Art. Eis kam dann eine Petcrsluiigcr Zeit Diilmows, die bis über den Krieg hinaus dauern sollte. Immer wieder wurde er aus seiner wissenschaftlichen Arbeit, clic sieh nun der Weltgeschichte des jüdischen Volkes, seinem großen l.cbcnswerk, zugewandt hatte, durch die Eicignisse <Us Tages entrissen, und immer wieder wandte er sieh dennoch seiner eigentliehen Aufgabe zu. Audi im Kriege, unter dessen Schicksalsschlagen er wie kaum ein anderer gelitten hat, versenkte er sich in die Arbeit und tut dies selbst in den Monaten und Jahren der Revolution, als kaum noch eine Möglichkeit zu ungestörter Arbeit bestand. Die Sehlußkapitcl schildern die unerhörten Leiden des Gelehrten wie des russischen Judentums überhaupt in der Zeit der Sowjet-Herrschaft, bis schließlich Dubnow im Jahre 1921 einen Weg nach draußen fand, der ihn .Anfang 1922 aus Rußland hinausführte. In jener Zeit des Krieges und der Revolution richtete ihn die Hoffnung auf ein neues Leben in Palästina auf, und er begrüßte den Beginn der dortigen Arbeit, obwohl er niemals Zionist gewesen war, theorctisch in einer scharfen Auseinandersetzung mit den Zio nisten gestanden hatte, deren Haltung er oft genug in seinen Erinnerungen kritisiert. Dennoch glaubte er damals, für sich später ein Leben in Palästina erhoffen zu dürfen. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Bekanntlich ging Dubnow nach Berlin, wo er lange Jahre lebte, bis er nach Riga übersiedeite. Das Bild, das hier entrollt wird, ist frei von allen Eitelkeilen und von allen Kleinlichkeiten. Hier spricht ein Mann von letzter Ehrlichkeit zu uns, Vertreter einer Epoche, der in der Zeit der Haskala wurzelt und in unser Lehen himiherragt. Zugleich zeigt uns dieses Leben, mit welchen Widerständen und Hemmnissen im Ausgang des vorigen Jahrhunderts und in den Jahrzehnten vor dem Kriege, in denen der Hauptteil der Erinnerungen spielt, das Judentum Rußlands zu kämpfen hatte lind wie gerade in den schwierigsten Zeiten Männer groß wareien, die den Weg in eine bessere Zukunft bahnen halfen und selbst in den düstersten Stunden der Gie-ehiehte nicht den Mut verloren. Dies ist für uns, Leser einer Zeit, die uns oft als die dunkelste der jüdischen Geschichte überhaupt crscheinen mag, ein Trost und ein besonders packendes Element dieser Lektüre. oe. Das Jahr des Jüdischen Frauen-Bundes Es war ein besonders glücklicher Gedanke von den beiden Herausgeberinnen des Kalenders des Jüdischen Frauenbundes, in diesem Jahr die ״weite, weite Welt“ zum Inhalt ihres Jahrbuches zu wählen. ״Jüdische Künstler sehen die Weit!“ heißt das Motto, nach welchem sie die Bilder auswählten, die den uns schon vertrauten Gast im Hause, den Kalender, durch das Jahr begleiten. Gerade in diesen Jahren ist ja die weite Welt für den jüdischen Mensehen von besonderer Bedeutung geworden; gibt es doch kaum eine Familie, deren Mitglieder heute nicht in irgend- •einer Ferne dieser weiten Weit zu finden sind — und so wird, was eben noch weit dünkte, so weit entfernt, wie der Himmel von der Erde — plötzlich wieder nahe. So findet uns denn der Kalender ganz besonders gestimmt und bereit, all den jüdischen Künstlern und Künstlerinnen auf ihren viclverschlungcnen Wegen zu folgen. Anna Tic ho führt uns mit einer ihrer zarten, mehr andcutenden als aussprechenden Zeichnungen nach Jerusalem — und trifft damit den Ton, den wir gerade dort hören wollen. Ostjüdische Künstler wie Barzinsky, Ryback, Rahel Szalit 11. a. lassen ihre alte Judenheimat vor uns erstellen. Sehnsucht nach Sonne lebt in merkwürdig vielen dieser Bilder, etwa der ״Landschaft im Süden“ von H. Wallenberg, den römischen Ausschnitten ״Via Appia Antica“ von Meta Cohn-Hendel, den Pariser Bildern Eugen S p i r o s, den zahlreichen Studien aus Aegypten von Wolfs leid und S. Bernstein. Aber auch die nordische Landschaft blieb nicht vergessen: an Alt-Berlin erinnerte sich die nach Amerika gewanderte Paula Neufeld, den Nordseestrand zeichnete Ignatz Kaufmann (Stuttgart). Weitaus das schönste Blatt des Kalenders ist nach meinem Empfinden aber Liebermanns Zeichnung des alten Josef Israels am Strande. B. B.-St, Slimarya Levin erzählt, sein Lehen Shmarya Levin: ,,Kindheit im Exil“. — Jüdischer Verlag Erwin L.öwe, Berlin 1037, Als im Jahre 1031 der erste Band von Shmarya Levins Autobiographie erschien, schrieb Kurt Bl u m c n f e! d über die zionistische Bedeutung dieses Buches folgende Worte (״J. R.“ Nr. 9S 1031): ״Dieses Buch, in dem von! Zionismus nicht die Rede ist, wird als wichtiges Dokument des Zionismus seinen Platz behalten. Wer dieses Buch verstanden hat, der kennt die wichtigste Grundlage unserer zionistischen Bewegung. Diese Juden von Swislowitz, die einmal die Zeitgenossen unserer Vorväter in Erez Israel waren, sie werden die Juden von 1SS0, sie werden Zeitgenossen ihrer Zeitgeschichte. Gemessen an ihnen empfinden wir den gewaltigen Gestaltwandel des Judentums des letzten halben Jahrlum« derts. Wir fühlen, es gibt nicht mehr Erhaltung lind Fort* Setzung, es gibt nur die Alternative: Auflösung des geschlossenen, innerlich starken und in äußerer Knechtschaft doch freien Lehens oder Wiedergeburt durch den gestaltenden Willen des jüdischen Volkes,“ Mit noch stärkerer Intensität als es vielleicht 1931 der Fall war, empfinden wir heute den jüdisch-allgemeinen und den menschlichen Wert dieses ersten Randes der Lehenserinnerungen Shmarya Levins, die der Verlag Erwin l.öwe jetzt dankenswerterweise in einer neuen Ausgabe herausgebracht hat, in der alten Uebersetzung vor! Martha Fleischmann, an der sich bei dieser Gelegenheit manche schiefen Uebcrsctzungen hätten ausmerzen lassen. Dennoch liest sich die Uebersetzung sehr ״flüssig“, und der Charakter des Werkes bleibt im wesentlichen erhalten, so daß der Ufcser gut mit dem Geist des Originals vertraut werden kann. Wir sind überzeugt, daß diese Neuauflage zahlreiche Leser finden und daß auch der Wunsch nach einer Neuauflage des zweiten Bandes ״Jugend im Aufruhr“ sehr bald rege werden wird. N, M0SSUL i 52. IRAN m HAMEDAN Ä10& AFSCNAM 1135.- KASCHGAI 1165. AP6HAHli2B5.-SCHIRÄSl!345.-ft«P«ft, nur Berlin C2,20 Spandauer StnJC