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Jüdische Rundschau · 1937-08-20 · Heft 66 (20.8.1937) · page 13

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 66 (20.8.1937)
Date
1937-08-20
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 66, 20. Vl'l. 1937 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 13 Die Arbeit des Kulturbundes Die Arbeit des Jüdischen Kulturbundes, die fetzt wieder in eine neue Saison eintritt, verdient das besondere Interesse der jüdischen 0Öffentlichkeit. Im Rahmen des Kulturbundes ist der Versuch gemacht worden, die künstlerischen Kräfte der Judenheit Deutschlands zu vereinigen und für sie ein Ptiblikum zu schaffen, das aufnahmefähig ist und ihnen nicht nur die wirtschaftliche Basis ihrer Existenz gibt, sondern auch den Kontakt zwischen schaffendem Künstler und auf nehmendem Menschen herstellt, der für jede künstlerische Leistung erforderlich ist. Der Jüdische Kulturbund Berlin und die anderen lokalen Kulturbünde, die im Reichsverband der Jüdischen Kulturbünde zusammengeschlossen sind, können naturgemäß ihre Aufgabe nur dann erfüllen, wenn ein immer größerer Teil des jüdischen Publikums sich in ihnen vereinigt. Unsere Leser werden es daher begrüßen, wenn heule über die Arbeit der Kulturbünde, insbesondere des Berliner Kulturbundes, in der Vergangenheit wie auch über die zukünftige Programmgestaltung berichtet wird. (Red.) Der Kulturbund —י ein jüdisdierWert Von Dr. Werner L e v i e, Generalsekretär des Reichsvcrbandcs der Jüdischen Kulturbünde Der Jüdische Kulturbund geht Jetzt in sein fünftes Jahr, und wenn er heute vor die Juden Berlins tritt, um zu werben, um immer weitere Schichten iii seinen Wirkungsbereich einzubeziehen, so kann er das mit dem Rechte dessen tun, der kraft seiner Leistung nicht nur bitten, sondern auch fordern darf. Aus einem als Sozialinstitut zum Zwecke der Existenzsicherung für erwerbslos gewordene Künstler ge• gründeten Unternehmen wurde ir! vier Jahren harter Arbeit und steten Ringens ein Kulturinstitut, das ein jüdisches Kulturinstitut genannt werden kann, trotz der Zwiespältigkeit, die nun einmal die kulturelle Situation der Juden in Deutschfand mit sich bringt. Aus Anfängen heraus, die zum Scheitern verurteilt sein mußten, entwickelte sich eine klare Linie künstlerischen jüdischen Arbcitens in der Galuth, entwickelte sich nicht nur das, was jüngst ein Redner als ״erwünschte jüdische Atmosphäre“ bezeichnete, sondern eine wirkliche jüdische Leistung, getragen vom ehrlichen Ringen um Werte jüdischer Kultur, soweit sie eben in unserer Lage lebendig und fühlbar gemacht werden können. Die vielen, die die kulturelle Uebergangssituation durch überwiegend jüdisches Theater überbrückt wissen wollen, irrten, ebenso wie jene, die Lebensnahe und Zeitverbundenheit gleichsetztcn mit einer Konjunkturkunst, die nichts mit echter Kultur zu tun hat. Es galt, die Grenzen zu erkennen, die vom Publikum, von der Darstellung und vom Sinn einer jüdischen Kunstbetätigung im westeuropäischen Raum überhaupt gezogen werden. Das Schlagwort von der ״Judaisierung des Theaters“ in diesem rein quantitativen Sinne ist bei den Gutmeinenden, die das soziologische Gefüge eines vvesteuropäischcn Judentheaters nach ihrer politischen Willensbildung, nicht aber naeji den faktischen Gegebenheiten beurteilen und leiten wollten, kulturpolitischer Romantizismus gewesen. Dieser, dem wir alle mehr oder minder in den letzten Jahren vertallen waren, mußte einem kunstpolitischen Realismus weichen, der die jüdische Bühne in deutscher Sprache als Erziehungsfaktor zwar nutzbar macht, aber in wohlerwogener Dosierung. Daß in klarer Erkenntnis der Qdantitäts- und Qualitätsgcgcbenheiten die Leitung des Jüdischen Kulturbundes im Verlaufe mehrerer Jahre aus dem Kulturbund ein Organ jüdischen künstlerischen Wollcns machte, das sich ebenso an den wahrhaft großen Werten der Weltliteratur wie an den dem in Deutschland aufgewachsenen Juden verständlichen Werken jüdischen Schrifttums und jüdischer Musik dokumentierte, das ist das große Verdienst der leitenden Männer, die unbeirrt ihren Weg gehen. Die Erfolge haben den Ueberlegungen dieser Männer recht gegeben, und wenn wir spüren, daß das jüdische Drama und die jüdische Musik heute in Kreisen lebhaften Widerhall finden, die noch vor wenigen Jahren solchen Darbietungen verständnislos und ablehnend gegenübergestanden hätten, so fühlen wir, daß eine wesentliche Aufgabe bereits vollbracht wurde: die Sammlung aller Juden aui der Plattform gemeinschaftlichen Kunsterlebens. Ein Beispiel für viele: Wer erlebt hat, wie die Schluß- Szene der Scholem-Alejchem-Komödie ״Amch a“ in ihrem reinen und echten Rühren an das Zukunftsvertrauen des Juden allabendlich die Menge erschüttert hat, der weiß, daß über das Künstlerische hinaus eine Saite jüdischen Lebens angeschlagen wurde, die über das Theatralische hinaus zum gleichnishaften Erleben für Tausende wurde. In diesem Zustande der Klarheit seiner Linienführung befindet sich heute der Jüdische Kulturbund. Er wirbt um die Vielen, Allzuvielen, die heute noch abseits stehen. Er wirbt um die, die gleichsam am Rande des Judentums leben, um sie auf dem Wege über das Theater- und Musikerlebnis in den Kreis jüdischen Gemeinschaftslebens hineinzuzichcn, er wirbt aber auch um die, die ihm noch fernstehen, obwohl sie der jüdischen Gemeinschaft eng verbunden sind. Um diejenigen, die über der Arbeit im Rahmen der großen jüdischen Organisationen vergessen, daß die jüdische Kunst einen Anspruch nicht auf Unterstützung, sondern auf Zu- Spruch, nicht auf Begönnern, sondern au׳f Teilnahme hat. Wir rufen in diesen Tagen alle Juden auf, Kulturbundmitglieder zu werden, weil wir glauben, daß es die Pflicht jedes Juden ist, Kulturbundmitglied zu sein. Der Jüdische Kulturbund hat sich dem Ruf der jüdischen Masse, ein wahrhaft jüdisches Institut zu werden, nicht versagt. Er will durch eine Summierung der Kräfte noch mehr an Leistung erzielen. Er kann verlangen, daß dieses Mehr durch ein Mehr von Mitgliedern untermauert werde. Wir glauben, daß diesem Ruf sich alle wahrhaft jüdischen Menschen nicht versagen werdert. Bekenntnis zum Jüdischen Kulturbund Von Intendant Dr. Kurt Singer, Vorsitzender des Reichsverbarides der Jüdischen Kulturbünde An die Spitze unserer Groß-Werbung für die Jüdische Kulturbund-Bewegung in Deutschland habe ich das Motto ״Erleben und Bekennen“ gesetzt. Erleben: das heißt eine innere Zustimmung zur künstlerischen Arbeit; sie setzt das größere Erleben jener Menschen voraus, die auf dem Podium und auf den Brettern des Theaters ihr eigenes Ich zu dem Bild der vorgeschricbenen Rolle umzuforinen imstande sind. Bekennen: das heißt die Idee des Jüdischen Kulturbundes als einer künstlerischen Organisation, eines Sammelpunktes 11M1n111H1u111111m11111111n111!1111111111111111111111111111n111111111111M1111111111m11M111m1m!1mn11111111111111!11111M11111m11!1!!{111111 AUFRUF Der Jüdische Kulturbund, der vor vier Jahren in Berlin gegründet wurde, ist nun seit langem Besitz und Lebensnoiwcndigheit für alle großen und kleineren jüdischen Gemeinden in Deutschland. Es hat sich erwiesen, daß der Wert der Kulturbünde weit über die Möglichkeit hinausgeht, jüdischen Künstlern Betätigung, jüdischen Zuhörern Zerstreuung zu verschaffen. Hier ist ein Bund gegründet, der, ein Zeichen lebendigen geistigen Interesses, jüdische Menschen sammelt und vereint, und der dieses Interesse immer entschiedener und reiner in eine besonders jüdische Richtung zu lenken strebt. Die Existenz der Kulturbünde ist für alle Juden von innerster Bedeutung. Man kann es daher, weder verstehen noch billigen, daß es immer noch Juden in Deutschland gibt, die nach ihren materiellen Lehensbedi-r ungen wohl dazu imstande wären, Mitglieder ihres Kulturbundes zu sein, aber dennoch beiseite stehen. Der Verlust, den jedes Jahr den Kulturbünden unvermeidlicher• weise bringt, kann und muß wettgemacht werden durch den Eintritt dieser noch Außenstehenden. Dem Kulturbund Treue zu halten, dem Kulturbund neue Mitglieder zu werben, scheint uns gemeinsame Ehrenpflicht aller Juden. Reichsvertretung der Juden in Deutschland (Baeck, Hirsch). — Jüdische Gemeinde zu Berlin (Heinrich Stahl). — Preußischer Landesverband jüdischer Ge- •neinden (Kammergerichtsrat i. R. Wnlfj). — Verband Bäurischer Israelitischer Gemeinden (Dr. Neuneper). — Oberrat der Israel. Religionsgemeinschaft Vürttcmberg.s (Dr. Gumhel). — Oberrat der Isr 11c- Ulen Badens (Friedrich A. Straus). — Jüdischer ("entral-Verein (Dr. Hcrzfeld). — Jüdischer Frauenhund (Ottilie Schönewald, Hanna Karminski). — Rcichshund Jüdischer Frontsoldaten (Dr. Leo Löwenstein). — Zionistische Vereinigung für Deutschland (Benno Cohn, Dr. Hans Friedenthal). — Reichsverband der Jüdischen Kulturbünde in Deutschland (Singer, Benno Cohn. Wiener). 111mm111m11m!111111111mm111111111111111111111111111H!11111m11111{1!11111111111M1111111111111111111111111111m111111111!11111111111!111111n1m jüdisch-kultureller Arbeit, als eines Zentrums sozialer Hilfe zu würdigen. Unter diesem Motto wollen wir die letzten Reserven an mitfühlenden, mitdenkenden, miterlebenden jüdisehen Menschen mobilisieren. Was 1933 Anlaß zur Polemik war, was vier Jahre lang von rechts und links bekämpft, nach bestimmter Richtung gedrängt und zu einem Ausgleich gezwungen werden sollte, das ist heute im Begriff des Jüdisehen Kulturbundes zu einer einheitlichen Linie gesammelt und verdichtet. Wir haben keinen größeren Ehrgeiz, als den, einer älteren Generation den Blick in Neuland jüdischer Geschichte und Musik zu öffnen; wir fühlen in uns auch die Kraft, der jüdischen Jugend, die mit vollen Segeln dem großen Tag der jüdischen Zukunft entgegengeht, die Erinnerung an das große dichterische und musikalische Erlebnis der Welt-Genies zu erhalten. Wir werben um diese Jugend, in deren Leidenschaft wir unsere eigene Jugend wiedererblicken, und wir werben um die Männer und Frauen unserer Generation, der Menschen des mittleren Alters: das jüdische Erleben der Jugend wird zum Bekenntnis der Alten werden, und das alte Erlebnis der Menschen vor 1933 wird bereichert werden durch das Bekenntnis zu einem Vorwärtsdrängen im jüdischen Sinne. Hierin wären Ziele und Zwecke des Jüdischen Kulturbundes schon enthalten, wenn es nicht auch noch darum ginge, einigen hundert Künstlern, Angestellten und Arbeitern Arbeit und Lebensunterhalt zu verschaffen, Tausenden von Menschen die Möglichkeit der wirklichen Entspannung und Erbauung im eigenen Kunstheim immer wieder neu zu vermitteln. Durch viele Schlachten ist der Jüdische Kulturbund hindurchgegangen. Gelobt und befehdet, gepriesen und gemieden. Sein Bild in der Vergangenheit darf schwanken, sein Charakterbild in der Geschichte der nächsten Jahre und Jahrzehnte muß festumrissene Konturen haben. Ein Rückblick über vier Jahre, eine Vorausschau auf das nächste Jahr zeigt allen, die eines Erlebnisses und eines Bekenntnisses fähig sind: Wäre der Jüdische Kulturbund nicht — er müßte geschaffen werden. Mein schönstes Kulturbund-Erlebnis Die nachfolgende Skizze wurde in einem ’Wettbewerb des Jüdischen Kulturbundes Berlin preisgekrönt. (Red.) Dies war mein Erlebnis: Da war ein Wohnrauin irgendwo in Indien; ein Knabe hockte am offenen Fenster. Leber dem Bilde farbige, flimmernde Atmosphäre des Orients, Ausschnitt aus ״Tausend und eine Nacht“. Und dieser Knabe, durch Krankheit an das Zimmer gefesselt, sieht nun an seinem Feilster das Lehen Vorbeigehen; er sieht das ganz einfache, alltägliche Leben, und er versucht, danach zu greifen; er spricht mit H! n vorbci/iencmlen Händlern, Polizisten, Passanten, Er versucht immer wieder von ihnen zu erfahren, wie es draußen ist, versucht das Leber! zu durchdringen, nach dem er sielt .sehnt. Und als Traum seiner Wünsche stellt da hinten das neue Postamt, das Postamt des Kaisers. Dorthin kommen die Briefe aus aller Welf, dorthin sapnnen sich alle l aden seiner kindlichen Phantasie und in großer Gnade hüllt eine holirre ,Macht den Abschied dieses kleinen lebeiistruiikeneii Knaben in eine Sendung des Kaisers. Der Kaiser ruft, und der Knabe wird willig folgen. So stehen Juden durch Jahrtausende im Raum, וווו hegrenzten Raum; so sehen sie immer wieder durch das geöffnete Fenster zum (neiien nahe das Lehen der anderen vorbei/ieheii. Und sie versuchen immer wieder danach zu fassen; sie wollen ja nichts weiter als auch mittuii dürfen im alltägliehen Leben; sie wollen ja auch mir Tag für Tag in gleicher Gewohnheit und Sicherheit den Weg des Werktags gehen. Sie können nicht erreichen, was sie sehnsüchtig verlangen. So beginnt ihre Phantasie zu spielen. Des Kaisers Postamt, der Punkt, wo die Fäden der Welt zusammenlaufen, wird Wunschiraum, und gnädige höhere Macht hüllt immer wieder Unerreichtes in den .Mantel der Träume. Immer wieder schafft Geist und Phantasie dem Juden die Brücke vom Unerreichten zur Vollendung zu gehen. Und ein drittes Fenster, das jüdische Menschen im begrenzten Raum geöffnet haben: der Kulturbund selbst. Wir sehen ein Stück Kunst, Musik, Gedankenaustausch durch dieses Fenster — Dinge, die uns sonst verschlossen blieben, die uns und unserer Heranwachsenden Jugend eine Brücke bauen aus der schweren Hemmnis des Lebens in die lichten Höhen der Phantasie. Felicia G 11 g g e n (1 e i in, Berlin-Wilmersdorf Aus dem Spielplan des Berliner Kulturbundes 1037 / 38 Schauspiel: ״Der Golem“ von Leiwik. ,,Der Schatz“ von Schalem Alejchem. ״Fräulein Else“ von Arthur Schnitzler. ״Kapitän Brassbnumls Bekehrung“ von G. B. Shaw. ״Viel Lärm um Nichts“ von Shakespeare. ״Hcrodcs und Manamne“ von Friedrich Hebbel. Oper! ״La Boheme“ von Puccini. ״Rigoletto“ von Verdi. ״Die schöne Helena“ von Offenbach. Konzerte: Saul — Oratorium von Händel — Chor-Konzert mit jiidischen und anderen Gesängen — Kammcrimisikabcnde des Streichquartetts des Kulturbund-Orchesters — Orchester-Konzerte des Kulturbund-Orchesters unter Hinzuziehung von Solisten mit Werken von Mendelssohn, Tschaikowski, Dvorak, Mahler, Smetana, Liszt, Goldmark, Debussy. Vorträge: * Es sprechen u. a. Julius Bah, Rabb. Dr. Baeck, Bertha Badt-Strauß, Dr. Ranibcrger, Prof. Ismar Elhogcn, Dr. Arthur Eloesser, Edith lierrnstadt-Oettingen, Dr. Anneliese Landau, Prof. Dr. Landsberger, Rabb. Dr. Maybäum, Rabb. Dr. Max Nußhaum, Prof. Dr. Oppenheimer, Dr. Max Osborn, Dr. Schloßberg, Dr. Lutz Weltmann, Rabb. Dr, Max Wiener. Kleinkunstbühne unter Leitung von Max Ehrlich. Sonderveranstaltungen: Ossv Renardy (Violine) — Dela Lininskaja — Paula Salomon und Wilhelm Guttmann (Lieder und Duette) — Rita Storch (Klavier) — Ruth Condeil, Nellv Hirsch und Gruppe Ilse vor dem Berge (Tanzabend) — Mendelssohn•• Trio. זי/ - •*irt mim A' ■ :c. - ■g.SfS• V? Aus ״Die lustigen Weiber von Windsor“ Aus ״Grüne Felder“ Fm••׳ Ku1<Urb<,,״)»«,!»» Zlus ״Carmen' . Xus ״Die Goldene KeUi“ -■ * .״%, J

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